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Sachbücher des Monats Juni 2007

Beachte: In der Bestenliste auf Platz 1 Horst Stowasser mit "Anarchie", auf Platz 7 ein sehr empfehlenswertes Buch von Assoziation A - "Planet der Slums". Nicht schlecht plaziert, das libertäre Verlags-Spektrum. Außerdem auf Platz 3 ein Wagenbach-Buch.
http://www.ndrinfo.de/kultur/buch-tipp/buchtipp190.html

Buchtipps

Sachbücher des Monats Juni 2007



Anarchie! Idee - Geschichte - Perspektiven


Unermeßlich viele Bücher gibt es, die unser Wissen mehren und unser Denken weiten wollen - und ein paar davon sind sogar auch sehr gut. Die große Jury, die alle vier Wochen für den NDR und die Süddeutsche Zeitung die Sachbücher des Monats bestimmt, hat wieder ein paar lesenswerte gefunden: zum Beispiel 'Der Vesuv - Geschichte eines Berges' von Dieter Richter oder 'Energiesicherheit - die neue Vermessung der Welt' von Sascha Müller-Kraenner. Auf Rang eins aber steht Horst Stowassers Einführung in die Anarchie! Der 56-jährige Autor ist kein reiner Theoretiker. Er versucht, mit Gleichgesinnten in einem eigenen kleinen Projekt nach anarchistischen Prinzipien zu leben. Alexander Solloch hat das Sachbuch des Monats Juni gelesen.

'Element of Crime' - Bring den Vorschlaghammer mit!
Bring den Vorschlaghammer mit,
Wenn du heute abend kommst
Dann hauen wir alles kurz und klein!

Erschütternd, diese Rabauken, aber... das ist ja so in etwa die Vorstellung, die wir alle auf Anhieb in uns finden: Anarchie, das ist doch Chaos, ist doch Unordnung und Ausschweifung, kurz: etwas ganz und gar Abscheuliches!

Zitat: "Anarchie ist nicht Chaos, sondern Ordnung ohne Herrschaft. Sie will
etwas ganz Neues schaffen: ein Leben, in dem die Freiheit der Menschen
obenan steht und nicht die Wirtschaft oder die Arbeit an sich. Das Dasein
soll auch Spaß machen. Alles, was getan und geändert werden muss, sollen die
Menschen - und zwar alle Menschen! - selbst organisieren. Das, was sie für
ein anständiges Leben brauchen, wissen sie selbst am besten und können es
auch sehr gut selbst entscheiden. Nicht der Herr, nicht die Wissenschaft
oder die Wirtschaft dürfen ihnen ihr Leben vorschreiben? Sie selbst sollen
es bestimmen...", schreibt nun aber Horst Stowasser. Ein bekennender Anarchist, der mit seinem ziegelsteindicken Buch aufklären will: aufklären über das, was Anarchie in seinen Augen ist und nicht ist, was sie leisten kann und warum sie seiner Meinung nach eine dem Menschen sehr angemessene Lebensform ist.

Zitat: "Lebendige Anarchie ist kein neues Regelwerk, sondern eine Idee, das
Leben freier zu gestalten. Leben aber ist nicht etwa nur Essen, Schlafen,
Wohnen, Arbeit oder soziale Organisation. Leben ist allumfassend, bunt,
vielfältig, kreativ..."

Ein sonderbares Buch: es regt auf, löst Kopfschütteln aus, und erregt möchte der Leser rufen: so einfach geht das doch nicht! und das ist doch naiv! und überhaupt...! Ja, es ist ein Buch, das einige Schwächen hat. Horst Stowasser findet keine klare Position, will vordergründig beobachtender Wissenschaftler sein und wird doch immer wieder Partei, wankt und schwankt ohne Linie zwischen Konjunktiv und Indikativ, verliert sich bisweilen in Geschwätzigkeiten - und doch: ein faszinierendes Buch, ein bereicherndes Buch. Es bereichert, weil es zeigt, der Glaube an vermeintliche Selbstverständlichkeiten kann ganz leicht erschüttert werden, wenn der Mensch einfach mal Fragen stellt.

Zitat: "Das Potenzial möglicher Empörer ist unerschöpflich. Wohl jeder
selbstbewusste Mensch kennt diesen Zorn. Vielleicht haben auch Sie sich
schon einmal die Frage gestellt, wieso da eigentlich Menschen über Ihnen
sind, die Ihnen Anweisungen geben und über Ihr Leben und Ihre Zukunft
entscheiden dürfen: ein ganzes System der Hierarchie, von dem wir ja
schließlich wissen, dass es alles alles andere als gut funktioniert."

Es sind die Fragen, die das Buch so wertvoll machen, es ist das Einfach-Mal-Drüber-Nachdenken: Mit welchem Recht erheben sich Menschen über andere, um ihnen zu befehlen? Mit welchem Recht denken Menschen an den schnellen Euro von heute und verhöhnen das Leben von morgen? Mit welchem Recht zerstören Menschen die Erde? Der Anarchist schlägt vor: die Hierarchien werden abgeschafft, die Menschen versuchen, in kleinen Gruppen, vernetzt, nach ihrer Fasson, miteinander zu leben, nicht fremdbestimmt, sondern nach dem Prinzip der freien Vereinbarung.

Zitat: "Das Leben selbst würde zu einem Kunstwerk: Kunst, Alltag, Freude,
Protest, Genuß, Provokation, Spontaneität, Kreation und Kommunikation - all
das ginge eine kaum noch entwirrbare Verbindung ein, die in der Lage wäre,
Grenzen zu sprengen. Die Natur kennt all das: Kooperation und Konkurrenz,
Tausch, Diebstahl und Geschenk, Verdrängungskampf und gegenseitige Hilfe,
Hierarchie, Solidarität und Freiräume. Die Natur regelt sich selbst, und
zwar mit großem Erfolg."

Schafft das auch der Mensch? Horst Stowasser kann es nicht beweisen - aber er macht Lust auf den Gedanken, daß wir noch nicht alle Möglichkeiten der Freiheit ausgeschöpft haben.

Die 'anarchistischen Essentials' sind schließlich nicht in einer Studierstube entstanden, sondern entspringen dem realen Leben - und das seit Tausenden von Jahren. Vor allem aber bleibt das Experiment. Vermutlich werden wir erst dann wissen, ob der Mensch in Freiheit leben will und kann, wenn man ihn lässt.


Sachbücher des Monats Juni 2007 in der Übersicht:


1. Horst Stowasser
29 Punkte
Anarchie! Idee - Geschichte - Perspektiven
Edition Nautilus, 512 Seiten, EUR 24,90, sFr 41,70

2. Sascha Müller-Kraenner
28 Punkte
Energiesicherheit. Die neue Vermessung der Welt
Verlag Antje Kunstmann, 240 Seiten, EUR 19,90, sFr 33,80

3. Dieter Richter
27 Punkte
Der Vesuv. Geschichte eines Berges
Verlag Klaus Wagenbach, 224 Seiten, EUR 24,50, sFr 42,90

4.-5. Mario Bortolotto
25 Punkte
Wagner. Der Dunkle. Übersetzt von Nikolaus de Palézieux
Verlag Matthes & Seitz, 448 Seiten, EUR 39,80, sFr 67,00

4.-5. Amira Hass
25 Punkte
Morgen wird alles schlimmer. Berichte aus Palästina und Israel. Übersetzt
von Sigrid Langhaeuser
C. H. Beck Verlag, 213 Seiten, EUR 19,90, sFr 34,90

6. Glen W. Most
22 Punkte
Der Finger in der Wunde. Die Geschichte des ungläubigen Thomas. Übersetzt
von Kurt Nett und Regina Höschele
Verlag C.H. Beck, 315 Seiten, EUR 26,90, sFr 52,50

7. Mike Davis
21 Punkte
Planet der Slums. Übersetzt von Ingrid Scherf. Assoziation A
248 Seiten, EUR 20,00, sFr 33,90

8. Daniel C. Dennett
19 Punkte
Süße Träume. Die Erforschung des Bewußtseins und der Schlaf der Philosophie.
Übersetzt von Geron Reuter
Suhrkamp Verlag, 215 Seiten, EUR 24,80, sFr 42,50

9.-10. Karl Otto Hondrich
18 Punkte
Weniger sind mehr. Warum der Geburtenrückgang ein Glücksfall für unsere
Gesellschaft ist
Campus Verlag, 280 Seiten, EUR 19,90, sFr 34,90

9.-10. Amartya Sen
18 Punkte
Die Identitätsfalle. Warum es keinen Krieg der Kulturen gibt. Übersetzt von
Friedrich Griese
Verlag C.H. Beck, 208 Seiten, EUR 19,90, sfr 34,90


Besondere Empfehlung des Monats Juni 2007 von Florian Rötzer: Fred Pearce,
Wenn die Flüsse versiegen. Übersetzt von Gabriele Gockel und Barbara
Steckhan, Verlag Antje Kunstmann, 400 Seiten, EUR 24,90, sFr 41,70

Die Jury:

Prof. Dr. Rainer Blasius, FAZ
Dr. Eike Gebhardt
Fritz Göttler, Süddeutsche Zeitung
Dr. Wolfgang Hagen, DeutschlandRadio Kultur, Daniel Haufler, TAZ
Dr. Otto Kallscheuer
Dr. Matthias Kamann, Die Welt
Petra Kammann, Guido Kalberer, Tages Anzeiger
Elisabeth Kiderlen
Jörg-Dieter Kogel, Nordwestradio
Hans Martin Lohmann
Prof. Dr. Ludger Lütkehaus
Prof. Dr. Herfried Münkler, Humboldt Universität zu Berlin
Dr. Johannes Saltzwedel, Der Spiegel
Wolfgang Ritschl, ORF Wien
Florian Rötzer, Telepolis
Albert von Schirnding
Norbert Seitz, Frankfurter Hefte
Dr. Eberhard Sens, Rundfunk Berlin Brandenburg
Hilal Sezgin
Dr. Volker Ullrich, DIE ZEIT
Dr. Andreas Wang, NDR Kultur
Dr. Uwe Justus Wenzel, Neue Zürcher Zeitung

Stand: 05.06.2007 10:14 Uhr





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