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Lettland: Anarchismus Gestern, Heute und Morgen (Versuch einer Analyse)

Lettland gehört zu den drei baltischen Staaten, die im Rahmen der EU-Erweiterung am 1. Mai 2004 in die Europäische Union aufgenommen wurden. Wir wollen hier eine Analyse des Zustands der anarchistischen Bewegung in Lettland vorstellen. Der Autor ist ein lettischer Anarcho-Syndikalist, und setzt sich in dem Text mit den Erscheinungen des subkulturellen Anarchismus auseinander. Wie wir finden ist ihm dies gut gelungen. Der Text zeigt gewisse Mängel von „Szene-Anarchisten“ recht deutlich auf. Die russische Originalfassung erschien in der libertären Zeitung „Bes Graniz“ („Ohne Grenzen“) im Mai 2010. „Bes Graniz“ ist ein Gemeinschaftsprojekt von russischen und lettischen Anarchisten.

LETTLAND: ANARCHISMUS GESTERN, HEUTE UND MORGEN (VERSUCH EINER ANALYSE)

Wie würdet ihr einen Menschen nennen, „der nach Gewohnheit lebt, nicht mit seinem Kopf denkt und in Schablonen redet; manchmal wegen Kleinigkeiten rebelliert, aber alles duldet, was nicht geduldet werden darf; der meint, in einer besseren Welt zu leben – wenn er doch nur im Lotto gewinnen würde, damit alles perfekt sei; der keine Bücher liest und sich keine Fragen stellt; frißt, scheißt und sich vermehrt…“?

So definierte ein Genosse den Begriff des „Spiessers“ – und dem nicht zuzustimmen fällt schwer. Tatsächlich – gewöhnliches Spiessertum, welches Anarchisten angeblich so gar nicht ausstehen können. Doch in Wirklichkeit trifft diese Bestimmung durchaus auf einen typischen Vertreter – wenn nicht gar auf die absolute Mehrheit der anarchistischen „Szene“ oder ihres Umfeldes zu. Die Mehrheit jener, die aus der Szene kommen oder sich in ihrem Umfeld bewegen, singen davon, wie nötig es doch sei Stereotypen zu zerbrechen und die Welt zu verändern. Dabei leben gerade sie nach Gewohnheit, und ihre Worte sind festgefahrene Schablonen.

Die Mehrheit jener, die dazu aufrufen gegen das System und die ungerechte Welt zu rebellieren, rebelliert selbst nur von einem Zufall zum nächsten, und dies meist auch nur, weil man das eben so macht, weil es modisch ist, und nicht, weil sie unsere Gesellschaft und das vorhandene System der gesellschaftlichen Beziehungen als abartig empfinden, und es daher von Grund auf ändern wollen. Letztendlich ist es gerade diese Mehrheit, die kaum dazu in der Lage ist die Frage zu beantworten: „Wodurch soll das bestehende System ersetzt werden?“

Und all das nur, weil sie „keine Bücher lesen, und sich keine Fragen stellen“, ja die Rebellion selbst eher als Spiel begreifen, denn als ernsthafte Handlung mit einem realen Ziel. Aus diesem Grund kommt es übrigens auch zu einem massenhaften Ausstieg der „Rebellen“ aus der Bewegung, wenn die Zeit kommt „erwachsen zu werden“. Solch ein Maskenball kommt dabei heraus. Wie ein Rollenspiel – nur wird sich bei diesem kaum der Selbsttäuschung hingegeben, dass man tatsächlich Elfen oder Stalker verkörpert, es sei denn man ist völlig abgedreht.

Doch wie kam es dazu, dass eine Bewegung von Arbeitern, eine Idee, die sich auf Unangepasstheit und kritischem Verhalten gegenüber allen Dogmen und Autoritäten gründete, ein Zufluchtsort für Marginalisierte wurde, ein Mittel zur Anpassung und eine Brutstätte für überholte Schablonen? Was soll man damit anfangen? Und sollte man das überhaupt tun? Was kann getan werden?

Bevor diese und ähnliche Fragen beantwortet werden, muss ein kurzer historischer und theoretischer Überblick über den Anarchismus im Allgemeinen und in Lettland im Besonderen gegeben werden. Allein die Tatsache, dass der Anarchismus eine sozialistische Idee ist, mag dabei für viele eine Neuigkeit sein. Also…

Wenn man sich an die revolutionäre Vergangenheit von Lettland erinnert, folgt meist der Hinweis auf die lettischen roten Schützen, die Garde der Bolschewiken. Eventuell wird sich an die Ereignisse von 1905-1907 erinnert, als dieselben Bolschewiken (damals nannten sie sich Sozial-Demokraten) Massendemonstrationen von Arbeitern veranstalteten. Die Niederschiessung einer solchen Demonstration, wurde Anlass einer heftigen Eskalation gesellschaftlicher Widersprüche, wonach Lettland sich über Jahre im Fieber der Revolution befand. Vielleicht werden sich einige auch daran erinnern, dass sich Lenin auf der Durchreise in Riga aufhielt.

Allerdings weiß praktisch niemand (und das ärgerlichste daran – auch die wenigsten der heutigen „Anarchisten“ sind darüber im Bilde), dass sich Anarchisten in jenen fernen Jahren nicht mit sinnlosen Prügeleien mit der Polizei beschäftigten, um den Anschein des „Extremen“ zu wahren, nicht mit Veganismus, Tierschutz und ähnlichem subkulturellen Mischmasch, sondern in aktivster Form an der revolutionären Bewegung der Gesellschaft und ihrer sozialen Umgestaltung teilnahmen. Wie die Theoretiker, so auch die konsequenten Praktiker. Die Anarchisten jener Jahre kamen meist aus der Arbeiterschaft und der Bauernschaft, hatten eine mehr oder weniger klare Vorstellung von der künftigen freien Gesellschaft und den Mitteln mit denen diese erreicht werden kann. Dies wurde möglich, weil sich Kreise zur theoretischen Weiterbildung der Aktiven bildeten, regelmässige Schulungen und Erörterungen aktueller Fragen der Bewegung stattfanden.

Wie viele der heutigen „Anarchisten“ befassen sich denn ernsthaft mit ihrer theoretischen, und überhaupt intellektuellen Entwicklung?

Ohne Zweifel hat sich seit jener Zeit vieles verändert, manche Methoden haben andere abgelöst, doch sicherlich konnten jene anarchistischen Revolutionäre sich im schlimmsten Traum nicht träumen lassen, dass die gesamte Aktivität ihrer Nachfolger sich in zahnlosen Gesprächen über äußerste Randthemen des Anarchismus erschöpfen würde und dem sinnlosen Herumtreiben in besetzten Häusern und auf Konzerten.

Anarchismus damals – war eine regelmässige Herausgabe von ernsthaften Druckschriften, die den Massen das Wesen der anarchistischen Ideen erklärten, war die unmittelbare Agitation in Arbeiterkreisen, waren Enteignungen zur Mittelbeschaffung für die revolutionäre und propagandistische Aktivität, war der notwendige Widerstand gegen staatliche Repressionen – wie zum Beispiel der Überfall auf das Zentralgefängnis von Riga – um gefangene Genossen zu befreien.

Anarchismus heute – das sind Konzerte, Partys im Kreis von „Genossen“, politisch korrekte Aufnäher, Veganismus und eine absolute Gleichgültigkeit gegenüber der breiten und beständigen Verbreitung anarchistischer Ideen in der Gesellschaft. Im äußersten Fall ist es irgendeine Aktion, um der Aktion willen (es geht hierbei gar nicht um einen Vergleich von Einzelheiten – sondern eher von allgemeinen Tendenzen).

Ist es nicht so? (Um diesen Teil abzuschließen, sei der Leser zu dem Material einer vorherigen Ausgabe von „Bes Graniz“ verwiesen, mit den Überschriften „Anarchismus auf lettisch“ und ebenfalls in derselben Ausgabe „Lettische Anarchisten in Moskau im Jahre 1918″)

Wir werden uns nicht lange beim Thema „Anarchismus in der Sowjetunion“ aufhalten, es genügt darauf hinzuweisen, dass die Sowjetmacht, wie auch jede andere staatliche Macht in jeglicher Weise bestrebt war die Idee des Anarchismus anzuschwärzen. Im Anarchismus sah sie wohl nicht nur eine Gefahr für ihre Staatlichkeit, sondern auch eine Entblößung ihrer „revolutionären“ Hegemonie, weshalb die Sowjetmacht die Ideen der Herrschaftslosigkeit mit besonderem Fleiß und besonderer Brutalität unterdrückte – wobei, dies ist ein anderes Thema. Aber wie jede wirkliche Basisbewegung, als Idee die sich organisch aus den unmittelbaren Bestrebungen der Menschen entwickelte, ist der Anarchismus dazu verurteilt, von Mal zu Mal wieder aus der Asche zu entstehen, selbst wenn es scheinen konnte, dass er ein für alle Mal zerschlagen war.

So geschah es auch in Lettland. Neue Anhänger der Idee begannen schon zu Sowjetzeiten aufzutauchen – später, im bereits „demokratischen“ Lettland, bildeten sich auch anarchistische Gruppen oder Gruppen im anarchistischen Umfeld. Es entstanden verschiedene Initiativen wie „Food not Bombs“, es wurden mehr oder weniger öffentliche Filmvorführungen veranstaltet (mehr oder weniger darum, weil die Informationen über derartige Veranstaltungen hauptsächlich in der Szene Verbreitung fanden und keine breiten Schichten erreichten). Es wurde eine Bibliothek eingerichtet, die zumindest einen libertären Anschein erweckte. Diese hätte sich zu einem hervorragenden Ort für regelmässige Treffen von Genossen entwickeln können, für die Verbreitung der libertären Ideen in der Gesellschaft mittels öffentlicher Veranstaltungen – aber aus irgendwelchen Gründen wurde sie es nicht. Im Lande waren alle Voraussetzungen für die Entwicklung einer Bewegung vorhanden, aber…

Aber dies geschah nicht. Warum? Es können viele Gründe genannt werden: darunter die historisch gewachsene Situation, in der die eh stark individualisierte Gesellschaft, dank dem sowjetischen „Kommunismus“ eine heftige Impfung gegen jegliches sozialistisches und kollektives Beginnen erhalten hat. Hierzu ist auch die sowjetische anti-anarchistische Kampagne zu zählen, deren Ergebnis ein verfälschtes Verständnis des Anarchismus bildet und die Wahrnehmung von Anarchisten als Chaoten und Rumtreiber. Diese Wahrnehmung wird übrigens zum Teil von den Anarchisten selbst geteilt, die sich in ihrem antigesellschaftlichem Benehmen und ihrem „alternativen“ Aussehen festgefahren haben, anstatt dass sie der propagandistischen Arbeit die notwendige Aufmerksamkeit widmen würden.

Man kann auch ein banales Zusammentreffen von Umständen anführen, welches sowohl ein Ergebnis vergangener, als auch einen Katalysator neu hinzugekommener Ereignisse bildet. Einige Genossen ermüdeten vom Kampf, welcher scheinbar ergebnislos blieb und wurden passiv, wodurch sie die Bewegung schwächten, andere gingen unter dem Einfluss der ewigen anarchistischen Losung „Unser Vaterland – die ganze Menschheit“ in andere Länder, weitere kamen zufällig auf einer Modewelle in die Bewegung, wodurch diese abgelenkt wurde – in Richtung Subkultur, hier übertrieben sie, dort untertrieben sie… Im Ergebnis haben wir das, was wir haben – es gibt in Lettland keine anarchistische Bewegung. Es gibt eine kleine Szene, die sich überhaupt nicht für eine reale anarchistische Praxis interessiert, sondern sich mit Selbstbefriedigung beschäftigt und dabei anarchistische Themen ausbeutet. Es gibt einzelne Genossen, die sporadisch versuchen bestimmte Initiativen zu verwirklichen. Es gibt eine kleine anarchistische Gruppe, jedoch wurde auch sie vom Virus der Unfähigkeit zur systematischen Tätigkeit befallen, an welchem die anarchistische Szene leidet. Anstrengungen einzelner Genossen sind einfach nicht dazu in der Lage, dies zu durchbrechen.

Worin besteht der Ausweg aus der gegebenen Lage, und gibt es diesen Ausweg überhaupt?

Meiner Meinung nach liegt der einzige Ausweg in einem strikten Bruch mit dem subkulturellen Bestandteil der „Bewegung“ (ich hoffe, ich muss die Anführungsstriche nicht extra erläutern) – strikt, weil eine solche „Zusammenarbeit“ mehr als nur zersetzende Wirkung hat. Je länger sie andauert, um so länger und schmerzhafter wird auch die Trennung sein.

Der zweite Schritt ist eine Umorientierung der Bemühungen jener Genossen, die tatsächlich für die Anarchie tätig werden wollen. Eine Umorientierung in Richtung arbeitender Menschen, in Richtung jener, die tatsächlich zur Stütze der Anarchie werden können, in Richtung jener, die tatsächlich etwas haben, wofür sie kämpfen müssen. Im Gegensatz zu den Szene-“Anarchisten“, die in Wirklichkeit keinen Kampf nötig haben. Für sie ist es nur ein Markenzeichen. Niemand wird den Friganern ihre Mülltonnen wegnehmen, niemand wird den Veganern ihr Recht kein Fleisch zu essen bestreiten.

Wenn ich von einer solchen Umorientierung spreche, halte ich es für nötig ein gewisses Monitoring in der Szene durchzuführen. Denn in diese können Genossen hinein geraten, welche bei einer nötigen Aufklärung die Zwecklosigkeit des Szene-“Anarchismus“ begreifen, und sich am realen Kampf beteiligen werden. Jedoch sollte den Schwerpunkt der Tätigkeit ein werktätiges und studentisches Umfeld bilden, als organische Stütze des Anarchismus und der potenziellen anarchistischen Gesellschaft. Man kann sich im Übrigen keinerlei ernsthafte und kontinuierliche anarchistische Tätigkeit vorstellen, wenn es keine entsprechende Organisation gibt. Eine amorphe Gruppe von Gleichgesinnten kann zwei-drei Aktionen erfolgreich durchführen, an einem Straßenkampf teilnehmen, sie kann sogar eine Kommune bilden oder ein Gebäude besetzen – aber eine systematische konstruktive Tätigkeit und vor allem eine kontinuierliche Entwicklung der Bewegung kann sie kaum gewährleisten. Dazu ist mehr nötig, als nur der Wunsch „etwas zu tun“.

Wenn ihr tatsächlich eine anarchistische Bewegung in unserem Land entwickeln, ihr eine gewisse Ausrichtung geben wollt (und nicht die einer Brownschen Bewegung, wie es heute der Fall ist), wenn ihr eine Situation schaffen wollt, in der die Anarchie möglich wird (im Gegensatz zur heutigen Selbstbefriedigung im Rahmen des existierenden Systems), dann nehmt nicht an den Szenebesäufnissen und -konzerten teil (dafür gibts genug Zeit), sondern am Aufbau einer organisierten anarchistischen Kraft. Wer sich Anarchist nennt, sollte zumindest versuchen im realen Leben das umzusetzen, wovon er spricht!


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