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VS-Bericht 1998 der Stadt Hamburg

VS-Bericht 1998 der Stadt Hamburg

Anarchisten:
Anläßlich verschiedener Aktionen gab es auch in Hamburg ein Zusammenwirken autonomer und anarchistischer Gruppen. Anarchisten sind überzeugt, daß sich der Mensch in einer staatenlosen und herrschaftsfreien Gesellschaft besser entfalten und damit freier leben kann. Daraus resultiert eine totale Ablehnung jeglicher staatlicher Ordnung - gleich welcher Ausrichtung. Diese Variante des Linksextremismus geht fest davon aus, daß das menschliche Miteinander sich z. B. durch kollektive Verbände von Berufstätigen ohne staatliche Rahmenbedingungen selbst regulieren, problemlos entwickeln und organisieren kann.
Anarchist / Symbolfigur:
Die ohnehin zahlenmäßig schwache anarchistische Szene ist wegen unterschiedlicher ideologischer Akzente zersplittert. Die Richtungsvielfalt reicht von jeglicher Verneinung eines ordnenden Systemsbis hin zur Theorie einer "revolutionären Diktatur des Proletariats", wie ihn die "Freie Arbeiter-Union/Anarchistische Partei" (FAU/AP) vertritt. Anarchisten fühlen sich insbesondere dann zum Handeln berufen, wenn sich günstige Situationen für sogenannte "direkte Aktionen" bieten, worunter sie z. B. Sabotage, Boykotts oder Massenstreiks verstehen. Da jedoch die Arbeiter in den Betrieben mit ihnen meist nichts zu tun haben wollen und Anarchisten die "proletarischen Massen" nicht ernsthaft beeinflussen können, können sie allein aus sich heraus in der Praxis auch keine Massenaktionen bewirken. In Hamburg existieren u. a. folgende anarchistischen Gruppierungen und Zentren:
"Libertäres Zentrum" (LIZ): Das "LIZ" ist ein 1986 von der Hamburger Ortsgruppe der "Freien Arbeiterinnen und Arbeiter Union" (FAU) eingerichtetes Kommunikations- zentrum, das anarchistischen und libertären Gruppierungen als Kontakt- und Anlaufstelle dienen sollte mit dem Ziel, "auch in Hamburg verstärkt der gesellschaftlichen wie auch der libertär/anarchistischen Vereinzelung, Zersplitterung und Entpolitisierung entgegenzuwirken". Vor gut zwei Jahren hat sich die FAU aus dem "LIZ" zurückgezogen und an anderer Stelle angesiedelt. Danach ist das "LIZ" auch weiterhin ein selbstverwaltetes Kommunikationszentrum geblieben - wie zuvor bis 1995 schon unter seiner alten Adresse -, in dem "jede/r die Möglichkeit hat, aktiv zu werden, in einer nicht-hierarchischen Atmosphäre mitzubestimmen". Das Zentrum ist nach wie vor ein zentraler Bezugspunkt der militant-aktionistischen Szene aus dem Schanzenviertel. Feste Einrichtungen im "LIZ" sind u.a. ein monatliches Plenum, regelmäßig stattfindende "Volxküchen" sowie der "LIZ"-interne "Pestclub", der sich als "Kultur"-Gruppe versteht. Der "Pestclub" beschäftigte sich in Flugblättern u. a. mit der "Hetze und Vertreibungspolitik von Bullen, Senat, Medien und 'wohlanständigen Bürgern' gegenüber sogenannten Randgruppen und dem Drogenproblem (bzw. der Roten Flora)".


"Libertäres Zentrum" (LIZ), Karolinenstraße

Die Räumlichkeiten des "LIZ" werden auch von diversen anderen Gruppen und Personen genutzt. So ist das "LIZ" Kontaktadresse eines "Solidaritätskomitees Italien". Dieses übersetzt und verbreitet Texte zu einem in Italien laufenden Prozeß gegen eine große Anzahl von Anarchisten, denen neben der Bildung bzw. Unterstützung einer terroristischen Vereinigung schwerste terroristische Straftaten zur Last gelegt werden.

Die anarcho-syndikalistische "Freie Arbeiterinnen und Arbeiter Union" (FAU, Symbol: Schwarze Katze, bundesweit etwa 120 Anhänger, Hamburg etwa 10) gibt sich als umstürzlerische Klassenkampforganisation aus. Ihr Ziel ist eine staats- und klassenlose Ordnung, die sie auf dem Wege revolutionärer Gewerkschafts- und Betriebsarbeit und "direkter Aktionen" (z.B.
Besetzungen, Boykotts, Streiks und Sabotage)
anstrebt. Sie ist weit davon entfernt, auch nur
ansatzweise im Sinne anarcho-syndikalistischer
Theorie praktische Bedeutung zu erlangen. Anspruch
und Realität der FAU klaffen schon vor dem
Hintergrund zahlenmäßiger Begrenztheit und
Bedeutungslosigkeit weit auseinander. Daher erscheint es besonders grotesk, daß die FAU auch weiterhin immer wieder neue Teilorganisationen ins Leben ruft, die jede für sich selbst wiederum zur Bedeutungslosigkeit verurteilt sind. Nach der im Februar 1997 in Hamburg ins Leben gerufenen "Gewerkschaft Naturkost- Landwirtschaft- Lebensmittelindustrie - GNNL" wurde Ende 1997 in Dortmund die "Freie Vereinigung Pflege" (als Kontaktadresse wurde eine "Libertäre Gruppe" im "Libertären Zentrum" Hamburg genannt) und im November 1998 in Berlin die "Freie Bildungsgewerkschaft in der FAU/IAA" gegründet. Eine von sieben Kontaktadressen des Bildungssyndikats ist das "Bildungssyndikat Hamburg, c/o FAU-IAA, Anarchistisches Zentrum, Thadenstr.".  In dem "Anarchistischen Zentrum", in der Thadenstraße - in einem Flugblatt vom Dezember neuerdings auch "Libertäres Kultur- und Aktionszentrum" genannt - ist seit Herbst 1996 neben der FAU auch die "Anarchistische Gruppe" beheimatet (frühere Bezeichnung: "Libertäre Jugend"; während des Hamburger "anarchistischen Sommercamps" 1995 ins Leben gerufen). Zu den festen Einrichtungen der "Anarchistischen Gruppe" gehört u.a. neben einer libertären Bibliothek und "offenen Abenden" nun auch seit Anfang des Jahres eine Gruppe "Radio Libertär", die über einen alternativen Hamburger Radiosender ein anarchistisches Magazin mit Beiträgen (u. a. einen "Klassenhaß-Block") aus der internationalen anarchistischen Bewegung über soziale Kämpfe und Projekte sendet. Zur Werbung neuer Mitglieder werden im Zentrum regelmäßige Sonntagstreffen durchgeführt. Auch in diesem Jahr versuchte die "Anarchistische Gruppe" ohne Erfolg, sich in aktuelle politische Themen und Anlässe einzumischen: So prangerte sie zur 1. Mai- Demonstration des DGB in Hamburg aus ihrer Sicht soziale Mißstände an und wandte sich anläßlich der Hamburger SchülerInnen-Demonstration am 28. Mai gegen Sparmaßnahmen im Bildungsbereich. Während verschiedener Wahlkampfveranstaltungen zur Bundestagswahl propagierte die "Anarchistische Gruppe" einen Wahlboykott. Als Schweine maskierte Personen verteilten Flugblätter mit dem Slogan "Wahl '98 - Neue Schweine an die Futtertröge der Macht". Zu den Masken wurden rosa Sweat-Shirts mit den aufgedruckten Namen der zur Bundestagswahl kandidierenden Parteien getragen.

"Föderation gewaltfreier Aktionsgruppen" (FÖGA): Der FÖGA gehören bundesweit mehrere hundert Personen an. Sie versteht sich als Klammer der anarchistischen, basisdemokratischen "Graswurzel- bewegung". Das diffus wirkende Geflecht dieser Klientel betreibt den Verlag "Graswurzelrevolution e. V.", bei dem die Zeitung "Graswurzelrevolution" erscheint. Diese Publikation veröffentlicht regelmäßig eine Liste sog. "Graswurzel- kontakte", so in der Ausgabe Nr. 233 (Nov. 1998) u. a. den "Club Libertär, Aktions- und Kulturzentrum, Thadenstraße 118". Im dortigen Zentrum haben die anarcho- syndikalistische FAU und die "Anarchistische Gruppe" (beide s.o.) ihren Sitz. Ein weiterer Hamburger "Graswurzelkontakt" nennt sich "Gewaltfreies Aktions- bündnis". Die Graswurzel- bewegung" strebt eine "tiefgreifende gesellschaftliche Umwälzung ...(an), in der durch Macht von unten alle Formen von Gewalt und Herrschaft abgeschafft" werden sollen. Immer wieder betonen "Graswurzler", ihr nur selektives Verständnis von "Gewaltfreiheit". Nach ihrer Logik ist Gewalt gegen "Sachen" zulässig, da diese keine Gewalt empfinden könnten. Gewaltfreiheit beziehe sich auf menschen- verletzende - laut "Graswurzelkalender" 1998 "lebens- schädigende" - Gewalt. Man schließe die "bewußte Mißachtung staatlicher Gesetze" ein und thematisiere die "herrschende menschenfeindliche Ordnung". Zu den wichtigsten Aktionsfeldern der "Graswurzel- bewegung" gehören die Antikernkraftbewegung (4.3.4) und die Kampagne gegen Gentechnik. 1998 haben gewalttätige Aktionen gegen die Freisetzung gentechnisch veränderter Pflanzen auf Bundesebene zugenommen. In Hamburg fehlen entsprechende Zielobjekte.



 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 


 
 
 
 
 
 
 
 
 

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