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Leseprobe: Befreiung und soziale Emanzipation: Rätebewegung, Arbeiterautonomie und Syndikalismus

Aus der Einleitung: die Krise der bürgerlichen Politik wird von einer Krise der Linken begleitet. Deren überwiegende Orientierung an allgemein menschlichen Werten wie Würde, Humanismus oder Menschlichkeit zielt auf eine diffuse und zudem fragwürdige Zivilgesellschaft, die an dem grundsätzlichen Klassenwiderspruch (Antagonismus) in der kapitalistisch-bürgerlichen Gesellschaft vorbeigeht. Wir sehen einen Zusammenhang zwischen der Krise der (radikalen) Linken und der Modeerscheinung, tunlichst auf die Benennung des Klassenwiderspruchs zu verzichten. Deswegen stellt dieser Text auch einen sachlichen Beitrag eines Arbeiters dar, der mittlerweile weitverbreiteten Abschottung des linksradikalen Milieus von der Klassenwirklichkeit entgegenzutreten. Die eigene emanzipatorische Anstrengung der revolutionären Individuen muss in der Massenrealität der Ausgebeuteten verankert sein, oder zumindest in Bezug zu dieser Wirklichkeit gestellt werden. Zum sozialpolitischen Zerbrechen von Persönlichkeit im entwickelten Kapitalismus gehört es eben auch, Solidarität mit den Ärmsten der Armen zu verhindern, die Geschichte und Erfahrungen der vergangenen proletarischen Emanzipationskämpfe auszulöschen und eine befreite Gesellschaft als unmöglich erscheinen zu lassen. Kommunismus bedeutet demgegenüber jedoch, alles Abweichende, Unproduktive, Selbstorganisierte zu respektieren sowie dem Unterklassenwiderstand und somit den emanzipatorischen Bedürfnissen der lohnabhängigen und erwerbslosen Bevölkerung zum Durchbruch zu verhelfen. Eine wirklich sozialrevolutionäre Bewegung, die die Welt aus den Angeln heben will, muss als widerständige und proletarische Bewegung zur Aufhebung des Kapitalismus zusammen kommen. Proletariat ist dabei weiter gefasst als Arbeiterklasse und umfasst alle Teile der Bevölkerung, die besitzlos und weitgehend von der Machtteilhabe ausgeschlossen sind, die ihre Arbeitskraft zu Markt tragen müssen. Wenngleich die Arbeiterklasse den Kern des Proletariats bildet, so umfasst dieses alle Unterklassen oder benachteiligten Schichten. Deswegen ist ein tiefes Verständnis der Funktionsweise und der Triebkräfte des kapitalistischen Systems – also seiner inneren Struktur – vonnöten, wenn es überwunden werden soll. Dabei gilt es festzuhalten, dass Arbeiterkämpfe und Kapitalentwicklung unauflöslich miteinander verbunden sind, da die Arbeitskraft ja erst Kapital konstituiert. Zudem zwingt der Arbeiterwiderstand das Kapital, immer wieder auf diese Widerständigkeit zu reagieren, um die Verwertung von eingesetzten Finanzmitteln sicherzustellen. Diese sozialdynamischen Prozesse führen also dazu, dass Klassen und soziale Schichten, aber ebenso das Kapital, ständig neu zusammengesetzt werden. Die Neuzusammensetzung führt zwar zu äußerlich veränderten, jedoch in ihrem Wesen gleich gebliebenen gesellschaftlichen Verhältnissen.

Einleitung


In den entwickelten bürgerlichen Gesellschaften sorgen die kapitalistischen Produktionsverhältnisse unaufhörlich dafür, dass die Arbeit der vielen in den Reichtum der wenigen verwandelt wird. Nach wie vor besteht der (unaufhebbare) Gegensatz zwischen den aneignenden Klassen und den hervorbringenden Klassen beziehungsweise zwischen den besitzenden Klassen und den produzierenden Massen.Von diesem grundsätzlichen Antagonismus der kapitalistischen Verhältnisse und deren tiefgreifenden Auswirkungen auf die menschlichen Beziehungen hat jedes emanzipatorische Projekt auszugehen.

Dies bedeutet zunächst, die Funktionsweise des Kapitalismus und der bürgerlichen Repräsentativdemokratie einer materialistischen Analyse und Kritik zu unterwerfen und gleichzeitig die Arbeiterkämpfe bzw. Widerständigkeit der Lohnabhängigen und deren Auswirkungen auf die Produktivkraftentwicklung zu untersuchen bzw. zu berücksichtigen.

Die ArbeiterInnen erschaffen durch ihre lebendige Arbeit die materielle Welt, sind aber vom gesellschaftlichen Reichtum ausgeschlossen. Die SituationistInnen prägten dafür den Terminus von der Armut im Reichtum. In den kapitalistischen Produktionsverhältnissen ist Proletariat und Reichtum ein Gegensatzpaar und gleichzeitig eine unauflösbare Einheit. Aus der Misere des proletarischen Daseins entspringt weltweit die Wut, Empörung und Auflehnung gegen die kapitalistische Unmenschlichkeit. In dieser sozialen Realität, quasi als die beiden Seiten einer Medaille, werden sowohl Reichtum und Luxus bzw. Elend und Zerstörung unaufhörlich produziert. Folglich können diese gesellschaftlichen Verhältnisse nicht der Endpunkt der menschlichen Entwicklung und die Vollendung der Geschichte sein. Vielmehr muss die bisherige Art der Tätigkeit, die bisherige Form der Arbeit beseitigt und ersetzt werden.

In diesem Zusammenhang erscheint es als wichtig, auf die Tatsache hinzuweisen, dass Geschichte, Gesellschaft und Entwicklung immer ein aktiver und dynamischer Prozess ist, mithin das Ergebnis menschlichen Handelns unter bestimmten historischen Bedingungen. Wir machen die Geschichte nicht aus freien Stücken – Aber … wir machen sie.“ (Herman Gorter). Obwohl Geschichte also ein grundsätzlich offener sozialer Prozess ist, bauen Entwicklungen dennoch aufeinander auf. Dies bedeutet für uns, dass Erkenntnisse, Schlussfolgerungen und Konzepte für die menschliche Emanzipation vor allem aus der Gegenwart sowie der Widerstandsgeschichte der Arbeiter- und Unterklassen – mithin dem Proletariat – gezogen werden können. Das heißt aus dem Kampf aller Ausgebeuteten, Erniedrigten, Unterdrückten, Armen, Eigentumslosen und ihrem Ringen um Würde, Subsistenz, Einkommen, Kollektivität, gegenseitiger Hilfe, solidarischen Beistand und Selbstbestimmung.

Dabei gehen wir ebenso vom Scheitern der traditionellen Arbeiterbewegung wie von den beiden Zivilisationsbrüchen Hiroshima bzw. Auschwitz aus, wobei die Ungeheuerlichkeit und Einmaligkeit der Shoah (Holocaust) eben nicht durch die internationale (organisierte) Arbeiterbewegung verhindert wurde. Insofern hat sich die traditionelle Arbeiterbewegung und die an ihr orientierte Linke überlebt. Andererseits steht für uns außer Zweifel, dass die positiven Anknüpfungspunkte bei der Niederringung der Nazibarbarei für das um seine Emanzipation kämpfende globale Proletariat keinesfalls staatliche Armeen (egal ob US-Army, British Army oder Rote Armee) sein können. Dieser Bezugspunkt sind vielmehr die freiwilligen antifaschistischen PartisanInnen, die Deserteure, die rebellischen Jugendgruppen und der Arbeiterwiderstand bzw. die bewaffneten proletarischen Aufstände in den von den Nazis besetzten europäischen Ländern. Das historische Scheitern der traditionellen Arbeiterbewegung, die den Weltkrieg und die faschistische Barbarei nicht verhindert hat, darf also nicht den Blick auf die anderen Arbeiterbewegungen verstellen, die die Masse des antifaschistischen Partisanenkampfs und wichtige Teile des antinazistischen Widerstands im besetzten Europa stellten.


Wer sich in die Macht begibt – der wird darin glücklich (Johannes Agnoli)

Die politische Organisation der bürgerlichen Gesellschaft besteht aus Parteien und Parlamenten, die wiederum Garanten der kapitalistischen Marktwirtschaft sind. Der Parlamentarismus funktioniert als Parteiendemokratie, in der die Arbeiterklasse mittels verschiedener linker und „Arbeiterparteien“ in den Nationalstaat integriert wird. [...] Politisch vertraten sie die Auffassung, dass zuerst die Vollendung der bürgerlich-demokratischen Revolution zu leisten sei, und ökonomisch verteidigten sie die kapitalistische Produktionsweise als notwendige Vorstufe zum Sozialismus.

Entgegen der ursprünglichen kommunistischen Befreiungsidee waren den meisten führenden ParteikommunistInnen zu allen Zeiten die Selbsttätigkeit der Arbeiterklasse, ihre Autonomie und ihre Klassenmacht suspekt bzw. widersprachen ihrem Avantgarde- und Machtanspruch.[...] Soziale Emanzipation hat jedoch nichts mit staatlichen Institutionen zu tun, weswegen die Institutionalisierung von Politik und politischen Gruppen, Initiativen und Kämpfen strikt zurückzuweisen ist. Statt staatsbezogener Konzepte gesellschaftlicher Veränderung geht es um die Herstellung einer Gemeinschaftlichkeit von unten. Diese Erkenntnis lässt sich mit anderen Worten in etwa so ausdrücken:


Die dezentral gemeinschaftliche Autonomie kennt kein Übergangsprogramm, das auch nur irgendjemand zur auch nur zeitweiligen Errichtung einer herrschenden Gegenmacht

legitimieren könnte.“ (Karl-Heinz Roth, in: Sozialrevolte und Antiimperialismus, 1982)


Auch der parteimarxistische, unkritische Fortschrittsglauben, der lange Zeit den Unsinn kolportierte, dass die kapitalistische Entwicklung gut und voraussetzend für die Entwicklung zu Sozialismus und Kommunismus ist, hat sich überholt. Die Ideologie des grenzenlosen Wachstums ist längst an der Umweltkrise bzw. den destruktiven Industrialisierungsfolgen gescheitert. Der Raubbau an der Natur, der maßlose Verbrauch bzw. Missbrauch der Ressourcen, die weltweite materielle Ungleichheit, die rassistische Aufteilung der Weltwirtschaft, die Wohlstandsgrenzen im Weltmaßstab gehen in der kapitalistischen Ökonomie mit gesundheitsgefährdenden Arbeitsbedingungen der Menschen Hand in Hand und waren auch im staatskapitalistischen System sowjetischer Prägung unvermindert anzutreffen. Der kapitalistische Produktions- und Reproduktionsprozess ist und kann keine notwendige Vorstufe zum Kommunismus sein, er beinhaltet auch nur wenige ökonomische Komponenten für die soziale Emanzipation.

Zwar kann in den entwickelten Metropolenländern seit geraumer Zeit eine Erosion der Parteiendemokratie beobachtet werden, doch der Parlamentarismus als zutiefst bürgerliche Institution bleibt weiterhin konstitutiv für die Entfesselung und mehr noch die dauerhafte Aufrechterhaltung der kapitalistischen Produktionsweise. Aktuell befindet sich der globalisierte transnationale Kapitalismus in einer schweren Krise. Wobei es festzuhalten gilt, dass in dieser Wirtschaftsweise ein innerer (logischer) Zusammenhang zwischen Aufschwung, Abschwung, Krisen und Kriegen besteht. [...]

Es ist sicherlich zutreffend, dass es in den Gesellschaften der entwickelten Metropolenländer in den 1950er und 60er Jahren zu einer vorübergehenden Einbindung bestimmter Teile der Arbeiterklasse kam. Erreicht wurde dies durch Sozialpakte, mit denen Massenkonsum (Autos, Reisen, Haushaltsgeräte, etc.) und Entwicklung angekurbelt wurden. Seit den 1970er Jahren werden jedoch die sozialen Standards, die erkämpften Arbeiterrechte und die ehemals sicheren Arbeitsverhältnisse Schritt für Schritt wieder abgebaut bzw. verändert. Die weltweite Erschütterung gefestigter Arbeits- und Lebensbedingungen verursacht eine tiefe Krise der sozialen Legitimität des Weltkapitalismus. Der Kapitalismus kann also immer weniger sein Glücksversprechen – Bildung, Gesundheit und Wohlstand für alle – e Dabei müssen die Weltmarktkrisen als die reale Zusammenfassung und gewaltsame Ausgleichung aller Widersprüche der bürgerlichen Ökonomie gefasst werden (K.Marx).inlösen. Die Arbeits- und Lebensverhältnisse verschlechtern sich rasant. Ständig neue Formen prekärer Beschäftigung, die Ausweitung des Niedriglohnsektors, das Outsourcing (Auslagerung) von Betriebsabteilungen und die rapide Zunahme von Leiharbeit bzw. Subunternehmen sorgen für unsichere Beschäftigungsverhältnisse. Flankiert wird diese Entwicklung von einem Umbau des Sozialstaats bzw. der Sozialleistungen, was zu einer Krise der bürgerlichen Politik, genauer: zur Krise der politischen Vermittlung, führt. Diese Entwicklung ist andererseits auch eine Chance für das Proletariat und die revolutionäre Klassenlinke, da dabei die enge – historisch durch die Sozialdemokratie herbeigeführte – Verquickung von Arbeiterklasse und Sozialstaat aufgebrochen wird.


[...]


Klasse im Kampf

Die menschliche Emanzipation bedeutet die Aufhebung der Klassen, welche nur durch den Kampf der proletarischen Klassen gegen die Arbeit erreicht werden kann. Deswegen muss der Verdrängung der bisherigen proletarischen Kämpfe aus dem gesellschaftlichen Bewusstsein (und dem der radikalen Linken) entgegengewirkt werden. Der Kampf gegen die Arbeit ist ein Kampf für frei zur Verfügung stehende Zeit. Wirkliche Freizeit ist jedoch nicht die Zeit zur Wiederherstellung (Reproduktion) der Arbeitskraft (Essen, Schlafen, Weiterbildung, etc.), sondern freie Lebenszeit, in der das Individuum sowohl seine Persönlichkeit als auch soziale Kollektivität (Politik, Philosophie, Kultur, etc.) entwickelt.

Alle in den bisherigen proletarischen Anläufen gemachten Revolutionserfahrungen und kritisch-theoretischen Positionen müssen also in die heutige Zeit gerettet werden, um sie für emanzipatorische Prozesse nutzbar zu machen. Es gilt dabei aus den zeitweiligen Erfolgen ebenso wie aus den gemachten Fehlern, den Versäumnissen sowie den bitteren Niederlagen in der Geschichte der Klassenkämpfe zu lernen. Dazu gehört die überfällige Erkenntnis, dass sich einige der traditionellen Vorstellungen von Befreiung überholt haben. Der ganze Laden kann nicht einfach übernommen werden.


[D]ie Arbeiterklasse kann nicht die fertige Staatsmaschine einfach in Besitz nehmen und diese für ihre eigenen Zwecke in Bewegung setzen.“ (K. Marx, in: Der Bürgerkrieg in Frankreich, 1871)


Genau sowenig wie staatliche Strukturen zu emanzipatorischen Beziehungen zwischen den Menschen führen, erzeugt der Kapitalismus freie und gleiche Individuen. Es wird in gegenwärtigen und zukünftigen Kämpfen vielmehr um die Notwendigkeit gehen, dass wir eine grundsätzlich andere Produktionsweise brauchen, unter anderem ohne die Fabrikdespotie, Lohnarbeit, Waren- und Geldform oder den allgegenwärtigen Ökonomismus entwickelter Industriegesellschaften.

Der Kapitalismus hat zwar die fortgeschrittensten Produktivkräfte in der Geschichte der Menschheit hervorgebracht, ist aber gleichzeitig von einer unvorstellbaren Brutalität geprägt. Es scheint egal zu sein, dass durch den fortgesetzten Funktionalismus des Industriezeitalters die Weltzerstörung immer weiter fortschreitet. Die destruktiven Marktgesetze – brutal und obszön – sorgen dafür, dass täglich weltweit mehrere Milliarden Menschen hungern und an einem einzigen Tag 100 000 an Hunger sterben. Die sogenannte neoliberale (in Wahrheit schlicht kapitalistische) Globalisierung bedeutet also: Die Verheerung der Welt bis in die letzten Winkel und Ecken hinein, mit einer ungeheuren Proletarisierung der Weltbevölkerung, mit Hunger und Obdachlosigkeit ungeahnten Ausmaßes sowie mit kriegerischen Interventionen der industrialisierten Metropolenstaaten in den Ländern des Trikont (also den drei Kontinenten Asien, Afrika und Lateinamerika).

Die modernen Demokratien sind Gesellschaften des Spektakels (Guy Debord), in denen die Menschen ökonomischen und technologischen Zwängen unterworfen sind. In ihnen sind Macht und Ökonomie so sehr verschränkt, dass Projekte, Gesetze und andere Vorhaben – notfalls mit Gewalt – auch gegen den Willen der Mehrheit durchgepeitscht werden. Machtgier und Gewinnstreben bilden jene brutale Mischung, die die politische Ökonomie in der bürgerlichen Gesellschaft prägt. Das Spektakel äußert sich unter anderem auch dadurch, dass zu oft Beliebigkeit und Gleichgültigkeit in einer verwalteten Welt anzutreffen sind. Es gibt jedoch keine Rechtfertigung für diese Verhältnisse, die sowohl innergesellschaftlich als auch im Verhältnis der einzelnen Staaten untereinander ständig Verlierer und Gewinner produzieren. Wohlstand, Gesundheit, Ernährung, Bildung, Wohnungen, etc. sind extrem ungleich verteilt. Dabei ist die Lösung gleichzeitig so simpel wie vielschichtig: Eine andere Wirtschaftsweise in einer staaten- und klassenlosen Gesellschaft, in der die strukturelle Gewalt der ökonomischen Ungleichheit – lokal, regional, global – abgeschafft ist.


Politik oder Klassenkampf?

Das, was einmal Kommunismus genannt und in der Geschichte des 20. Jahrhunderts vom staatskapitalistischen Parteikommunismus wie von der reformistisch-verbürgerlichten Sozialdemokratie gleichermaßen auf den Hund gebracht worden ist, muss radikal anders gedacht werden. Denn die parteikommunistische Linke glaubt weiterhin ernsthaft daran, dass der Klassenkampf eine Parteiangelegenheit und soziale Emanzipation eine Kinderkrankheit ist.

Aus sozialemanzipatorischer Perspektive gilt es stattdessen an die libertäre und autonome Tradition der Arbeiterbewegungen anzuknüpfen, obwohl es auch hier zu Fehlschlüssen kam. Denn von politischen Identitäten bzw. Überzeugungen – anstatt von den materiellen Klassenverhältnissen – auszugehen, hat auch einige einst revolutionär argumentierende TheoretikerInnen und AktivistInnen der libertären Linken zu sozialstaatlichen und reformistischen Positionen gebracht (Rudolf Rocker, Helmut Rüdiger, Max Nomad, usw.).

Neben der Ablehnung von parteikommunistischen Methoden des Autoritarismus und der Bevormundung gilt es darüber hinaus, die in weiten Teilen der (radikalen) Linken betriebene Selbstbezogenheit sowie deren extreme politische Beliebigkeit wieder zu überwinden. Diese wiederum ist Folge und Ausdruck gegengesellschaftlicher Ohnmacht und selbst gewählter sozialer Isolation, denn der linksradikalen Szene geht es mehr um die Identifikation mit einem subkulturellen und marginalen Lebensstil als um den Aufbau einer relevanten gesellschaftspolitischen Bewegung. Dabei übersehen sie zudem ihre eigene positive Funktion für die Entwicklung des Kapitalismus. Große Teile der (neuen) sozialen Bewegungen und viele Linke im Umfeld der postmodernen Modethemen wie Dekonstruktivismus, Postoperaismus, Gender oder in den Sozialforen spielen nämlich eine Rolle bei der Erneuerung des Kapitalismus. Durch Leugnung oder Ignorieren des Klassenantagonismus bereiten sie sich offensichtlich auf den eigenen gesellschaftlichen Aufstieg in einem reformierten kapitalistischen System vor.

Demgegenüber halten wir fest, dass die LohnarbeiterInnen den Reichtum dieser Welt erschaffen, indem sie die materiellen Güter produzieren. Sie sind somit die einzige Klasse, die diese Welt revolutionieren kann. Nur diejenigen, die den Kapitalismus am Laufen halten, können ihn auch umwälzen. Sie müssen von der kapitalistischen Vergesellschaftung zu einer anderen Art von gesellschaftlichen Verhältnissen mit anderen sozialen Beziehungen gelangen. Aus eben dieser fundamentalen Erkenntnis heraus muss der Trennung von betrieblichen bzw. gewerkschaftlichen Arbeiterkämpfen und politischer Bewegung der Linken entgegen gearbeitet werden. Dabei sollte die eigene Situation als Lohnabhängige/r in den Mittelpunkt gestellt und als Ausgangspunkt für den antikapitalistischen Kampf genommen werden. Die Klassenrealität der Masse der Menschen ist das Zentrum der sozialen Prozesse. Dies bedeutet, sich weniger mit sich selbst zu beschäftigen (der eigenen Gruppe, Organisation, Szene, etc.), sondern vielmehr mit der eigenen sozialen Realität sowie der allgemeinen Lebensrealität der proletarischen (lohnabhängigen wie erwerbslosen) Bevölkerung.

Gegen alle postmodernen Modethemen, gegen alle zivilgesellschaftlich-reformistischen Ansichten, gegen alle linksradikale Beliebigkeit und kleinlichen Partikularinteressen, gegen alle blinde Selbstisolierung und szenetypische Einkapselung, gegen alle elitäre Massenverachtung auf Seiten der Linken, halten wir an einer klassenanalytisch-materialistischen Kritik der kapitalistischen Verhältnisse und am proletarischen Emanzipationskampf fest.

Dieser richtet sich nach wie vor:

– gegen die angebliche Unvermeidbarkeit von Elend und Unmenschlichkeit;

  • gegen die Vorstellung, dass die Welt nicht radikal verändert werden könne;

  • gegen die Annahme, dass die Entfremdung und Entäußerung nicht überwunden werden könne;

  • für eine emanzipierte Gesellschaft ohne Ausbeutung, Herrschaft und Unterdrückung.

Soziale Emanzipation lässt sich überhaupt nur vorstellen, wenn von den unmittelbaren wie längerfristigen, den materiellen wie geistigen Interessen der entfremdeten Menschen ausgegangen wird. Dies bedeutet unter anderem, die Ansätze des Syndikalismus (als proletarische Selbstorganisierung) und des Operaismus (als autonomes Handeln des Proletariats) zur Grundlage für die sich wehrenden Lohnabhängigen und die rebellischen Bevölkerungsteile zu nehmen. Dabei muss Theorie aus dem alltäglichen Klassenkampf entstehen und nicht umgekehrt. Die proletarischen Massen können nicht in ein theoretisches oder gar wissenschaftlichen Korsett gepresst werden, nach dem sie sich dann zu richten haben. Dies bedeutet, auszugehen von der konkreten sozialen Realität in der die Arbeiter- und Unterklassen leben bzw. arbeiten, und nicht davon, wie die Welt sein sollte.


Die Revolution bleibt eine Möglichkeit, gestern, heute und morgen; das Proletariat ist das einzig mögliche historische Subjekt, das sie realisieren kann.“

(Dauvé/Nesic, in: Arbeiter verlassen die Fabrik, 2010)



Inhalt


Vorwort

Einleitung


1. Am Anfang stand die Spontaneität: Linksradikale Vorstellungen in den

sozialistischen Parteien

Proletarischer Antimilitarismus und politischer Massenstreik

Die radikal-marxistische Tendenz aus den Niederlanden

Linke Sozialrevolutionäre: Im Kampf wirst Du Dein Recht erlangen!

Die Arbeiteropposition in der russisch-ukrainischen Revolution

Contro i fascisti e padroni: Die italienische Landarbeiterbewegung


2. Revolution ist keine Parteisache: Der Rätekommunismus

Der rätekommunistische Kern: Die Arbeiter-Partei

Betriebsorganisation und Revolution: Der Unionismus

Keine Trennung in Partei und Gewerkschaft: Die Einheitsorganisation

Rote Kämpfer und internationale Gruppen

Theorie und Diskussion: Alle Macht den Räten, keine Macht über den Räten

Kritische Intellektuelle und die Erneuerung der marxistischen Theorie

Beurteilung der Sowjetunion aus rätekommunistischer Sicht

Anton Pannekoek und sein Hauptwerk Arbeiterräte

Kreativität des Sozialen: Die Gruppe Socialisme ou Barbarie

Ungarn 1956: Arbeiterräte, Selbstverwaltung und Revolution

An die Lebenden! Die Situationistische Internationale

Internationale Gruppen nach dem Zweiten Weltkrieg


3. Vogliamo tutto (Wir wollen alles): Der Operaismus

Wie alles anfing: die Quaderni Rossi

1962: Die ersten Zusammenstöße auf der Piazza Statuto

Mario Tronti: „... endlich ganz klar sehen, was seit Marx innerhalb der Arbeiterklasse

vorgegangen ist.“

Classe Operaia: Am Fließband sind wir alle gleich

1968/69: Es lebe die Spontaneität der Massen!

Einheit im Betriebskampf: Die Basiskomitees der CUB

Von Classe Operaia zu Potere Operaio

Rivolta Femminile: Die Revolte der Frauen

Ich liebe rot und schwarz: Die Gründung der Zeitung Primo Maggio 1973

Autonomie als Area: Nehmen wir uns die Stadt!

Es brennt, Leute, es brennt: 1977 und die Folgen

Die Welt verändern, ohne die Macht zu übernehmen: Der Postoperaismus

Arbeiteruntersuchung und Widerstand: Gruppen in anderen Ländern

Zusammenfassung der operaistischen Vorstellungen


4. The workers themselves: Der Syndikalismus

Nieder mit der Lohnsklaverei! Revolutionärer Syndikalismus in Frankreich

Lokale Autonomie und Revolution: Der Syndikalismus in Deutschland

One Big Union: Von Wobblies, Hobos und MigrantInnen in Nordamerika

No Pasarán! Die CNT und die soziale Revolution

Klasse gegen Klasse: Syndikalistische Basisgewerkschaften heute


5. Befreiung und soziale Emanzipation: Die Rückkehr der Kolonne Durruti

Das historische Verhältnis von Marxismus und Syndikalismus

Stärken und Schwächen der antiautoritären Klassenlinken

Kritik der kapitalistischen Produktionsweise

Gegen Fabrikdisziplin und Arbeitsgesellschaft

Klassenmacht gegen Staatsmacht

Was bleibt: offene Fragen und gesellschaftliche Diskussion



Abkürzungsverzeichnis

Quellen und weiterführende Literatur

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