So sieht ein „Heißer Herbst“ aus! -Streiks und Proteste in Frankreich gegen die Rentenreform
Eigentlich hatte es ganz seicht angefangen, der Protest gegen die Rentenreform in Frankreich: mit einem einzelnen „Aktionstag“ am 7. September. Doch seit vergangener Woche weitet sich im Nachbarland eine wahre Streikwelle aus, um das Prestige-Projekt der Machthaber zu kippen. Die Bewegung erfasst nicht nur die Hauptstadt Paris und Gewerkschaftshochburgen wie Marseille, sondern anscheinend auch die „Provinz“ (siehe das Video aus Nîmes[1]). Die Entwicklungen jenseits des Rheins sind ein wichtiger Bezugspunkt auch für die (noch ausbleibenden) Kämpfe in Deutschland. Und gerade aufgrund der neuerlichen Eskalation, nach dem Einsatz der Polizei und der Zwangsverpflichtung von Streikenden zur Arbeit unter Androhung von Gefängnisstrafen (siehe Tagesschau[2]) ist Solidarität gefragt. Eine solche Querverbindung dürfte sicherlich auch dem Widerstand hierzulande Auftrieb verschaffen.
So einig wie die Demonstration, so einig ist der publizistische
Gegenwind: Die Ärmsten, heißt es in der deutschen Presse, sollen mit 62
statt mit 60 Jahren in Rente gehen. Für bundesdeutsche Beschäftigte,
die sich bereits auf 67 Jahre einstellen, müssen „die Franzosen“ als
Privilegierte erscheinen. Doch ein genauerer Blick lohnt sich! „Wer 40
Beitragsjahre beisammen hat, konnte bislang frühestens mit 60 Jahren in
den Ruhestand. Wer für die 40 Jahre Arbeit länger braucht als bis zum
60. Lebensjahr und dennoch eine Rente ohne Abzüge will oder zum
Überleben braucht, musste schon bisher maximal bis zum 65. Lebensjahr
arbeiten,“ so Bernhard Schmid.
Die Beitragsjahre sollen nun erhöht werden. „Außerdem sollen beide
Altersgrenzen angehoben werden: auf 62 für die Untergrenze, die
Obergrenze für eine Rente ohne Strafabzüge auf 67 Jahre.“
Das Gerede von der Notwendigkeit zur Erhöhung des Renteneintrittsalters
ist eine Lüge und nur ein weiterer Schritt in der Umverteilung von
unten nach oben. Zwar ist die Lebenserwartung gestiegen, und damit wird
sich der Prozentsatz der RentnerInnen von 20% im Jahr 1960 auf 50% im
Jahr 2050 erhöhen. Allerdings ist auch die Zahl der Personen, die in
die Rentenkasse einzahlen, bis zum Jahr 2010 kontinuierlich gewachsen.
Die durchschnittliche Produktivität wuchs zwischen 1960 und 2010 um
brausende 500%. Wird diese Produktivität beibehalten, kann ein/e
ArbeiterIn 2010 die Bezüge eines Rentners ebenso leicht finanzieren wie
20% der Rente im Jahr 1960. Und nicht zuletzt sorgt die krankmachende
Arbeitshetze dafür, dass die wenigsten überhaupt gesundheitlich bis zum
vorgesehenen Renteneintrittalter durchhalten. Das gilt nicht nur für
Frankreich, sondern auch hierzulande, wo wir nicht nur mit der
Rentenreform weiter ausgepresst werden sollen.
Ein heißer Herbst, jenseits des Rheins. Unsere KollegInnen kämpfen für
ein Leben nach der Arbeit, und für ihren Lohn – denn nichts anderes ist
die Rente.
[1] [2]
* Weitere Informationen auf Französisch bei der CNT-F
* Dossier zum Thema bei Labournet