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"Hier wird auch nicht jeden Tag gestreikt!" Interview mit David Fernández Molpeceres über Anarcho-Syndikalismus und Arbeitsbedingungen auf Mallorca

Nur zwei, drei Häuser neben dem Parlament der Balearen in Palma de Mallorca weht vom zweiten Stock die schwarz-rote Fahne der CNT. Die Anarcho-Syndikalisten der Insel unterhalten dort ein kleines Büro, das jeden Abend an Werktagen geöffnet ist und optisch an ein Asta-Büro erinnert. Wände, Türen, Bibliothek und Archiv sind voll mit Dokumenten anarchistischer und linksradikaler Geschichte und Gegenwart. David Fernández Molpeceres ist der Generalsekretär der CNT von Mallorca.

Wie lebt es sich als Anarchist auf einer Insel wie Mallorca, wo Millionen von Menschen nur Urlaub machen?

Zur Zeit wird die Comunidad Autónoma der Balearen von einer Koalition aus vier linken Parteien regiert, die größte ist die Partido Socialista. Aber unsere Vorstellungen von Politik sind nicht in der Regierung vertreten.

Mallorca ist traditionell konservativ und rechts, einschließlich 40 Jahren Diktatur. Ein Beispiel: Während des Bürgerkriegs starteten die Flugzeuge der deutschen Nazis von hier aus, um das spanische Festland zu bombardieren, mit dem Einverständnis der Bevölkerung Mallorcas. Deswegen ist es nicht einfach, Leute zu finden, die progressive Ansichten vertreten. Menorca ist ein bisschen anders, es gab Zeiten, da waren die Leute ein biss­chen progressiver, ein bisschen mehr links.

David Fernández Molpeceres, Generalsekretär der CNT in Palma de Mallorca
David Fernández Molpeceres, Generalsekretär der CNT in Palma de Mallorca (Foto: Jungle World)

Auch die regierende Koalition hat bei den Wahlen mit nur einer kleinen Mehrheit gegen die Partido Popular gewonnen, die parlamentarische Rechte. Zwar ist die ökologische Bewegung verglichen mit anderen Regionen recht fortschrittlich. Aber ansonsten sieht es schlecht aus, vor allem im Bereich Arbeit.

Was macht die CNT genau? Was sind eure Themen?

Die CNT als Syndikat fördert die Organisierung der Arbeiter und Arbeiterinnen. Nur so kann man Schritt für Schritt mehr Einfluss gewinnen in den Betrieben und bestimmten Arbeitsbereichen. Dazu kommt die rechtliche Beratung von Arbeitern, die Probleme mit ihren Chefs haben. Die zentrale Aufgabe der Gewerkschaft ist es, Forderungen zu stellen, im Bereich Arbeit, aber auch in gesellschaftlichen Bereichen. Dazu gehören der Kampf gegen die Repression, der ökologische Kampf, die Frauenproblematik. Der parlamentarischen Linken sind die Hände gebunden durch die Institutionen. Sie will auch keine grundlegende Veränderung der Gesellschaft, sondern allenfalls ein paar Gesetze verändern. Unsere Ideen sind revolutionär. Was wir wollen, sind Veränderungen, die die Fundamente angreifen.

Wer ist aktiv in der CNT auf Mallorca? Was treibt ihr tagsüber? Deine Genossin hat erzählt, dass sie studiert.

Wir sind fast alle Arbeiter. Zwar sind in ganz Spanien nicht einmal sieben Prozent der Bevölkerung Mitglied einer Gewerkschaft. Aber von denen sind 90 Prozent Arbeiter. Studenten sind kaum darunter. Die studentische Bewegung gab es 1968 und in den siebziger Jahren, heute ist sie nahezu verschwunden. Ganz im Gegensatz zu Frankreich, dem Nachbarland. Die spanische Linke hat keine Entsprechung in einer studentischen Bewegung. Deswegen ist es ungewöhnlich, wenn Studenten in die Gewerkschaft eintreten.

Bei Spanien und Anarchisten denkt man zuerst an den Bürgerkrieg. Gibt es Kontinuitäten seit jener Zeit?

Bis 1997 lebte noch ein alter Genosse. Er war einer der letzten in der CNT, die im Bürgerkrieg gekämpft haben. Ich habe zwei Jahre mit ihm zusammengearbeitet. Trotzdem kann man streng genommen nicht von Kontinuität sprechen. Dazu muss man wissen, die Repression zur Zeit der Diktatur war hier im Vergleich zum Festland noch brutaler. Alle Mitglieder der CNT, die auf der Insel blieben, wurden getötet. In den Gefängnissen gab es Kommunisten und Sozialisten, die Strafen von fünf bis 15 Jahren absitzen mussten. Anarchisten gab es keine in den Gefängnissen. Und die, die geflohen waren, kamen erst nach der Diktatur zurück. Der Wiederaufbau der Gewerkschaft hat in den achtziger Jahren angefangen und zwar von Null an.

Engagieren sich denn auch ein paar ältere Leute bei euch in der CNT? Ihr seid ja alle recht jung.

Es gibt auch Ältere, aber die Mehrheit ist 25 bis 35 Jahre alt.

Und danach gründen auch die meisten Anarchisten Familien und ziehen sich ins Privat­leben zurück?

Damit hat das nichts zu tun. Auf dem Festland ist es an vielen Orten genau umgekehrt. Da sind weniger junge Leute aktiv, die meisten Mitglieder der CNT sind zwischen 40 und 50 oder sogar bis 60 Jahre alt.

Wie steht es um den Klassenkampf? Wie sind die Arbeitsbedingungen auf der Insel?

Auf den Balearen gibt es zwei wichtige Arbeitssektoren: Tourismus und Bau. Industrie gab es ja bis vor 20 Jahren fast gar keine. Was den Tourismus betrifft, stellen die Vereinbarungen, die die großen Gewerkschaften ausgehandelt haben, das größe Problem dar. Obwohl Massen von Menschen in der Gastronomie arbeiten, wurden sehr schlechte Bedingungen ausgehandelt.

Darüber hinaus nutzen die Unternehmer es aus, dass das Angebot an Arbeitskräften noch viel größer ist als die Zahl der Arbeitsplätze. Die Leute akzeptieren oft aus Not noch schlechtere Bedingungen als die vorgeschriebenen. Zum Beispiel werden Pausen und viele Arbeitsstunden nicht bezahlt. Auch beträgt die Probezeit auf den Balearen einen Monat. Das ist sehr lang.

Im Vergleich zu Deutschland ist das wenig.

Das ist viel zu viel! Ich weiß, dass es in Deutschland noch viel schlimmer ist, in einem technologisch so fortschrittlichen Land. Das ist unglaublich! Überall sonst in Spanien beträgt die Probezeit 15 Tage. Das ist die Zeit, bevor überhaupt ein Vertrag unterschrieben wird. Viele Arbeitgeber beschäftigen die Leute einen Monat und geben ihnen die Stelle dann doch nicht. Deshalb kann man sagen, die Arbeitsbedingungen in diesem Sektor sind in der Praxis noch schlimmer als vertraglich festgelegt. Das ist sehr problematisch.

Auf dem Bau werden viele Leute schwarz beschäftigt. So sparen die Unternehmer Steuern, Kranken- und Sozialversicherungen. Wegen der vielen Immigranten gibt es außerdem ein großes Kontingent an illegalisierten Arbeitern, was die Unternehmer ebenfalls ausnutzen.

Dazu kommt, dass die großen Gewerkschaften, UGT und C.C.O.O., die die schlechten Verträge abgeschlossen haben, sehr konformistisch sind. Sie haben gar nicht den Anspruch, die Arbeitsbedingungen zu verbessern. Sie dienen dem Staat, der sie subventioniert. Es ist absurd, dass die C.C.O.O. auf den Balearen sich als kritische Gewerkschaft definiert.

Woher kommen die Einwanderer?

Es gibt Einwanderer aus vielen Ländern. Die mit Abstand größte Gruppe bilden die Argentinier.

Ist es so wie in Deutschland, dass bestimmte Gruppen von Migranten besonders miese Jobs erledigen? Ich denke da etwa an die polnischen Spargelstecher.

Das kann man nicht sagen. Zum Beispiel kommen die meisten Ärzte in Palma aus Südamerika, während eine Putzfrau Mallorquina sein kann. Zumindest war das bis vor eineinhalb Jahren so, als Gastronomie, Bau und Handel boomten. Deshalb gab es auch so viele Schul- und Studienabbrecher auf Mallorca. Wenn ich mich recht erinnere, beenden nur zwei von zehn Studenten ihr Studium. Weil das Angebot an Arbeitsplätzen so groß war, zogen es viele Leute vor, arbeiten zu gehen. Jetzt gibt es die ökonomische Krise, die das Arbeitsangebot reduziert.

Was sind eure konkreten Projekte?

Die CNT hat eine Kampagne gestartet gegen das Vorhaben des Europäischen Parlaments, die maximale Wochenarbeitszeit auf 65 Stunden zu verlängern. Jetzt wartet man nur noch ab, ob das Gesetz wird oder nicht, aber vom Europäischen Parlament ist das schon verabschiedet. Das betrifft auch euch! Hier in Spanien beträgt die maximale Wochenarbeitszeit 40 Stunden. Ich weiß nicht, wie das in Deutschland ist.

Das hängt von den einzelnen Tarifverträgen ab. Jedenfalls bislang noch keine 65 Stunden!

Das mit den 65 Stunden ist so eine Sache. Es ist unmenschlich. Aber es widerspricht auch anderen europäischen Vorhaben völlig. Zum Beispiel dem Plan der Europäischen Kommission, den Mutterschutz auf insgesamt 18 Wochen zu verlängern. Unser Ziel war immer die 30-Stunden-­Woche.

Wie kommen Leute im Normalfall zur CNT?

Der Normalfall ist, dass jemand zur Gewerkschaft geht, wenn er ein Problem auf seiner Arbeitsstelle hat. Die Leute kommen, weil sie Informationen brauchen, und wir versuchen, sie zu organisieren. Aber dann gibt es auch Leute, die kommen, weil sie unsere Ideen teilen.

Wann gab es den letzten großen Streik auf den Balearen?

Gestreikt wird natürlich nicht in Regionen. Es gibt Streiks in Betrieben, in Sektoren oder den Generalstreik. Die CNT hat im letzten Jahr den Streik beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen IB3 organisiert mit dem Ziel, die Verträge mit privaten Arbeitgebern in öffentlich-rechtliche Verträge umzuwandeln. Die Repräsentanten der CNT waren bei dem Streik sehr aktiv. Im Gegensatz zu Deutschland, wo Streiken ja quasi verboten ist, geht das hier sehr leicht. Zum Beispiel muss ein Streik nur zehn Tage vorher angemeldet werden. Auch kann jede Gewerkschaft einen Streik organisieren, ob groß oder klein. So wie die CNT es bei IB3 gemacht hat. Aber damit ein Streik effektiv ist, muss man viel Arbeit hineinstecken. Leute aus Ländern wie Deutschland denken, dass hier jeden Tag gestreikt wird, weil es so einfach geht. So ist es nun auch wieder nicht.

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