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Das Herz von Jenin

Der 12-jährige Ahmad spielt auf der Straße, mit einem Spielzeuggewehr. In Jenin, einer Stadt im Westjordanland. Israelische Soldaten fühlen sich bedroht und schießen, mit einem richtigen Gewehr. Der schwerverletzte Junge wird in ein israelisches Krankenhaus gebracht, aber er ist nicht zu retten. Der Vater willigt ein, dass mit seinen Organen das Leben anderer Kinder gerettet werden soll, israelischer Kinder.

Marcus Vetter erzählt diese Geschichte in einem preisgekrönten Dokumentarfilm. Dafür hat er zusammen mit dem palästinensichen Vater die Familien dieser jüdischen Kinder besucht. "Mein menschliches Handeln hat die Israelis irritiert. Das ist etwas viel Größeres als einen Soldaten zu töten," ist dessen Fazit nach der Begegnung mit dem Mädchen, das nun mit dem Herzen seines Sohnes lebt. Marcus Vetter kann inzwischen von vielen menschlichen Handlungen erzählen, er hat die Menschen in Jenin, das als Hochburg des palästinensichen Terrors galt, schätzen gelernt.

Der Film "Das Herz von Jenin wird im April in die Kinos kommen und soll auf Arte ausgestrahlt werden.


Besprechungen:

http://www.hagalil.com/01/de/Israel.php?itemid=2601


Das "Herz von Jenin"

Der neueste Film des vielfach preisgekrönten Tübinger Filmemachers Marcus Attila Vetter, „Herz von Jenin“, ist ein herzerweichender Dokufilm...

Von Ulrich W. Sahm, Jerusalem, 12. Juli 2008

Im November 2005 hatten israelische Soldaten den Befehl, auf jeden bewaffneten Palästinenser in Jenin im Westjordanland zu schießen. An der sogenannten „Pferdekreuzung“ gesellte sich der 12 Jahre alte Ahmad während eines Feuerwechsels zu einer Gruppe palästinensischer Kämpfer, so Presseberichte von damals. Er schwenkte eine Uzi-Maschinenpistole aus Plastik. Die Soldaten gingen kein Risiko ein und schossen aus 300 Metern Entfernung auf den Jungen. Der wird schwer verletzt ins Krankenhaus von Jenin getragen. Ein Onkel aus Umm el Fachem in Israel lässt seine Beziehungen spielen. Ein Helikopter der israelischen Armee fliegt den palästinensischen Jungen nach Haifa ins Rambam-Hospital. Nachdem jüdische Ärzte erst versuchten, Ahmad zu retten und zwei Tage später den klinischen Tod des Jungen feststellten, erklärt sich Vater Ismail Khatib bereit, dessen Organe, darunter auch das Herz, zu spenden. So rettet er das Leben eines drusischen Mädchens, eines Beduinenjungen, der Tochter ultraorthodoxer Juden und anderer Israelis, die nicht gefilmt werden wollten.

Im Jerusalemer Gedenkzentrum für Ministerpräsident Menachem Begin wurde der Film am Freitag Abend uraufgeführt. Im vollen Auditorium gab es stehenden Applaus. Der Film zeigt, wie Ismail Khatib jene Kinder besucht, denen die Organe seines erschossenen Sohnes das Leben gerettet haben. Im Saal anwesend waren fast alle Teilnehmer des Films, der Vater und die Empfänger der Organspenden. Nur die ultraorthodox jüdische Familie konnte aus religiösen Gründen nicht teilnehmen, weil die Uraufführung auf den Sabbat gelegt worden war: eine anmaßende Rücksichtslosigkeit. Der Film ist authentisch, emotional aufgeladen und beeindruckend gut gemacht. Zwischen nachgestellten Szenen und Interviews mit den Betroffenen, bringt Vetter auch blitzartige Rückblicke auf palästinensische Terroranschläge, in Tel Aviv und im Park Hotel in Netanja im April 2002, sowie Szenen des darauffolgenden israelischen Einmarsches in palästinensische Städte. Zu Bildern der Verwüstung im Flüchtlingslager Jenin werden 59 tote Palästinenser erwähnt. Die dabei ebenso getöteten 23 israelischen Soldaten werden unterschlagen.

Ein wirklich guter Film, der gewiss viele Preise erhalten wird. Aber es ist gleichzeitig ein einseitiges propagandistisches Machwerk, dazu geeignet, beim deutschen Publikum antijüdische Gefühle zu schüren. Die einzigen im Film vorkommenden Juden sind die Levinsons, eine aus Amerika eingewanderte ultraorthodoxe Familie, deren Tochter Menucha eine Organspende erhielt. Der Vater macht im Film zunächst üble rassistische Äußerungen gegen Araber, für die er sich später entschuldigt. Dann sieht man ihn als unbeholfenen Gastgeber beim Besuch von Khatib. Ohne Kontext wird auch noch ein ausgeflippter orthodoxer Jude gezeigt, der zu lauter Musik auf offener Straße herumtanzt. Weder die Piloten des Helikopters noch die jüdischen Ärzte, die versuchten, Ahmads Leben zu retten, mutmaßlich ganz „normale“ Israelis, noch der heutige Ministerpräsident Olmert, der Khatib damals anrief, um sich für die Organspende zu bedanken, kommen im Film vor. Ansonsten sind Juden in dem Film nur Soldaten oder vermeintliche „Nudisten“ am nicht gezeigten Strand des Toten Meeres, wo vor Allem Deutsche eine Sonnenkur gegen ihre Psoriasiskrankheit machen.

Beim Empfang nach der Uraufführung behauptet Vetter, dass außer den rassistischen Levinsons keine „normalen“ Israelis mit der Geschichte befasst gewesen wären, was nachweislich falsch ist.

Vetter hat ein gutes Recht, den Vater des toten Ahmad, Ismail Khatib, zum Helden seines Films zu erheben. Doch warum unterschlägt Vetter Sprüche der Mutter Abla, die ihre Zustimmung zur Organspende auch als „Rache“ und „Teil des palästinensischen Widerstandes“ bezeichnet hatte. Und unerwähnt bleiben die viel häufigeren Fälle jüdischer Organspenden ermordeter Soldaten und Terroropfer an Palästinenser, „weil die nicht Teil meiner Geschichte waren“, wie Vetter gesteht. Ist es wirklich nur „sexy“, wenn Palästinenser für Juden spenden, während es „keine Story“ ist, wenn Juden für Palästinenser spenden? Wegen der Auslassungen und der einseitigen Darstellung, als gäbe es in Israel nur verrückte orthodoxe Juden, Nudisten oder Soldaten, während allein Araber „Menschen“ sind, verdient dieser gut und einfühlsam gedrehte Doku-Film keine Preise, sondern ernsthafte Rügen wegen unerträglicher subtiler Propaganda. Vetter muss vorgeworfen werden, nicht einmal den Versuch einer Ausgewogenheit in diesem emotional aufgeladenen Konflikt gemacht zu haben. Mal wieder dient eine aufrichtige Friedensbotschaft dazu, Hass zu schüren.

© Ulrich W. Sahm / haGalil.com



http://www.daserste.de/ttt/beitrag_dyn~uid,l4g4of5biw4puk5m~cm.asp

Archiv: "Das Herz von Jenin"

Ein Dokumentarfilm von Marcus Vetter

Sendeanstalt und Sendedatum: MDR, Sonntag, 2. November 2008

Ismael Khatib, Vater des toten Jungen; Foto: MDR Bildunterschrift: Ismael Khatib, der Vater des toten Jungen ]
Am 5. November 2005 wurde der zwölfjährige Ahmed Khatib im palästinensischen Flüchtlingslager Jenin von einem israelischen Soldaten schwer am Kopf getroffen; man hatte seine Spielzeugwaffe versehentlich für eine echte gehalten. Ahmed kämpft um sein Leben - es steht schlecht um ihn. Sein Vater Ismael Khatib, der am Krankenbett sitzt, wird vor eine schwere Entscheidung gestellt: Wäre er bereit die Organe seines Sohnes auch an israelische Kinder zu spenden, an die Kinder seiner Feinde?

Der deutsche Dokumentarfilmer Marcus Vetter begleitet den Vater vom Moment seiner Entscheidung bis zum Besuch der geretteten Kinder in Israel. Anlässlich der Internationalen Leipziger Dokumentarfilmwoche hatte "Das Herz von Jenin" am Wochenende Deutschlandpremiere.

Eine Gewissensfrage

Durch Organspende gerettetes Mädchen; Foto: MDR Bildunterschrift: Sameh, das durch die Organspende gerettete Mädchen ]
Der Palästinenser Ismael Khatib leistete bewaffneten Widerstand und hat dafür in israelischen Gefängnissen gesessen. Er hat viel verloren in diesem Konflikt: sein Haus, seine Arbeit und schließlich auch seinen Sohn. "Die Ärzte sagten mir, seine Überlebenschancen seien sehr gering", sagt Ismael Khatib. "Nur mit viel Glück kann er es schaffen. Sein Herz schlug noch angeschlossen an Maschinen."

Doch das Leben seines Sohnes ist nicht zu retten. Ein israelischer Krankenpfleger macht ihm den Vorschlag, die Organe seines Sohnes zu spenden. Die Empfänger wären israelische Kinder - eine Gewissensfrage. "Ich sagte ihm: Das Leben dieser Kinder hängt von seiner Entscheidung ab. Ich sagte, wenn sie sich entscheiden, diesen Kindern die Organe ihres Sohnes zu spenden, geben Sie ihnen das Leben zurück", erklärt der Krankenpfleger aus Haifa/Israel Raymond Shehadeh.

Er rettet die Kinder des Feindes

Regisseur Marcus Vetter; Foto: MDR Bildunterschrift: Regisseur Marcus Vetter ]
Ismael Khatib entscheidet sich trotz aller Vorurteile für eine Organspende. Fünf Kinder werden so gerettet. Darunter der israelische Beduinen-Junge Mohammed, das israelische Drusen-Mädchen Sameh, welches mit dem Herz des getöteten Ahmed weiterlebt und Menuha, die Tochter einer jüdisch-orthodoxen Familie. Ismael Khatib macht sich aufden Weg und besucht diese Kinder. Genau das macht diesem Film so einzigartig: die ungewöhnliche Begegnung zwischen Juden und Arabern, zwischen erklärten Feinden. Der Film erzählt, wie eine menschliche Geste zu einer Reise in das innere des Feindes - des fremden Anderen und die eigenen inneren Blockaden - führt. Am Ende des Films steht der schwerste Besuch. Ismael trifft das Mädchen, das mit der Niere seines Sohnes lebt. Der Palästinenser begegnet der jüdischen Familie. Es gibt nun für immer eine Verbindung zwischen ihnen, ob sie wollen oder nicht. Eine derart persönliche und emotionale Sicht auf den als ausweglos erscheinenden israelisch-palästinensischen Konflikt wie in diesem Film gab es so noch nicht zu sehen.

Ismael Khatib: "Mein menschliches Handeln hat die Israelis irritiert. Das ist etwas viel Größeres als einen Soldaten zu töten. Glaubst du, es hat den Israelis gefallen, was ich getan habe? Ich glaube das nicht."

Filmtipp

Das Herz von Jenin
Buch und Regie: Marcus Vetter und Lior Geller, Kamera: Nadav Hekselmann
Deutschland/ Israel 2008

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