Peter Kropotkin (+1921)
ein Nachruf aus "Der Syndikalist" Nr. 7 - 1921

Ein paar kurze Zeilen in der Presse brachten uns
die erschütternde Nachricht von Kropotkins Tod, nachdem eine ähnliche Notiz,
die schon vor einigen Wochen in zahlreichen Blättern erschienen war, sich als
verfrüht herausstellte. Eine Lungenentzündung, die den achtundsiebzigjährigen
Greis heimsuchte, war bereits glücklich überstanden, so dass die Ärzte erklärten,
dass jede Gefahr vorüber sei. Da trat ein Rückschlag ein und machte dem Leben
Kropotkins in der Nacht vom 8. Februar ein jähes Ende. Mit Kropotkin ist eine
der repräsentativsten und markantesten Persönlichkeiten unserer
Zeit dahingegangen, die in seltener Weise alle Eigenschaften eines
hervorragenden und ernsten Forschers auf verschiedenen Gebieten der Wissenschaft
und eines von tiefster Menschenliebe beseelten Idealisten in sich vereinigte.
Den höchsten Kreisen der russischen Aristokratie entstammend, brachte er
freudigen Herzens alle Vorrechte seines Standes zum Opfer, um für die Befreiung
des Volkes zu kämpfen. Seine unterirdische Tätigkeit unter den Arbeitern
Petersburgs, seine Leiden in den düstern Kasematten der Peter-Pauls-Festung,
seine waghalsige Flucht aus dem Spitale der russischen Zwingburg, seine dreijährige
Gefangenschaft in Frankreich und seine unermüdliche Tätigkeit für die Sache
der Elenden und Unterdrückten, der er bis zum letzten Augenblicke seines Lebens
treu geblieben ist, sind heute auch in Deutschland hinreichend bekannt.
Für den zeitgenössischen Sozialismus bedeutet der Tod Kropotkins einen
Verlust, der überhaupt nicht auszugleichen ist, da keiner der heutigen
sozialistischen Denker seinen Platz einnehmen könnte. Fragt man nach dem
Wesenskern von Kropotkins Lehre, so findet man den Schlüssel zu seinen Ideen in
seinem großartigen Werke "Die gegenseitige Hilfe - ein Faktor der
Entwicklung". Diese grandiose Philosophie der menschlichen Solidarität,
die das tiefste Innere unserer Seele mit unwiderstehlicher Macht ergreift, ist
nicht das Ergebnis der spekulativen Betrachtungen eines weltfremden Gelehrten,
sondern ein neuer lichtvoller Ausblick auf die Abspielung der sozialen
Lebenserscheinungen an der Hand konkreter wissenschaftlicher Forschungen und
Untersuchungen. Sie ist nicht nur eine glänzende Widerlegung der einseitigen
und beschränkten Auslegungen von Darwins These über den Kampf ums Dasein, die
den Vertretern des sogenannten "sozialen Darwinismus" mit Huxley an
der Spitze die Möglichkeit gab, den düstern Weissagungen Malthus' vom
"Tische des Lebens, der nicht für alle gedeckt ist", neuen Glanz zu
verleihen und sie angeblich auf einer "wissenschaftlichen Grundlage "
zu fundieren - nein, dieses Werk entwickelt auch die Grundzüge einer ganz neuen
Betrachtung über den Ursprung der ethischen Empfindungen, die sich auf die
wissenschaftliche Beobachtung der Natur stützt. Kropotkin zeigte uns, wie die
Betätigung der gegenseitigen Hilfe in der Tier- und Menschenwelt nicht nur die
Existenzmöglichkeit der Gattung erleichtert, sondern auch den einzelnen
Individuen bessere Aussichten im Kampfe gegen feindliche Kräfte und Verhältnisse
gibt, durch die Entwicklung ihrer Intelligenz und ihrer moralischen
Empfindungen, welche beide im menschlichen Zusammenleben begründet sind. Der
Mensch war nicht der Erfinder der Gesellschaft, die Gesellschaft und der
Instinkt der Soziabilität oder Solidarität wurde ihm schon von jenen Gattungen
als Erbschaft übermittelt, von denen er abstammt und die seiner Menschwerdung
vorausgingen. Dieser Geist der Sozialbilität, der den breiten Massen schon zum
Instinkt geworden ist, befruchtet die Initiative und die schöpferischen Tätigkeiten
der Völker.
Der fortwährende Kampf zwischen Autorität und Freiheit, zwischen
Staatssklaverei und freier Vereinigung, zwischen brutaler Gewalt und
gegenseitiger Verständigung, der sich in allen Zeiten der Geschichte abspielte,
ist nicht mehr wie eine Kundgebung zweier verschiedener Tendenzen in der
Gesellschaft, die sich stets feindlich gegenüber stehen. Die erste
Tendenz, welche die brutale Form des Kampfes ums Dasein vorstellt, ist ihrem
Wesen nach antisozial und erstrebt stets die Unterwerfung und Ausbeutung der
breiten Massen zugunsten privilegierter Minoritäten. Sie tritt stets auf in
irgendeiner Form der Autorität und war immer ein Hindernis für jede kulturelle
und gesellschaftliche Entwicklung. Die zweite Tendenz entspringt den sozialen
Instinkten der Massen; sie entwickelt ihren Betätigungstrieb und ihre schöpferische
Initiative und legt in Tausenden von Einrichtungen Zeugnis ab für ihre kulturfördernden
Kräfte.
Das Streben nach persönlicher Freiheit und wirtschaftlicher Sicherheit lebte
immer in den Massen, obwohl sein Ausdruck oft dunkel und unklar blieb. Es findet
heute seinen Ausdruck in dem politischen Radikalismus einerseits, der die
Einflusssphäre des Staates möglichst eng beschränken will, und andererseits
in den Bestrebungen des modernen Sozialismus, der die Formen des Besitzes einer
Änderung unterziehen will. Die Anarchie ist die letzte Schlussfolgerung des
politischen Radikalismus, indem sie den Staat im ganzen ausschaltet und dieses
Ziel als die Quintessenz aller politischen Freiheit begreift. Der Kommunismus
ist die äußerste Konsequenz des Sozialismus, indem er jedes Eigentumsmonopol
ausmerzt, jede Form des Lohnsystems verwirft. Die Vereinigung von Kommunismus
und Anarchie bildet den Inhalt des ganzen freiheitlichen Sozialismus, dessen
hervorragendster Vertreter Kropotkin gewesen ist.
Die ersten Denker des Sozialismus während der ersten Hälfte des vergangenen
Jahrhunderts waren förmlich hypnotisiert von der gewaltigen Entwicklung der
Industrie und dem technischen Fortschritt auf allen Gebieten der industriellen
Produktion. Daher kam es denn, dass sie der Industrie ihre Hauptaufmerksamkeit
zuwandten und die Landwirtschaft sehr vernachlässigt haben. Ging doch ein Teil
der russischen Marxisten später so weit, jede sozialistische Propaganda unter
den Bauern prinzipiell zu verwerfen, da dieselben ihrer Meinung nach für den
Sozialismus nicht empfänglich seien, solange sie nicht der Industrie zugeführt
würden. Auch die Lehren der klassischen Nationalökonomie, die in der
Arbeitsteilung und in der Zentralisation der Industrie eiserne Bestandteile der
industriellen Entwicklung im allgemeinen erblickten und dieselben wie ein
unfehlbares Dogma verteidigen, trugen viel dazu bei zu dieser einseitigen
Bevorzugung der Industrie durch die sozialistischen Denker.
Auch in dieser Beziehung hat Kropotkin bahnbrechend gewirkt, indem er das
Missverhältnis zwischen Industrie und Landwirtschaft zu heben suchte und einen
normalen Ausgleich zwischen denselben erstrebte. Kropotkin verwarf die Theorie
der Arbeitsteilung und bewies, dass dieselbe der Ertragfähigkeit der Produktion
keineswegs günstig, sondern direkt hinderlich ist. Indem man vergaß dass die
Produktion nur ein Mittel ist, das Leben angenehmer zu gestalten, aber
keineswegs der Zweck des Lebens, gelangte man notwendigerweise zu der
Auffassung, dass der Mensch für die Produktion und nicht die Produktion für
den Menschen existiere. In diesem Sinne war die sogenannte Arbeitsteilung zwar
eine sehr wichtige Voraussetzung für das kapitalistische Ausbeutungssystem,
aber keinesfalls für den Sozialismus, der
von einer direkt entgegengesetzten Auffassung ausging. Kropotkin predigte daher
die Arbeitseinheit, die vielseitige und abwechselnde Beschäftigung des Menschen
als die einzige Basis des Sozialismus Der Gelehrte Kropotkin berührt sich hier
in wunderbarer Weise mit dem Künstler William Morris, beide erwarteten von der
Arbeitseinheit eine Renaissance der menschlichen Rasse.
Aber Kropotkin zeigt uns auch an der Hand eines gewaltigen Materials konkrete
Tatsachen, dass die Zentralisation der Industrien eine vorübergehende
Erscheinungen unseres Wirtschaftslebens war und dass gerade die Verfeinerung
unserer Technik und die fortschreitende Einstellung des produktiven Schaffens
nach wissenschaftlichen Grundsätzen zu einer immer größeren Dezentralisation
der Industrien führt. Das Streben nach industrieller Selbständigkeit, welches
heute alle Völker erfasst hat, fördert diesen Prozeß der Dezentralisation in
ungeahnter Weise und gibt somit der wirtschaftlichen Entwicklung unserer Zeit
eine bestimmte Richtung, die sich immer klarer und deutlicher abhebt aus dem
Wust von Nebensächlichkeiten und Erscheinungen sekundärer Natur.
Doch es genügt nicht, diese Dinge zu erkennen, es gilt auch Hand anzulegen, um
den Lauf der Entwicklung zu beschleunigen und den Mächten der Vergangenheit
entgegenzutreten. Die schöpferische und konstruktive Kraft der
Massen hat zu allen Zeiten Institutionen und Einrichtungen zur
gemeinschaftlichen Verteidigung ihrer gemeinsamen Interessen ins Leben gerufen.
Solche Institutionen existieren auch heute in den Gewerkschaften, den
Kooperativorganisationen, den unzähligen Gruppen zur Förderung der
freiheitlichen Propaganda, den freien Schulen usw. Dort ist der Platz für die
Betätigung unserer Kräfte und die Entfaltung unserer revolutionären Ideen.
Nicht in den Institutionen der alten Welt ist unser Platz; nicht durch unsere
Betätigung in den verschiedenen Abteilungen des bestehenden Machtapparates fördern
wir die Sache der Befreiung und der sozialen Revolution; im Gegenteil, hier sind
die Sandbänke, an denen unsere Kräfte verebben, die Klippen, an denen unsere
Ideale zerschellen. Nur im direkten Kampfe mit den Unterdrückern blüht uns das
Heil.
Kropotkin selbst ist nie erlahmt in diesem Kampfe, und als die Revolution in
Russland ausbrach, da zögerte er keinen Augenblick, in die alte Heimat zurückzukehren,
obwohl er schon ein Greis von 74 Jahren war. Eine mächtige Persönlichkeit,
wirkte er stets inspirierend und aufrüttelnd auf seine Umgebung. Diejenigen,
welche das Glück hatten, sich seiner Freundschaft zu erfreuen, wissen am besten
und empfinden am tiefsten, was die Welt in diesem Manne verloren hat. Er war ein
Mensch aus einem Gusse, ein unermüdlicher Bejaher des Lebens, ein Herold der
Freiheit und der sozialen Gleichheit. An uns, seinen trauernden Schülern, ist
es nun, sein Werk fortzusetzen und der Freiheit eine Gasse zu brechen, auf daß
das Wort zur Wahrheit werde: "Brot und Freiheit für alle
Menschenkinder!"
R(udolf) R(ocker)
Literatur:
Peter Kropotkin:
Anarchismus und Syndikalismus (Auf dieser Webseite unter "Texte")
Der anarchistische Kommunismus. Seine Grundlagen und Prinzipien
Die Eroberung des Brotes. Wohlstand für Alle
Die gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt
Memoiren eines Revolutionärs
Über Peter Kropotkin:
Heinz Hug: Kropotkin zur Einführung
Max Nettlau: Geschichte der Anarchie 5 Bände
Diese Literatur ist z.T. erhältlich bei
FAU-MAT & Syndikat A