Ermordet - Befreit - Verschwiegen
Diese Broschüre soll an alle Menschen erinnern, die in den Konzentrationslagern der nationalsozialistischen Herrschaft ermordet oder gequält wurden. Ja, ermordet - denn anders kann die industrielle Vernichtung nicht genannt werden. Zu oft wird in der Literatur über die Konzentrationslager der Ausdruck verwaschen und es wird von Umgekommenen geschrieben.
Inhalt:
AnarchistInnen
Zwangsprostituierte
Sexuell missbrauchte Jugendliche
Rosa- Winkel-Häftlinge - Homosexuelle
Konzentrationslager
Editorial

Das nationalsozialistische Mörderregime konnte sich von 1933 bis 1945
an der Macht halten. Der Wahn der Menschenausrottung umfasste den Plan,
Menschen die als nicht „arisch“ galten oder anderer Ansicht waren zu
vernichten. Dies konnten Hitler, die Minister und Generäle nicht allein
machen. Millionen an Menschen halfen begeistert mit. Konservative, aber
auch ehemalige KommunistInnen, SozialistInnen und AnarchistInnen
wollten es nicht sehen und belogen sich selbst. Niemand wollte sehen,
dass die Nachbarn verschwanden, Juden mit Zahnbürsten die Strasse
reinigen mussten, Geschäfte ganz zufällig die BesitzerInnen wechselten
- nein diese Menschen, die abgeholt wurden von den Gestaposchergen,
diese Menschen wurden sicher ans Meer zur Sommerfrische gebracht. Die
Tausenden und Abertausenden ZwangsarbeiterInnen, die auf den Feldern
ausgebeutet wurden, sie dürften alle eine Kleidung angehabt haben, die
sie unsichtbar machte - ob auf der Strasse beim Reinigen oder auf dem
Feld. Auch die Tausenden ausgemergelter Gestalten, die durch die Dörfer
ins KZ Mauthausen getrieben wurden, wollte niemand gesehen haben. Als
am 2. Februar 1945 rund 500 sowjetische Gefangene einen Fluchtversuch
aus dem KZ Mauthausen unternahmen und 419 von ihnen es schafften,
lebend aus dem Lager zu kommen, beteiligte sich fast die gesamte
Bevölkerung in der Umgebung an der Jagd auf die Geflüchteten in
unbeschreiblicher Grausamkeit. 14 (!) von ihnen überlebten (laut SS
Angabe).
Das Gebiet, das unter der nationalsozialistischen
Herrschaft als Ostmark bezeichnet wurde und auf dem nach dem Sturz
dieser Herrschaft das Staatsgebilde Österreich entstand, wo niemand
etwas wusste und schon gar nichts gesehen hat, dort wurden die
Parteibücher der NSDP ganz einfach gewechselt in Parteibücher des VDU
(Rechtsextreme Partei, aus der die Rechtspopulistische FPÖ entstand),
der Hahnenschwanzler (ÖVP), der Sozialdemokraten und der
Kommunistischen Partei. Diejenigen, die im Gegensatz zur Mehrheit der
Österreicherinnen und Österreicher Widerstand geleistet haben, wurden
im Nachkriegsösterreich nicht nur nicht gewürdigt, sondern oftmals
sogar als VerräterInnen behandelt. Die Hahnenschwanzler und die
rechtspopulistische FPÖ sprechen 60 Jahre nach der Befreiung von der
wirklichen Befreiung nach 50 Jahren. Auch wenn wir AnarchistInnen alle
Parteien ablehnen, wollen wir an dieser Stelle anmerken, dass die
Sozialdemokratische Partei nach 60 Jahren immerhin begonnen hat, ihre
NS-Vergangenheit aufzuarbeiten.
In Österreich verschanzten
sich die meisten Menschen hinter dem Mythos, wonach Österreich das
erste Opfer des Nationalsozialismus gewesen sein soll. So konnte jede
individuelle Schuld hinter einer kollektiven Opferrolle versteckt
werden. Viele der aus den Gefängnissen und Konzentrationslagern
Befreiten berichteten über das völlige Unverständnis gegenüber ihren
Erzählungen und die Ignoranz, die bald in massive Ablehnung umschlug.
Wir
wollen hier besonders auf Menschen eingehen, die sehr oft in der
Geschichtsschreibung verschwiegen werden. AnarchistInnen,
Zwangsprostituierte, die Jugendlichen, die durch die Kapos oder andere
Autoritäten im Lager sexuell missbraucht wurden und auf die
Homosexuellen, die zwar nach langem Kampf in Mauthausen eine
Gedenktafel errichten durften, aber noch immer nicht als Opfer
anerkannt sind.
Die Quellen sind erstaunlich dürftig und/oder
kaum erforscht, besonders AnarchichstInnen betreffende Texte liegen
häufig nur in spanischer und französischer Sprache vor und sind
überdies oft kaum verfügbar. Über AnarchistInnen gibt es in deutscher
Sprache drei Zeitungsartikel und eine Diplomarbeit. Ebenso kaum
aufgearbeitet sind die Quellen über die vielen Frauen, die zur
Zwangsprostitution gezwungen wurden, wenn es auch darüber mittlerweile
etwas mehr Literatur gibt. Die Ausübung sexueller Gewalt an
Jugendlichen wird zwar beiläufig in manchen Büchern erwähnt, es wird
aber kaum darauf eingegangen.
Die zeitgeschichtliche Forschung hat
sich dank der Bemühungen der Lesben- und Schwulenbewegung des
Schicksals der Homosexuellen in der nationalsozialistischen
Vernichtungsmaschinerie angenommen, das tatsächliche Ausmaß liegt
allerdings noch im Dunkeln.
Vorbeugend einer allfälligen Kritik,
hier wird nur auf das eingegangen was uns passt und der Rest geht uns
als AnarchistInnen nichts an. So ist es sicher nicht. Wie oben erwähnt
sind ALLE Opfer gemeint, besonders wollen wir aber den Mantel des
Schweigens, der über Menschen gelegt wurde, die weder damals noch
heute den Vorstellungen der Herrschenden entsprechen, heben. Diese
Menschen, die mitunter auch heute noch verachtet und verfolgt werden,
in so manchem Staat mit Gefängnis bedroht und auch eingesperrt werden,
Homosexuelle, Sexarbeiterinnen, Jugendliche und andere Menschen, die
sexuell missbraucht werden und AnarchistInnen, die von Repressionen
betroffen sind.
Heute betreffen Verfolgung und Ausbeutung auch
Menschen, die in die Industriestaaten kommen, weil sie aus ihrer
Umgebung flüchten müssen, wo sie oft genug kaum überleben können. Aber
die Staaten machen die Grenzen dicht so wie einst, statt den Reichtum
zu teilen.
KEINE AUSBEUTUNG DER MENSCHEN DURCH DEN MENSCHEN