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VS-Bericht 1999 von Niedersachsen

VS-Bericht 1999 von Niedersachsen
Quelle: www.niedersachsen.de/MI1.htm
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Freie Arbeiterinnen und Arbeiter Union (FAU)

Sitz
Bund:          Berlin (Geschäftskommission)
Niedersachsen: Göttingen und Hannover
Mitglieder           1998          1999
Bund                  100           150
Niedersachsen          10            10

Publikation: direkte aktion (zweimonatlich)

Der Anarchismus, neben dem Marxismus die zweite ideengeschichtlich im 19. 
jahrhundert verwurzelte Hauptströmung linkstheoretischen Denkens, hat in 
Deutschland im Gegensatz zu Frankreich, Italien und Spanien niemals eine 
herausragende Rolle gespielt.
Auch in der Nachkriegszeit richteten sich die linksextremistischen 
Organisationen in der Bundesrepublik Deutschland ideologisch primär an der 
marxistischen bzw. marxistisch-leninistischen Lehre aus. Im Verlaufe der 
Studentenrevolte setzte erstmals seit dem Ende der Weimarer Republik eine 
umfangreiche Rezeption der Klassiker des Anarchismus ein, die nicht 
verstellt war durch die marxistische Kritik am Anarchismus. In diese Zeit 
fällt auch die Wiederbelebung des anarcho-syndikalistischen Gedankens, auf 
dem die Gründung der FAU, der deutschen Sektion der Internationalen 
Arbeiter Assoziation (IAA), im Januar 1977 basiert. Die FAU knüpft an die 
Freie Arbeiterunion Deutschlands (FAUD) der Weimarer Republik an, die 1919 
aus einem Zusammenschluß autonomer Gewerkschaften mit der anarcho- 
syndikalistischen Freien Vereinigung deutscher Gewerkschaften (FVdG) 
hervorging. Ihren Höchststand erreichte die FAU(D), die zu keinem 
Zeitpunkt einen nennenswerten Einfluss auf die Gewerkschaftsbewegung 
ausübte, Mitte der zwanziger Jahre mit 200.000 Mitgliedern.
Wie aus einer Selbstdarstellung hervorgeht, die in jeder Ausgabe des in 
Hannover verlegten Organs der FAU direkte aktion abgedruckt wird, strebt 
die Organisation als Ziel"die herrschaftsfreie, auf Selbstverwaltung 
begründete Gesellschaft" an. Zur Voraussetzung hat dies die Zerschlagung 
des Staates und damit auch die Verweigerung einer Mitarbeit im 
parlamentarischen System. Die Durchsetzung der Zielsetzung soll über 
"Sämtliche Mittel der direkten Aktion, wie z.B. Besetzungen, 
Boykotts,Streiks, etc." erfolgen. Hinzuzufügen ist, dass die bereits in 
der Vergangenheit von den südwesteuropäischen anarchosyndikalistischen 
Bewegungen propagierte "Direkte Aktion" auch das Mittel der Sabotage 
umfasst.
Im Mittelpunkt der Aktivitäten der FAU, die klassische Gewerkschaftsarbeit, wie Verhandlungen über Löhne und Arbeitsbedingungen, als zu kurz gegriffen betrachtet, steht der ökonomische  Bereich. Revolutionäre Arbeit in den Betrieben soll der Macht des kapitalistischen Systems entgegenwirken mit dem Ziel der Befreiung der Menschen von den Zwängen der Hierarchie. In einem Kommentar des Organs direkte aktion zum EU-Gipfel wird die Vision einer künftigen Gesellschaft entworfen:"Schönes Leben - das bedeutet für uns, frei, gleich und solidarisch in gerecht organisierten Gemeinschaften zu leben, mit vollkommener individueller Freiheit. Das geht nur ohne Chefs, ohne Hierarchien und ohne Konkurrenzkampf...Wir wollen ohne Bosse, Regierungen, Behörden und Grenzen leben!" (direkte aktion, Mai/Juni)
Mit konkreten Aktionen trat die FAU insbesondere im Rahmen einer Kampagne gegen ein niedersächsisches Naturkostunternehmen in Erscheinung, das Tee, 
Kaffee, pflanzliche Heilprodukte, Kräuter-und Gewürzprodukte aus 
ökologischem Vertragsanbau herstellt und vertreibt. Die FAU warf dem Unternehmen vor, seine mexikanischen Kaffeeproduzenten arbeiteten mit rechten Paramilitärs zusammen und die Plantagenarbeiter würden unter unsozialen Lebens-und Arbeitsbedingungen existieren. Im Zusammenhang mit der FAU-Boykottkampagne gegen dieses Unternehmen wurde ein Boykott-Aktivist mit rechtskräftigem Urteil des Landgerichts Hamburg vom 30.5.1997 verurteilt, weitere rechtswidrige Boykottaktivitäten zu unterlassen.
Die radikale FAU-Kampagne gegen den ökologischen Produkthandel erinnert an 
die Militanz der Veganer gegenüber Fleischereien, die nach ökologischen 
Prinzipien arbeiten.
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