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VS-Bericht Niedersachsen 2007

Verfassungsschutzbericht Niedersachsen 2007                                                                 - 163 -
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Freie Arbeiterinnen- und Arbeiter-Union/Internationale ArbeiterInnen Assoziation (FAU/IAA)

Die 1977 gegründete FAU/IAA versteht sich als eine Gewerkschaft, die sich im „weltwei-
ten Kampf der Anarchosyndikalisten“108 der Internationalen ArbeiterInnen Assoziation mit
Sitz in Spanien angeschlossen hat. Ihr unmittelbares Ziel ist der Aufbau revolutionärer
Gewerkschaften und militanter Betriebsgruppen. Dazu agiert sie in Form so genannter
direkter Aktionen wie z. B. Fabrikbesetzungen, Sabotage und Streiks.
Ihre anarchistische Ausrichtung veranschaulicht die FAU/IAA in jeder Ausgabe ihrer in
Hannover herausgegebenen Zeitung Direkte Aktion (DA), die zweimonatlich bundesweit
in einer Auflagenhöhe von etwa 6.000 Exemplaren erscheint:

       „Wir Anarcho-SyndikalistInnen haben die herrschaftslose, ausbeutungsfreie, auf
       Selbstverwaltung begründete Gesellschaft als Ziel. Daher lehnen wir die Organisa-
       tion unserer Interessen in zentralistisch aufgebauten Organisationen ab, da diese
       stets Machtkonzentration und Hierarchie bedeuten. Weder soll, noch kann mensch
       mit StellvertreterInnen-Politik, wie sie z. B. von reformistischen Gewerkschaften,
       Parteien und Kirchen betrieben wird, unsere Interessen durchsetzen.“

Gegenwärtig existieren bundesweit 44 Orts- und so genannte Branchengruppen, die sich
einmal jährlich zu einem Kongress treffen, um Fragen der Gesamtorganisation zu disku-
tieren. Wichtige Entscheidungen treffen die Mitglieder durch Urabstimmungen. Da die
FAU/IAA hierarchische Strukturen ablehnt, hat sie keine hauptamtlichen Funktionäre. In
Niedersachsen bestehen Ortsgruppen (Lokalförderationen) in Hannover und Göttingen.
Der beabsichtigte Aufbau einer Ortsgruppe in Oldenburg verlief bislang erfolglos.
Nur fünf Jahre nach ihrer Gründung im Jahre 2002 erklärte die FAU Osnabrück den
„Weg des Anarchosyndikalismus für sich als beendet“ und gibt mit ihrer Auflösung auch
die Neugründung einer Gruppe mit Namen „Analyse & Praxis“ bekannt.

Im Hinblick auf die Hochzeiten der anarchosyndikalistischen Bewegung in den 1920er
Jahren, als der Vorläufer, die Freie Arbeiter-Union Deutschlands (FAUD)109 etwa 150.000
Mitglieder hatte, erkennt die FAU Osnabrück desillusioniert an:

          „ dass wir mit dem Anarchosyndikalismus kein Revolutionskonzept in der Tasche
          hatten, dem sich die Leute nur anzuschließen hätten. Wir wissen, dass wir viel
          nachdenken müssen, um die heutige Wirklichkeit zu verstehen. Trotzdem bleiben
          wir Revolutionäre und bewahren uns mit unserer neuen Gruppe einen eigenen
          Zusammenhang, um gemeinsam das Bestehende zu analysieren und praktisch, in
          aufklärerischer Absicht, in stattfindende Kämpfe zu intervenieren.“
          (Internetseite der FAU Osnabrück, Ausdruck vom Mai 2007)

Selbstkritisch und ohne Beschönigungen durchleuchtet die FAU Osnabrück ihr Bestre-
ben, dem sozialrevolutionären Anspruch der 1977 gegründeten FAU gerecht zu werden,
um die Veränderung der gesellschaftlichen Zustände durch die Verbreitung der anarcho-
syndikalistischen Idee voran zu bringen. Resignierend wird konstatiert:

          „Trotz unserem Engagement und etlichen Aktionsaufrufen war es nicht gelungen,
          betroffene Erwerbslose zu einer Beteiligung zu motivieren. Weder am Agentur-
          schluss (02.01.05) noch an der FAU bestand von dieser Seite ein größeres Inte-
          resse. An ein Erwerbslosensyndikat war nicht zu denken. Im Sozialbündnis blie-
          ben wir gegenüber Parteien und DGB isoliert und traten schließlich aus.“
          (Internetseite der FAU Osnabrück, Ausdruck vom Mai 2007)

Obwohl es der FAU gelang, mit medienwirksamen Aktionen, wie z.B. der Besetzung des
CDU-Stadtbüros und des Osnabrücker Schlosses als Protest gegen Studiengebühren
und Bildungsabbau, Aufmerksamkeit zu erzielen, klappte es nicht, aufgrund der zahlen-
mäßigen Schwäche eine ernstzunehmende gewerkschaftliche Alternative darzustellen.
Ebenso erfolglos blieben die Bemühungen, durch neue Mitglieder mehr gesellschaftspoli-
tische Akzeptanz zu erzielen. Die Vereinigung der Arbeiterklasse scheiterte,

          „ nicht zuletzt an den bestehenden Denk- und Bewusstseinsformen, denen die
          Einzelnen unterworfen sind und die sie selbst aufrechterhalten, und versandete in
          der konsumorientierten und unkritischen Vereinzelung.“

Im Jahr 2007 setzte sich die FAU/IAA wie im Vorjahr mit den gesellschaftspolitischen
Auswirkungen des Neoliberalismus und der „Hartz IV“-Gesetze auseinander.
Die Gewerkschaft Gesundheitsberufe (GGB) der FAU versuchte, eine Betriebsgruppe in
der Klinikum Wahrendorff GmbH aufzubauen.
Mit einer Flugblattaktion im Mai wandte sich die Gewerkschaft Gesundheitsberufe an die
Beschäftigten im Klinikum Wahrendorff mit dem Aufruf, ihre Rechte als „ArbeitnehmerIn-
nen“ wahrzunehmen und sich miteinander zu solidarisieren. Ein Ziel sollte es sein, sich in
einer kämpferischen Betriebsgruppe zusammenzuschließen. Die Flugblätter wurden
zeitgleich in den Klinikbereichen Ilten und Köthenwald (Stadt Sehnde) verteilt. Unterstüt-
zung erhielt die GGB dabei von „KollegInnen“ anderer Branchengewerkschaften110 der
FAU Hannover.
Nach Auffassung der GGB versucht das Klinikum Wahrendorff die Betriebsrats- und Ge-
werkschaftsarbeit durch Abmahnungen und außerordentliche Kündigungen von Betriebs-
ratsmitgliedern zu unterbinden.
Die GGB betrachtet sich als klassenkämpferische Gewerkschaft, die nach eigener Aus-
sage einen sozialpartnerschaftlichen Kurs ablehnt und sich nicht als „Konkurrenz zu
Ver.di“ sieht, sondern als Alternative.
Neben der gewerkschaftlichen Arbeit engagiert sich die FAU auch immer mehr im Kampf
gegen Rechtsextremismus wie z.B. beim Wahlkampfauftakt der NPD am 15. September
in Hannover. Mit einem eigenen Aufruf appellierte die FAU Hannover111 zur Teilnahme
an den Demonstrationen und Aktionen gegen die NPD mit dem Motto: „Gegen Kapitalis-
mus ohne Notausgang – Nie wieder Faschismus“.
Im Dezember arrangierte der Arbeitskreis Religionskritik der FAU in Hannover in Zu-
sammenarbeit mit der Bewegung „Graswurzelrevolution Gruppe Hannover“112 eine Ver-
anstaltungsreihe zur Darstellung der Zusammenhänge zwischen Religionen und gesell-
schaftspolitischen Herrschaftsverhältnissen.

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108 Unter Anarchosyndikalismus versteht man eine gewerkschaftliche Organisierung, die auf anarchistischen Prinzipien beruht. Ziel ist es, das bestehende Staatssystem revolutionär zu überwinden und durch ein klassen- und staatenloses System zu ersetzen.

109 Die FAUD entstand am 15.09.1919 durch Umbenennung aus der Freien Vereinigung deutscher Gewerkschaften (FVDG). Sie war bis zu ihrer Auflösung 1933 die wichtigste Organisation des deutschen Anarchosyndikalismus. Als Statut der FAUD verstand sich die „Prinzipienerklärung des Syndikalismus“ des deutschen Publizisten und Anarchisten Rudolf Rocker (1873 – 1958).

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