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Stunk machen

„Ein schrecklicher Gestank – der Geruch von verwesenden toten Tieren,“ sagt der linke Aktivist Dr. David Nir entrüstet. Seit drei Jahren hat er an den Protest-Demos gegen die Trennungsmauer teilgenommen. Aber darauf war er nicht vorbereitet: vor drei Wochen bei einer Demo im Westbankdorf Na’alin machte er persönlich die Erfahrung mit dem Debut von Boash – dem Stinktier/ Skunk – einer neuen Methode, um Demonstrationen aufzulösen, die von der israelischen Polizei entwickelt worden war.

„Mit den Gummi ummantelten Stahlkugeln, den Tränengasgranaten und den
Wasserwerfern hatten wir Erfahrungen, daran waren wir gewöhnt. Aber
plötzlich kamen zwei Grenzpolizisten mit seltsamen Paketen auf ihrem
Rücken und begannen die Demonstranten mit einer Flüssigkeit zu besprühen“,
sagte Nir. „Es war schrecklich. Einige Leute wurden vollkommen durchnässt.
Zum Glück war es mir gelungen, etwas am Rande zu bleiben, und so bekam ich
nicht zu viel davon ab, aber der Geruch blieb auch an mir. Er wurde von
meiner Haut aufgenommen. Es war wirklich sehr unangenehm. Ich konnte den
Gestank nicht aushalten.“ …

„Eine Woche nach der Demo in Na’alin, kam ein weißer LKW zu der Demo in
Bilin,“ fährt Nir fort. « Er näherte sich uns, und wir versuchten, Distanz
zu halten.“ Der LKW hielt neben dem Zaun an , „dann hörten wir den Motor,
wie er stärker wurde, um kondensierte Luft zu schaffen, die die
Stinkspraykanonen antrieb. Und dann kam es: starke Güsse von einem faul
riechenden Spray, der uns überschüttete und diejenigen direkt traf, die
innerhalb eines Radius von 30-50 Meter standen und nicht weggingen. Da der
Wind die selbe Richtung hatte wie der Spray aus den „Kanonen“ wurden die
meisten von uns in Gestankdämpfe eingehüllt, die auch in die Lungen
drangen. Auf dem Weg zurück nach Tel Aviv ließen wir die Fenster offen.
Aber wir konnten den Gestank nicht los werden, auch nicht als wir uns mit
Deodorant besprühten. Es gibt keine Worte, dies zu beschreiben. Es ist der
schlimmste Gestank, den man sich vorstellen kann. Es ist eine Erfahrung,
die dem Springen in eine Klärgrube gleich kommen würde. Die Palästinenser
nennen dies einfach ‚Shit’.“



Die Grenzpolizei führte das Skunk als ein neues Mittel im Dienst der
Polizei ein, das jeden Demonstranten um sein Leben laufen lässt, weil es
ein schrecklicher Gestank ist“, erklärt die israelische Polizei stolz auf
ihrer Website am 17. August etwa eine Woche, nachdem sie dieses das erste
Mal ausprobiert hatte.

Inzwischen sind die Hersteller des neuen stinkenden Produktes auf der
Beit Shemesh-Polizei-Station zufrieden: mit ihrer Erfindung wurde ein
kleines Chaos geschaffen. Generalmajor Yaki Azulai von der
Israel-Polizeioperationsdivision, der für die Einheit gegen Terror und
öffentliche Störung zuständig ist, sagt, die Entwicklung des neuen Mittels
habe vor drei Jahren begonnen: „Unser Ziel war es, ein besseres Mittel zu
schaffen, das der Polizei bei Massendemonstrationen hilft. Die israelische
Polizei prüft ständig Mittel, die sie gebrauchen kann. Manchmal finden wir
etwas auf dem Markt und manchmal müssen wir selbst etwas entwickeln.



Jahrelang wurden Hunderte von Vorschlägen zur Entwicklung von nicht
tödlichen Waffen von der Polizei untersucht. Nach den Vorfällen vom
Oktober 2000, bei denen 13 arabische Israelis durch scharfe Schüsse von
der Polizei getötet wurden, verstärkten sich die Bemühungen solche (nicht
tödlichen) Waffen ins System aufzunehmen. Erst letzte Woche veröffentliche
die israelische Polizei eine internationale Neuheit für „Geräte in der
Entwicklung oder originelle Ideen für die Entwicklung von weniger
tödlichen Waffen.“



Nun ist der Skunk die neue Hoffnung für die Grenzpolizei geworden, die
entlang des Zaunes/der Mauer stationiert wurde: „Wir betrachten dies als
eine neue und effektive Abschreckungskraft,“ sagt Azulai. „Bis jetzt
benützte die Polizei im Grenzgebiet vor allem Pfeffergas, Wasserkanonen
und berittene Polizei, aber wir schauen nach weniger tödlichen Mitteln.
Das Skunk wurde aus der Notwendigkeit nach Mitteln heraus entwickelt, die
den Demonstranten so wenig Leid als möglich zufügen, die den Schaden
begrenzen und den Kontakt zwischen Demonstranten und Polizisten
verunmöglichen. Wir haben nicht die Absicht, jemandem Leid zuzufügen. Die
Polizei respektiere das Recht zur Demonstration, aber wir haben die
Verantwortung, die öffentliche Ordnung zu erhalten, Wir gehen dazwischen,
wenn Demonstrationen außer Kontrolle geraten, wie im Falle von Na’alin und
Bil’in, wo Demonstranten systematisch versuchen, den Zaun oder mechanische
Geräte zu beschädigen versuchen. ( Die Demos in Naalin und Bilin sind
gewaltfrei !!! ER)



(Zusammenfassender Bericht der Übersetzerin: David Ben Harosh ist im
nationalen Hauptquartier in Ramleh verantwortlich für die Entwicklung
dieser neuen Abschreckungswaffe Skunk: eine Flüssigkeit nur aus
organischen Stoffen. Die Zusammensetzung ist geheim und einzigartig, die
Hauptkomponenten seien Hefe und Protein.

Ein Gesundheitstrank? Ja, man könne es trinken – das einzige Problem ist,
dass es einen schrecklichen Geruch hat.

Wird es auch innerhalb der Grünen Linie verwendet?

Skunk sei nicht für Bilin und Naalin entwickelt worden. Es soll später auf
jeder Polizeistation gelagert werden. Doch im Augenblick gibt es noch
Probleme damit: die ganze Polizeistation stinkt danach, selbst wenn es in
fest verschlossenen Containern lagert….)



Symbolische Dimension

Den schrecklichen Gestank zu neutralisieren, ist zur Obsession der
Demonstranten von Bilin und Naalin geworden.

Ein paar Tage nach der ersten Anwendung von Skunk gab es schon allerlei
Legenden, wie man mit diesem ungewöhnlichen Gestank umgehen muss, um ihn
los zu werden“ sagte Kobi Snitz, ein Professor für Mathematik am Technion
(Haifa) und ein Aktivist bei den Anarchisten gegen die Mauer. „Ich hörte
von vielen Versuchen der Leute, um den Gestank los zu werden: man
versuchte mit Essig, mit feuchtem Salz , mit einem Bad im Meer. „ Mit
einer halben Stunde im Meer erreichte ich mehr als unzähligen Duschen mit
Seife…“

Ahad Huja, 52, berichtet: „ Ich näherte mich einem der Polizisten, um ihm
zu sagen, dass wir Erwachsene sind, die eine friedliche Demo abhalten
wollen. Da besprühte er mich mit dieser Substanz; nie in meinem Leben
hatte ich so etwas Ekelhaftes gerochen. Ich war sehr gedemütigt. Ich wurde
den Gestank nicht los. Ich ging schnell nach Hause, wechselte meine
Kleidung und duschte mich. Aber nichts half. Das ganze Haus stank danach.
Der Gestank ging in alles, in die Nahrung, in die Wände ,,, die Kinder
wollten nichts mehr essen. Nach mehreren Duschen versuchte ich, meinen
Körper mit Chlor zu reinigen. Auch das half nichts … Noch nach einer Woche
konnte jeder schon aus einiger Entfernung den Gestank an mir
wahrnehmen“.

Dr. Ilan Shalif, ein Psychologe aus Tel Aviv, war auch überrascht davon,
wie selbst die Wände seiner Dusche den Gestank annahmen und noch tagelang
festhielten …

„Ich war bei einer Demo am Rücken getroffen. Zuerst dachte ich, mit einmal
Duschen ist alles überstanden … heute weiß jeder, der mit Skunk in
Berührung kommt, er wird es in Zukunft wie Feuer meiden. Eine Mischung von
Seife und Salz half etwas. Aber wie bekommt man den Gestank aus den Haaren
heraus? Fragte er sich.

Sarit Michaeli von der Menschenrechtsorganisation B’Tselem: „Es mag legal
sein, aber es stinkt. Die Tatsache, dass man Leute mit solcher Flüssigkeit
am Freitag ansprüht, lässt die Frage hochkommen: würde man dasselbe auch
gegenüber jüdischen Siedlern am Freitag tun? Ich kann mir das nicht
vorstellen. Ich denke, das sollte man keinem antun. Aber der begrenzte
Gebrauch von Skunk gegen Palästinenser und ( jüd.)Aktivisten vom linken
Flügel ist etwas, worüber berichtet werden sollte. Meiner Meinung nach
liegt hier eine starke und beunruhigende symbolische Dimension .
Hauptsächlich weil bis heute Skunk vor allem nur gegen gewaltfreie Gruppen
angewandt wurde, die mit niemandem zusammenstießen und vom Zaun weit
entfernt waren. Wozu wurden sie also angesprüht? Um sie zu beschmutzen? Um
sie zu bestrafen? Diejenigen, die damit markiert werden, werden sehr
gedemütigt. Dieser Spray schafft eine neue Dimension der Demütigung, die
es vorher bei den Demonstrationen nicht gegeben hat.



„Ein Experimentierlabor“ nennt Kobi Snitz die Dörfer Bil’in und Na’alin.

Einerseits hat uns Skunk wirklich sehr überrascht, aber andrerseits war
ich auch nicht überrascht, als noch eine neue Waffen gegen uns
Demonstranten gerichtet wurde“, sagte er . Bil’in und Na’alin sind in
Experimentierlabors für die israelischen Sicherheitskräfte verwandelt
worden. Die Demonstranten waren für verschiedene Waffen schon zu
Versuchskaninchen geworden. (Wie auch der Gazastreifen – wie Gideon Levy
einmal schrieb ER)

Während der letzten sechs Monate versuchten sie es mit Schwammkugeln,
die aus kurzer Entfernung abgeschossen wurden, dann mit Salzkugeln, die
sehr schmerzhaft sind, wenn sie mit offenen Wunden in Berührung kommen,
mit Pfeffergas und sogar mit einem neuen Gerät Tza’aka (Schrei). Dies
ist tatsächlich ein großer Lautsprecher, der auf einem LKW angebracht ist
und schreckliche, betäubenden Lärm von sich gibt, der nicht nur die
Ohren, sondern auch das Gehirn beeinträchtigt.“

Aber die Polizei war mit dem Schreilärm nicht zufrieden und kam damit
nicht mehr zurück… All diese Versuche bleiben Versuche; es gibt keinen
Ersatz für das Übliche der Grenzpolizei: Tränengas und Gummi ummantelte
Stahlkugeln.



„So sehr sich die Grenzpolizei auch selbst wegen der neuen, nicht
tödlichen Waffen rühmt, so werden die Demonstrationen nicht weniger
tödlich,“ fährt Snitz fort, „Sie werden weiter Gummikugeln wahllos in die
Menge der Demonstranten abfeuern . Der Versuch, Skunk als ein humaneres
Mittel darzustellen, ist absurd. Nachdem ich erfahren habe, wie die
Grenzpolizei vorgeht, fühle ich mich dank Skunk keineswegs sicherer.“ …



Aber trotz der beschwichtigenden Erklärungen von Ben Harosh, ….. seine
neue Erfindung wird die Demonstrationen in der Westbank nicht
beeinträchtigen. In der Tat haben die Demonstranten schon einfache
Ausweichtaktiken gefunden.

„Wir haben gelernt, Distanz zu den Skunks zu halten“, sagt Nir. „das Skunk
ist eine Abschreckung in gewissen Augenblicken, wenn man zur Demonstration
kommt. Aber im Prinzip macht es keinen Unterschied. Der LKW fährt langsam;
man hat also die Möglichkeit, einen gewissen Abstand zu halten. Die
einzige Veränderung, die stattgefunden hat, ist, dass wir uns in große
Plastiksäcke hüllen. Wir dachten auch schon daran, Schirme und Regenmäntel
mitzubringen.



Wenn ich dies abschließend betrachte, hat die Einführung von Skunk in der
Frontlinie der Polizeikräfte die Geschichte nicht verändert. Alles geht
weiter wie gewöhnlich. Das Skunk stellt die Besatzung nur in ein absurdes
Licht – abgesehen von den Geldsummen und Bemühungen , die in die
verschiedenen Arten jämmerlicher Überwachungsmittel gesteckt werden. Es
ist Unsinn zu denken, dass diese Substanz die Ideologie von jemandem
verändern wird. Es ist nur eine andere geringfügige Ablenkung vom
Hauptproblem: unser Protest gegen die Besatzung. Es ist nur eine andere
jämmerliche Erinnerung - falls es jemand vergessen haben sollte - an den
Gestank der Besatzung.“



(dt. und stark gekürzt, Ellen Rohlfs, ER)

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