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Rog: Kampf in der Stadt

Nachdem der ehemalige Fabrikskomplex Rog mehr als ein Jahrzehnt leer stand, wurde er Ende März 2006 besetzt und geöffnet. Im Zuge der Besetzung brachten zahlreiche Individuen und Gruppen Leben in diesen neuen Raum kultureller, künstlerischer, sozialer und politischer Produktion. Anfänglich war die Besetzung als kurze, zeitlich begrenzte, räumliche Intervention in der Stadt Ljubljana intendiert, um sich den negativen Effekten der Privatisierung und Entstaatlichung – und dem darauf folgenden Verschwinden öffentlicher Räume – zu widersetzen sowie um in der Stadt neue kulturelle Politiken zu artikulieren. Die Schaffung eines neuen autonomen Kulturproduktionszentrums war die Antwort auf die sich zunehmend verschärfende Kontrolle der Kulturproduktion (sowohl in staatlichen als auch in öffentlichen Institutionen) sowie die damit einhergehende Kontrolle der Produktion politischer Subjektivitäten. Es war auch eine Antwort auf die Schwierigkeiten, die im Übergang von einem Paradigma materieller Produktion zu einem Paradigma immaterieller Produktion auftauchen (in der viele Kunst- und KulturproduzentInnen ohne Räume oder Institutionen zurückbleiben). Die Besetzung von Rog fand im Kontext ökonomischer und sozialer Veränderungen statt, mit einer Menge leer stehender ehemaliger Fabriken, hoher Arbeitslosigkeit und einem ziemlich großen prekären Kognitariat. Die vorübergehende Nutzung von Rog war darauf angelegt, eine Debatte in der Stadt zu entfachen und Diskussionen über Kulturpolitiken sowie die Produktionsbedingungen des Kognitariats zu provozieren. In dieser Debatte blieb das Konfliktniveau ungeklärt und veränderte sich im Lauf der Existenz von Rog. Zur Zeit der Niederschrift dieses Textes besteht ein hohes Konfliktniveau – sehr viel höher als vor einem Jahr, als die Verhandlungen zwischen der Gemeinschaft der Rog-NutzerInnen und der Stadtverwaltung vom städtischen Bürgermeister abrupt abgebrochen wurden. Nach einem erfolglosen Räumungsversuch besteht die derzeitige Position des Bürgermeisters darin, Rog unter strikte Überwachung durch die Stadtverwaltung zu stellen.

Rog als generationsübergreifendes Ereignis

Rog war eine generationsübergreifende Erfahrung. Es begann als praktischer Ausbruchsversuch aus der konzeptuellen, praktischen und politischen Hegemonie jener Generation, die in Slowenien seit den 1980ern an der Macht war. Im gesamten Spektrum der Parteien, Institutionen und sozialen Bewegungen wurde das Konzept der Zivilgesellschaft in den 1980ern hegemonial. Die Auseinandersetzung um die Interpretation dieses Konzepts endete mit dem Triumph des bourgeoisen Verständnisses von Zivilgesellschaft: Die Trennung von Politik und Ökonomie, in der die Herrschaft der kapitalistischen Marktlogik über die Ökonomie und die politische Autonomie als Garantie für die Integration der Gesellschaft in den globalen Markt angesehen wurde. Der Rechtsdiskurs gründete auf der Annahme, dass Rechte gewährt werden und blockierte damit die Möglichkeit, sie zu produzieren. Die Produktion des Lebens wurde außerhalb der unilateralen kapitalistischen Kontrolle unmöglich. Alternative Formen der Lebensproduktion wurden nur als Ausnahmen toleriert. Das mündete in Praxen lokalisierten Widerstands, in Identitätspolitiken und in Vertikalitäten im Bezug auf den Staat. Vorstellungen von alternativer Kultur, Lebensstilen, Identitäten und Minderheiten wurden vom System des Multikulturalismus einverleibt, das einige spezielle Ausdrucksformen der Differenz erlaubt, ohne die Maschine der sozialen Reproduktion des Kapitals zu gefährden. Die in den 1980ern eingerichteten Institutionen der Zivilgesellschaft wurden zu tolerierten Institutionen des linken neoliberalen Multikulturalismus.

Die enorme Energie und das starke Selbstbewusstsein im Spektrum der Subjektivitäten der 1980er zerstreute sich und ließ insbesondere angesichts der extremen und tragischen Konsequenzen der Auflösung der Sozialistischen Bundesrepublik Jugoslawien nach. Eine der seltenen Ausdrucksformen autonomen Begehrens und sozialen Antagonismus’, die den Übergang überlebte, ohne ihre Autonomie und ihren rebellischen Geist zu verlieren, war die Besetzung und Wiederbelebung der ehemaligen jugoslawischen Militärkaserne in Metelkova im Jahr 1993. Dieser riesige Komplex im Zentrum von Ljubljana wurde rasch zu einem Zentrum kultureller und sozialer Dissidenz, zu einer Fabrik alternativer Subjektivitätsproduktion. Doch am Ende der 1990er war der Übergang beinahe vollzogen: Mit dem Beitritt zur Europäischen Union und zur NATO am Beginn des neuen Millenniums wurde Slowenien zu einem Territorium vollständig imperialer Artikulation. Dennoch brachte die Entwicklung des neuen biopolitischen Regimes auch neue antagonistische Subjektivitäten hervor, die sich mit der neuen sozialen Bewegung für eine alternative Globalisierung identifizierten. Die neue politische Generation, die aus globalen Kämpfen (für die Freiheit biopolitischer Produktion) entstanden und mit Erfahrungen wie dem zapatistischen Aufstand, den Protesten von Seattle und Genua verbunden sind, konnte sich nicht mehr länger auf die Institutionen der Bewegungen der 1980er stützen. Sie fand sich in einem neuen Kontext biopolitischer Produktion und Ausbeutung wieder, in einem Regime von eingeschränkter und kontrollierter Vielheit und Mobilität.

Die neue politische Generation widersetzte sich auch den besonderen Charakteristika biopolitischer Produktion in den ehemals sozialistischen Ländern, die von den Schwierigkeiten bestimmt wird, welche die Abkehr vom Paradigma der Manchester-Produktion mit sich bringt. Ein erneutes ökonomisches Wachstum, das (a) auf Überausbeutung gründet und (b) sich auf den Bausektor konzentriert (auf Kosten der Formen immaterieller und kognitiver Arbeit, denen weniger Wert zugeschrieben wird). Die großen Gewinne stammen aus der Ausbeutung migrantischer ArbeiterInnen, deren autoritär eingeschränkte und kontrollierte Mobilität für das nationale Wirtschaftswachstum zentral geworden ist, und (c) eine hohe Rate von Arbeitslosigkeit und Prekarisierung in jenen Sektoren schafft, die Zugang zu höherer Bildung haben.

Neue Subjektivitäten, eine neue Ordnung, neue Begriffe von Raum und Zeit sowie insbesondere die neuen Artikulationen postfordistischer immaterieller Produktion und Ausbeutung machten neue Formen von Sichtbarkeit, Austausch und Organisation erforderlich. Die sich verändernde Landschaft der Stadt und der Stadtrandgebiete, der Verlust des öffentlichen Bereichs aufgrund der Privatisierung, die autoritäre Verwaltung der Bevölkerungen und Praxen, die von den Machthabenden als problematisch erachtet wurden sowie die Reduktion der Diversität auf die Profitlogik waren lauter Faktoren, die eine neue politisch-räumliche Intervention notwendig machten. Das war der Kontext, in dem sich Rog artikulierte und darauf abzielte, zur Institution einer freien Produktion zu werden, die sich die biopolitischen Produktionsbedingungen wieder anzueignen vermöchte, kurz, zur Institution des Gemeinschaftlichen.

 
Öffnungen und Begegnungen

Die ehemalige Fahrradfabrik Rog ist ein Symbol für die Korruption, die Privatisierung mit sich bringt. Rog ist auch ein Symbol für den schwierigen Übergang vom Fordismus zum Postfordismus, vom Paradigma materieller Produktion zum Paradigma immaterieller Produktion. Die Produktion in Rog wurde während des Prozesses der Privatisierung, Umstrukturierung und Wiedereingliederung in den Weltmarkt eingestellt. Dieser Prozess wurde als politischer Angriff gegen die Macht der ArbeiterInnen durchgeführt und war von der Zerstörung ihrer politischen und ökonomischen Macht begleitet. Rog wurde in verschiedenen aufeinander folgenden Prozessen zweimal von der Stadtverwaltung Ljubljana gekauft. Aus Spekulationsgründen stand die ehemalige Fabrik im Zentrum der Stadt über fünfzehn Jahre hindurch leer.

Die Idee, Räume zu öffnen und wiederzubeleben, verbreitete sich unter denen, die damals in den 1990ern die brutalste Phase der Enteignung bekämpften. Die rechtsgerichteten Regierungsparteien der Nation führten Maßnahmen durch, die für die neue Kultur- und Sozialproduktion ernsthafte Zugangsprobleme zu ökonomischen Mitteln und Räumen schuf. In der Stadt Ljubljana lag die Macht in Händen einer Linken, die nichts anderes damit anzufangen wusste, als den Immobilienlobbies alles Gewünschte auszuhändigen. In dieser Situation wurde die ehemalige Fabrik Rog während des Festivals „Schwärmen der Multitude“ besetzt und für all jene offen erklärt, die einen Raum für Kultur- und Sozialproduktion benötigten.

So ist Rog entstanden. Unmittelbar nach der Besetzung schwappte die Bedeutung dieser neu eröffneten Fabrik über die physischen Grenzen und die Grenzen der direkt an der Selbstverwaltung des Raums involvierten Gemeinschaften hinaus. Die Rog-Besetzung  wurde zum Generator und Versuchsfeld für den Wechsel der Produktionsparadigmen. Daher wurde die Besetzung anfänglich von vielen Kunst- und Kulturorganisationen sowie von Individuen unterstützt. Die Gemeinschaft der neuen postmodernen Fabrik Rog war sich völlig des „Werdens“ einer neuen künstlerischen, kulturellen und sozialen Institution bewusst. Deshalb begann sie mit einer Konflikt vermeidenden Kommunikationsstrategie gegenüber den BesitzerInnen, der Stadtverwaltung von Ljubljana. Diese Strategie basierte auf der Vorstellung einer zeitlich begrenzten Nutzung sowie auf der Notwendigkeit neuer Institutionen für kulturelle, soziale und künstlerische Produktion. Dieser Diskurs baute jedoch nicht nur auf die Notwendigkeit der Etablierung von Institutionen zur Inwertsetzung immaterieller und kognitiver Arbeit. Es war auch ein Diskurs gegen deren Ausbeutung durch die Organisation des Raums. Es etablierten sich Organisations- und Kommunikationspraxen, wie etwa eine NutzerInnenversammlung und ein Entscheidungsfindungsprozess auf der Grundlage aktiver Beteiligung, Offenheit und Selbstverwaltung zur Stärkung von gemeinsamer Identität und Selbstinwertsetzung. Es handelte sich um einen Mechanismus zur Verteidigung des öffentlichen Bereichs durch dessen Rekonstruktion als gemeinsamen Raum, um sicherzustellen, dass Rog, das trotz der Räumungsversuche um den Begriff eines „Gemeinschaftlichen“ (zur Verteidigung gegen Privatisierungsversuche) organisiert war, offen gehalten werden konnte. Rogs zeitliche Begrenztheit sollte die Produktion von Aktionsprogrammen sowie von Formen der Selbstverwaltung ermöglichen, die in einem künftigen Rog beibehalten werden könnten: Die Formen von Organisation und zeitlich begrenzter Kommunikation versuchten dadurch eine Kontinuität zwischen der besetzten Fabrik und den neuen öffentlichen Institutionen der Kultur- und Sozialproduktion zu etablieren.

Das Projekt wurde acht Monate lang toleriert, dann kamen die Regionalwahlen. Der neu gewählte Bürgermeister war ein unabhängiger Kandidat der Linken, ein ehemaliger Manager von Mercator. Er versprach Effizienz und plante, die Stadt als Unternehmen zu führen, um Ljubljana einen Sprung nach vorn zu ermöglichen. Sein Team bestand aus Leuten, die einen Wechsel versprachen, der seine Kraft aus BürgerInneninitiativen schöpfen sollte. Verhandlungen mit der Stadtverwaltung zur Legalisierung der zeitlich begrenzten Raumnutzung wurden aufgenommen; das Projekt für ein neues Rog war anfangs offen für die von den vorübergehenden BenutzerInnen formulierten Inhalte. Doch plötzlich und ohne Vorwarnung beendete die Stadtverwaltung einseitig alle Verhandlungen und begann, die Rog-BesetzerInnen als Eindringlinge zu behandeln: Damit wurde die Situation zu einem paradigmatischen Beispiel für den Verfall öffentlicher Macht und zu einem Zeichen für die intendierte autoritäre Organisation immaterieller Produktion. Der Bürgermeister wandte in der Stadtverwaltung Praktiken des privaten Managements an.

 
Von vorübergehender Nutzung zu permanenter Autonomie

Die Erfahrungen von Rog beleuchten die Verfasstheit des biopolitischen Konflikts in Ljubljana als eine lokale Artikulation globaler kapitalistischer Akkumulationsprozesse sowie deren Alternativen. Die Besetzung warf Fragen nach den Demokratisierungsmöglichkeiten öffentlicher Räume auf (nach deren Rekonstruktion als kommunale Räume) sowie Fragen nach Institutionen kultureller, künstlerischer und sozialer Produktion zu einer Zeit, in der sich die wechselseitige Stärkung von öffentlicher Macht und privaten UnternehmerInneninteressen in Form einer autoritären Befehlsgewalt artikuliert, die als „öffentlich-private Gesellschaft“ bezeichnet wird. Der Bürgermeister von Ljubljana drückte seine Gleichgültigkeit gegenüber der Initiative eines Netzwerks unabhängiger ProduzentInnen mit ihrer demokratischen Praxis einer partizipativen, auf die Produktion eines Gemeinschaftlichen ausgerichteten Biopolitik dadurch aus, dass er PrivatinvestorInnen um Hilfe bat zur Bekämpfung dieser grundlegenden Beteiligungsform. Eine große Institution zeitgenössischer Kunst wurde geplant, die als Teil einer öffentlich-privaten Partnerschaft in der ehemaligen Fabrik gebaut werden sollte. Es ist entscheidend, darauf hinzuweisen, dass ein neues Klassenkampfszenario dann auftaucht, wenn die immaterielle (kulturelle, künstlerische, affektive, etc.) Arbeit in das neue kapitalistische Akkumulationsregime eingespannt werden soll. Dabei müssen Themen mit Bezug auf das Verhältnis von Freiheit, Kreativität und Disziplin ebenso angesprochen werden wie das Verhältnis von Möglichkeit, Singularität und Unilateralität kapitalistischer Wertschöpfung. Das gilt auch für die Themen der Subjektivitäten immaterieller Arbeit sowie deren Verhältnis zu Institutionen und öffentlicher Macht im Licht der Auseinandersetzung um ein Gemeinschaftliches, das dem Unilateralismus des Kapitals entgegengesetzt ist.

Die Gleichgültigkeit der Stadtverwaltung war die treibende Kraft für die Ausbreitung der Autonomieerfahrung von Rog über die Mauern und Begrenzungen des neuen Sozialzentrums hinaus. Der Angriff der Verwaltung auf die Rog-BenutzerInnen sowie auf die Praxen der freien Organisation immaterieller Produktion brachte Rog an die Frontlinie im Kampf gegen die Formen von Herrschaft und Ausbeutung, die auf der Enteignung des Gemeinschaftlichen und auf der Privatisierung sozialer Produktionsverhältnisse fußen. Aus diesem Grund erlangte die politische Arbeit von Rog durch die Kommunikation sozialer Konflikte sowie ihre Übersetzung in unterschiedliche Kontexte eine unglaubliche Macht. Die gemeinsam genutzten Räume für Begegnungen, Zusammentreffen und Hybridität der Multitude (migrantische ArbeiterInnen, Sans-Papiers, Asylsuchende, prekarisierte ArbeiterInnen, AktivistInnen) ermöglichten es, das allumfassende Spektrum imperialer Herrschaft in postfordistischen und postnationalen Städten zusammen mit einem gemeinsamen Spektrum von Kampf und Gegenmacht zum Ausdruck zu bringen.

Begegnung, Zusammentreffen und Hybridität verleihen den neuen Erfahrungen von Autonomie und Biosyndikalismus Bedeutung. Das Sozialzentrum Rog bietet eine neue Erfahrung im Vergleich zu den sozialen Bewegungen der vorherigen Generation in Ljubljana. Das Projekt basiert auf einer Kritik der Segmentierung und Vertikalität von Zivilgesellschaft und Staat, Identitätspolitiken und unabhängigen Kulturzentren, die traditionellerweise ihre eigenen Inseln von Differenz beschützten. Sozialzentren sind ein Mechanismus sich ausbreitender alternativer Subjektivierung.

Das Sozialzentrum Rog nimmt in der Debatte um Räume alternativer Subjektivierung eine klare Position ein. Rog lehnt eine Integration ins Unternehmen Stadt ab, das kulturelle und soziale Produktivität als eine potenziell profitable Subjektivitätsproduktion betrachtet. Rog lehnt auch den Ausnahmestatus ab, der von Differenzpolitiken benützt wird, um die Existenz alternativer Räume als eine Art Reserve für gesellschaftliche Minderheiten zu legitimieren. Das Sozialzentrum Rog versucht einen Prozess politischer Neuzusammensetzung in der Stadt zu initiieren, der auf dem Sichtbarmachen und Kommunizieren der Kämpfe prekärer kognitiver ArbeiterInnen, migrantischer ArbeiterInnen, Sans-Papiers und Asylsuchenden gegen die Kontrollinstitutionen und -mechanismen beruht.

Die extreme Prekarität von Rog selbst, das gegen die Unterdrückungsversuche der Stadtverwaltung ankämpft, bietet eine Möglichkeit zum Verständnis der Bedingungen, die von prekären Institutionen geteilt werden. Selbstorganisierte militante ForscherInnen, Asylsuchende, Sans-Papiers und migrantische ArbeiterInnen, die Leben ins Sozialzentrum bringen, experimentieren mit neuen Formen, um unter postnationalen und postfordistischen Bedingungen Politik zu machen. Vom Blickpunkt der Praxen der Sozialzentren können diese Bedingungen so bestimmt werden:

1. Dekonstruktion und Neukonstitution des Rechts auf Territorium. Das Sozialzentrum versucht, über die moderne Dichotomie zwischen Individualismus und Kommunitarismus hinauszugehen. In Slowenien war diese Dichotomie entscheidend für die Konstitution zweier politischer Blöcke. Während die so genannte Linke dem Pfad des liberalen Individualismus folgte und einen Rechtsdiskurs hervorbrachte, der Privatisierung und neoliberale Akkumulation rechtfertigt und zugleich für Menschen- und Minderheitsrechte als Hebel einer Integration eintritt, benützt die nationalistische und rassistische Rechte den Diskurs eines ausschließenden ethno-nationalistischen Kommunitarismus. Die im Sozialzentrum „territorialisierte“ Bewegung gegen die Regierung und autoritäre Kontrolle der Migration artikuliert eine andere Form zur Einforderung des Rechts auf Territorium als gemeinsamen Kampf gegen die Kontrollgesellschaft – den Versuch, eine Gemeinschaft an der Grenze zu schaffen (eine Grenze, die in der Metropole als die Grenze des Politischen und der Konstitution der BürgerInnenschaft fortgeschrieben wird). Dieser Kampf gegen Ausbeutung ist der Kampf gegen die Grenzen als Institutionen, die die Vielheit und Mobilität entsprechend der Unilateralität des kapitalistischen Kommandos einschränken.

2. Krise der Repräsentationspolitik. Der Löwe ist nicht mehr im Käfig. Wir glauben, dass er im Sozialzentrum ist. Repräsentationspolitik kann nicht mehr länger die Exklusivität der Repräsentation und Organisation von Interessen beanspruchen. Die Sozialzentren sind eine Intervention und eine Konstruktion gegen Institutionen und Formen der Regierbarkeit, welche die konstitutionellen politischen Ordnungen durchziehen. Die sich in der Stadt ereignenden Transformationen kehren alle Parameter moderner Politik um. Die Herausforderung besteht in der Verwirklichung von Praxen einer sich selbst in Wert setzenden BürgerInnenschaft als Alternative zur formalen BürgerInnenschaft. Die Krise des Repräsentationssystems bietet uns die Möglichkeit, neue Kampfformen gegen die politische Konstitution der Lohnarbeit zu erfinden, die sich auf das Extrem der Prekarisierung zu bewegt. Neue Formen des Biosyndikalismus stellen offenbar die ersten Anzeichen dar, die aus der Ablehnung des Paternalismus der „Sozialpartnerschaft“, der Entdeckung der Freude am Klassenkampf als Kampf gegen die Arbeit und die soziale Reproduktion des Kapitals entstehen. Die Krise der Repräsentationspolitik spiegelt sich auch in der Krise der Zivilgesellschaft wider, die in NGOs zur Verteidigung der Menschen- und Minderheitenrechte organisiert ist. Das Sozialzentrum ist das Laboratorium einer globalen BürgerInnenschaft, ein Raum von Zusammentreffen, Hybridisierung und Ermächtigung. Letztlich ist die Transformation politischer Subjektivität, die im Sozialzentrum stattfindet, entscheidend. Der Kampf um die Kontrolle der Produktionsbedingungen des Lebens ist sowohl sozial als auch politisch. Theorie ist den Bewegungen und Parteien nicht äußerlich: Sie wohnt den sozialen Bewegungen als Fähigkeit zur eigenen Übersetzung und Konzeptualisierung radikaler Subjektivität sowie neuer Angriffsobjekte inne – Theorie ist die Waffe der Bewegung.

Um zum Schluss zu kommen: Rog ist kein utopischer Raum. Rog ist ein Ort des Kampfes in der Stadt, der sich an der Frontlinie befindet, die von den Transformationen, die sich in der Stadt ereignen, bestimmt wird. Es fällt schwer vorherzusagen, wie die Geschichte enden wird. Sie begann zufällig als Ergebnis einer wunderbaren Begegnung. Diese Geschichte war der Versuch einer Intervention in die Stadt sowie der Versuch in dem Moment etwas zu konstruieren, in dem die erste Phase von Privatisierung und sozialer Veränderung durchgeführt und die zweite Phase ausgerufen worden war: Die Transformation des öffentlichen Sektors mit einem neuen politischen Make-up immaterieller Arbeit und Flexibilisierung der Arbeit, die eine Prekarisierung der Lohnarbeit ebenso wie Kontrollformen der Arbeitsmobilität mit sich bringt.

Die Generation der „Alternativkultur“, die im Stadtzentrum seit den 1970ern bestand, läuft Gefahr zu verschwinden. Sie befand sich in der Falle, entweder ihre Integration zu akzeptieren und/oder in der Stadt die Rolle einer ausnahmsweisen, begrenzten Reserve von Differenz zu spielen. In Rog sind wir entschlossen, mit der Produktion neuer Formen politischer Subjektivität fortzufahren, die in der Lage sind, die neuen Formen der Regierbarkeit im Unternehmen Ljubljana zu unterwandern.
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