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Jean Heffner gestorben (* ; † 1927)

Vor einigen Tagen erhielt ich vom Gen. F. Kniestedt aus Porto Alegre in Brasilien einen Brief, in dem er mir den Tod eines alten Kameraden, Jean Heffner aus Mainz, anzeigte.

Vor einigen Tagen erhielt ich vom Gen. F. Kniestedt aus Porto Alegre in Brasilien einen Brief, in dem er mir den Tod eines alten Kameraden, Jean Heffner aus Mainz, anzeigte. Kniestedt berichtete mir auch, dass Heffner während der letzten Periode seines Lebens stark zu den Kommunisten  neigte und trotz seines Alters, getrennt von seiner Familie, ein ziemlich unstetes Leben in Brasilien geführt hatte. Ich habe Heffner für die letzten 25 Jahre vollständig aus den Augen verloren, aus diesem Grunde ist mir über sein Leben dort drüben im fernen Westen wenig zu Ohren gekommen. Aber der Tod des Alten weckt in mir Erinnerungen an alte, längst vergangene Zeiten, die meinem Herzen teuer sind, weil mir aus ihnen der lockende Glanz einer romantischen Jugend entgegenglüht. Wer war Jean Heffner? Von der jungen Generation in unserer Bewegung weiß es niemand, und von den älteren Genossen, die heute noch tätig sind, kenne ich nur zwei, die sich wahrscheinlich noch an Heffner erinnern dürften: August Kettenbach in Wiesbaden und, wenn ich nicht irre, Fritz Oerter in Fürth. Ja, wer war denn Jean Heffner? Einer von jenen, von deren Erdendasein kein Heldenbuch und keine Geschichte berichten wird, denn auch in unserer Bewegung weiß nur von denen zu erzählen, die der Sache durch Wort und Schrift gedient haben, und vergisst allzu oft derer, die nichts anderes einzustellen hatten, als den heißen Drang ihrer Herzen und die unbegrenzte Liebe für ein Ideal, daß sie mit dem trockenen Verstand zwar nie ganz erfassen, dafür aber um so stärker fühlen. Sie lassen den späteren Geschichtsschreiber nichts zurück, das ihnen irgendeinen Anhaltspunkt geben könnte, und nehmen alles, was sie gewesen und vermocht, mit in die Grube. Zu ihnen gehört Jean Heffner. Er hat in seinem ganzen Leben nie einen Artikel geschrieben und sogar die Briefe, die er manchmal notgedrungen schreiben mußte, sahen wunderlich genug aus. Ich habe noch ein paar solche Originale, und jedes Mal, wenn sie mir unter die Hände kommen, fällt mir ein Sonnstrahl in die Seele. Auch zum Volke sprach er nie, dass heißt, von keiner öffentlichen Tribüne, aber die Flößer, die damals den Rhein befuhren von Mannheim bis Rotterdam, sie konnten manches von Heffners mündlicher Propagandatätigkeit berichten. Diese robusten Gesellen standen seinem Herzen nahe, dann er füllte sich ihnen wesensverwandt. Allerdings war die Art und Weise wie er seinen Freunden den Unfug der gesellschaftlichen Ungleichheit vor Augen führte, für keusche Ohren nicht gemacht. Es wäre sehr interessant, dem Leser hier eine kleine Probe zum Besten zu geben, wie Heffner die Entstehung eines aristokratischen und eines proletarischen Menschen darzustellen verstand. Doch ich bin überzeugt, dass bei diesem Versuch der preußische Staat mit de ganzen Schärfe des Schutz- und Schundgesetzes gegen mich einschreigen würde.- Deshalb besser nicht. Aber wirkungsvoll war die Darstellung im höchsten Grade, und bei den Flößern konnte kein von uns Heffner auch nur annähernd das Wasser reichen. Und wenn er so im kleinen kreise seine Ansichten zjm besten gegeben hatte, griff er in einer oder die andere seiner unergründlichen Taschen und holte die Mostsche „Freiheit“ hervor, sein Leib- und Magenblatt, für dessen Verbreitung ihm keine Arbeit zu gefährlich oder zu schwer war. Auch die „Gottespest“, die „Eigentumsbestie“ und den „Narrenturm“ von Most hatte er stets auf Lager. Kropotkin und Reclus machten keinen besonderen Eindruck auf ihn, aber Most! Ich sehe ihn noch heute vor mir stehen. Wir hatten gerade ein großes Quantum der „Freiheit“ erhalten, darunter auch 40 oder 50 Stück von einer Nummer mit einem Leitartikel von Most, „Syphilisiert!“ betitelt, der so viele haarsträubende Majestätsbeleidigungen enthielt, dass es noch den damaligen Gesetzen bequem für acht bis zehn Jahre Zuchthaus gelangt hätte, Heffner strahlte. Das war eine Sprache, die sein herz erquickte. „Ruddel“, sagte er im unverfälschten Mainzer Strassendialekt zu mir – er sprach überhaupt nur im Dialekt -, Ruddel, so kann äm jo vor Fräd de Schlag rihrn, wann mer sieht, wie der Most dene Lumbe de Kommel reiwe dut; der Verstehts, äm die Sach zu verklickern!“ Von dieser Nummer hatte Heffner so viele Exemplare verbreitet, bis Most uns endlich schriebe, dass das Blatt vollständig vergriffen sei. Darauf sammelte Heffner unter den Flößern Geld und ließ den Artikel Mosts als Flugblatt in einer kleinen Druckerei in Frankfurt a. Main herstellen. Ich glaube überhaupt nicht, dass ich zur damaligen Zeit in ganz Deutschland ein Genosse gefunden hat, der so viel Mostsche Literatur verbreitete wie Heffner. Wie ich ihn kennenlernte? Ich erinnere mich der Sache noch, als wäre es gestern geschehen. Es war kurz nach dem Fall des Sozialistengesetzes, als innerhalb der Sozialdemokratie der Kampf zwischen den Jungen und Alten tobte. Die Anarchisten, die bis dahin ihre Propaganda nur im geheimen ausführen konnten, machten nun die ersten Versuche, in die Öffentlichkeit zu treten. So machten wir auch in Mainz Anstalten, die erste öffentliche Anarchistenversammlung abzuhalten. Die Versammlung fand statt in der Neubrunnengasse, und ich, damals noch ein blutjunges Bürschchen, hatte das Referat übernommen, um die Zuhörer mit den Zielen der Anarchisten Bekanntzumachen, so gut, wie ich es damals verstand. Das Lokal war dicht mit Menschen gefüllt, und ich sprach mit dem ganzen Feuer der Jugend. Als die Versammlung zuende war, tat plötzlich ein hochgewachsener Mann mit schwarzem Vollbart und energischen Gesichtsausdruck auf mich zu und lud mich ein, ein Glas Bier mit ihn zu trinken. Ich folgte der Einladung. Als wir nur mehrere am Tisch zusammensaßen, klopfte mir der Fremde mit seiner mächtigen Tatze wohlwollend auf die Schulter und sagte: „Endlich habe ich meine Leute kennengelernt. Ich wollte schon längst mit den Nihilisten bekannt werden“. Wir kamen nun ins Gespräch, und ich erfuhr, dass er einen damals ziemlich verbreiteten Schundroman, „Die Totenfelder von Sibirien“, gelesen hatte, in dem die Person Bakunins eine große Rolle spielte. Heffner, denn er war der Fremde, hatte diesen Roman der die haarsträubendsten Dinge enthielt, förmlich verschlungen. So war es kein Wunder, dass er gleich bei unserem ersten Zusammensein die Frage an mich stellte, wo Dynamit zu bekommen sei. Natürlich erregte diese Frage meinen Verdacht und ich warnte die Genossen, vor ihm auf der Hut zu sein. Wir beobachteten ihn unauffällig und fanden heraus, dass mein Verdacht nicht begründet war. So näherten wir uns ihm immer mehr, bis wir ihn endlich in unsere Gruppe aufnahmen. Wir haben es nie bereut. Keiner verbreitete so viel verbotene Literatur wie er. Von Beruf Maurer, ließ er sich nie nehmen, in der Nacht vor dem 18. März an irgendeiner unzugänglichen Stelle eine rote Fahne aufzupflanzen. Einmal hatte er auf die Mainzer Eisenbahnbrücke in schwindelnder Höhe eine Fahne so geschickt angebracht, dass die Feuerwehr fast einen halben Tag Arbeit hatte, um das gefährliche Tuch unter der Aufsicht der Polizei zu entfernen. Unter den zahlreichen Zusehern, die den köstlichen Schauspiel schmunzelnd zusahen, stand Heffner in der ersten Reihe. Er konnte sich unbändig freuen, wenn ihn so ein Streich gelungen war, und der der Polizei, die ihn stets auf der Spur war, ein Schnippchen geschlagen hatte. Er kannte jedes Haus in der Stadt, das zwei Ausgänge hatte, jeden Winke, wo er unliebsame Begleiter am sichersten versetzen konnte, und die Polizei hatte ihre liebe Not mit ihm. Heffner hatte stets verbotene Literatur im hause, aber trotzdem er fast jede Woche regelmäßig behaussucht wurde, konnte die Polizei nie etwas finden bei ihm. Darüber geriet besonders ein Polizeikommissar, ein gewisser Lämmersdorf, in wilde Wut und ließ bei einer Gelegenheit sogar den ganzen Fußboden aufreißen. Allein gefunden wurde trotzdem nichts. Dabei war die Sache sehr einfach. Heffners Wohnung bestand aus drei Zimmern im dritten Stock. Das erste Zimmer hatte nur ein Fenster, das auf den Korridor führte, so dass man immer sehen konnte, wer die Treppe hinaufkam. Das Fenster des dritten Zimmers aber führte auf einen schmalen Hof, der nur den Arbeitern einer Bäckerei im Untergeschoß zugängig war. An diesem Fenster hatte Heffner ein großes Blumenbrett angebracht. Unter dem Brett befand sich ein großer Haken, an dem die verbotenen Ware sorgfältig im Wachtuch eingehüllt und an einem langen Seil befestigt, hing. Die Wohnung war stets verschlossen und Frau und Kinde hatten den strikten Auftrag, die Tür nie offen zu halten. Klopfte es nun und man sah, dass Polizei vor der Tür stand, so lief man sofort ins Hinterzimmer, verständigte durch ein besonderes Zeichen einen der Bäcker im Erdgeschoß, der mit Heffner eng befreundet war, und ließ das gefährliche Päckchen rasch am Seile in den Hof hinab, wo es sofort in Empfang genommen wurde. Dann wurde die Tür den Hütern des Gesetzes geöffnet, aber zu finden war nichts mehr. Sogar der jüngste Sohn Heffners, damals ein Junge von sechs Jahren, war so geübt in der Arbeit, dass er nie versagte. Heffner war eine geborene Rebellennatur. Theoretische Fragen interessierten ihn wenig. Er war ein Mann der Tat mit starken terroristischen Neigungen, dabei ein Mensch von großer Herzensgüte, der das letzte hergeben konnte, um einem anderen zu helfen. Er war unzählige Mal im Gefängnis und geriet durch die ewigen Verfolgungen in eine solche Not mit seiner Familie, dass er sich endlich entschließen musste, den Staub der Heimat von den Stiefeln zu schütteln, und nach Brasilien auszuwandern,. Nun ist er dort gestorben auf fremder Erde, ein Mann, der nach meiner Schätzung nicht weit von den Siebzig sein konnte. Welche Wandelungen er dort drüben immer durchgemacht haben mochte, er blieb bis zum letzten Atemzug ein Rebell, der sicher das Beste, über das er verfügte, seiner Sache zum Opfer gebracht hatte.

R. Rocker

Aus „Der Syndikalist“, Nr. 47/1927

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