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Peter Niedersteiner und Falko Zemmrich: Anarchistische Anthropologie - Wer hat unsere Macht?

Völlig entnervt stürze ich aus der Teeküche, nachdem wir uns in zweistündiger Auseinandersetzung nun doch noch auf eine, für alle zufrieden stellende, Lösung einigen konnten und mache mich von der Redaktionssitzung auf den langersehnten Nachhauseweg. Vor der Tram merke ich, dass es ja Montag ist und ich kein Geld habe, um mir ein MVV-Wochenticket zu besorgen. Naja, wird schon gut gehn’ diese Woche. Neben mir entdecke ich einen Freund und Mitstudenten, der mir mit den Worten „Des bast scho, nexte Woch bist du hoid dro“ das nötige Fahrgeld in die Hand drückt, mit dem ich völlig legal ins gemütliche Zuhause kutschieren kann. Kaum in der starkbevölkerten WG angekommen, muss ich mir das Geschimpfe des Herrn Mitbewohner anhören, dessen PC mal wieder von einem Virus lahm gelegt wurde. Mit einem hämischen Grinsen im Gesicht starte ich meinen Rechner, den die Open-Source-Gemeinde rund um Linux, Open-Office, Poorman’s CMS und wie sie alle heißen, recht passabel und natürlich virenresistent am Laufen hält. Heute soll ich also noch meinen Artikel für die Ethnologik fertig bekommen. Es dauert keine fünf Minuten, da muss ich zum ersten Mal Wikipedia bemühen, um die Lücken meines Wissenschaftsvokabulars zu füllen. Der entnervte Mitbewohner erklärt mir, dass heute wenigstens die dicke, langersehnte Kaffeebestellung eingetroffen ist und die ersten ungeduldigen Freunde des schmackhaften Espressos der zapatistischen Kaffeekooperative bereits vorbeigeschaut haben, um sich ihre Portionen abzuholen. Haben alle gezahlt? Wenigstens die meisten, der Rest pumpt, grüßt und dankt mal wieder. Ich meinerseits bedanke mich für die ablenkende Kaffeeidee. Mit meinem Lebenselixier in der Hand, bleibe ich gerne noch ein bisschen an der JungleWorld hängen, die wieder mal viel Stoff zur Diskussion bietet. Aus einer Art Hassliebe heraus haben wir uns entschlossen, zusammenzulegen und Teilhaber an diesem streitbaren Blatt zu werden, um es vor dem Untergang zu bewahren. Zurück am PC schaffe ich keine zwei Zeilen, da klingelt es an der Tür. Woher kommt ihr? Warschau. Soso, hab’ euch ehrlich gesagt vergessen aber cool, dass ihr da seid. Kaffee? Das lustige Pärchen, das sich auf unser Inserat beim Hospitality-Club angemeldet hat, um bei uns zu nächtigen, bietet also den heutigen Grund, meinen Artikel dann doch erst morgen zu verfassen. Denn selbstverständlich werde ich im Sommer ein Bett in Warschau brauchen können, wenn ich meine Osteuropa-Rundreise per Mitfahrzentrale starte.

[gekürzte russische Version (Анархистская антропология: У кого наша власть?) unter www.avtonom.org/old/index.php?nid=2283]

Völlig entnervt stürze ich aus der Teeküche, nachdem wir uns in zweistündiger Auseinandersetzung nun doch noch auf eine, für alle zufrieden stellende, Lösung einigen konnten und mache mich von der Redaktionssitzung auf den langersehnten Nachhauseweg. Vor der Tram merke ich, dass es ja Montag ist und ich kein Geld habe, um mir ein MVV-Wochenticket zu besorgen. Naja, wird schon gut gehn’ diese Woche. Neben mir entdecke ich einen Freund und Mitstudenten, der mir mit den Worten „Des bast scho, nexte Woch bist du hoid dro“ das nötige Fahrgeld in die Hand drückt, mit dem ich völlig legal ins gemütliche Zuhause kutschieren kann. Kaum in der starkbevölkerten WG angekommen, muss ich mir das Geschimpfe des Herrn Mitbewohner anhören, dessen PC mal wieder von einem Virus lahm gelegt wurde. Mit einem hämischen Grinsen im Gesicht starte ich meinen Rechner, den die Open-Source-Gemeinde rund um Linux, Open-Office, Poorman’s CMS und wie sie alle heißen, recht passabel und natürlich virenresistent am Laufen hält. Heute soll ich also noch meinen Artikel für die Ethnologik fertig bekommen. Es dauert keine fünf Minuten, da muss ich zum ersten Mal Wikipedia bemühen, um die Lücken meines Wissenschaftsvokabulars zu füllen. Der entnervte Mitbewohner erklärt mir, dass heute wenigstens die dicke, langersehnte Kaffeebestellung eingetroffen ist und die ersten ungeduldigen Freunde des schmackhaften Espressos der zapatistischen Kaffeekooperative bereits vorbeigeschaut haben, um sich ihre Portionen abzuholen. Haben alle gezahlt? Wenigstens die meisten, der Rest pumpt, grüßt und dankt mal wieder. Ich meinerseits bedanke mich für die ablenkende Kaffeeidee. Mit meinem Lebenselixier in der Hand, bleibe ich gerne noch ein bisschen an der JungleWorld hängen, die wieder mal viel Stoff zur Diskussion bietet. Aus einer Art Hassliebe heraus haben wir uns entschlossen, zusammenzulegen und Teilhaber an diesem streitbaren Blatt zu werden, um es vor dem Untergang zu bewahren. Zurück am PC schaffe ich keine zwei Zeilen, da klingelt es an der Tür. Woher kommt ihr? Warschau. Soso, hab’ euch ehrlich gesagt vergessen aber cool, dass ihr da seid. Kaffee? Das lustige Pärchen, das sich auf unser Inserat beim Hospitality-Club angemeldet hat, um bei uns zu nächtigen, bietet also den heutigen Grund, meinen Artikel dann doch erst morgen zu verfassen. Denn selbstverständlich werde ich im Sommer ein Bett in Warschau brauchen können, wenn ich meine Osteuropa-Rundreise per Mitfahrzentrale starte.

In dieser kurzen, überspitzt verfassten Einleitung, in der wir einen vorzeige-idealistischen Studenten konstruiert haben, würden die heutigen Vertreter der anarchistischen Anthropologie eine Vielzahl von Beispielen finden, wie sich Menschen durch gegenseitige Hilfe, Kooperation und Selbstorganisation zusammenfinden und auf gleicher Augenhöhe interagieren.
Das Feld der anarchistischen Anthropologie ist keineswegs neu für die Ethnologie, jedoch gibt es, wie gewohnt, keine einheitliche Definition. Je nach Vertreter unterscheiden sich die Forschungsgebiete und -methoden voneinander. Wir wollen nun den Versuch wagen, einen kleinen Einblick zu geben in die Theorie, Methodik und Geschichte der anarchistischen Anthropologie. Zuvor wollen wir aber noch eine Definition von Anarchismus anbieten, die Pjotr Alexejewitsch Kropotkin (Пётр Алексеевич Кропоткин), mit dem wir uns auch als erstes beschäftigen werden, verfasst hat und die auch 1910 von der Encyclopædia Britannica verwendet wurde:

„Anarchism: The name given to a principle or theory of life and conduct under which society is conceived without government — harmony in such a society being obtained, not by submission to law, or by obedience to any authority, but by free agreements concluded between the various groups, territorial and professional, freely constituted for the sake of production and consumption, as also for the satisfaction of the infinite variety of needs and aspirations of a civilized being […]”.

Eine weniger ideologische Definition liefert der Linguist und politische Intellektuelle Noam Chomsky auf die Frage, wie denn sein persönlicher Anarchismus aussähe: „Es ist in meinen Augen vollkommen richtig, in jedem Aspekt des Lebens die jeweiligen autoritären, hierarchischen und herrschaftsbestimmenden Strukturen ausfindig zu machen und klar zu umreißen, und dann zu fragen, ob sie notwendig sind […] Das habe ich immer als die Essenz des Anarchismus verstanden“.[1]
Kurz gesagt: Hierarchien aufdecken, hinterfragen und wenn möglich: abschaffen.

Pjotr Kropotkin: Gegenseitige Hilfe statt Zahn um Zahn

Der russische Naturwissenschaftler und politische Theoretiker Kropotkin stellt sich mit seinem 1902 erschienenen Buch „Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt“[2] gegen die damals vorherrschenden Thesen der Sozialdarwinisten rund um Herbert Spencer, indem er zu beweisen versuchte, dass die Welt nicht zu einem ewigen Kriegszustand verdammt ist und nur die Stärksten und Fittesten überleben können. Ohne gegenseitige Hilfe, so schreibt der überzeugte Evolutionist Kropotkin, wären viele Arten nie in der Lage gewesen, solch umfassende Populationen zu entwickeln. Seine bildhaften und oftmals vermenschlichenden Beschreibungen, beispielsweise der Nistvereinigungen der Seeschwalben und Rostgänse in Sibirien oder die leidenschaftliche Verteidigung des eigenen Baus durch Ameisensoldaten, untermauert er mit stichhaltigen Belegen dafür, dass sowohl jedes einzelne Tier, die ganze Art und zumeist das gesamte Ökosystem von gegenseitiger Hilfe in der Tierwelt profitieren. Er untersucht vor diesem Hintergrund weiter die „gegenseitige Hilfe bei den Wilden“, die „gegenseitige Hilfe bei den Barbaren“ , so z.B. die Gemeindearbeit bei den Kabylen und Buriaten, die „gegenseitige Hilfe in der Stadt des Mittelalters“, so v.a. die Gildenordnung der freien Städte, die Dorfmark usw. und die gegenseitige Hilfe seiner Zeit, die er in Genossenschaften, Volksaufständen, Arbeiterzusammenschlüssen aber auch in alltäglichen Bräuchen verwirklicht sieht.
Kropotkin entwickelt seine Theorie des Anarchismus, indem er nicht das „vulgärdarwinistische“ Prinzip des Kampfes aller gegen alle, sondern die gegenseitige Hilfe als das entscheidende Prinzip menschlicher Evolution und auf ihm aufbauend die Institutionen, die Solidarität und Zusammenarbeit stiften, ansieht. Trotz der seiner Zeit geschuldeten evolutionistischen Herangehensweise, bleibt es doch sein großer Verdienst, nachgewiesen zu haben, wie wichtig jene Elemente der Kooperation und Hilfe für das erfolgreiche Funktionieren menschlicher Gemeinwesen sind. Sein Ansatz wirkt bis heute sowohl auf Natur- als auch auf Kulturwissenschaftler ein.

Marcel Mauss und sein Einfluss auf die anarchistische Anthropologie

Einige Jahre später entwickelte Marcel Mauss ähnlich revolutionäre Gedanken und provozierte mit seiner Kritik am homo oeconomicus die Intelligenzija seiner Zeit. Mauss selbst ist nicht zu den Vertretern der anarchistischen Anthropologie zu zählen, jedoch beeinflusste er diese mit seinem 1925 erschienenen Werk „Die Gabe“ nachhaltig. Er versuchte Strukturen aufzudecken, die außerhalb von Staatlichkeit und Marktprinzip funktionieren. Dabei konzentriert sich Mauss auf den wirtschaftlichen Bereich. Er legt sein Augenmerk auf das Element der Gegenseitigkeit (Reziprozität) und zeigt, ähnlich wie Bronislaw Kaspar Malinowski, dass menschliches Wirtschaften nicht unbedingt und nicht überall auf ökonomischen Profit ausgerichtet ist. Im Gegenteil gibt es „Gabenökonomien“, in denen solches Profitstreben abgelehnt wird.

Pierre Clastres: Gesellschaftliche Institutionen gegen Hierarchie

In den 1970er Jahren machte Pierre Clastres Furore mit seinen provokanten Thesen gegen ein westlich-staatszentriertes Denken. In seinem 1974 erschienenen Werk „Staatsfeinde“[3] untersucht er südamerikanische Gesellschaften dahingehend, inwieweit sich diese organisieren, ohne staatliche Strukturen und „zwangausübende“ Macht zuzulassen. Bei vielen Gruppen der südamerikanischen Indianer existiert demnach politische Macht auch ohne Befehl und Gehorsam. Diese Gesellschaften versuchen zu verhindern, dass Hierarchie und zwangausübende Gewalt entsteht. Sie verfügen über kulturelle Institutionen, die einer Machtkonzentration vorbeugen und den gemeinschaftlich bestimmten Häuptling aufs Schärfste kontrollieren. Interessant ist auch die Betrachtung des Naturbegriffes bei Pierre Clastres. Für gewisse südamerikanische Gemeinwesen trifft demnach zu, dass diese Zwang und Macht mit den in der Natur herrschenden Gesetzen in direkten Zusammenhang bringen und diese demnach ihre Kultur bedrohen würden. Dies steht im Gegensatz zum Verständnis der westlichen Eroberer, welche oft die Natur mit der Abwesenheit von Ordnung und Hierarchie gleichsetzten, woraus die evolutionistische Schlussfolgerung abgeleitet wurde, dass sich alle Menschen, wie in der Natur üblich, abschlachten müssten und nur eine hierarchische „Kultur“ das Naturgesetz der Wilden zügeln könne.

Auch wenn man Clastres oft einen gewissen Romantizismus[4] vorwarf und ihm unterstellte, nur zu sehen, was er sehen wolle und bspw. die Unterdrückung der Frauen und Kindstötungen zu vernachlässigen, haben doch Marcel Mauss, der sich auf den wirtschaftlichen Bereich konzentrierte und Pierre Clastres, der eher den politischen Bereich betrachtete, einen ähnlichen Schritt gemacht, um Strukturen aufzuzeigen, die außerhalb westlich-staatlicher Denkmuster und egalitär funktionieren.

Harold Barclay: Anarchie auf der politischen Ebene egalitärer Gesellschaften

„Aber obwohl von allen Theorien der Anarchismus die größte Sympathie für die Gemeinschaft zeigt, ist er nicht gegen Struktur, Ordnung oder Gesellschaft gerichtet“.[5]

Harold Barclay versucht in den beginnenden 1980er Jahren in seinem Werk „Völker ohne Regierung“[6] Strukturen aufzudecken, die aus dem Raster der Staatlichkeit fallen, die alternative Organisationsformen erklären, die menschliches Zusammenleben in seiner Organisation und Ordnung erfassen können, ohne in staatlichen oder hierarchischen Prinzipien verhaftet zu bleiben. Ausgehend von einem theoretischen Standpunkt, den wir am ehesten der brit. social anthropology zuordnen würden, konzentriert sich Barclay auf die politischen Strukturen einer Gemeinschaft.
Er trennt dabei die Begriffe Anarchismus und Anarchie deutlich voneinander und versteht unter Anarchismus eher eine sozialpolitische Theorie des 19. Jh. und unter Anarchie einen wissenschaftlich analytischen Begriff, der dazu geeignet ist, ebensolche wirklichen Strukturen zu erklären, die der Anarchismus ja gerade schaffen möchte.[7]
Er entwirft demzufolge ein Kontinuum mit den beiden Polen Anarchie und Archie. Auf der einen Seite steht Anarchie für die Abwesenheit des Staates und der Regierung, wohingegen bei der Archie als dem anderen Pol dieses Kontinuums, eindeutig eine Regierung und ein Staat vorhanden sind. Alle Beispiele von Gemeinschaften und Gesellschaften lassen sich nun in einem Graubereich zwischen diesen beiden Polen anordnen, wobei man doch immer eine Tendenz zur einen oder andere Seite angeben kann.[8] „Weder Anarchie noch die anarchistische Theorie sind grundsätzlich gegen Organisation, Autorität und Politik oder gegen politische Organisation gerichtet. Sie richten sich vielmehr gegen einige Erscheinungsformen derselben, besonders gegen Gesetz, Regierung und den Staat.“[9] Barclay möchte also den Blick schärfen für Formen menschlicher Organisation, die sich außerhalb staatlicher Strukturen befinden und bezeichnet diese als egalitär. Freilich mit der weit reichenden Einschränkung, dass für ihn auch Formen der Unterdrückung von Jüngeren und Frauen Teil anarchischer und egalitärer Gemeinwesen sein können.[10] Anarchie bezeichnet demnach nur ein „[…] Gemeinwesen ohne Herrschaft und Regierung, […] muß aber nicht unbedingt auch Freiheit bedeuten“[11]. Soziale Sanktionen wirken also in anarchischen und auch archischen Gemeinwesen, doch sind diese in ersteren eher diffuser und religiöser Art und werden in zweiteren um die Formen legaler Sanktion erweitert.[12]
Barclay konzentriert sich auf die Erforschung ethnographischer Beispiele und versucht zu ergründen, inwieweit diese anarchische Gemeinwesen darstellen. Er betrachtet dabei vor allem solche Gemeinwesen, die entweder heute gar nicht mehr existieren oder mittlerweile in staatliche Strukturen eingebunden sind. Mit seinem Versuch anarchische Beispiele zu finden, hat er am meisten Erfolg bei den (historischen) Jägern und Sammlern (Inuit, San, Pygmäen, australische Jäger und Sammler), doch ordnet er auch Gartenbauern (Lugbara, Konkomba, Tiv Plateau-Tonga), Hirtenvölker (Nuer) und agrarische Gesellschaften (Imazighen, Santal), aber auch die freie Stadt des Mittelalters[13] dem anarchischen Typ zu.
Auch wenn die Einteilung teilweise bestritten werden kann, muss man Barclay doch zugute halten, weniger, dass er neue Strukturen entdeckt, die sich außerhalb der Staatlichkeit bewegen, so doch vor allem die übersichtliche und prägnante Darstellung zahlreicher Beispiele der ethnologischen Literatur. Sein Begriff von Anarchie ist dabei sehr analytisch und auf den politischen Bereich, wie auch hauptsächlich auf ethnographische Beispiele beschränkt.

David Graeber: Anarchistische Strukturen aufdecken, untersuchen und wenn möglich: ausbauen

Einer der Köpfe, die ihre Freude an unserer Einleitung zu diesem Text haben würden, ist David Graeber. Derzeit noch außerordentlicher Professor an der Yale University, brachte er mit seinem 2004 von Marshall Sahlins herausgegebenen „Fragments of an Anarchist Anthropology“[14 u. Anm. d. Verf. v. 25.11.08] neuen Schwung in die Diskussion um die Methoden und Theorie der Anthropologie. Für Graeber ist Anarchismus nicht nur schlichte Utopie, sondern existiert bereits seit Menschengedenken. Ähnlich wie seinerzeit Kropotkin, durchforstet er die Gegenwart auf der Suche nach Beispielen von Zusammenschlüssen, deren Basis die Abwesenheit von Hierarchie darstellt. Anders als Barclay interessiert er sich also nicht nur für die politische Ebene, sondern fordert unter anderem die Untersuchung von Wirtschaftssystemen, Literatur oder der Organisation von Freiwilligendiensten nach hierarchielosen Strukturen.
Seiner Ansicht nach nehmen anarchistische Organisationsformen, entgegen der öffentlichen Meinung, in hohem Maße zu, finden jedoch wenig Beachtung oder entgingen dem öffentlichen Bewusstsein, da sie zumeist in einem kleineren und überschaubaren Rahmen auftreten. Seine These erinnert an Peter Lamborn Wilsons (alias Hakim Bey) Ansatz der temporär autonomen Zonen (T.A.Z.)[15]. Unter einer TAZ versteht Wilson einen kurzzeitigen Freiraum, in dem die gesetzgebende Macht ihren direkten Einfluss eingebüßt hat und somit Platz für eine zügellose, freie Entfaltung geboten ist. Beispiele einer TAZ wären Festivals, spontane Besetzungen oder Umnutzungen von Gebäuden und öffentlichen Flächen, aber auch der Karneval oder die Walpurgisnacht. Solche mit den TAZ vergleichbare Netzwerke sind für Graeber nicht nur eine politische Forderung, sondern im Alltag, in verschiedensten Formen und ungebunden von einem Ort, bereits vielfach existent. Unsere Einleitung soll eine kleine Vorstellung davon geben, wie Netzwerke der gegenseitigen Hilfe unseren Alltag durchziehen, entgegen der wissenschaftlichen Überzeugung, dass in Zukunft Individualisierung und Entfremdung weiter zunehmen.
Werden die Ausgegrenzten der Moderne, wie sie Zygmunt Bauman in seinem Buch „Verworfenes Leben“[16] beschreibt, sich zu wehren wissen? Graeber würde dies wohl teilweise bejahen und die Menschen, die im System der Globalisierung zu den Verlierern gehören, als den Keim der Auflösung unserer bestehenden Ordnung betrachten. Massenmigration, Terrorismus, Aufstände und Widerstand gegen die fragwürdigen Praktiken weltweit agierender Konzerne wären als Beispiele zu nennen. Als „counterpower“ bezeichnet er das Phänomen, dass jede Gesellschaft in sich selbst im Widerspruch lebt und somit ihre eigene Auflösung in sich trägt. Gleichzeitig schafft die counterpower Institutionen, um sich selbst gegen Herrschaft und Macht zu schützen.[17] Diese Idee stammt von Clastres, lässt sich aber in der heutigen Gesellschaft etwas schwieriger nachvollziehen. Genau diese zu erforschen, würde Graeber von einer Anarchistischen Anthropologie einfordern. Dass dieses Prinzip nicht auf unsere Gesellschaft zu reduzieren oder nur auf kleine Gruppen anwendbar ist, belegen Beispiele, wie die südmexikanische EZLN, das globalisierungskritische Netzwerk Attac oder auch die weiter wachsende Bedeutung von Wikis im Internet. Aber auch die von George W. Bush ernannten „Feinde der Freiheit“ Al Qaida (dt. Die Basis) haben erkannt, welche Vorteile ein Netzwerk mit Chefideologen aber ohne Chefetage bietet.
Keine Scheu zeigt Graeber davor, klar Stellung zu beziehen, für die, wie er sie nennt „little guys“.[18] Eine klare politische Theorie fordert er ein, hütet sich aber davor, sich mit anarchistischen Klassikern wie Bakunin oder Proudhon zu identifizieren. Anstelle dieser lässt er durchblicken, dass die asambleas barreales, die 2002 nach dem Zusammenbruch der nationalen Wirtschaft in Argentinien gebildet wurden, einen weitaus höheren Anteil Mitbestimmung des Einzelnen in sich trugen, als parlamentarische Demokratien, da sie auf Konsensbeschluss aufgebaut waren.[19]
Die Anthropologie sei besonders geeignet für die Offenlegung alternativer Strukturen, da sie die einzige und letzte Wissenschaft ist, die sich mit staatenlosen Gesellschaften beschäftigt und gezeigt hat, dass der Staat nur in einer sehr kurzen Spanne der Menschheitsgeschichte in Erscheinung getreten ist.[20] Die feste Überzeugung westlicher Wissenschaften, die nicht nur davon ausgehen, dass der Staat die höchste Form der politischen Organisation darstellt, sondern schlichtweg ein Leben ohne Staat nicht möglich ist, da dies in Mord, Totschlag und Chaos enden müsste, sieht Graeber also als schlichtweg falsch an. Des Weiteren sollte die Ethnologie nicht müde werden, zu betonen, dass der Staat und die Nation eine „imaginary totality par excellence“[21] sei, wie sie auch schon Benedict Anderson 1983 beschrieben hat, also eine gemeinschaftliche Vorstellung der Zusammengehörigkeit, die zwar Auswirkungen auf die Realität hat, jedoch selbst nur in den Köpfen der Menschen existiert.[22] Von Natur aus gibt es keine Staatsbürgerschaften oder staatlichen Grenzen. Diese Kategorien existieren nur in den menschlichen Köpfen und treten in Symbolen und Ritualen zutage. Erst der feste Glaube an die „Imagined Community“ lässt uns zu der Überzeugung kommen als „Deutsche“ geboren zu sein und dazu zu gehören. So stellt sich Graeber — ähnlich wie damals Kropotkin gegen den Sozialdarwinismus — gegen die Staatlichkeit als unumstößliches Dogma.
Obwohl die Menschen im Paläolithikum bessere Zähne gehabt hätten, als der durchschnittliche US-Amerikaner heute, lehnt er jeden Primitivismus ab, da ein Weg „zurück“ schlichtweg nicht nachzuvollziehen sei und wir die reale Welt so annehmen müssten, wie sie ist.[23]
Ähnlich wie die Aktionsethnologie, die im folgenden Kapitel noch genauer umrissen wird, sieht Graeber ein weiteres Forschungsgebiet in der Aufdeckung von Hierarchien und deren anschließender Kritik, sowie der Kritik am Staat allgemein und Gegenentwürfe zu diesem. In der Lohnarbeit sieht er beispielsweise eine moderne Form der Sklaverei und schlägt ihre Abschaffung vor. Eine Alternative lässt er durchblicken, vermeidet jedoch sich festzulegen, indem er den im Anarchismus klassischen Vorschlag der gleichmäßigen Aufteilung von Aufgaben zu gleichen Vergütungen andeutet und waghalsige Prognosen zur Übernahme der „dreckigen“ Arbeit durch die Technik voraussieht.[24]
David Graeber bietet in seinen „Fragments of an Anarchist Anthropology“ jede Menge Angriffspunkte zur Kritik. Auch wenn er sich durch den Zusatz „Fragments“ zu schützen versucht, ist es schwer verständlich, warum er auf 105 Seiten eine solche Vielzahl von Themen kurz anschneidet, mit denen sich sowohl die Ethnologie als auch der Anarchismus seit Jahrzehnten beschäftigen. Damit wirft er oftmals mehr Fragen auf, als er beantworten kann. Andererseits muss man ihm zugute halten, dass er Ideen bündelt, weiterdenkt und eine klare Gegenposition zu so mancher Überzeugung in Ethnologie und Gesellschaft einnimmt.

Methodik der anarchistischen Anthropologie und ihre Verwandtschaft zur Aktionsethnologie

Wie sieht nun die methodische Umsetzung einer Anarchist Anthropology aus? Mit welchen bereits bekannten Herangehensweisen können wir diese vergleichen? Welche ethischen Implikationen beinhaltet solch ein Vorgehen?
Anarchistische Ethnologie ist nach David Graeber besonders geeignet, Strukturen und Alternativen jenseits von Hierarchie und Staatlichkeit aufzuzeigen, nicht nur weil die Ethnologie sich schon traditionellerweise mit nicht-staatlichen Gesellschaften befasste, sondern gerade wegen ihrer Vorgehensweise, die es erlaubt, zu jener verborgenen Symbolik und moralischen und pragmatischen Logik vorzudringen, die die Handlungen eben dieser Menschen prägen. In dem der Ethnologe durch Zuschauen und Mitmachen Alternativen zur hierarchischen Sozialstruktur des Staates aufdeckt, erfährt er damit Möglichkeiten, Beiträge und Beispiele für menschliches Miteinander, die er sonst nicht erkennen würde. Indem er solche Alternativen formuliert, kann er diese auch für das eigene Handeln nutzbar machen, um einer gerechteren und freieren Gesellschaft den Weg bereiten zu können.[25]
Uns erinnert der Aktivismus der anarchistischen Anthropologie stark an die Grundannahmen der Aktionsethnologie. Die Aktionsethnologie oder Action Anthropology war eine ethnologische Forschungsrichtung, die ihren Ausgang im 1948-58 durchgeführten Fox Projekt von Sol Tax fand. Auch wenn dieses Projekt scheiterte, so entstanden doch theoretische und praktische Erkenntnisse die zahlreiche Feldforschungen danach prägten. Laut Sol Tax haben Aktionsethnologen einerseits den Anspruch, einer Gruppe, bei der man forscht zu helfen, also sich bewusst für sie einzusetzen und andererseits neues Wissen im Handeln, in der Praxis mit den Menschen zu erlangen.[26] In dem der Aktionsethnologe seine „eigenen“ Machtverhältnisse hinterfragt (studying up) und im Dialog mit den Menschen arbeitet, ist der Forschungsprozess offen genug um auch Strukturen zu entdecken, die jenseits der eigenen gewohnten Vorstellungen liegen.

Viele Gemeinwesen, die anarchistisch organisiert sind, stehen im offenen Widerspruch und Widerstand zu einem Staat innerhalb dessen sie funktionieren. Der Staat ist i.d.R. ein System, das auf Ausbeutung und Klassenteilung beruht. Ob der Staat dabei aus einer Klassenstruktur hervorgeht, wie es orthodoxe Marxisten behaupten würden oder ob die Klassenstruktur eher aus einer Vormacht und zwangausübenden Macht einzelner Personen entsteht, wie dies Pierre Clastres mancherorts vorsichtig behauptet, bleibt umstritten.[27] Eher ist wohl wahrscheinlich, dass sich beide Aspekte nicht voneinander trennen lassen.[28]
Unserem Erachten nach kann eine anarchistische Anthropologie in Zeiten des Ausbaus des staatlichen Machtmonopols, fortschreitender Entmündigung und stärkerer Beschneidung der Freiheit des Individuums im Namen der gesellschaftlichen Sicherheit, ihren wertvollen Beitrag für die Gemeinschaft leisten. Als Mittel zur Offenlegung und Kritik an Machtkonzentration und -missbrauch dient sie dabei sicherlich genauso gut, wie der Erarbeitung von Alternativen.

Fußnoten:

[1] Chomsky, Noam 2000: Die Politische Ökonomie der Menschenrechte. Politische Essays und Interviews. Grafenau: Trotzdem-Verlag.
[2] Kropotkin, Peter 1993 [engl. Orig. 1902]: Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt. Grafenau: Trotzdem-Verlag.
[3] Clastres, Pierre 1976 [frz. Orig. 1974]: Staatsfeinde: Studien zur politschen Anthropologie. Frankfurt/ M.: Suhrkamp.
[4] Graeber, David 2004: Fragments of an Anarchist Anthropology. Chicago: Prickly Paradigm Press. 23.
[5] Barclay, Harold 1985 [engl. Orig. 1982]: Völker ohne Regierung. Eine Anthropologie der Anarchie. Edition Schwarze Kirschen 6. Berlin: Libertad Verlag. 21.
[6] Ibid.
[7] Ibid.: 12.
[8] Ibid.: 49-52.
[9] Ibid.: 29.
[10] Ibid.: 57-8.
[11] Ibid.: 58.
[12] Ibid.: 50.
[13] Vgl. hierzu auch:
Kropotkin, Peter 1993 [engl. Orig. 1902]
Luxemburg, Rosa 1975: Einführung in die Nationalökonomie. In: Dies.: Gesammelte Werke. Bd. 5. Ökonomische Schriften. Berlin/ DDR: Dietz. 524-778.
[14] Graeber, David 2004.
[Anm. d. Verf. v. 25.11.08: Der Text steht dem hiesigen Publikum seit kurzem in deutscher Übersetzung zur Verfügung! Graeber, David 2008 [engl. Orig. 2004]: Frei von Herrschaft. Fragmente einer anarchistischen Anthropologie. Übersetzt von Werner Petermann. Wuppertal: Edition Trickster im Peter Hammer Verlag.]
[15] Bey, Hakim 1994: TAZ. Die Temporäre Autonome Zone. Berlin: Edition ID-Archiv.
[16] Bauman, Zygmunt 2005: Verworfenes Leben. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung.
[17] Graeber, David 2004: 24.
[18] Ibid.: 98.
[19] Ibid.: 82.[20] Ibid.: 98.
[21] Ibid.: 65.
[22] Anderson, Benedict 1983: Imagined Communities. Berlin: Ullstein.
[23] Graeber, David 2004: 54.
[24] Ibid.: 82.
[25] Ibid.: 11-2.
[26] Amborn, Hermann 1993: Handlungsfähiger Diskurs: Reflexionen zur Aktionsethnologie. In: Schmied-Kowarzik, Wolfdietrich; Stagl, Justin (Hg.): Grundfragen der Ethnologie. Beiträge zur gegenwärtigen Theorie-Diskussion. Berlin: Reimer. 129-50.
Seithel, Friderike 1990: Action Anthropology. In: Gehling, Andreas (Hg.): Ethnoreader 1. Jahreshefte für transdisziplinäre Ethnologie. Emsdetten: Verlag Andreas Gehling. S. 47-77.
[27] Clastres, Pierre 1977: Über die Entstehung von Herrschaft. Ein Interview. In: Unter dem Pflaster liegt der Strand. Bd. 4. Berlin: Karin Kramer Verlag. 102-41.
[28] Vgl.: Godelier, Maurice 1987 [frz. Orig. 1982]: Die Produktion der großen Männer. Macht u. männl. Vorherrschaft bei d. Baruya in Neuguinea. Frankfurt/M; New York; Paris: Campus. 34.

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