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Jungle World – World of Anarchisten-Hass – von Kilian Wibbel

Ein Kommentar zu T. Ewalds Schmähschrift in der Jungle World Nr. 34, August 2012¶

Thomas Ewald gibt sich keine Mühe, seinen Anarchisten-Hass zu verbergen. Schon im ersten Satz sind Anarchist*innen für ihn nichts anderes als stinkende Lastwagenfahrer, die sich nicht duschen und in Kellerlöchern treffen. Das Klischee vom verwahrlosten Anarchisten versucht die Zeitung dann auch prompt mit einem Foto zu belegen. Die Bildunterschrift: “Auch beim Abwasch hat hier jeder seine eigene Methode: Teilnehmer des Weltanarchistentreffens in Saint-Imier bei den reproduktiven Tätigkeiten”. Gezeigt wird eine Waschstraße, mit drei Wannen, zum Spülen mit warmen Wasser und Abspülen des Spülmittels. Ganz zu schweigen von dem Hass auf die Arbeiterklasse, der in dem Klischee des stinkenden Lastwagenfahrers deutlich zum Ausdruck gebracht wird.

Offensichtlich hat sich Ewald nicht mal die Mühe gemacht, im Vorfeld sich auch nur ein wenig um Informationen zu bemühen. So behauptet er allen Ernstes, dass Bakunin die “Internationale von Marx und Engels verlassen” und die Antiautoritäre Internationale gegründet hätte. Laut Schreiberling der Postille “hasste” Bakunin Marx sogar. Dabei ist es mitlerweile selbst bei vielen Kommunist*innen bekannt, dass die Erste Internationale weder die Internationale von Marx und Engels war, noch dass Bakunin diese verließ, sondern aufgrund monatelanger Intrigen des Generalrates, und hier an erster Stelle Marx und Engels, aus der Internationalen ausgeschlossen wurde. Die Antiautoritäre Internationale gründete sich nicht weil Bakunin es so wollte oder forciert hätte, so viel Einfluss besaß er gar nicht, sondern weil die überwältigende Mehrheit der Internationale sowohl von dem politischen Programm von Marx nichts wissen wollte als auch angeekelt war von den intriganten und verleumdnerischen Methoden der Herren Marx und Engels.
Dass Anarchist*innen “Säulenheilige” hätten (hier Bakunin), ist wohl nur eine diffamierende Projektion seiner eigenen Anbetung Marxens auf die anarchistische Bewegung. Ein billiger Trick und ein Symptom, das einen in Versuchung bringt, Ewald die Adresse eines/r guten Psychoanalytiker*in zu geben.

Aber noch hat der Autor der Jungle World nicht alle anti-anarchistischen Ressentiments ausgekramt. Schon im nächsten Absatz macht er sich (über die offensichtlich sehr begründete) Distanz zur Presse lustig und verwechselt das Benutzen eines Pseudonyms mit “Konspiration”. Im selben Atemzug denunziert er dann die Anarchisten auch gleich als “Utopisten” (und der utopische Sozialismus wurde ja bekanntermaßen von Marx und seinem “wissenschaftlichen Sozialismus” auf den Misthaufen der Geschichte geworfen). Auch das Bild vom diffusen Anarchismus, der “mehr Strömungen als der Bubble Tea Geschmacksrichtungen” hat, wird kolportiert und der polemische Ton lässt keinen Zweifel, dass dies nicht als Stärke der Bewegung betrachtet wird, sondern als Schwäche. Die Idee, dass die Menschen selbst entscheiden sollen, ganz ohne Chefs, wird in guter marxistischer Manier denunziert. Ohne Führer oder sagen wir es lieber in Marxistischer/Orwellscher Sprache: ohne Avantgarde/Entscheidungsträger scheint es bei dem Autoren nicht zu gehen. Wir dürfen gespannt sein, ob er jemals die Gelegenheit haben wird, Propagandajournalist für seinen noch nicht auf den Plan getretenen geliebten Führer zu werden. Einstweilen muss er sich damit begnügen, sich über in die Jahre gekommene Anarchisten lustig zu machen und diese wahlweise zu Witzfiguren des Cola-Konzerns oder der Trierer Tourismusbranche zu degradieren. Da überrascht es auch nicht, dass bei ihm ein einfacher Infopoint zu einem Polizeirevier wird – hätte er selbst jemals an einem Infopoint gestanden oder mal in einer Arrestzelle eines Polizeireviers gesessen, wüsste er um den Unterschied. Aber vielleicht weiß er ja darum? Falls ja, dann ist sein elender Vergleich nur noch infamer. Internationalist scheint der Autor auch nicht zu sein, oder wie sonst soll man seine Kritik an dem selbstorganisierten Bemühen verstehen, alle möglichen Vorträge zu übersetzen? Für ihn ist das nur ein “babylonisches Sprachgewirr”, in dem mehr oder weniger alles untergeht.

So wie ein gewisser Spiegelautor ist auch Thomas Ewald ein wenig beleidigt, dass für ihn auf dem “Welttreffen der Anarchist*innen” in St. Imier nicht dieselben Privilegien gelten wie anderswo – hier macht ihn der Presseausweis nicht zu einem hofierten Schreiberling, sondern zu einer potentiellen Gefahr. Und zum Beweis tritt er dann auch am Ende des Artikels noch ein letztes Mal nach – wo er behauptet, dass es ganz klar sei, dass ein Deo wohl “Anarchy” heißen kann aber niemals “Communism” – und das obwohl die Anarchisten ja ungepflegte Stinker sind, die eh keine Deos benutzen. Sie sind in seinen Augen das, was sie schon für Marx und Engels waren: Lumpen und Canaille.

Und die verantwortliche Redaktion?
Da sie diesen Artikel zum Druck freigab, bleibt nur zu glauben, dass sie die Inhalte des Artikels für vertretbar hält. Eine Einladung zur Diskussion ist das nicht. Hätte ich ein Abo dieser Postille, ich würde es kündigen.

 

Anmerkung FAUD: auf der Homepage des Forums deutschsprachiger Anarchist*innen gibt es einen umfassenden Pressespiegel zu St. Imier, der einen Zeitraum von Juli bis September umfasst. Dort ist auch der Beitrag in der Jungel World verlinkt.

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