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Monitor: Den letzten beißen die Hunde: Der neue Trend der Lohndrücker

Sonia Seymour Mikich: "Für minimales Geld maximal schuften, ohne jede Absicherung - Lohndrückerei macht Schule. Das ist der Geist unserer Zeit, und das steckt auch hinter unserem Jobwunder. Wir haben lange in einer Szene recherchiert, wo Lohndrückerei eine ganz besondere Form annimmt. "Branchenüblich" sei das, heißt es da. Aber der Paketbote, der Ihnen noch abends die Bestellungen aus dem Internethandel vorbeibringt, der kämpft vielleicht Tag für Tag ums Überleben. Unsere Reporter haben sich den Marktführer der postunabhängigen Paketzusteller mal genauer angeschaut."

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Imagefilm Hermes

Die schöne Welt der Paketdienste, zumindest im Imagefilm.

Imagefilm Hermes: "Nadine Ewers ist Zustellerin bei Hermes. Und das bedeutet: sie tut wirklich alles dafür, dass ihre Sendung bei ihren Kunden ankommt."

Und das ist - sagen wir mal - Werner. Werner darf unter keinen Umständen erkannt werden. Er ist einer von 10.000 Zustellern, die im echten Leben für die Hermes Logistik Gruppe Pakete ausfahren. Werner steht für viele Fahrer, die wir bei unseren Recherchen in dieser Branche getroffen haben. Er arbeitet für, aber nicht bei Hermes - fast wie ein kleiner Unternehmer, auf eigenes Risiko, bezahlt pro Paket.

Reporter: "Was verdienen Sie pro Paket?"

Werner: "Ich bekomme pro Paket etwa 60 Cent. Aber bei anderen sieht es eben so aus, die bedeutend weniger bekommen, das fängt bei 57 Cent an und also im Schnitt 58 Cent."

Etwa hundert Pakete schafft Werner in zehn bis zwölf Stunden, wenn er sich beeilt. Das macht am Tag etwa 60 Euro, minus Sprit und Unterhaltskosten fürs Auto.

Werner: "Das ist verdammt wenig. Denn wenn man das jetzt alles umrechnen würde in Stunden und Benzin und in Steuern und Versicherungen, Reparaturen, bleibt da gar nichts übrig."

Vor allem: Bezahlt wird nur nach Erfolg. Viermal muss der Hermesbote zum Kunden, wird er das Paket nicht los, geht er leer aus, hat Arbeit und Benzin umsonst investiert. Auch sonst trägt Werner ein hohes Risiko, denn es gibt Strafzahlungen. Wir fahren nach Baden-Württemberg. Dort treffen wir Oliver Allmannsberger. Der 26-jährige hat mit diesen Strafzahlungen ganz eigene Erfahrungen gemacht. Drei Wochen hatte er als Hermes-Bote für einen Subunternehmer gearbeitet, dann bekam er die Abrechnung. 598 Pakete, las er da, habe er für je 55 Cent ausgeliefert. Davon wurden ihm Strafgebühren für zu spät gelieferte Eilzustellungen abgezogen, dreimal 100 Euro. Statt ein es Gehaltes hatte er am Ende nach drei Wochen Arbeit 48,44 Euro Schulden bei seinem Subunternehmer. Allmannsberger war empört.

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Oliver Allmannsberger

Oliver Allmannsberger, ehemaliger Paketbote: "Ich hab gearbeitet für mein Geld und ich bekomme es nicht, das geht nicht. Weil noch zahlen für eine Arbeit, die man geleistet hat, das geht ja gar nicht."

Imagefilm Hermes: "Jeden Tag liefern wir Sendungen an über eine Million Haustüren in ganz Deutschland ab. Eine starke Leistung, die ohne den enormen Einsatz unserer Mitarbeiter gar nicht möglich wäre."

Enormer Einsatz und gar kein Geld? Nach massiver Klagedrohung bekam Oliver Allmannsberger schließlich doch noch seinen Lohn vom Subunternehmer. Sicher ein Extremfall, doch unter Strafabzügen leiden auch Werner und seine Kollegen immer wieder. Hohes Risiko bei härtester Arbeit und minimalem Einkommen. In der Branche ist das weit verbreitet. Hermes sagt, weder mit Strafzahlungen noch mit der Bezahlung der Fahrer habe das Unternehmen etwas zu tun. Und das kann Hermes sagen, denn die Hermes Logistik Gruppe macht Verträge mit Subunternehmern, so genannten Satellitendepotbetreibern. Die wiederum beauftragen andere Subunternehmer, für die meist mehrere Fahrer die Pakete ausliefern. Für die Arbeitsbedingungen der Fahrer fühlt sich Hermes deshalb nicht verantwortlich.

Martin Frommhold Rechte: WDR Bild vergrößern

Martin Frommhold, Hermes Europe GmbH

Martin Frommhold, Hermes Europe GmbH: "Für die Fahrer ist dann eben der Vertragspartner zuständig. Er ist für die Organisation seines Betriebes zuständig, auch dafür, wie viele Fahrer er einsetzt, dafür, ob er seine Arbeit beispielsweise auch über Subunternehmer organisiert und letzten Endes ist er auch dafür zuständig, wie diese Fahrer oder Subunternehmer bezahlt werden."

Reporter: "Das heißt die Fahrer, die für die Hermes Logistik Gruppe tagtäglich an den Türen stehen, die Pakete abgeben, die haben mit Ihnen eigentlich gar nichts zu tun?"

Martin Frommhold, Hermes Europe GmbH: "Richtig, diese Fahrer sind Mitarbeiter von Vertragspartnern und sind für diese tätig."

Nicht verantwortlich sieht sich Hermes auch für ein weiteres Ergebnis unserer Recherche. Wir treffen einen der vielen Subunternehmer, die im Auftrag eines Hermes-Satellitenbetreibers arbeiten. Er erzählt uns verdeckt vor der Kamera, was uns auch von anderen berichtet wurde. Nicht selten würden Hermes-Boten von Subunternehmern auch schwarz beschäftigt.

Hermes Subunternehmer: "Das ist ganz und gar kein Ausnahmefall. Das wird soweit ich weiß deutschlandweit zelebriert. Die Mitarbeiter werden eingestellt auf 400 Euro-Basis, verdienen aber weitaus mehr. Dann wird dann die Mutter angemeldet, der Vater wird angemeldet und so sind schnell zwölf-dreizehnhundert Euro zu verdienen mit zwei Namen, wobei nur einer arbeiten kommt. Und das bis zu zehn Stunden am Tag."

MONITOR liegen Schein-Abrechnungen von Familienangehörigen vor. Danach arbeitet auf dem Papier auch schon mal eine 80-jährige Großmutter als Hermesbote. Einzelfälle? Die Staatsanwaltschaft Hamburg hat da Zweifel, seit man bei einer Razzia Subunternehmer der Hermes-Vertragspartner im norddeutschen Raum ins Visier genommen hat.

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Wilhelm Möllers, Staatsanwaltschaft Hamburg

Wilhelm Möllers, Staatsanwaltschaft Hamburg: "Nach meinem Wissen sind in Norddeutschland insgesamt 72 Ermittlungsverfahren anhängig, 15 Ermittlungsverfahren werden bei der Staatsanwaltschaft Hamburg betrieben. Vorwurf der Ermittlungen ist das Vorenthalten von Sozialentgelt, also von Krankenkassenbeiträgen, Beiträgen zur Sozialversicherung, und so weiter."

Reporter: "Gegen wen richten sich diese Ermittlungen?"

Wilhelm Möllers, Staatsanwaltschaft Hamburg: "Die Ermittlungen richten sich gegen Subunternehmer, selbständige Beschuldigte. Die Ermittlungen stehen strafrechtlich in keinem Zusammenhang mit einem namhaften Paketzusteller hier im norddeutschen Raum."

Ermittelt wird also ausdrücklich nicht gegen die Hermes Logistik Gruppe, sondern gegen Subunternehmer der Hermes-Vertragspartner. 72 Subunternehmer, für die Hermes juristisch nicht verantwortlich ist. Aber zahlt Hermes überhaupt genug, damit die Subunternehmer die Fahrer gerecht und legal bezahlen können?

Martin Frommhold, Hermes Europe GmbH: "Unserer Meinung nach bezahlen wir an unsere Vertragspartner einen ausreichenden Betrag, der es ihm ermöglicht, seine eigenen Mitarbeiter entsprechend zu entlohnen und dort für ein geregeltes Auskommen zu sorgen."

Wilhelm Möllers, Staatsanwaltschaft Hamburg: "Nach unseren Erkenntnissen sind die Vertragsverhältnisse betriebswirtschaftlich sehr eng ausgestaltet, wir haben Anhaltspunkte dafür, dass letztlich für den einzelnen Subunternehmer pro Paket bei diesen Ausgestaltungen kein Gewinn zu erzielen ist."

In eine ähnliche Richtung geht die Einschätzung von Ralph Svensson, der fünf Jahre lang als Satellitenbetreiber direkter Hermes-Vertragspartner war. Er empfindet das System als gnadenlos.

Ralph Svensson Rechte: WDR Bild vergrößern

Ralph Svensson

Ralph Svensson, ehemaliger Satellitendepotbetreiber: "Also dieses System setzt meiner Meinung nach darauf, ganz gewaltige Risiken und Kosten von Hermes auf die Satellitendepotbetreiber und Subunternehmer abzuwälzen, so dass man noch höher, schneller und weiter im Wettbewerbs- und Konkurrenzkampf sein kann. Man wird von dem System gefangen gehalten. Man wird dazu gezwungen, auch gewisse Entscheidungen mitzutragen, ob man will oder nicht. Und insofern ist man auch nicht wirklich selbständig. Man ist eigentlich auch Erfüllungsgehilfe."

Hermes ist bei den postunabhängigen Paketzustellern Marktführer. Doch mit Subunternehmern arbeiten inzwischen fast alle Mitbewerber mehr oder weniger. Das spart Kosten und wälzt Risiken ab. Selbst Deutsche Post DHL arbeitet inzwischen in fast 1000 der rund 7000 Zustellbezirken mit Servicepartnern. Dass es nicht mehr sind, liegt vor allem an einer Vereinbarung mit den Gewerkschaften, die in diesem Jahr allerdings ausläuft. Ein streng vertrauliches Vorstandspapier, das MONITOR vorliegt, zeigt, dass man postintern auch schon mal eine komplette Fremdvergabe durchgerechnet hat. Das könne der Post 8000 Stellen und jährlich 140 Millionen Euro sparen. Droht eine Niedriglohnspirale auf Kosten der Beitrags- und Steuerzahler? Denn wenn immer mehr Zusteller wie Werner kaum Beiträge in die Sozialversicherung zahlen, droht eine massive Altersarmut und der Bankrott der staatlichen Sicherungssysteme. Zumal viele ihre Niedriglöhne auch noch mit Hartz IV aufstocken müssen. Jedes Paket wird dann vom Steuerzahler indirekt subventioniert, warnen Sozialforscher.

Prof. Gerhard Bosch Rechte: WDR Bild vergrößern

Prof. Gerhard Bosch, Uni Duisburg

Prof. Gerhard Bosch, Institut für Arbeit und Qualifikation, Universität Duisburg: "Die Politik muss vor allem die Augen aufmachen. Sie verschließt die Augen vor einem Missbrauch. Der wird stillschweigend hingenommen und der wird auch schöngeredet mit Hinweis auf das Beschäftigungswunder. Und es werden überhaupt die versteckten sozialen Kosten in solchen Systemen werden überhaupt nicht erkannt. Man erhofft sich einen kurzfristigen Vorteil durch sinkende Preise im Paketbereich und übersieht völlig, dass man eigentlich die Finanzkraft des Staates und der Sozialversicherungssysteme systematisch untergräbt."

Die schöne neue Welt der Paketdienste - sie könnte uns allen noch teuer zu stehen kommen.

Sonia Seymour Mikich: "Wir erwarten 1a-Leistung zu jeder Zeit für kleines Geld, und die Pakete sind ja auch billiger geworden. Aber das hat seinen Preis für uns alle. Niedrigstlöhner können oft nichts in die Sozialkassen einzahlen. Ausbeutung mit Langzeitfolgen - sie macht miese Schule."

Mehr zum Thema

  • Video: Interview Volker GeyerVolker Geyer, Bundesvorsitzender der Postgewerkschaft DPVKom, über die Arbeitsbedingungen bei Sub-Unternehmern in der Paketbranche und das interne Vorstandspapier der Post.
  • Video: Interview Professor Gerhard BoschProfessor Gerhard Bosch vom Institut für Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg über die Folgen einer möglichen Niedriglohnspirale.
  • WDR: MONITOR-DossierArmut trotz Arbeit?

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