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Global: Teilnehmender Sozialismus – eine neue Internationale, die IOPS

Vor nicht allzu langer Zeit wollte der bekannte Karlheinz Roth noch eine neue linksradikale Internationale gründen – der Versuch versandete irgendwo in der Menge [Multitude] … Nun steht eine neue Internationale vor der Tür, die allerdings wohl reale Chancen auf eine Existenz hat: die Internationale Organisation für Partizpatorischen Sozialismus (IOPS). Diese nicht mehr so neue Idee der beiden Anarchisten oder libertären Marxisten, dem Aktivisten Michael Albert und dem professoralen Wirtschaftswissenschaftler Robin Hahnel, entstand bereits vor zwanzig Jahren in den USA. ParEcon bedeutet teilnehmende Wirtschaft [participatory economy] und wird über das ZNet propagiert. Auf deutsch erschien in der Trotzdem-Verlagsgesellschaft 2006 das Buch Parecon. Ein Leben nach dem Kapitalismus. [1] Im Internet findet sich eine kurze deutsche Zusammenfassung der Ideen:

Parecon steht für Participatory Economics (Partizipatorische Ökonomie). Sie ist, grob gesagt, eine demokratische und dezentrale Planwirtschaft. Das Wort Partizipation ist aber im Grunde passender, denn Partizipation heißt Teilhabe und Teilnahme. Die große „Bäckerei“ wird quasi von denen, die die Brötchen machen und sie essen betrieben und besessen. [2]

Anfang 2011 startete diese Gruppe eine Abstimmung über die Gründung einer Organisation, um die seit Jahren sehr detailliert ausgearbeiteten Ideen für einen teilnehmenden Sozialismus weiter zu festigen und weltweit eine Struktur zu geben.

Anfangs, so gibt es ja auch der Name teilnehmende Ökonomie wieder, ging es Albert-Hahnel um die Beschreibung von Grundsätzen einer neuen Wirtschaftsform – wie hat Selbstverwaltung zu funktionieren und wie kann gleichberechtigte Teilnahme in Wirtschaft und den Betrieben funktionieren. Und wie können die Konsumenten mitbestimmen?

Daraus ist ein umfassendes Konzept – eben eines teilnehmenden Sozialismus – geworden. Praktischerweise entsprechenden viele Ideen und Ansätze den basisdemokratischen Bewegungen in Spanien und Griechenland diesem Projekts, dessen deutsche Übersetzung gerade veröffentlicht wurde [3].

In den USA nimmt an diesem Netzwerk auch der bekannte Anarchosyndikalist Tom Wetzel von der Workers Solidarity Alliance (WSA) kritisch teil [4]

Im United Kingdom of Great Britain existiert bereits eine Organisation [Project for a Participatory Society - United Kingdom - www.ppsuk.org.uk] mit der sich die englischen Genoss~innen von lib.com als libertären Kommunisten eine spannende theoretisch-ideologische Auseinandersetzung geliefert haben [5] .

Der teilnehmende Sozialismus der IOPS beruht auf zwei Säulen – den Arbeiterräten und ihren Föderationen sowie den Verbraucher-Räten und ihren Zusammenschlüssen. Über übergeordnete Vermittlungsausschüsse [facilitation boards] sollen die Wünsche der Konsumenten mit denen der Produzenten in Einklang gebracht werden. Das es für diese Art von Planwirtschaft und Räteherrschaft einen politisch-sozialen Raum gegen muß bzw. dies nur in einer „lebendigen, vielfältig, solidarisch und selbstorganisierten“ Gesellschaft realisiert werden kann – auch das wissen die Theoretiker von ParEcon, denn ihr Konzept ist das für eine „nach-kapitalistische“ Ära. Ob mit oder ohne Staat, das bleibt auch ihr Geheimnis.

Wie nun der Kapitalismus zu überwinden ist – das ist die große Frage. Für uns als revolutionäre Anarchosyndikalisten bedarf es einer Sozialen Revolution, die über einen sozialen Generalstreik den Staat und den Kapitalismus hinwegfegt.

Das aus einem anfangs reinen ParEcon-Modell ein umfassendes politisches Konzept entstanden ist, verwundert nicht. Denn allein „nur“ die Betriebe im Kapitalismus auf mehr Mitbestimmung umzustellen, auf mehr Teilhabe, das reicht eben nicht aus, um die alles beherrschende Profitwirtschaft zu bekämpfen. Dazu bedarf es einer umfassenderen Grundlage, nämlich dem Willen der Menschen, den Kapitalismus zu überwinden. Die Krux ist dabei: ohne die Zerschlagung der kapitalistischen Ökonomie durch selbstbewußte Arbeiter~innen und ihre Klassenkampforganisationen – revolutionärer Gewerkschaften – ist eine Veränderung überhaupt nicht möglich. Wenn das „Ökonomismus“ genannt wird, dann stehe ich dazu. Der Wunsch nach partizipatorischen gesellschaftlichen Veränderungen – z.B. Mitbestimmung beim Umbau eines Bahnhofs, Städteplanung oder dem Ausstieg aus der Atomenergie (und was, wenn eine Mehrheit sich weiterhin manipulieren läßt?) in einer bürgerlich-parlamentarischen Demokratie – bekämpfen grundlegend nicht das System der ökonomischen Ausbeutung. Denn: wirtschaftliche Abhängigkeit und politische Unterdrückung funktionieren auch ohne Rassismus, Sexismus und bei veganer Ernährung.

Parecon ist mit einer ökonomistischen Schwerpunktsetzung vereinbar. Ich würde so aber nicht antworten. Vielmehr meine ich, dass Parecon ein tragfähiges und erstrebenswertes Konzept bietet, um den Kapitalismus zugunsten einer klassenlosen Wirtschaftsordnung zu überwinden, ja. Ich bin aber nicht der Ansicht, dass sich alles im Leben nur ums Ökonomische dreht, oder dass die Wirtschaft das ganze Leben beherrscht; das sind vereinfachende ökonomistische Behauptungen. (Michael Albert)[6]

Hier besteht ein weiterer echter Dissens, denn ohne die Aufhebung der ökonomischen Ausbeutung sind die Eliminierung aller anderen Unterdrückungsmechanismen und Entfremdungen schwer vorstellbar – weil die wirtschaftliche Abhängigkeit die arbeitende Bevölkerung (mithin die gesellschaftlichen Mehrheit) im kapitalistischen System vollkommen beherrscht. Abweichende kulturelle und soziale Ideen werden in dieser Fabrikgesellschaft immer und immer wieder liquidiert oder aber kapitalistisch ausgebeutet, vernutzt und assimiliert. Der Staat als Schutzpatron des jeweiligen politisch-ökonomischen Herrschaftssystems muß deshalb ebenfalls „aufgehoben“ werden..

Wie der partizipatorische Sozialismus umgesetzt werden soll – ist also ziemlich unklar. Die IOPS ist m.E. eine politische Internationale, die Personen und Gruppen vernetzen will, die die Ideen einer nach-kapitalistischen klassenlosen Gesellschaft propagieren wollen (im UK wird allerdings bereits über partizipatorische Gewerkschaften diskutiert).

Hilfreich sehen sie dabei Betriebe an, die nach den Grundsätzen der ParEcon bereits heute arbeiten. Aber auch das ist nichts Neues unter der Sonne. Allerdings wäre eine echte Vernetzung eben derartiger Betriebe, die auf der Basis einer klaren antikapitalistischen Ausrichtung arbeiten – in selbstverwalteten Arbeiterkollektiven ohne Chef und Hierarchien bei gleicher Bezahlung und vollständig gleichen Rechten und Pflichten gesellschaftlich nützliche Produkte und Dienstleistungen produzieren und verwalten –, sehr von Nöten, um Erfahrungen auszutauschen, sich zu schulen und per Gegenseitiger Hilfe notfalls zu unterstützen. Dazu bedürfte es natürlich auch der Kontrolle durch eine anarchosyndikalistische Gewerkschaft, die die Arbeiterselbstverwaltung nicht bloß als eine Zukunftsvision an die eigenen Fahnen schreibt, sondern die sich bereits heute Gedanken um die Gestaltung der sozialistischen, freien Gesellschaft macht und entsprechende Schulungen und Fortbildungskurse anbietet.

Aufhorchen lassen sollte uns auch die Tatsache, daß die spanische CNT zu ihren Feierlichkeiten zum 100. Jahrestag der Gründung Robin Hahnel eingeladen hatte, und dieser am 10. April 2010 in Barcelona mit einem Vortrag über die Idee der partizipatorischen Ökonomie referierte: „Anarchistische Planung einer Wirtschaft im 21. Jahrhundert: Ein Vorschlag“ [7]. Von Antistaatlichkeit ist hier keine Rede, ebensowenig vom Klassenkampf. So stimmt es wohl, was Jeff Stein bereits 1992 in der Anarcho-Syndicalist Review kommentierte: diese Ideen sind bestenfalls als „Zentral-Planung per Referendum“ zu bezeichnen, als ein „utopisch-marxistischer Vorschlag mit sehr wenig Anarchismus drin“. [8]

Dennoch: anhand der Ideen des teilnehmenden, partizipatorischen Sozialismus könnte eine fruchtbare Diskussion über unsere konkreten libertär-kommunistischen Vorstellungen den hiesigen Dornröschenschlaf unserer Bewegung (vielleicht) beenden. Und das wäre begrüßenswert und etwas Positives.

Folkert, ASK – VAB Hamburg-Altona  [26. Juni 2011]

[1] Parecon. Ein Leben nach dem Kapitalismus. Trotzdem Verlagsgenossenschaft, 2006

[2] http://www.parecon.de/

[3] http://www.zcommunications.org/znet – Aims German

[4] Tom Wetzel – The CityDiscussion of self-management and“building the new society in the shell of the old

[5] Parecon or libertarian communism? a debate between the Project for a Participatory Society and the libcom.org group – http://libcom.org/library/participatory-society-or-libertarian-communism

[6] http://fau-duesseldorf.org/nachrichten/parecon-und-anarchosyndikalismus-interview-mit-michael-albert-dem-autor-der-post-kapitalistischen-wirtschaftsvision-parecon/view

[7] http://www.zcommunications.org/anarchist-planning-for-twenty-first-century-economies-a-proposal-by-robin-hahnel

[8] http://www.syndicalist.org/theory/parecon1.shtml

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