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Israel: Mit Plastik-Phallus gegen den Staat

Die Feierlichkeiten zum diesjährigen 60.Unabhängigkeitstag des Staates Israels wurden von anarchistischen und Anti-Besatzungs-Aktivist_innen zum Anlass genommen um gegen den Staat und seine Politik zu protestieren. Die Aktionen zielten vor allem darauf ab, die palästinensische Tragödie, die mit der Staatsgründung Israels einherging und die nach wie vor aus dem offiziellen Diskurs ausgeschlossen ist, in das öffentliche Bewusstsein zu rufen. Desweiteren wollten die beteiligten Aktivist_innen darauf hinweisen, dass die Repression und Vertreibungspolitik gegen die palästinensische Bevölkerung nicht nur fortgeführt wird sondern darüber hinaus mit der Staatsräson Israels eng verknüpft ist.


Im folgenden Artikel sollen die verschiedenen Aktionen kurz zusammengefasst werden.

7. Mai 2008

In der Nacht vor den Feierlichkeiten zum Unabhängigkeitstag haben Aktivist_innen die Wälder des Jewish National Fond „geschmückt“.
Der Jewish National Fond begann Anfang des 20. Jahrhunderts mit dem Aufforsten des damaligen Mandatsgebiets Palästina. Nach der Gründung des Staates Israels im Jahre 1948 wurden viele Bäume auf palästinensischem Land gepflanzt um die Existenz der palästinensischen Dörfer auf diesem Land aus dem kollektiven Gedächtnis auszulöschen.
Während besagter Aktion wurden die vom JNF aufgestellten Schilder, die die „Geschichte“ der Wälder erklärten, dabei aber die palästinensische Geschichte vollkommen ignorieren mit Farbbomben geschmückt und mit Aufklebern bestückt, auf denen Slogans wie „60 Jahre Nakba“ (dt.: Katastrophe, palästinensische Bezeichnung für die Geschehnisse von 1948), „60 Jahre Besatzung“ zu lesen waren.

Am gleichen Tag hielt die Gruppe „Fast Vergessen“ eine Aktion in Tel Aviv und Jaffa ab. Mit Schablonen besprühten Aktivist_innen die Mauern der Straßen Tel Avivs mit Bildern, Namen und einige Eckdaten der Geschichte palästinensischer Flüchtlinge und deren Nachkommen, die in Tel Aviv und Jaffa lebten und 1948 aus dieser Gegend vertrieben wurden.

8. Mai 2008

Am Unabhängigkeitstag selber gedachte die palästinensische Bevölkerung die innerhalb des Staates Israels lebt der Nakba mit dem „Rückkehrmarsch“. Zusammen mit jüdisch-israelischen Aktivistinnen zogen sie zum Dorf Safuria, welches in Galiläa lag und 1948 zerstört wurde. Zur selben Zeit versuchten rechtsextreme Aktivist_innen gegen diesen Marsch zu demonstrieren und ihn zu stören.
Während des friedlichen Marsches kam es außerdem zu brutalen Übergriffen durch die israelische Polizei, die die Aktivist_innen mit Tränengas und Schockgranaten angriffen.
Unter den während der Aktion Festgenommenen und Verletzten waren einige Journalist_innen und palästinensische Mitglieder des israelischen Parlaments.

Ein Videobericht der hauptsächlich den Angriff auf Journalisten während dieser Demo zeigt:
 http://www.youtube.com/watch?v=Y-P4LI1ceGA

9. Mai 2008

Am Tag nach den offiziellen Feierlichkeiten haben queere Aktivist_innen die zweite „nationale Erektion“ mit einer Demonstration gefeiert. Im letzten Jahr hielten sie diese Aktion zum ersten Mal im Gedenken an das 40jährige Jubiläum der Besatzung der West Bank und Gaza ab.
Mit einem 3m großen pinken Phallus marschierten die Aktivist_innen durch Tel Aviv um 60 Jahre schwanzgesteuerte militaristische Politik zu zelebrieren und bildhaft darzustellen wie die palästinensische Bevölkerung von der israelischen Armee behandelt, d.h. „gefickt“ wird.
Israelische Polizisten, wahrscheinlich beleidigt von der stattlichen Größe des pinken Phallus, entschieden sich dazu selbigen zu beschlagnahmen und zerschnitten, nachdem sie nicht in ihren Wagen passte, die nationale Erektion in Einzelteile.
Da es schwierig ist den Humor des original englischen Berichts über diese Aktion wörtlich ins Deutsche zu übersetzen posten wir aus diesem Grund auch nochmal das englische Original:
"The second annual parade to salute the national erection was set to take off on Friday, May the 9th, in Tel Aviv's Rothchild Avenue. About 150 people gathered on the day following the Israeli day of independence to express their adoration for Israeli militaristic masculinity, the generals who brought upon us so many glorious wars, and our wonderful army, which has been screwing the Arabs for the past 60 years.
The revelers eagerly anticipated a repetition of last year's memorable event, held to commemorate 40 years of occupation, during which the 3 meter pink penis squirted water at selected sites marking the history of the Zionist state, whilst onlookers cheered and jeered.
However, it seems that the Tel Aviv police force, had other ideas. The police officers, who apparently were offended to see a penis much larger than their own freely gallivanting about town, decided to ruin the festivities, and attack the pink penis with drawn knives.
The cowardly police waited until the erection had separated momentarily from the crowd, attacked it violently and tried to dismount it from the bike trailer on which it was erected. The erection's two escorts tried to resist the police's acts of vandalism, and the pigs violently dragged them into a police van and hauled them off to the local cop shop, where they were detained for three hours on the strength of trumped up charges such as "participation in an unlawful gathering" and "offending the public". The police officers, not content with taking the erection off its pedestal, pathetically tried to push it into a police van, but as its huge size and girth prevented that, resorted to what they know best, violence and bullying, and chopped the national erection up into pink segments.
However, the gathered crowd was not deterred by police brutality, managed to regain control of the tip of the pink penis, and continued against all odds to march along the planned route, carrying banners and chanting.
The organizers declared that the national erection will return next year, for te third annual march, bigger and pinker than ever, to kick against the pricks in power, including the occupation, Zionist masculinity, militaristic machismo and our society's other ills."
( https://israel.indymedia.org/newswire/display/9011/index.php)

Am selben Tag hielten jüdische und palästinensische Aktivist_innen zum ersten Mal einen gemeinsamen Marsch durch die Gegenden in West Jerusalem ab, die ehemals von Palästinenser_innen bewohnt und nun von jüdischen Siedlungen besetzt sind. Trotz versuchter Provokation von bekannten rechtsextremistisch-faschistischen Gruppierungen verlief der Marsch weitegehend friedlich ab.
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Links:


Aswat- palästinensiche lesbische Gruppe
 http://www.aswatgroup.org/english/
Al-Qaws- palästinensiche LGBT Gruppe
 http://www.alqaws.org/
Helem - LGBT Gruppe in Lebanon
 http://www.helem.net/


Ergänzungen:

Demo durch West-/Ost-Jerusalem

ich 23.05.2008 - 09:08
Danke für die Eindrücke von linkem Aktivismus aus Israel! Witzige Aktion mit dem Penis! Das Video zeigt, wie chaotisch Demos in Israel ablaufen und wie die Cops dagegen vorgehen. Teilweise krasse Szenen - waren es Gummigeschosse oder Tränengasgranaten? Aber ansonsten von der Gewalt her meines Erachtens ähnlich dem, was hier in D-Land die Cops anreichten. Sind eben überall Penner.

Allerdings wundere ich mich, ob der Autorin/dem Autoren des Artikels am Ende ein Fehler unterlaufen ist, als von einer Demo in West-Jerusalem die Rede ist, welches von Siedlungen besetzt sei - ist hier nicht eher Ost-Jerusalem gemeint? Denn West-Jerusalem wurde schon vor 1948 in weiten Teilen von Jüdinnen und Juden errichtet und gehört - freilich kam es auch dort zur Flucht oder Vertreibung arabischer Einwohner/innen - seit 1948 unumstritten zum israelischen Staatsgebiet. Da von Besetzung zu sprechen, würde ein sonderbares Licht auf Geschichts- und Politikverständnis der Aktivist/innen bzw. der Schreiber/in werfen...

Zu der Benennung In der Haaretz stand übrigens schon vor einigen Monaten, dass die Behörden die verlassenen arabischen Dörfer in Israel mit Schildern kennzeichnen wollen...

@ich - Demo in WEST Jerusalem

siyunut 23.05.2008 - 12:44
Das Thema dieser Aktion war die Nakba, also die Vertreibung der palästinensischen Bevölkerung in 1948 und nicht post-1967.
Es stimmt dass dort schon vor '48 eine jüdische Bevölkerung ansässig war, aber du sagst auch richtig, dass auch in West Jerusalem einige Menschen vertrieben wurden. Dass das Gebiet "unumstritten" zu Israel gehört könnte mensch auch weiter und auf das ganze Gebiet, z.B. auf Tel Aviv beziehen, welches "unumstritten" zu Israel gehört. Es geht auch nicht darum Besitzansprüche zu stellen, sondern vielmehr darum auf eine andere, ignorierte Geschichte aufmerksam zu machen, die sich parallel zur Staatsgründung abspielte.

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