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Streiken statt pendeln! - Was uns der Bahnerstreik über unsere Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sagen kann...

Ende der Bescheidenheit? Die LokführerInnen streiken, aber Grund dazu haben wir alle: massiver Arbeisplatzabbau bei gleichbleibendem Arbeitsaufkommen, dadurch zunehmender Stress und Arbeitsunfälle, Auslagerungen von Betriebsteilen zu schlechteren Arbeitsbedingungen, Reallohnsenkung, längere und flexiblere Arbeitszeiten, weitere Verschärfung durch Börsengang... alles kritisch begleitet, aber letztendlich abgenickt durch die Gewerkschaftsführung der Transnet. Dass die Lokführer die Arbeit niederlegen, ist nichts besonderes, denn damit liegen sie im allgemeinen Trend - 2006 war ein Rekordjahr der Arbeitsniederlegungen. Die Besonderheit ist, dass sie entgegen dem allgemeinen Trend für mehr Geld und weniger Arbeitsstress kämpfen. Beispiel nehmen!

ein Flugblatttext der Gruppe WILDCAT



Ende der Symbolik?


Die Zeiten, in denen bloße Androhung von Streiks, Fahne schwenken und Pfeife trillern ausgereicht haben, um die Unternehmen oder den Staat zu Zugeständnissen zu bewegen, sind vorbei. Die Montagsdemos haben HartzIV nicht verhindert, mit Unterschriftensammeln stoppt man keine Betriebsschließung. Aber alles was über Symbolik hinausgeht, stößt an die Grenzen des deutschen Arbeitsrechts und die der gewerkschaftlichen Organisation, so wurden z.B. Blockaden der Werkstore gegen die Entlassungsdrohungen bei Opel/Bochum oder AEG/Nürnberg unter Androhung von Bußgeldern und Polizeieinsatz aufgelöst. Dies wiederholt sich auch im jetzigen Streik bei der Bahn: im Juli 2007 erwirkte die Bahn ein Streikverbot durch einstweilige Verfügung und die Lokführergewerkschaft GDL pfiff die Streikposten zurück. Nur 'informelle Kampfformen' wie vermehrtes Krankschreiben und Dienst nach Vorschrift konnten den Druck auf die Geschäftsführung aufrechterhalten. Beim letzten Streiktag Anfang Oktober 2007 hatte die Bahn-Führung durch Ersatzfahrpläne den Streik selbst organisiert und kontrolliert. An vielen Punkten ist die GDL-Führung bereits eingebrochen, was sowohl die LokführerInnen als auch andere ArbeiterInnen negativ zu spüren bekommen: unter dem Druck der Wirtschaft, vor allem von Unternehmen wie VW, hat die GDL auf Streiks im Güterverkehr verzichtet. Wenn in den Betrieben aus Materialmangel die Maschinen still stehen, muss das Unternehmen unseren Lohn zahlen, wenn wir aber zu spät zur Arbeit kommen oder mehr Zeit dafür brauchen, geht dies auf unsere Kosten. Die Bahnführung setzt darauf, dass sich mittels öffentlicher Meinungsmache gegen den Streik pendelnde und streikende ArbeiterInnen gegeneinander ausspielen lassen. Ein Streik im Güterverkehr und ein kostenloser Transport im Nahverkehr wäre die Alternative!

Ende des Alleingangs?


In einer Gesellschaft, in der wir nicht gemeinsam über das Wie, das Warum und das Resultat der Produktion entscheiden, sondern uns einzeln je nach (Arbeits)Marktlage mal hier mal da verkaufen müssen, erscheinen uns gesellschaftliche Entwicklungen als automatische Vorgänge. Ob Tornados über Afghanistan eingesetzt werden, ob es an der Börse crasht, ob die Supermarktregale täglich gefüllt werden oder uns die Bahn pünktlich zur Arbeit bringt: es scheint nicht in unserer Hand zu liegen. Der Bahnerstreik zeigt uns das Gegenteil, hinter dem Fahr-Plan steckt menschliche Arbeit und unerfüllte Bedürfnisse von ArbeiterInnen. Der Streik zeigt uns aber auch, wie die Art und Weise der (Profit)Produktion uns als Berufsgruppen mit ihren scheinbaren Einzelinteressen voneinander trennt. Die LokführerInnen sehen auf Grund ihrer zentralen Position und der gewerkschaftlichen Politik der Transnet die Chance nur im
Alleingang. Die Streiks in anderen Sektoren haben uns in letzter Zeit die Grenzen der Alleingänge aufgezeigt, z.B. während des Streiks der ArbeiterInnen des Bosch-Siemens Hausgerätewerks in Berlin-Spandau im Winter 2006. Diese streikten 'an ihrem Standort' gegen Entlassungen, im Werk in Nauen ging die Arbeit weiter und ein Zusammenschluss mit Siemens-ArbeiterInnen an anderen Standorten wurde auch von der Gewerkschaftsführung sabotiert.

Anfang von etwas Neuem?


Die Angriffe von oben werden weitergehen und die klassischen Antworten haben sich erledigt: Verhandelt wird nicht mehr - oder nur über weitere Verschlechterungen; das Arbeitsrecht knebelt uns; die gewerkschaftlichen Vertretungsstrukturen sorgen zunehmend für Passivität; Trillerpfeifen und Plastiktütenüberzieher machen unattraktiv; Standortpolitik und berufsspezifische Organisationsform isolieren uns von anderen Kämpfenden. Neue Antworten müssen wir selbst suchen! Die Erfahrungen der letzten Zeit zeigen, dass die, die mit der Suche beginnen, auch mit Unterstützung rechnen können: die ArbeiterInnen des BSH Spandau organisierten selbst Busreisen zu anderen Belegschaften; die Beschäftigen des Fahrradherstellers Bike Systems in Thüringen wehren sich seit Monaten gemeinsam gegen die Art ihrer Abwicklung, anstatt sich individuell dem Arbeitsamt zu übergeben, und durchbrachen u.a. durch Kampagnen wie der selbstorganisierten Produktion des Strike Bike's ihre Isolation auf dem besetzten Werksgelände; SchülerInnen und StudentInnen in Frankfurt besetzten Arbeitsämter und Autobahnen statt sich auf blosse Appelle an die Bildungspolitik zu verlassen. Nur indem wir unsere Kämpfe selbst in die Hand nehmen, von anderen lernen und sie unterstützen, werden wir auch eine neue Gesellschaftsform finden, die uns nicht zu Anhängseln von Konjunkturschwankungen, Wahlversprechen, Unternehmensbilanzen oder dem beruflichen Nahverkehr macht...

Allein machen sie dich ein!


Solange wir vereinzelt bleiben werden wir erfahrungsgemäß immer mehr Kröten schlucken müssen. Auch uns stinkt es, für immer miesere Löhne arbeiten gehen zu müssen, während gleichzeitig die Lebenshaltungskosten steigen. Deshalb begrüßen wir den Streik der LokführerInnen und gratulieren, dass endlich jemand *für eine Verbesserung* der Lebensumstände, statt gegen weitere Verschlechterungen protestiert. Und deshalb halten wir es für wichtig, nicht auf die Stimmungsmache der Bahnführung einzugehen - auch wenn Wartezeiten am Bahnhof und eventuelle Lohneinbußen ärgerlich sind.

Solidarität mit den Streikenden LokführerInnen!




Zum Weiterlesen:
fau-iaa
wildcat
labournet

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