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Serbien: "Weberaufstand" – Textilarbeiter in Novi Pazar seit Wochen im Streik

Die tropische Hitze, unter der die Menschen auf dem gesamten Balkan seit Tagen stöhnen, schreckt die Belegschaft des bislang staatlichen Textilkombinats (TK) »Raska« in Novi Pazar nicht von ihrem Kampf ab. Seit mehr als zwei Wochen streiken die Arbeiter in der südserbischen Stadt unweit der montenegrinischen Grenze. Kollegen haben die Fabriktore verbarrikadiert. Am Freitag wurde die Haupttreppe der Gemeindeverwaltung besetzt, nachdem die örtliche Polizei gewaltsam gegen die Streikenden vorgegangen war.
Die etwa 1500 Arbeiter verlangen die sofortige Auszahlung ausstehender Löhne in einem Umfang von 8,5 Millionen Euro, die ihnen das Unternehmen seit 1993 schuldet. Ein Gerichtsurteil vom 31. Mai gab den Beschäftigten recht. Streiksprecherin Senada Rebronja kündigte gegenüber der Nachrichtenagentur Tanjug an, die Proteste würden erst dann beendet, wenn die Forderungen der Arbeiter erfüllt seien. Vor einigen Tagen wurden diese der serbischen Regierung übergeben, nachdem eine Gruppe von Arbeitern zu Fuß nach Belgrad marschiert war, um auf ihre Probleme aufmerksam zu machen. Bisher warten sie jedoch vergeblich auf eine Antwort von den offiziellen Stellen. Lediglich der für Wirtschaft und Entwicklung zuständige Kommunalvertreter Ramiz Paljevac, der auch dem Aufsichtsrat des bestreikten Unternehmens angehört, verstieg sich zu der Aussage, der Protest sei sinnlos, »da sie ohnehin bekommen werden, wofür sie streiten«.

Rebronja glaubt, daß es zur Lösung des Konflikts politischen Willens bedarf, der weder in der Gemeinde noch in der Hauptstadt vorhanden sei. Das Kombinat und das dazu gehörende 16 Hektar große Gelände sollen bald von einem italienischen Unternehmen aufgekauft werden, eine Folge der radikalen Privatisierungspolitik Belgrads seit dem Jahr 2000. Ausgerechnet die Regierungsagentur, welche diesen Ausverkauf seit Jahren forciert, soll jetzt feststellen, wer die Lohnforderungen begleichen muß.

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Die Proteste werden von der örtlichen Betriebsgewerkschaft geleitet. Schon seit Jahren machen diese und die Arbeiter des TK mit spektakulären Aktionen auf ihre Situation aufmerksam. Vor zwei Jahren etwa hackte sich der Vorsitzende der Vereinigung, Zoran Bulatovic, während eines Hungerstreiks einen Teil seines kleinen Fingers ab und verzehrte ihn vor laufenden Kameras. Die Betriebsgewerkschaft hatte sich gegründet, weil die großen, etablierten Verbände korrumpiert seien, wie Bulatovic damals sagte. Diese Ansicht ist in Serbien weit verbreitet und hat mit dazu geführt, daß es in dem Land mit seinen (ohne das Kosovo) acht Millionen Einwohnern mittlerweile Tausende »unabhängige« Gewerkschaften gibt. Trotz dieser Zersplitterung kommt es seit Anfang August in ganz Serbien vermehrt zu spontanen Streiks, von denen vor allem die Logistikbranche und Häfen entlang der Donau betroffen sind.

Zoran Sergievski, Belgrad

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