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Russland: "Food Not Bombs"

"Essen statt Bomben" ist in Russland nicht nur ein naheliegender Gedanke, sondern eine starke Bewegung mit aktiven Gruppen im ganzen Land. AktivistInnen von "Food Not Bombs" wollen zum Jahreswechsel Gleichgesinnte aus aller Welt nach Moskau einladen, um etwas gegen Isolation und Repression zu tun. "Food Not Bombs" ist eine Protestbewegung gegen Militarismus und Armut, die in den USA entstanden ist, sich aber mittlerweile weltweit verbreitet hat. Sie besteht aus selbstorganisierten Gruppen, die nach den Prinzipien der Solidarität, des Vegetarismus und des Antifaschismus arbeiten. Sie sammeln Lebensmittelspenden oder "containern" Sachen, die z. B. wegen nahender Verfallsdaten von den Supermärkten weggeworfen werden, kochen zusammen größere Mengen vegetarisches oder veganes Essen und ziehen dann los, um es zu verschenken. Dazu gibt's meist auch was Theoretisches, vor allem natürlich - dem Titel der Aktion gemäß - gegen den Krieg, für den Regierungen bekanntlich immer Geld übrig haben, während sie die Menschen hungern lassen (Wie es z. B. in Pakistan offiziell hieß: "Wir werden die Atombombe bauen, auch wenn wir alle hungern müssen!"). Aber auch gegen den Kapitalismus, der zu Armut und Nahrungsmittelknappheit führt, oder gegen Faschismus richten sich die Kundgebungen oft.
In Russland sind sowohl Militär als auch Hunger weit verbreitet. Deshalb war es eine historische Notwendigkeit, oder sagen wir mal: einfach naheliegend, dass "Food Not Bombs" auf Russisch übersetzt wurde (was dann "Jeda wmjesto bomb" heißt und so geschrieben wird wie oben neben der Karotte). Von Petersburg bis Wladiwostok sind Dutzende, vielleicht sogar Hunderte von Gruppen aktiv; allein in Moskau gibt es mindestens vier FNB-Kollektive. Das mit den Lebensmittelspenden ist in Russland gar nicht so einfach, oft müssen die AktivistInnen selber zusammenlegen, um Sachen zu kaufen. Manchmal gibt es darum auch richtig wenig Essen. Dafür wird fast immer heißer Tee dazu serviert.

In vielen Städten finden die Aktionen wöchentlich am selben Platz statt und stoßen auf ein großes Echo. Viele Menschen in Russland hungern -- wer schon einmal die Omas gesehen hat, die bei Minustemperaturen in den Unterführungen vor einem Pappteller kauern und sich den ganzen Tag bekreuzigen, in der Hoffnung, dass jemand für ihr Gebet ein paar Kopeken zahlt, weiß, wovon ich spreche. Diese festen, regelmäßigen Termine müssen konspirativ organisiert werden -- keine Filme, keine Fotos, denn sobald Miliz oder Neonazis davon erfahren, wird die anarchistische Essensausgabe angegriffen und muss sich für die nächste Woche einen neuen Platz suchen. Solche Angriffe gibt es immer wieder. Vor genau drei Jahren, am 13. November 2005, wurde in St. Petersburg Timur Katscherawa am Rande einer FNB-Aktion von Faschos erstochen. Vor zwei Wochen wurde eine FNB in der Nähe der US-Botschaft in Moskau von der Miliz zerschlagen, zwei der neun TeilnehmerInnen wurden verprügelt und vorübergehend festgenommen. In Brjansk gab es im ersten Halbjahr 2008 im Schnitt alle zwei Wochen Faschoüberfälle auf FNB, die offenbar vom Staatsschutz koordiniert wurden.

Es gibt auch Kritik; gerade wird im russischen Indymedia unter dem Motto "Nieder mit der Wohltätigkeit!" darüber diskutiert, dass die Essensverteilung, auch wenn sie in Akten zivilen Ungehorsams erfolgt, anti-hierarchisch organisiert ist und nicht der Rechtfertigung irgendwelcher Sozialbürokratien dient, dennoch zu einer Wohltätigkeit beiträgt, die notwendiger Bestandteil extrem ungerechter sozio-ökonomischer Systeme ist. Auch bei FNB sind die Armen von Programmen abhängig, die sie nicht selbst entwickelt haben, sie müssen essen, was auf den (nicht vorhandenen) Tisch kommt. Die Hierarchie, die im Inneren der Gruppe abgelehnt wird, ist somit im Außenverhältnis ganz selbstverständlich vorhanden. Das Abhängigkeitsverhältnis zwischen SpenderInnen und HilfeempfängerInnen, das den ganzen Wohltätigkeitssektor prägt, wird auch hier reproduziert. Und es ist nicht nur hierarchisch, es ist auch noch unpersönlich, wie es so ein kurzer Kontakt auf der Straße eben ist: Es kommt gar kein Mitgefühl auf, im Sinne wirklichen Mitfühlens, sondern nur allgemeines Mitleid. Warum sollten also AnarchistInnen den Job der Autoritären machen, und dabei am Ende auch noch selbst autoritär werden? Anarchistischer sei es, an die Obdachlosen Waffen zu verteilen, das hätte Machno auch gemacht.

Einige FNB-AktivistInnen haben sich nun Mitte Oktober mal zusammengesetzt und sind dabei auf eine Idee gekommen. Ihr Plan ist nichts Bescheideneres als die Organisation einer Vollversammlung dieser weltweiten Bewegung zum Jahreswechsel in Moskau. (Zumindest lagen die bisher vorgeschlagenen Lokalitäten im Moskauer Umland. Hat jemand eine andere Idee?) Das provisorische Orgkomitet hat auf seinem Vorbereitungstreffen vier Punkte mit folgendem Ergebnis diskutiert:

1. Essen: vegan.
2. Saufen: nein.
3. Rauchen: nein.
4. Ziel: Gespräche über die FNB-Bewegung, genauer gesagt, über ihre Taktik.

Falls Ihr auch in einer Food Not Bombs-Gruppe seid, dann redet doch dort mal miteinander über dieses Treffen. Wäre super, wenn sich alle lebendigen FNB-Gruppen, die was machen wollen, treffen und kennenlernen könnten. Eure Teilnahmeanmeldung und Eure Überlegungen bezüglich dieser Idee selbst, des Programms der Zusammenkunft und des kulturellen Rahmenprogramms schickt Ihr bitte an kapusto-crew (auf) riseup.net or lubava (auf) hippy.ru, aber wenn Ihr kein Russisch könnt, dann macht das bitte wenigstens auf Englisch.

Es werden auch noch Wahnsinnige gesucht, die sich freiwillig als KoordinatorInnen zur Verfügung stellen.

Falls Ihr keine russischen Pässe zur Verfügung habt, kümmert Euch bitte frühzeitig um Visa. Die Bearbeitung eines Visumsantrags auf der russischen Botschaft kann bis zu zwei Wochen dauern. Da der Wunsch, das Treffen einer antimilitaristischen Gruppe zu besuchen, bei den russischen Behörden nicht unbedingt den Wunsch auslösen dürfte, Euch einreisen zu lassen, solltet Ihr Euch auch rechtzeitig erkundigen, wo und wie Ihr Eure Visa beantragen könnt. Das herauszufinden kann auch ein Weilchen dauern, also fangt rechtzeitig damit an.
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