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Milano: Außergewöhnlicher Arbeitskampf

::Giu’ le mani dalla innse::: Mit einer unglaublichen Willensstärke treten die ArbeiterInnen der Innse Presse in Milano nun in den 9. Monat ihres Arbeitskampfes. Dies ist kein Streik, sondern explizit ein Arbeitskampf, in welchem die LohnarbeiterInnen der Innsepresse sich kaum Mitteln verweigern um ihre Interessen durchzusetzen. Sie mögen vielleicht nicht viele sein, doch sie halten zusammen und und gehen diesen außergewöhnlichen Arbeitskampf Seite an Seite. Ihre Fabrik, welche auch symbolträchtiger Schauplatz der Resistzenz war und vor allem nun wieder ist, lassen sie sich nicht nehmen und stehen einen langen, zähen Kampf durch. Seit einigen Monaten solidarisierten sich neben den vielen ArbeiterInnen anderer Fabriken in Milano und Umgebung auch Studierende und GenossInnen aus den Sozialzentren der Stadt mit den ArbeiterInnen. Doch nun wird die Luft dicker, der Besitzer Genta wird in den nächsten Stunden ernst machen wollen und sich Zutritt zum Gelände und den Produktionsanlagen verschaffen wollen.
Zur Geschichte des Kampfes:
Am 31. Mai 2008 erhielten die ArbeiterInnen ein Schreiben der Betriebsleitung, dass ab sofort die Produktion eingestellt würde. Vollkommen perplex versammelten sich die KollegInnen vor dem Betrieb, welche von einem privaten Sicherheitsdienst abgeriegelt wurde. Die ArbeiterInnen überlisteten den Sicherheitsdienst und verschafften sich über einen Hintereingang Zugang zum Fabrikgelände. Der Spieß wurde umgedreht und die überrumpelten Sicherheitsbediensteten bekamen es mit der Angst zu tun, als ihnen auf einmal 50 willensstarke ArbeiterInnen gegenüber standen und verschwanden vom Betriebsgelände. Im folgenden wurde eine ständige Betriebsversammlung ausgerufen und nach einigen Tagen die Produktion, selbst organisiert wieder aufgenommen, da ebenso genug Aufträge vorhanden waren.
Die INNSE PRESSE stellt Pressen und Walzwerke für die Stahlindustrie her.Heruntergewirtschaftet sind von den ehemals 2 200 LohnarbeiterInnen zum Ende nur noch 50 übrig geblieben. Die ArbeiterInnen, viele schon im höheren Alter, haben Angst um ihre Existenz und kämpfen für sich und alle anderen ArbeiterInnen, die vor ihr Aus und auf die Straße gesetzt wurden sind.
Die kämpfenden ArbeiterInnen sehen sich in der folgenden Zeit ständig Auseinandersetzungen und Verteidigungen der Fabrik und der Produktion ausgesetzt. Ihnen sollte der Strom abgestellt werden, was verhindert werden konnte, ihnen sollten die Produktionsmittel genommen werden, die Telekommunikation wurde abgeschaltet und die Versorgung mit Nahrungsmitteln in der Kantine wurde blockiert. Doch die ArbeiterInnen ließen sich in ihrem Kampf nicht beirren, fanden neue Mittel und Wege, wie zum Beispiel die selbst verwaltete Übernahme der Nahrungsversorgung. Durch ein Schichtsystem gewährleisteten sie die Nachtwache und begannen ab 06.30 Uhr in 2 Schichten die Produktion.

Der Turiner Unternehmer und Fabrikbesitzer Silvano Genta scheute keinen Weg um den Kampf zu beenden: die Maschinen zu verschrotten und die ArbeiterInnen vor das Aus zu setzten. Doch diese geben nicht auf, denn die Werkstore wird er nicht überwinden. Nach den Entlassungen halten die ArbeiterInnen sich mit Spenden von überall her über Wasser um ihren famosen Kampf weiter fortzusetzen. Im August verweigerte Genta die Lohnauszahlungen, was zur Folge hatte, dass die Via Rubattino, wo sich das Werk befindet und welche zum Mailänder Stadtzentrum und Stadtautobahn führt, mit Gabelstaplern, Anhängern versperrt und blockiert wurde. Genta verweigerte weiterhin jegliche Verhandlungen oder die Auszahlungen. Erstaunlich und obskur zugleich erscheint, dass ihn selbst das Angebot eines interessierten Käufers aus Brescia, der den Betrieb übernehmen wollen würde und die Produktion fortsetzen wollte, nicht von seiner Idee, das Werk und die Maschinen zu verschrotten, abbringt. Dass Genta in intensiver Verbindung mit der Lega steht, bringt an dieser Stelle zwar ein wenig Erleuchtung, aber ändert natürlich nichts an den gegebenen Tatsachen.

Am 17. September wird die Fabrik während nur 2 ArbeiterInnen anwesend sind von staatlichen Organen geräumt. Die Werkstore werden versiegelt, und spätestens zu diesem Zeitpunkt wurde deutlich, dass durch das Eingreifen des Staates (was in diesem Fall nicht sonderlich von Neutralität zeugt, aber dies auch nicht sonderlich verwunderlich ist, in diesem Land), dies nicht mehr länger ein Konflikt zwischen dem Unternehmer und den ArbeiterInnen ist. Die LohnarbeiterInnen sind ausgesperrt diesmal vom Staat.
Die ArbeiterInnen lassen nicht locker, sie richten sich vor den Werkstoren mit einem Camper ein, blockieren weiter die Straße und erklären klar und deutlich: dass sie ihre Fabrik zurück erobern wollen! In den folgenden Tagen halten die ausgesperrten ArbeiterInnen Tag und Nacht die Stellung vor den Werkstoren und erhalten breite Solidarität aus anderen Betrieben. Ende September beginnen sie ihre Besetzung weiter auszubauen und sich vor anstehender Kälte und Nässe zu schützen. Sie besetzen den überdachten Platz eines ehemaligen Pförtnerhäuschens, den Gehsteig und einen Teil der Strasse. Es wurde wie eine Art Basislager mit Tischen und Stühlen für Versammlungen, Essen, oder auch einfach nur Karten spielen eingerichtet, sowie neben an eine Küche eingerichtet. Die Wände mittlerweile gepflastert mit Soli- schreiben, Informationen, Orgaabläufen.
Aus gepflegter Entfernung beobachten die Gewerkschaften diesen Arbeitskampf, welcher ganz im Gegensatz zu den üblichen „Kompromiß- und Einigungslösungen“ der Gewerkschaften steht und im Ende ebenso bei Entlassungen endet, wie sich das zur Zeit bei anderen Betrieben in der Umgebung offenbart. Die LohnarbeiterInnen der Innse Presse bestimmen in einem kollektiven Prozess wo ihr Kampf hingeht, denn sie sind eben dessen Subjekte, sie kennen ihre Interessen und mit entschlossenem Bewusstsein treten sie diesem antagonistischen Kontflikt entgegen, sich dessen Kern “bewusst”. Als Rinaldini, Generalsekretär der italienischen MetallarbeiterInnengewerkschaft FIOM, den BesetzerInnen einen Besuch abstattete, wurde er darauf hingewiesen in weiteren Betrieben auf diesen Kampf aufmerksam zu machen und zu Solidaritätsaktionen aufzurufen. Immerhin versprach die FIOM nun finanzielle Unterstützung für den Arbeitskampf bis zur Wiederaufnahme der Produktion, sowie der Beschäftigung aller an ihren Arbeitsplätzen in der Fabrik. Der Arbeitskampf bei der Innse ist für viele LohnarbeiterInnen in anderen Betrieben Bezugspunkt geworden. Die ArbeiterInnen sind gewillt verschiedene Kämpfe zusammenzuführen, auch mit dem Gedanken eines Generalstreiks im Hinterkopf. Hier beispielsweise eine Solidaritätserklärung mit 250 Unterschriften der Beschäftigten des „teatro della scala“: „Eine Stunde der eigenen Arbeit aus Solidarität mit den INNSE-ArbeiterInnen, seit Monaten im Kampf gegen die Schliessung ihrer Fabrik, veranlasst von Herrn Genta, dem Besitzer, der nach Jahren der Steuererleichterung und öffentlicher Hilfe beschlossen hat, den Betrieb stillzulegen, um eine weitere Bodenspekulation ins Leben zu rufen.“ So befinden sich die BesetzerInnen in ständigen Diskussionen mit anderen kämpfenden Belegschaften um neue Kampfformen zu entwickeln, wodurch mittlerweile ein großes Solidaritätsnetz entstanden ist. Eben dieses erprobte sich ein weiteres Mal, als am 14. Januar im frühen Morgengrauen der Besitzer Genta, gefolgt von LKW’s und Krans mit ca. 60 Polizisten überraschend vor den Werkstoren aufschlug um die Maschinen aus der Fabrik zu holen. Innerhalb einer halben Stunde versammelten sich mehr als 300 ArbeiterInnen, zahlreiche StudentInnen und GenossInnen aus den Centri Sociali vor der Innse und bekräftigten wiedereinmal voller Willensstärke „GIU’ LE MANI DALLA INNSE !“ Der Überfall von Polizei und Unternehmer sollte scheitern.

Die ArbeiterInnen der Innse- Presse lassen sich nicht zähmen und durch die stets anwachsende Solidarität werden sie weiter in ihrem Kampf bestärkt. Hervorzuheben ist auch die nicht zu verachtende Beteiligung von Studierenden an diesem Kampf. Einige von Ihnen statten den BesetzerInnen am Stadtrand Milanos quasi jeden Tag einen Besuch ab. Auf der letzten Versammlung der Studierenden der staatlichen Universität Milano, wo über die Fortsetzung der Proteste der vergangenen Monate diskutiert wurde, war auch die Innse ein Thema, sodass sich mittlerweile eine Gruppe von UnterstzützerInnen aus dem studentischen Spektrum gefunden hat. Weiterhin gibt es einige Centri sociali, die sich an diesem Kampf unterstützend beteiligen.

Dieser Kampf ist von besonderer Ausdrucksstärke und hat einen langen Atem, der auch nach 9 Monaten nicht zu vergehen scheint. Die LohnarbeiterInnen setzen mit all ihrer Willenskraft und Stärke dem Kapital und dem Staat ihr Interesse entgegen. Von eben diesen wird vermutlich kein annehmbarer Lösungsvorschlag kommen, ebenso die kommunalen Behörden schauen sich dieses immer weiter zuspitzende Spektakel ungläubig an. Während sich die kämpfende Belegschaft im ständigen Austausch mit anderen gegen Entlassungen kämpfenden operai befindet, und die Seite der furiosi immer weiter an zuwachsen scheint, wird sich in den nächsten Tagen zeigen, wie Genta und die staatlichen Organe darauf reagieren werden. Seit gestern abend 23 Uhr stehen alle Zeichen auf Allarm, die ersten Barrikaden sind aufgebaut und man richtet sich für die Nächte in der Innse ein um dazu sein, wenn Genta mit den staatlichen Ordungsorganen anrollen sollte. Doch eines steht fest, für ihn wird es wiedereinmal nicht einfach werden, auf das Gelände zu kommen, ihn erwarten wütende ArbeiterInnen und andere GenossInnen, die mit allen Mitteln für die Innse kämpfen werden!

Solidarität mit den kämpfenden ArbeiterInnen der Innse- Presse Milano und anderen sich in Kämpfen befindenden Belegschaften… Dieser Konflikt: Eine Frage des Eigentums? Die Antwort ist klar: Vogliamo proprio tutto, questa e la nostra fabbrica!
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