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Wieso Betriebsbesetzung?

„Es ist nicht so, dass wir mehr Geld wollen. Wir wollen nur unsere Arbeit, nicht mehr Geld. Den Frieden und unsere Arbeit, das ist alles.“ - Diese Aussage stammt aus einem Gespräch zwischen zwei Arbeitern, die während des 35-tägigen Streiks in den Officine von Bellinzona das besetzte Werk bewachen.1 Sie zeigt, wie sich der Schwerpunkt gewerkschaftlicher Kämpfe verschoben hat. Streiks um Lohnerhöhungen, so berechtigt sie auch wären, sind selten geworden oder werden als gewerkschaftliche Scheinkämpfe geführt (Beispiel: IG Metall in Deutschland). Wenn heute Arbeiterinnen und Arbeiter auf die Barrikaden steigen, dann geht es meistens um Massenentlassungen und Betriebsschliessungen, kurz: um die wirtschaftliche Existenz. Aktueller denn je ist die alte Wahrheit, wonach der moderne Arbeiter nur lebt, solange er Arbeit findet und nur solange Arbeit findet, als seine Arbeit das Kapital vermehrt....

Die Kundgebung vom Samstag, 17. April hat gezeigt, dass die Beschäftigten der Karton Deisswil bereit sind, gegen die Schliessung ihrer Fabrik zu kämpfen, und dass es solidarische Menschen gibt, die sie unterstützen. Diesem ersten Schritt müssen rasch weitere Folgen, damit ein machtvoller Widerstand aufgebaut und die Schliessung verhindert werden kann. Ein weiterer Schritt könnte die Besetzung der Fabrik durch die Beschäftigten sein. Es gibt gute Gründe dafür.

1. Die Beschäftigten bleiben zusammen und können sich gegenseitig stärken.

Das ist besser, als zu Hause zu sitzen und vielleicht sogar depressiv zu werden. Ein von den Beschäftigten besetzter Betrieb stärkt die Belegschaft im Kampf gegen die Schliessung: Wenn einer niedergeschlagen ist, wird er von den andern getröstet, wenn er verzweifelt ist, machen ihm die andern Mut. Ein besetzter Betrieb ist für alle Beteiligten eine grosse Herausforderung: Es gibt eine grosse Zahl von Personen, die täglich verpflegt werden müssen, der Betrieb muss rund um die Uhr bewacht werden. Jede und jeder ist nützlich und kann seine Fähigkeiten und Kenntnisse zum Wohle aller einsetzen.
Niemand fühlt sich überflüssig und allein. So entsteht auf der Grundlage der Solidarität und der gegenseitigen Hilfe eine Gemeinschaft, die unbesiegbar ist.

2. Ein von den Beschäftigten besetzter Betrieb wird zu einem sozialen Zentrum, einem Ort der Begegnung und der Solidarität für die
ganze Bevölkerung.

Ein besetzter Betrieb steht allen solidarischen Menschen offen. Beschäftigte anderer Betriebe, Menschen von nah und fern kommen vorbei und bezeugen ihre Solidarität. In den besetzten SBB-Werkstätten von Bellinzona beispielsweise wurden ganz verschiedene Anlässe organisiert:
Konzerte, Theater, Aktivitäten für die Kinder, geführte Rundgänge, um den Leuten die Tätigkeit des Betriebes näher zu bringen. Die Beschäftigten gingen in die Schulen, um ihren Kampf zu erklären. Zudem wurden Arbeitsgruppen gebildet und die Gemeinden angefragt, ob sie Leute brauchen können, um Wege zu säubern oder für ähnliche Tätigkeiten. Ein besetzter Betrieb, der von der Solidarität der Bevölkerung getragen ist, wird zu einem Faktor, der von den Mächtigen ernst genommen werden muss.

3. Ein von den Beschäftigten besetzter Betrieb setzt die Gegenseite wirksam unter Druck.

Eine Verhandlungsdelegation, die mit leeren Händen an den Tisch sitzt, wird zum blossen Bittsteller. Verhandlungen, die vor dem Hintergrund eines besetzten Betriebes geführt werden, schaffen eine völlig neue Ausgangslage. Die Gegenseite weiss, dass sie einer Verhandlungsdelegation gegenüber sitzt, die eine geeinte Belegschaft im Rücken hat. Ganz unabhängig davon, in welche Richtung die Verhandlungen gehen, stärkt ein besetzter Betrieb die Verhandlungsmacht der Beschäftigten.
Der Kampf gegen die Schliessung ist ein Wettlauf gegen die Zeit. Jeder Tag, der nutzlos verstreicht, ist für die Beschäftigten ein verlorener Tag. Es ist darum wichtig, dass die genannten Gründe für eine Betriebsbesetzung ab sofort breit diskutiert werden, damit die Beschäftigten demnächst entscheiden können, ob und unter welchen Voraussetzungen sie allenfalls den Weg einer Betriebsbesetzung beschreiten wollen, um ihre Fabrik zu verteidigen.

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Ende Januar 2009 ist die Broschüre Betriebsbesetzungen als wirksame Waffe im gewerkschaftlichen Kampf - Eine Studie aktueller Beispiele von Rainer Thomann (hier als pdf-Datei mit 2MB) erschienen. Sie enthält die Beispiele Officine von Bellinzona, Borregaard-Attisholz bei Solothurn, INNSE Mailand, IVECO Suzzara und Holcim Torredonjimeno. Die Broschüre kann für 3 Franken (bzw. 2 Euro) plus Versandkosten bezogen werden bei indiana.thomann(ätt)bluewin.ch.oder beim Syndikat A Medienversand

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