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Klassenkampf findet statt! - Interview mit den HerausgeberInnen von "Die großen Streiks"

Im Rahmen einer Buchvorstellung des Buches „Die großen Streiks" sprachen Andy Gehling und Torsten Bewernitz von der FAU (Freie ArbeiterInnen-Union) Münsterland mit den Herausgebern Holger Marcks (HM) und Matthias Seiffert (MS).
Klassenkampf findet statt! - Interview mit den HerausgeberInnen von "Die großen Streiks"

Die großen Streiks - Episoden aus dem Klassenkampf

AG: Wie seid ihr auf die Idee eines Streik-Buches gekommen? Was steckt dahinter?

MS: Das geht zurück auf das Jahr 2005. Da hatten wir zusammen eine Serie gleichen Namens – ‚Die großen Streiks' – in der ‚Direkten Aktion' veröffentlicht. Der Anstoß dazu war, dass damals diskutiert wurde, ob der Streik an sich sich nicht schon überholt hätte – er sei ‚unzeitgemäß', haben viele gesagt. Das kam uns ein bisschen merkwürdig vor, wir recherchierten über das Thema Streik und stellten fest, dass dieses Thema völlig stiefmütterlich behandelt wird und dass damals das Bild, Streik sei etwas Langweiliges, wo es nur um Lohnauseinandersetzungen geht, weit verbreitet war. Wir entdeckten schnell, dass Streiks eigentlich viel mehr sind, dass sie eine größere Dimension haben und dass ‚Streik' ein sehr aufregendes Thema ist.

AG: Und wie ist daraus ein Buch geworden?

HM: Die Resonanz auf die Serie war sehr gut, daraus entwickelte sich die Idee. Wir entwickelten ein Konzept dafür, und der Unrast-Verlag war die erste Adresse, wo wir uns gemeldet haben. Der Unrast-Verlag ist unseres Erachtens einer der herausragenden Verlage linker Literatur in Deutschland und hat sich in den letzten Jahren durch sehr qualitative Bücher ausgezeichnet. Wir wollten unser Scherflein dazu beitragen.

AG: In dem Buch habt ihr ein Spektrum von elf Streiks von 1905 bis 1995 vorgestellt, von den USA über Argentinien bis Europa. Gibt es da irgendwelche Gemeinsamkeiten, einen schwarz-roten Faden, der die Streiks miteinander verbindet?

MS: Ja und nein. Wir haben gerade Streiks ausgesucht, die ein bisschen verschieden sein sollen, die verschiedene Typen von Streiks zeigen. Wir wollten die Bandbreite von Streiks aufzeigen, aber das ist es auch gerade, was sie miteinander verbindet: Wir zeigen, was alles mit Streiks möglich ist, aber auch, welche Fehler möglich sind, worum es in Streiks gehen kann: Der Streik in Südafrika 1976 (S.153 – 171) etwa ist ein klassischer ‚politischer' Streik, es gibt Streiks von internationalem Charakter usw. Wir wollten aufzeigen, das Streik wesentlich mehr sein kann als nur Lohnforderungskämpfe.

HM: Ein roter Faden besteht vor allem darin, dass wir aufzeigen wollten, dass die Dynamik von Streiks sich aus der konkreten Interessenlage von ArbeiterInnen entwickelt. Wir wollten zeigen, dass es Strukturen gibt, gerade von ArbeiterInnenorganisationen, die entweder dieser Dynamik gerecht werden oder aber gerade diese verebben lassen.

MS: Ein anderer Punkt, der alle vorgestellten Streiks miteinander verbindet, ist, das es immer um Macht geht. Bei vielen der Streiks, die wir behandeln, wird die Machtfrage ganz konkret gestellt, auch wenn sich nicht alle ProtagonistInnen dessen bewusst sind. Oft erklärt das, warum ein Streik gescheitert ist.

TB: Nach welchen Kriterien habt ihr die Streiks ausgesucht?

HM: Grundlegend darf man den Titel ‚Die großen Streiks' nicht so verstehen, dass wir eine Hitliste der größten Streiks der Weltgeschichte gesammelt hätten. Es gibt hunderte anderer Streiks, die ebenso das Prädikat ‚groß' verdient haben. Die Streiks, die wir ausgewählt haben, stehen exemplarisch für bestimmte Phasen der ArbeiterInnenbewegung in einer bestimmten Region oder für bestimmte Streikformen. Wir haben bewusst Streiks ausgeklammert, die von Weltruhm sind und zu denen entsprechend Literatur vorliegt. Wir wollten uns Streiks zuwenden, die in Vergessenheit geraten sind. Vor allem wollten wir dazu anregen, sich mit der eigenen Situation zu beschäftigen und Lektionen aus der Geschichte zu ziehen. Deswegen haben wir uns auch auf Streiks konzentriert, die in einer marktwirtschaftlichen Ordnung stattgefunden haben und nicht z.B. in einer staatskapitalistischen ‚kommunistischen' Wirtschaftsordnung.

MS: Ein anderes Kriterium ist schlicht und ergreifend, das wir Streiks ausgesucht haben, die wir für besonders interessant halten, wo die Recherche auch einfach Spaß gemacht hat. Das ist auch ein Kriterium, das wir an das Buch angelegt haben: Es soll einfach Spaß machen, es zu lesen.

AG: Als Beispiel aus Deutschland beschreiben die AutorInnen eure Buches die Grubenbesetzungen und Kämpfe 1919/1920 (S.33 – 46)und die Hungermärsche 1946/47 (S.103 – 115). Welche Konsequenzen sind daraus zu ziehen?

HM: Das Beispiel der Ruhrgebiets 1919 ist ein ganz herausragendes in der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, das sehr in Vergessenheit geraten ist. Wir werden oft darauf angesprochen, ob wir nicht den Generalstreik gegen den Kapp-Putsch 1920 meinen, der vielen präsent ist. Nein, den meinen wir nicht. Wir meinen eine 1919 eigenständig agierende Bewegung, die ein schönes Beispiel in der deutschen Geschichte ist, wie ArbeiterInnen sich gegen ein, entmündigendes sozialdemokratisches Gewerkschaftsmodell emanzipieren können und Politik und Kampf auf eigene Faust machen. Der Streik ist gescheitert, weil Freikorps und Militärs gegen die Streikenden eingesetzt wurden. Grundsätzlich besteht die Lektion darin, dass ArbeiterInnenselbstverwaltung, die Übernahme der Betriebe durch die ArbeiterInnen selber, möglich ist, auch in einem Land, in dem man davon ausgeht, dass die ‚Mentalität' dem entgegen stehen würde.

MS: Völlig vergessen ist die Streikbewegung von 1946 bis 1948. Wir haben auf Vorträgen oft darüber diskutiert. Gerade an diesem Streik gibt es sehr viel Interesse, insbesondere von jungen Leuten. Was viele kaum glauben, ist, dass dieser Streik eine ernsthafte Entnazifizierung in der Wirtschaft forderte. Viele haben das Bild, die deutsche ArbeiterInnenschaft wäre durch und durch braun gewesen. Man müsste eigentlich bekannter machen, das dem nicht so gewesen ist. Es hat auch im Dritten Reich zahlreiche Streiks gegeben, was kaum bekannt ist. Man kann sich nun nicht vorstellen, dass die ArbeiterInnen 1946 allein davon ablenken wollten, dass sie alle Dreck am Stecken gehabt hätten. Es war wirklich eine große Massenbewegung, in der gerade heimgekehrte AntifaschistInnen eine herausragende Rolle gespielt haben als InitiatorInnen, die in den Betrieben mobilisiert haben.
Es ist vor allem erstaunlich, wie sich der DGB in dieser Situation verhalten hat, der sich in diesem Zusammenhang mit Unterstützung der West-Alliierten gründete. Von Anfang an bekam der DGB die Aufgabe, diese Streikbewegung zu befrieden und auch in Zukunft Sorge dafür zu tragen, dass die deutsche ArbeiterInnenschaft sich nicht radikalisiert oder gar –uiui! –‚kommunistisch' würde. Da versteht man, finde ich, das Konzept des DGB viel besser. Vor allem ist die Behauptung des DGB, er sei als Konsequenz aus dem Fehlverhalten der SozialdemokratInnen und KommunistInnen bei der Machtergreifung der Nazis entstanden, ziemlich dreist. Dass sie deshalb eine Einheitsgewerkschaft gegründet hätten, ist völlige Augenwischerei. Die Einheitsgewerkschaft DGB bedeutet vor allem, dass es keine politische Gewerkschaft mehr gibt und Politik nur noch Sache der Parteien ist. Dadurch ist ja nun nicht eine antifaschistische ‚Arbeitereinheitsfront' geschaffen, sondern im Gegenteil ist das die Entmündigung der ArbeiterInnen. Das ist ja sogar noch schlimmer, als es in der Weimarer Republik war.

TB: Wenn man heute in Deutschland was von Streik hört, stellt man sich landläufig ein paar Leute mit Pappschildern und Trillerpfeifen vor, die vor dem Betrieb stehen - und das war's dann auch schon. Die Streiks, die in eurem Buch von verschiedenen AutorInnen dargestellt werden, sehen da ja eigentlich ganz anders aus. Was macht denn eigentlich einen Streik zum Streik?

MS: Das ist ja schon eine philosophische Frage. Natürlich sind Lohnstreiks auch Streiks, aber sie sind gerade in Deutschland derartig ritualisiert und juristisch eingebunden, dass sie kaum noch etwas damit zu tun haben, was ein Streik eigentlich ist. Ich glaube, dass es da auch ganz konkrete Zusammenhänge mit dem Aufbau des DGB gibt, wie Gewerkschaften in das politische, juristische und ökonomische System eingebunden sind: Das gerade dem oder der streikenden ArbeiterIn die politische Dimension entzogen werden soll, dass die politische Machtfrage nicht mehr aufgeworfen können werden soll. Noch extremer finden wir das in Österreich, wo wir ganz offiziell ein System der Sozialpartnerschaft haben. Dort ist (lacht) es dermaßen kompliziert zu streiken, dass es eigentlich gar nicht mehr möglich ist. Es sind so viele Instanzen dazwischen geschaltet –die Arbeiterkammer, die Unternehmerkammer, die Landwirtschaftskammer, die Parteien. – die müssen alle erst mal gefragt werden bei Tarifverhandlungen. Bis man dann irgendwann nach vielen Jahren soweit wäre, will schon niemand mehr streiken.
Was einen Streik zum Streik macht, ist die Dimension, dass es wirklich um Macht geht, ohne dass es bewaffnete Auseinandersetzungen sind. In dem Sinne haben Streiks viel mit Kriegen gemeinsam. Ich meine das nicht in einem zynischen Sinn, es geht ja nicht darum, dass dabei Blut fließt. Aber es kommt hier wie dort zu Auseinandersetzungen, die die Frage aufwerfen: Wer hat hier eigentlich das Sagen: Die Unternehmer, der Staat oder die ArbeiterInnen?

HM: Wir betrachten den Komplex Streik weniger aus einer theoretischen Ebene, weil wir meinen, man darf den Streik nicht zu sehr in ein definitorisches oder theoretisches Korsett zwängen. Für uns ist ein Streik ein Streik. Er ist das Mittel der Arbeiterklasse, sich für ihre Probleme Gehör zu verschaffen, soziale Verbesserungen zu erreichen oder wenigstens soziale Verschlechterungen abzuwenden. Er ist auch ein Mittel des zivilen Ungehorsams par Excellenze.

TB: Ihr habt in eurem Buch sowohl Erfolge wie auch Niederlagen beschrieben. Wo lagen denn die größten Erfolge einer ArbeiterInnenbewegung? Welche Streiks und Bewegungen haben euch ganz persönlich besonders gefallen?

HM: Erfolg oder Niederlage ist relativ zu sehen. Wir haben auch Streiks dargestellt, die sich im konkreten historischen Moment als Niederlage dargestellt haben, aber teilweise neue Impulse gesetzt haben und langfristig historische Zäsuren darstellen, z.B. wenn daraus ein neuer Arbeiterkampfzyklus ausgelöst wurde. Bei anderen vorgestellten Streiks wurden die konkreten Forderungen zwar nicht durchgesetzt, aber führten dazu, dass etablierte Gewerkschaften, die vorher erstarrt waren, durch die Bewegung in Zugzwang gerieten und ein unheimlicher Reformierungsprozess begann, was auch eine Grundlage sozialer Verbesserungen war. Generell haben wir Streiks vorgestellt, die offensichtlich zeigen, wo die Ursachen eines Scheiterns einer Streikbewegung liegen, die teilweise auch absolute Katastrophen waren, z.B. der Streik der Landarbeiter in Patagonien (Argentinien) 1921 (S.47 – 62). Das ist gewissermaßen auch die Geschichte des Versagens einer anarchosyndikalistischen Massenorganisation, die nicht begriff, wie hier die Situation eskalierte und zur Machtfrage wurde.

MS: Wenn ihr mich persönlich fragt, mir hat bei der Recherche besonders der britische Bergarbeiterstreik 1984/85 (S.172 – 190) imponiert, der aber ein komplettes Fiasko war. Das war der Genickbruch der Arbeiterbewegung Großbritanniens. Aber es ist unglaublich beeindruckend, wie leidenschaftlich die ArbeiterInnen gekämpft haben, was sie durchgemacht haben, als wie zäh sie sich erwiesen haben. Ich habe mit ZeitzeugInnen gesprochen, die daran teilgenommen haben, die sehr offen waren. Der Bergarbeiterstreik der 1980er bewegt und spaltet die britische Gesellschaft bis heute und es ist unmöglich, mit Briten darüber zu sprechen, ohne dass es ganz schnell emotional wird.

HM: Generell kann man sagen, dass die meisten Streiks, die wir behandeln, keine Erfolge waren, meistens waren sie sogar Niederlagen. Aber genau da wollen wir den Finger in die Wunde legen, da wir der Überzeugung sind, dass diese Streiks gescheitert sind, weil die Strukturen der ArbeiterInnenorganisationen nicht adäquat waren, weil diese nicht in der Lage waren, der aus einem Streik entstehenden Dynamik gerecht zu werden. Wären die von uns vorgestellten Streiks erfolgreich gewesen, hätten wir heute eine völlig andere historische Situation.

MS: Bei einigen Streiks haben wir festgestellt, das eigentlich viel mehr möglich gewesen wäre. Wir sagen immer: Da hat sich ein kurzes Zeitfenster aufgetan und in diesem war eine Chance da, die niemand ergriffen hat. Z.B. beim Generalstreik 1936 in Frankreich (S.63 – 79), der eigentlich ein erfolgreicher Streik war, denn er hat dazu geführt, dass weltweit erstmals bezahlter Urlaub gesetzlich eingeführt wurde. Das weiß kaum jemand, dass den eine Regierung als Reaktion auf einen Generalstreik eingeführt hat. Aber eigentlich wäre in diesem Streik viel mehr drin gewesen, er ist nur einen Monat zu früh zu Ende gegangen. Als am 18. Juli der Spanische Bürgerkrieg begann, hat eine militante ArbeiterInnenbewegung in Frankreich gefehlt, die die spanische Republik unterstützt hätte. Vielleicht wäre die Geschichte ganz anders verlaufen.

TB: Wenn man allein mal die bürgerliche Presse durchstreift, hat sich in Sachen Streik auch hierzulande eine ganze Menge getan. Alle haben den Streik der GDL bei der Deutschen Bahn in Erinnerung, aber auch zuvor gab es einige spektakuläre Streiks, wie die Besetzung der Fahrradfabrik Bike Systems in Nordhausen/Thüringen, die einen Selbstverwaltungsversuch begonnen haben; der zweitlängste Streik der bundesdeutschen Geschichte beim Flughafen-Caterer Gate Gourmet in Düsseldorf, der ‚wilde Streik' bei Opel Bochum oder der Streik bei den Bosch-Siemens-Haushaltsgerätewerken in Berlin. Können die LeserInnen eures Buches aus diesem Konsequenzen für das heutige Streikgeschehen ziehen?

MS: Das will ich meinen, denn das ist das Anliegen unseres Buches. Jeder Streik zeigt ganz unterschiedliche Lehren auf, die man daraus ziehen kann. Sei es, was Organisationsformen betrifft, was Methoden betrifft, sei es, dass man sich vorher auch einen gewissen Plan zurechtlegt. Bei dem jüngsten Streik von ver.di in Berlin im Öffentlichen Nahverkehr, bei der BVG, habe ich den Eindruck, dass man gar nicht daran gedacht hat, dass der Arbeitgeber auch sagen kann ‚Nö, machn wa nich' Gehn wa nich drauf ein. Streikt ma schön weita, wa'. Tja, und dann waren sie ratlos. Es gab keinen Plan B – und das ist schon unglaublich dilettantisch. Ver.di will eine moderne Gewerkschaft sein – sie wollten ja nicht mal mehr eine Gewerkschaft sein – und sie haben es völlig verlernt, richtig zu streiken. Die sollten sich dieses Buch mal kaufen.

HM: Die Idee des Buches entstand 2005 gerade vor dem Hintergrund, dass die deutsche Gewerkschaftslandschaft so arm war an alternativen Ideen, was Streik und Protestkultur bedeuten könnten. Da ist mittlerweile durch die benannten Streiks etwas aufgebrochen. Die haben Impulse in soziale und ArbeiterInnenkämpfe gebracht, auch und gerade jenseits des DGB und diesen unter Zugzwang gesetzt. In dem Buch zeigen wir Beispiele auf, die typisch für eine solche Situation sind, die sich in der Geschichte öfter wiederholt hat. Z.B. bei dem Streik von McKees Rocks 1909 in den USA (S.15 – 31), wo mit der IWW (Industrial Workers of the World) eine Gewerkschaft jenseits des großen Gewerkschaftsapparates der AFL (American Federation of Labour) die Bühne betrat und eine neue Streikkultur entwickelte, die letztendlich auch den Apparat der AFL unter Zugzwang und damit die Grundlage für Verbesserungen in den USA setzte. Genauso wie die autonomen Organisierungsversuche im heißen Herbst 1969 in Italien (S.134 – 152), der einen Reformierungsprozess der etablierten und erstarrten Gewerkschaften zur Folge hatte. Eine Situation, die mit der momentanen in Deutschland durchaus vergleichbar ist, wo es möglich werden könnte, auch jenseits des DGB-Mainstreams gewerkschaftliche Strukturen zu etablieren.

AG: Eine Frage zum Untertitel ‚Episoden aus dem Klassenkampf': In Zeiten der Globalisierung wird uns immer wieder eingetrichtert, dass Klassenkampf kein zeitgemäßes Konzept mehr wäre. Was entgegnet ihr darauf?

MS (lacht): Das Gegenteil ist doch der Fall. Klassenkampf findet statt, ob wir wollen oder nicht. Viele Leute wundern sich, wenn vom ‚Klassenkampf von oben' die Rede ist, weil der Begriff missverstanden wird. Klassenkampf bedeutet nicht, dass es eine militant organisierte ArbeiterInnenbewegung gibt, die auf den Putz haut, sondern eine permanente Auseinandersetzung zwischen den Interessen der Unternehmer – des Kapitals – und derjenigen, die für sie arbeiten müssen oder dürfen. Das haben wir in den letzten Jahren gerade in der EU und gerade in Deutschland gesehen, wo es einen gewissen rollback gab: Sozialbabbau, Abbau gewerkschaftlicher Rechte, Austritte aus Tarifgemeinschaften und Unternehmerverbänden mit den Konsequenzen, dass die Reallöhne sinken, die Arbeitszeit verlängert wird, die Zahl der Arbeitslosen steigt. Gleichzeitig jammern Unternehmer immer! Wenn man Unternehmer frei entscheiden ließe, wenn das Kapital einfach machen könnte, was es will, dann würden irgendwann keine Löhne mehr gezahlt werden und wir würden ununterbrochen arbeiten. Das ist eine logische Konsequenz. Klassenkampf findet einfach immer statt. Man kann sich dessen bewusst sein oder nicht. Wenn man sich dessen nicht bewusst ist, dann passiert mit einem, was mit einem passiert und die Situation wird immer schlechter.

AG: ist das nicht zur Zeit der Fall? Die Leute interessieren sich nicht für ihre eigene Sache. Wie kann man das ändern?

HM: Gerade in Deutschland, aber auch in anderen Ländern, wurde Klassenbewusstsein systematisch verdrängt. Einerseits durch einen Diskurs, der besagt, dass die Zeit der Klassenwidersprüche vorbei wäre, andererseits durch das System der ‚sozialen Marktwirtschaft', einem Kapitalismus im Weichspülgang, der eine Regulationsfunktion übernommen hat, was dazu geführt hat, das man sich in die Verhältnisse eingenistet hat. Diese - sehr kurze! – Phase des Kapitalismus ist vorbei und eigentlich sind sich dessen alle bewusst. Wir müssen daraus die Konsequenz ziehen, uns entweder zu organisieren oder wir werden unser Leben weiter von anderen organisiert bekommen.

MS: Wichtig ist also vor allem, das man sich organisiert, vor allem in den Betrieben selber, und dass man das solidarisch tut, d.h. auch über den Betrieb hinaus. Wir haben in CallCentern die Erfahrung gemacht, dass es dort sehr hart zugeht, wenn z.B. Leute aus der Belegschaft einen Betriebsrat gründen wollen, was ja gesetzliches Recht ist. Die Leute werden unter Vorwänden entlassen. Gerade da ist es wichtig, dass es Solidarität von außen gibt. Dass, wenn in solchen Betrieben hart gegen jegliche gewerkschaftliche Organisierung vorgegangen wird, Leute, die nicht dort arbeiten, die also auch nicht entlassen werden können, vor dem Betrieb Flugblätter verteilen – solche einfachen Sachen sind ganz wichtig.
Der zweite wesentliche Punkt neben dem Organisieren selber ist, gerade heute, internationale Solidarität. Und zwar wirkliche und nicht symbolische, wie das früher die großen internationalen Gewerkschaftsverbände, in denen auch der DGB Mitglied war, getan haben.

HM: Noch mal zurück zur Frage des mangelnden Klassenbewusstseins: Gerade hier können Streiks subversive Momente sein, die geradezu beflügeln. Das sind ja Kämpfe, die aus ganz konkreten Alltagsinteressen entstehen und in denen man den Produktionsalltag überwindet, gelebte Solidarität unter Belegschaften erfährt und wo daher auch ein Bewusstsein heranreift. Die Frage ist: Wie können sich solche subversiven Momente des Streiks in einer Organisation, die in der Lage ist, der neoliberalen Offensive entgegenzutreten, verstetigen?

AG: Was muß man tun?

MS: Aufhören, den Kopf in den Sand zu stecken. Gerade wenn ich an die vielen Leute denke, die von Hartz IV leben, bei denen es doch sehr verbreitet ist, sich depressiv in die eigenen vier Wände zurückzuziehen und damit ja eigentlich das Falscheste zu machen, was man überhaupt tun kann. Der erste Schritt ist, buchstäblich raus auf die Straße zu gehen, Leute suchen, die in einer ähnlichen Situation sind und sich wenigstens erst einmal Erfahrungen auszutauschen. Dann ergibt sich vielleicht schon vieles von selbst.

Marcks, Holger u. Matthias Seiffert (Hrsg.): Die großen Streiks. Episoden aus dem Klassenkampf. Münster 2008.

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