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Südafrikas Gewerkschaften vor einer Eruption

Die Spaltung des ANC und die Enttäuschung über die Regierungspolitik der ehemaligen Befreiungsbewegung in weiten Teilen der Arbeiterklasse und der Elendsviertelbewohner bringen den mitregierenden, größten Gewerkschaftsbund COSATU in eine heikle Lage. In einem nur über seine Mailingliste verbreiteten Artikel vom 12.11.2008 zieht der in der Nähe von Kapstadt lebende Anti-Apartheid-„Veteran“, sozialistische Journalist, Buchautor und Gewerkschaftsexperte Terry Bell eine Zwischenbilanz der südafrikanischen Gewerkschaftsbewegung vor einem - aller Wahrscheinlichkeit nach - sehr bewegten Jahr 2009. Da der Text keinen Titel hatte, haben wir uns erlaubt, selbst einen zu wählen, der die Kernaussage zusammenfasst. Im Epizentrum einer möglichen Eruption.
Terry Bell

Die südafrikanische Arbeiterbewegung befindet sich in einem Zustand des Flusses. Die der COSATU angeschlossenen Unions und der Gewerkschaftsbund selbst stehen im Epizentrum einer potentiellen Eruption, die in einige bedeutende Neuausrichtungen münden kann.

In den letzten zwei Wochen ist klar geworden, dass die Auswirkungen der Säuberungsaktionen, die nach der nationalen ANC-Konferenz in Polokwane im Dezember 2007 ((und dem dortigen Sieg des von der KP unterstützten, korrupten Linkspopulisten Jacob Zuma)) sowie die Brüche innerhalb des ANC Spannungen hervorgerufen haben, die weiter wachsen werden und noch mehr Fragen über das Verhältnis zwischen Gewerkschaften und politischen Parteien aufgeworfen haben. Das Vorgehen der Exekutive der National Union of Metalworkers (NUMSA), die beschlossen hat, den Namen des ersten Generalsekretärs der Gewerkschaft, Moses Mayekiso, zu löschen, hat überall in der Bewegung Groll hervorgerufen.

Der NUMSA-Vorstand hat beschlossen, dass Mayekiso, nach dem das Konferenzzentrum benannt wurde, zu einem „Verräter“ (a sell-out) geworden ist, weil er aus dem ANC ausgetreten ist und sich dem entstehenden Congress of the People (COPE) angeschlossen hat. Als erster Schritt zur Beseitigung des Bezugs auf Mayekiso wurde sein Name am Eingang des Konferenzzentrums mit einer schwarzen Fahne verhängt.

„Das zu tun, war dumm“, sagt ein regionaler Funktionär. Er behauptet, dass sich NUMSA-Mitglieder in Automobilwerken in der Eastern-Cape-Provinz und in verschiedenen Branchen in anderen Landesteilen als Reaktion darauf im Laufe der vergangenen Woche getroffen hätten, um die Möglichkeit einer Abspaltung von der Gewerkschaft und dem COSATU zu diskutieren.

Eine ähnliche Situation gibt es in der South African Teacher’s Union (SADTU) über die Absetzung des Gewerkschaftsvorsitzenden Willie Madisha und nachfolgende Ereignisse. Madisha bereitet jetzt angeblich die Gründung einer allgemeinen Gewerkschaft für unzufriedene Mitglieder aus den COSATU angeschlossenen Einzelgewerkschaften vor. Wie auch immer, Führer von COSATU-Unions bestreiten weiterhin, dass es irgendwelche ernstzunehmenden Schwierigkeiten in den Gewerkschaften gäbe.

Letzte Woche behauptete COSATU-Generalsekretär Zwelinzima Vavi als Gastredner auf dem Kongress der Federation of Unions (FEDUSA) in Boksburg, dass die COSATU ihr selbst gestecktes Ziel von zwei Millionen Mitgliedern in den angeschlossenen Branchengewerkschaften erreicht habe. Dies implizierte die Behauptung, dass der Gewerkschaftsbund stärker und stärker werde.

Als Antwort auf den Kommentar eines anderen Gastredners, des Witwatersrand University-Professors Eddie Webster rechtfertigte Vavi die Mitgliedschaft seiner Föderation in der ANC-geführten Allianz mit der Aussage, dies sei notwendig gewesen, um die Apartheid abzuschaffen. Ohne dies – so seine These – hätte es keinen Übergang zur gegenwärtigen parlamentarischen Demokratie gegeben.

Eine Antwort auf das, was Webster zur andauernden Allianz zwischen Gewerkschaften und zu Regierungen gewordenen Befreiungsbewegungen gesagt hatte, nämlich dass diese der Gesundheit der Gewerkschaften abträglich seien, blieb er allerdings schuldig. Webster hatte darauf hingewiesen, dass eine solche fortdauernde Allianz aus Gewerkschaften allem Anschein nach entweder reine Transmissionsriemen für die herrschende Partei macht oder zu ernsthaften Spaltungen innerhalb der Organisationen führt.

Das Letztere scheint innerhalb der COSATU der Fall zu sein. Sie hat sich in ein Schlachtfeld verwandelt, auf dem die Fraktionen, die die Schismas innerhalb des ANC repräsentieren, zunehmend mit dem Dolch in der Hand herumlaufen. Die Frage, ob und wie diese ideologischen Waffen wieder weggesteckt werden können oder ob sich die gegenüberstehenden Gruppen in mehr oder weniger verfeindete Lager verwandeln, wird in den kommenden Monaten eine kritische Angelegenheit sein.

Dennoch sind alle vier Gewerkschaftsbünde des Landes dem Konzept der Arbeitereinheit und der Idee einer einzigen Föderation der Arbeit verpflichtet. Die drei „unabhängigen“ Bünde FEDUSA, der National Council of Trade Unions (NACTU) und die Confederation of South Africa Workers’ Unions (CONSAWU) haben sich bereits – als einen ersten Schritt auf dem Weg zur Einheit – zur South African Confederation of Trade Unions (SACOTU) zusammengeschlossen.

SACOTU plant jetzt einen Gewerkschaftsgipfel Anfang nächsten Jahres, um den weiteren Weg der Arbeiterbewegung zu diskutieren. Bei dieser Gelegenheit sollte das künftige Gesicht der Bewegung deutlich werden.



((Vorbemerkung, Übersetzung aus dem Englischen, Titel, Hervorhebungen und Einfügung in doppelten Klammern: Gewerkschaftsforum Hannover))
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COSATU-Generalstreik in Johannesburg Mitte Mai 2006

Anmerkungen


(1) mehr Info's zur Arbeiterbewegung in Afrika gibt es auf den Seiten von ZABALAZA

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