Völlig entnervt stürze ich aus der Teeküche, nachdem wir uns in zweistündiger Auseinandersetzung nun doch noch auf eine, für alle zufrieden stellende, Lösung einigen konnten und mache mich von der Redaktionssitzung auf den langersehnten Nachhauseweg. Vor der Tram merke ich, dass es ja Montag ist und ich kein Geld habe, um mir ein MVV-Wochenticket zu besorgen. Naja, wird schon gut gehn’ diese Woche. Neben mir entdecke ich einen Freund und Mitstudenten, der mir mit den Worten „Des bast scho, nexte Woch bist du hoid dro“ das nötige Fahrgeld in die Hand drückt, mit dem ich völlig legal ins gemütliche Zuhause kutschieren kann. Kaum in der starkbevölkerten WG angekommen, muss ich mir das Geschimpfe des Herrn Mitbewohner anhören, dessen PC mal wieder von einem Virus lahm gelegt wurde. Mit einem hämischen Grinsen im Gesicht starte ich meinen Rechner, den die Open-Source-Gemeinde rund um Linux, Open-Office, Poorman’s CMS und wie sie alle heißen, recht passabel und natürlich virenresistent am Laufen hält. Heute soll ich also noch meinen Artikel für die Ethnologik fertig bekommen. Es dauert keine fünf Minuten, da muss ich zum ersten Mal Wikipedia bemühen, um die Lücken meines Wissenschaftsvokabulars zu füllen. Der entnervte Mitbewohner erklärt mir, dass heute wenigstens die dicke, langersehnte Kaffeebestellung eingetroffen ist und die ersten ungeduldigen Freunde des schmackhaften Espressos der zapatistischen Kaffeekooperative bereits vorbeigeschaut haben, um sich ihre Portionen abzuholen. Haben alle gezahlt? Wenigstens die meisten, der Rest pumpt, grüßt und dankt mal wieder. Ich meinerseits bedanke mich für die ablenkende Kaffeeidee. Mit meinem Lebenselixier in der Hand, bleibe ich gerne noch ein bisschen an der JungleWorld hängen, die wieder mal viel Stoff zur Diskussion bietet. Aus einer Art Hassliebe heraus haben wir uns entschlossen, zusammenzulegen und Teilhaber an diesem streitbaren Blatt zu werden, um es vor dem Untergang zu bewahren. Zurück am PC schaffe ich keine zwei Zeilen, da klingelt es an der Tür. Woher kommt ihr? Warschau. Soso, hab’ euch ehrlich gesagt vergessen aber cool, dass ihr da seid. Kaffee? Das lustige Pärchen, das sich auf unser Inserat beim Hospitality-Club angemeldet hat, um bei uns zu nächtigen, bietet also den heutigen Grund, meinen Artikel dann doch erst morgen zu verfassen. Denn selbstverständlich werde ich im Sommer ein Bett in Warschau brauchen können, wenn ich meine Osteuropa-Rundreise per Mitfahrzentrale starte.
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Posted by
faud1
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Published:
2011-12-24