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Zur Kultur der sexuellen Befreiung - Für eine Renaissance des Feminismus

Am Hindukusch verteidigt die Bundeswehr ja bekanntlich nicht bloß deutsche Interessen, sondern vor allem auch die Rechte von Frauen. Diese propagandistische Rechtfertigung des Afghanistan-Krieges ist das deutlichste Beispiel dafür, wie im Zuge der Assimilierung von Protest Begriffe wie „Emanzipation” und „sexuelle Revolution” in den letzten Jahrzehnten pervertiert wurden.

In fast allen europäischen Staaten war die rechtliche Gleichstellung von Frauen und Männern in der ersten Umbruchsphase 1916-1925 nur als Stückwerk verlaufen: Zwar wurden in dieser Zeit Frauen die Bürgerrechte wie etwa das Wahlrecht zugesprochen, doch blieben vor allem in juristischen und arbeitsrechtlichen Fragen Männer weiterhin klar überprivilegiert. Die Rechte auf Selbstbestimmung der Finanzen und des Haushaltes, auf Arbeit, Gleichstellung im Job, auf Abtreibung u.v.m. wurden erst im Zusammenhang mit der weltweiten Revolte von 1968 sowie ihrer Folgegeneration erkämpft. An diese Kämpfe dockte eine emanzipatorische Linke an. In den 60er und 70er Jahren stellte der radikale Feminismus eine soziale Bewegung dar, die den westlichen Herrschenden durchaus bedrohlich wurde. Ohne den Druck dieser Radikalität wäre der bürgerliche Feminismus als Ventil womöglich weitaus weniger erfolgreich geblieben, als er ohnehin schon ist: Berufliche Chancengleichheit existiert auch heute meist nur auf dem Papier.

Sexuelle Befreiung und Herrschaftskritik

Libertäre Freidenkerin: Franziska zu Reventlow (1871-1918)
Libertäre Freidenkerin:
Franziska zu Reventlow (1871-1918)

Jahrzehnte, wenn nicht sogar Jahrhunderte lang war in undogmatischen linken Kreisen sowie der anarchistischen Szene der Bruch mit der bürgerlichen Moral immer mit dem Postulat einer „freien Liebe” verbunden. Auf sie referierten Männer und Frauen durchaus unterschiedlich: Während männliche Autoren meist die Scheinheiligkeit einer prüden Gesellschaft anprangerten, ging es libertären Frauen vor allem auch darum, die Existenz einer eigenen Sexualität überhaupt erst in den Diskurs einzubringen. Es war zum einen ein Aufbegehren gegen die beliebige sexuelle Verfügbarkeit von Frauen gegenüber ihren Ehemännern; darüber hinaus gelang es in erster Linie libertären Frauen, ein Forum für die Thematisierung von weiblicher Sexualität zu schaffen, die in der Gesellschaft meist schlichtweg geleugnet wurde. Exemplarisch dazu Franziska Reventlow, eine literarisch-politische Freundin Erich Mühsams: „Vielleicht entsteht noch einmal eine Frauenbewegung in diesem Sinn, die das Weib als Geschlechtswesen befreit, es fordern lehrt, was es zu fordern berechtigt ist, volle geschlechtliche Freiheit, das ist, freie Verfügung über seinen Körper". Erich Mühsam unterstützte diesen Ansatz: „Allein die Vorstellung macht mich schaudern, dass es Frauen gibt, die im ganzen Leben nur ihren glatzköpfigen, schmerbäuchigen, kloßhändigen, schweißrüchigen Ehegatten geküßt haben.” Wahrscheinlich trägt der Umstand, dass Erich Mühsam, Autor der Studie „Die Homosexualität. Ein Beitrag zur Sittengeschichte unserer Zeit” als heterosexueller Mann bereits um 1905 praktische Solidarität mit Opfern sexueller Unterdrückung ausübte, dazu bei, dass in seine zahlreichen erotischen Gedichte meist durchaus ein feministischer Inhalt interpretiert wird. In der heutigen Debatte um Bertold Brecht trifft dies jedoch viel weniger zu. Bei ihm gehen die Meinungen weit auseinander: Für die einen sind Brechts erotische Werke ein proletarisches Gegenstück zur verklärten platonisch-geistlichen Darstellung von Liebe in der bürgerlichen Hochkultur; aus der Sicht eines konsequent de-konstruktivistischen Ansatzes sowie der Gender-Studies wird hier hingegen der patriarchale Blick auf Sexualität reproduziert. Brecht ersetzte die spezifische sexuelle Verfügbarkeit von Frauen gegenüber einem einzigen Ehemann durch eine prinzipielle gegenüber allen Männern.

Sexuelle Revolution: 1968 in Berlin, 2009 in Kabul?

Dass in den Slogans und Phrasen der 68er Revolte und ihren Folgen die negative Kehrseite einer „sexuellen Befreiung der Gesellschaft“ bereits angelegt war, wird heute breit diskutiert. In der Utopie einer Welt, in der die „Triebe befreit” seien, schwang zwar immer auch das Recht auf Faulheit und Selbstbestimmung mit; in der Praxis setzten jedoch viele Männer ihre Interpretation solch einer „Befreiung” als sexuelles Druckmittel gegen Frauen durch. Dieses Umschlagen einer freiheitlichen Idee zum Unterdrückungsmechanismus stand von Anfang an im Zusammenhang mit der Vereinnahmung der Bewegungen durch den gesellschaftlichen Rahmen; vor allem jugendliche Männer erkämpften sich eine Freiheit, für die die Unterhaltungsindustrie einen reichhaltigen Markt erschuf. Der bis dato „inhaltslose” Körper der gesellschaftlich unsichtbaren Frau wurde zu einem Produktionsfaktor, der weit über Prostitution und Pornografie hinausging. Sex sells, diese Zweiwörter-Weisheit ist ein dem heutigen Diskurs um Sexualität tief zu Grunde liegendes Element. Durch das medial verbreitete Bild einer ständig dem Schönheitsideal entsprechenden, sexuell ständig begehrenden und verfügbaren Frau werden Milliarden in Werbung, Mode, Film, Internet, Ernährungsindustrie und Pharmazie umgesetzt. Tiefe psychische und physische Verletzungen von Frauen und Mädchen sind die Folge; magersüchtige Tendenzen bei jedem dritten Schulmädchen sind nur ein Beispiel von vielen. Die Darstellung des Afghanistan-Krieges als Befreiungsfeldzug gegen die Unterdrückung von Frauen erzeugt in diesem Zusammenhang das Bild, als ob es für Frauen weltweit nur zwei Perspektiven gäbe: entweder ein Leben in Burka und Knechtschaft oder als Magersüchtige in pornografischer Dauerselbstdarstellung, ein Bild, das dem Islamismus direkt in die Hände spielt. Religiöse und kommerzielle Frauenverachtung reproduzieren sich in diesem Krieg gegenseitig.

Martha Johannsen


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