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Anmerkungen zum Buch "Rudolf Berner: Die unsichtbare Front" von Hans Schmitz, anarchistischer Widerstandskämpfer aus Wuppertal

Hans Schmitz wurde 1914 in Wuppertal geboren. Sein Vater (Hans Schmitz, Senior) war einer der führenden Anarchosyndikalisten des Rheinlands. (Vgl. Klan/Nelles. Es lebt noch eine Flamme. Rheinische Anarcho-Syndikalisten/-innen in der Weimarer Republik und im Faschismus. 2. Aufl., Grafenau 1990) Als Kind war Schmitz Mitglied anarchistischer Kindergruppen und seit 1929 Mitglied der Syndikalistisch-Anarchistischen Jugend Deutschlands (SAJD). Seit 1933 im Widerstand wurde er 1937 verhaftet und zu einer zweijährigen Gefängnisstrafe verurteil. Nach seiner Haftentlassung war Schmitz Mitglied einer Gruppe von Wuppertaler "Edelweißpiraten". Schmitz lebt seit Ende der 40er Jahre in Düsseldorf. Über seine Erfahrungen aus den Jahren von 1932 bis 1945 vgl. Hans Schmitz: Widerstand - Ein Bericht, in: ". . . Se krieje us nit kaputt. Gesichter des Wuppertaler Widerstands, Essen 1994, S. 71-96. Zum besseren Verständnis des Briefes wurde er von Dieter Nelles mit ergänzenden [hier blau formatierten und in eckigen Klammern gesetzten] Anmerkungen versehen. Die Seitenangaben im Brief beziehen sich auf die Paginierung des Berner-Buches.
[Mai 1997]
Hallo Dieter[Nelles],

ich habe sie gelesen "Die unsichtbare Front”.

Auf Seite 33 fielen mir noch zwei Zeilen und auch die Melodie ein.[:]

Wenn wir marschieren leuchtet uns ein Licht,
das Dunkel und Wolken strahlend durchbricht.
Drum Volk aus der Tiefe, du Volk aus der Nacht,
vergiß nicht das Feuer, bleib' auf der Wacht.

Es hatte noch mehr Strophen, aber mir wollen keine mehr einfallen. Es war im Neandertal auf der Sonnenwendfeier der Freien Jugend Morgenröte [so nannte sich die 'Anarchistische Jugend' in Elberfeld Anfang der zwanziger Jahre], ich sehe noch den Steinbruch im Geist [vor mir], mein Vater hatte mich mitgenommen. Es war in der Abenddämmerung als ein riesiger Haufen aus Reisig und Holzscheiten errichtet wurde, mir kam der Haufen jedenfalls riesig vor. War ich doch erst ca. sieben oder acht Jahre alt. Mit Einbruch der Dunkelheit wurde der Haufen angezündet, wir tanzten im Kreis um das Feuer, ich an der Hand meines Vaters und eines Mädels an der Linken, ich blieb in ihrer Obhut als mein Vater zu den versammelten Jungen und Mädels redete. Es wurden noch mehrere Rezitationen vorgetragen und Lieder gesungen. Dann wurde über das mittlerweile niedergebrannte Feuer gesprungen. Es war sicher schon Mitternacht als ich in den Armen meines Vaters einschlief mit dem Lied in den Ohren, "Vergiß nicht das Feuer, bleib' auf der Wacht”, begleitet von Geigen, Gitarren und Mandolinen.

Zu Seite 27: Die Nacht senkt sich über Düsseldorf, die Beschreibung des Weges paßt genau auf unsere illegale Gruppe "Heidhügel”, die ich mehrfach angefahren [besucht] habe, die Siedlung war noch zum Teil im Bau, dort wohnten die Genossen Alois Paul, Beil, Spiering und Nagel [es handelt es sich bei den genannten Personen um Genossen der Düsseldorfer FAUD]. 1933 habe ich noch Alois Paul angefahren, im Winter 34 mußte ich Ernst Nagel anfahren. [Nagel war bis 1933 gewählter Betriebsrat der Firma Lob in Düsseldorf. Von seinen Kollegen wurde er während der NS-Zeit als Vertrauensrat gewählt; er war - wenn man so will - der "Maulwurf" der FAUD.]Das Warum habe ich erst nach dem Kriege in Erfahrung gebracht. A. Paul hatte enge Kontakte zur Kommunistischen Partei entwickelt, wurde bei Kriegsende Parteifunktionär in Münster. Es spielen Sicherheitsgründe eine Rolle. Ernst Nagel war mit einem Aachener Genossen (Möller) verwandt [hier handelt es sich nicht um Curt Möller, sondern um Simon Wehren, wie Hans Schmitz mir in Rücksprache mit der Tochter Nagels telefonisch berichtete], über den unserer zweite Linie ins Ausland führte. Nagel ist auch beinamputiert. Die Häuser hatten nur einen Hintereingang mit angebautem Hühner- und Schweinestall. Keinen Keller, ebenerdig eine Küche und ein Wohnzimmer, vom Vorraum führte eine Treppe unters Dach zu zwei Schlafräumen. "Meiner Alten kannst Du trauen” [könnte sich auf Marta Nagel beziehen]. Marta Nagel kam aus der Anarchistischen Jugend, F.[reie] J.[ugend] Morgenröte. Ilse auf Seite 32 könnte Hilde Nagel sein, die Tochter von Ernst und Marta. Nattermann kenne ich nur dem Namen nach, weiß auch nicht, wo er gewohnt hat.

Zu Seite 38, "Begegnung im Dunkeln”: Auch diese Beschreibung kommt mir bekannt vor, es dürfte sich um die Gartenlaube von Michael Zech handeln, in Düsseldorf-Lierenfeld.

[Zu] Seite 87, Anmerkung 106: Auch in Wuppertal wurde das Vermögen der FAUD, der [Freien] Jugend und Büchergilde [Gilde Freiheitlicher Bücherfreunde] unter die Mitglieder gegen Quittung aufgeteilt, aber nur der Form wegen. Über die GPF[Gilde Proletarischer Freidenker] bin ich nicht informiert, da ich kein Mitglied war. Ich glaube hier täuschen sich Theisen, Walter und Wilhelms. Bereits 1932 im Herbst wurde ich als Jugendkassierer informiert im Falle eines Verbotes unserer Organisation Geld bei Max Sachser, damals wohnhaft auf dem Hofkamp gegenüber der Wupperstr. zu deponieren. Die 200 RM für unserer Jugendarbeit war[en] ein Vermögen, wenn man bedenkt, daß 7,85 RM von der Sozialhilfe für Miete und eine Woche hungern reichen mußte. Damit mußte auch Oma Benner auskommen als ihr Mann und Eugen und Fritz verhaftet waren. Ich höre noch ihr Gezeter über die paar Kröten. Binser, ein Ehemaliger der F.[reien] J.[ugend] Morgenröte, war unseres Wissens beim Kommissariat 1A noch unbekannt ([und] wie viele Ehemalige, Mitglied der Naturfreunde, eine befreundete Gruppe), kaufte unsere Jugendhütte. Auch Binser war ein armer Teufel, aber er hatte zeitweise Arbeit, hatte den Kaufpreis in Raten gezahlt. Ich schätze, er hat mehr bezahlt, da H. S. = der Dicke, unser Geldeintreiber ein guter Eintreiber war.[Mit "H. S." ist nicht der unten erwähnte Hans Sachser gemeint, sondern ein 1914 geb. Anarchosyndikalist (SAJD) aus Wuppertal, der inzwischen in diesem Kontext nicht mehr namentlich erwähnt werden will. Dieser Genosse (dessen Name den Hrsg. bekannt ist) sammelte Gelder für die inhaftierten Genossen und wurde 1934 zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt. 1937 erhielt H. S. mit zwölf Jahren Zuchthaus die Höchststrafe im Prozeß gegen die rheinischen AnarchosyndikalistInnen. 1944 gelang es ihm aus dem Zuchthaus in Lüttringhausen zu fliehen und im Wald versteckt die NS-Zeit zu überleben.] Ich kann mir schlecht vorstellen, daß andere Gruppen gegen die Beschlüsse des 19. Kongresses der FAUD gehandelt haben sollten. Wir haben auch nicht während der Illegalität mit unserem Vermögen und Aktivitäten geprahlt. Im Gegenteil, wir haben[z. B.] Reinhold Münch, einen alten aktiven FAUD-Genossen, ausgegrenzt, weil er unter Alkoholeinfluß zu gesprächig war, während ich seinen Sohn mit in den Widerstand gezogen habe. Nur ein Beispiel: Ich habe auch erst nach dem Krieg erfahren, daß Lotte und Hans Sachser, [die] Kinder von Max Sachser, zur Gruppe von [dem] "Dicke[n] ” gehörten. So, das war es, was mir beim Lesen der "Unsichtbaren Front” aufgestoßen ist.

Lieber Dieter, Du kannst das[Buch] auch wieder haben, nicht aus Ablehnung, sondern ich bin der Ansicht, Bücher sind zum Lesen da, und nicht, um in irgendeinem Regal zu verstauben.

Verbleibe mit herzlichen Grüßen

Hans


Nachtrag (August 1997)

In einem (undatierten im Juli 1997 verfaßten) Brief an Dieter Nelles gibt Hans Schmitz noch folgende ergänzende Hintergrundinformationen zum Berner-Buch:

(...) Zur Siedlung Haidhügel in Düsseldorf: Die ca. 15 Häuser waren ein Siedlungsprojekt Düssseldorfer FAUD und FKAD-Mitglieder auf der Basis gegenseitiger Hilfe.

(...) Bei der "Begegnung im Dunkeln" paßt alles auf Michel Zech, nur der SA-Mann nicht. Den gab es in der Gruppe Baiermann vom Spichernplatz in Düsseldorf-Derendorf. Ich war einmal da, Treffpunkt im Freien, "Heil, kein Dienst heute. "Nee, warte auf Friedel, hab den Brief abgegeben, aufs Fahrrad und nichts wie weg, es war im Sommer 34. Es war wohl so, daß sich die einzelnen Genossen in den Kleinstgruppen aus der Zeit der Legalität kannten, aber nicht wußten wer illegal tätig war. Ich vermute Rudolf Berner hat verschiedene Gruppen besucht, alles gründlich durcheinander geschüttelt und geschrieben.

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