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Gewaltfreier Widerstand gegen den Barrierebau Das palästinensische Dorf Ni'lin ist ein neues Zentrum des Zivilen Ungehorsams

Um Salamuna, Al-Khader, Sarra, Qussin, Wadi Qana, Al-Ma'sara, Bil'in. Das sind einige der Namen von Gemeinden im Westjordanland, die gewaltfreien Widerstand gegen die israelische Annexionsbarriere (Mauer) und die Besatzung leisten. Das Dorf Ni'lin, im Ramallah-Distrikt, ist seit mehreren Monaten eines der neuen Zentren des gewaltfreien Widerstands in Palästina.

Ni'lin liegt zwischen den beiden Dörfern Budrus und Bil'in, die beide eine
zentrale Rolle im gewaltfreien Widerstand in der Westbank spielen. Bil'in
ist vielen LeserInnen bekannt durch die GWR-Berichterstattung über seinen
bereits über drei Jahren andauernden gewaltfreien Widerstand gegen
Besatzung und Barrierebau sowie aufgrund seiner jährlich stattfindenden
internationalen Konferenz zum Thema. Budrus war im Jahr 2004 das Symbol
des gewaltfreien Widerstands und war auch eine der ersten Gemeinden in der
Westbank, die substantielle Erfolge ausschließlich mit gewaltfreiem
Widerstand "von unten" erzielen konnte. Dass sich die widerständische
Basisbewegung, ungeachtet der Repression der israelischen Armee (IDF), die
seit jeher gewaltfreien Protesten mit Gewalt begegnet, und auch ungeachtet
der palästinensischen Führung, die die Barriere schon längst akzeptiert
hat, nicht in die Knie zwingen lässt, veranschaulicht Ni'lin besonders
beeindruckend. Das Dorf hat seit 1948 ca. 80 % seines Landes verloren. Die
Barriere, die ebenfalls große Flächen landwirtschaftlicher Fläche zu
annektieren droht (auch hier befindet sich eine jüdische Siedlung in der
Nähe), wäre der finale Todesstoß für das Dorf. Für die BewohnerInnen von
Ni'lin wurde es also allerhöchste Zeit, dagegen anzukämpfen.
Massiver gewaltfreier Widerstand

Wie auch in anderen Gemeinden, die Widerstand leisteten, begann sich in
Ni'lin ein Popular Committe zu organisieren, das die Proteste koordiniert.

Aktiv unterstützt wird es dabei von israelischen und internationalen
AktivistInnen, vorwiegend von den Anarchists Against the Wall (AATW) und
dem International Solidarity Movement (ISM).

Demonstrationen werden mehrmals wöchentlich - fallweise sogar täglich -
abgehalten.

In Ni'lin werden auch immer wieder eigene Frauendemos organisiert. Das
erklärte Ziel der Demonstrationen ist es, zu den Bulldozern und Baggern zu
gelangen, die unweit des Dorfes mit den Bauarbeiten an der Barriere
beschäftigt sind, um diese am Weiterarbeiten zu hindern.

Mehrmals war dieses Vorhaben schon von Erfolg gekrönt: Am 1. Juli 2008
beispielsweise gelangten mehrere hundert DemonstrantInnen direkt zu dem
schweren Baugerät, behinderten es erfolgreich bei der Arbeit und
beschädigten es gezielt, sodass die Bulldozer, Bagger und LKWs die
Baustelle fluchtartig verlassen mussten.

Ein kleiner Sieg in einer schier aussichtlosen Situation.

Oft gelingt dies jedoch nicht, da die IDF die Demonstration üblicherweise
bereits erwartet und mit Unmengen an Tränengas, "Hartgummigeschossen" etc.
fernhält, um die Bauarbeiten an diesem vom Internationalen Gerichtshof
(IGH) als völkerrechtswidrig verurteilten Projekt zu ermöglichen.

Eine besonders beunruhigende Entwicklung ist, dass die israelischen
SoldatInnen immer öfter nicht mehr von ihren (fallweise tödlichen)
"nicht-tödlichen-Waffen", sondern von scharfer Munition Gebrauch machen,
um Demonstrationen aufzulösen. Eine kürzlich veröffentlichte Richtlinie
der IDF diesbezüglich erlaubt bzw. fordert dies ausdrücklich, jedoch mit
einer Ausnahme: Wenn sich Israelis unter den DemonstrantInnen befinden,
darf scharfe Munition nicht verwendet werden. Es ist das wohlbekannte
rassistische Spiel in den besetzten Gebieten. In Bil'in z.B. wurde am 13.
Juni 2008 der 26-jährige Ibrahim Burnat lebensbedrohlich verwundet. Ihm
wurde mit scharfer Munition die Hauptschlagader durchschossen.

Aufgrund des hohen Blutverlusts hat ihn das beinahe das Leben gekostet.
Doch man muss nicht notwendigerweise ein/e DemonstrantIn sein, um Gefahr
zu laufen von der IDF erschossen zu werden. Am 5. März wurde der
18-jährige Wala Burnat aus Bil'in lebensbedrohlich durch fünf Kugeln
verletzt, als er am Feld seiner Eltern arbeitete. Warum die SoldatInnen
plötzlich das Feuer eröffneten, ist unklar.
"Israeli Army get out of Ni'lin!"

Um die Protestbewegung zu zerschlagen, verfolgt die israelische Armee im
Falle von Ni'lin nun eine besonders harte und vor allem auch
völkerrechtswidrige Linie: kollektive Bestrafung. Von 3. bis 8. Juli 2008
wurde über das Dorf eine Ausgangssperre verhängt und es von der IDF zur
Gänze umstellt.

Die Armee kontrollierte alle Zufahrtsstraßen und ließ nichts und niemanden
in das Dorf hinein oder hinaus, Ambulanzen und Nahrungsmittel mit
eingeschlossen. Selbst einer schwangeren Frau wurde es verwehrt, für die
Geburt ihres Kindes ins Krankenhaus zu fahren.

Doch das Dorf wurde nicht nur abgeriegelt, sondern die IDF brach in der
Folge auch in rund 20 Häuser ein, verhaftete AktivistInnen, schoss mit
Tränengas und scharfer Munition im Dorf herum und ließ Handzettel zurück,
auf denen zu lesen war, dass die Belagerung und die Ausgangsperre erst
dann enden würden, wenn die Demonstrationen gegen die Barriere aufhörten.

Die BewohnerInnen von Ni'lin zeigten sich von all den Drohungen jedoch
wenig beeindruckt, errichteten Barrikaden, um die Armee an der Invasion
des Dorfes zu hindern und brachen in einem Akt des Zivilen Ungehorsams die
Ausgangssperre, um auch weiterhin zu demonstrieren. Diese Demonstrationen
wurden brutal niedergeschossen und mehrere AktivistInnen durch scharfe
Munition schwer verletzt.

Der Rote Halbmond versuchte mehrmals, mit den israelischen SoldatInnen,
die die Zufahrtsstraßen zum Dorf versperrten, zu verhandeln, um in das
Dorf fahren zu dürfen und die Verletzen behandeln zu können. Als der Rote
Halbmond es rund 20 Mal versuchte und keine Erlaubnis erhielt, drohten die
SoldatInnen schließlich damit, auch auf die Ambulanz das Feuer zu
eröffnen, sollten sie noch einen Versuch starten, in das Dorf zu gelangen.
Auf einen Ambulanzwagen der Palestinian Medical Relief Society wurde das
Feuer eröffnet. Es fanden sich über ein Dutzend Einschusslöcher in dem
Rettungswagen.

Während der Belagerung fanden auch verstärkt Solidaritätsdemonstrationen
rund um das Dorf statt. AktivistInnen aus Bil'in und Budrus kamen
gemeinsam mit israelischen und internationalen AktivistInnen, um den
Belagerungsring zu durchbrechen.

Auch diese Versuche hatten zahlreiche Verhaftungen zur Folge.
Der Kampf geht weiter

Gleich nachdem die Ausgangsperre wieder aufgehoben wurde und ein Offizier
der IDF verlautbarte, er habe die Zusage der BewohnerInnen, in Zukunft
keine Proteste mehr abzuhalten, antwortete das Popular Committee, dass es
solche Gespräche, geschweige denn diese Zusage nie gegeben hätte und dass
sich die BewohnerInnen von Ni'lin das Recht, für ihre fundamentalen
Menschenrechte und gegen die Konfiszierung ihres Landes einzutreten, nicht
nehmen ließen und die Proteste deshalb weitergehen würden. Schon wenige
Tage später fanden erneut Demonstrationen statt, bei denen es wieder
zahlreiche Verletze gab.

Am 20. Juli veröffentlichte die israelische Menschenrechtsorganisation
B'tselem ein schockierendes Video. Es zeigt, wie ein verhafteter
palästinensischer Aktivist aus Bil'in, der an einer
Solidaritätsdemonstration für Ni'lin teilnahm, verhaftet, an den Händen
gefesselt und die Augen verbunden, von einem Soldaten vor einen
Militärjeep gestellt wird, wo ihm ein anderer Soldat, der direkt vor ihm
steht, in den Fuß schießt, was in Israel und international zu empörten
Reaktionen führte.

Die Antwort der IDF folgte prompt: Der Vater des Mädchens, das den Vorfall
aus ihrem Zimmerfenster zufällig gefilmt hatte, wurde wenige Tage später
bei einer Demonstration verhaftet. Aber auch der Kommandant für die
Region, Omri Bruberg, musste aufgrund dieses Vorfalls zurücktreten.

Der traurige Höhepunkt der Proteste wurde erreicht, als Ni'lin seine
ersten Todesopfer zu beklagen hatte: der 10-jährige Ahmed Moussa wurde am
26. Juli von einer Kugel der IDF tödlich im Kopf getroffen.

Am 29. Juli wurde dem 17-jährigen Yusef Amira vor seinem Haus mit mehreren
"Hartgummigeschossen" (also Stahlkugeln mit einer dünnen
Hartplastikschicht) in den Kopf geschossen. Er verstarb wenige Tage später
im Krankenhaus.

Die tragischen Ereignisse und Todesfälle führten auch immer wieder zu
gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Steine werfenden
palästinensischen Jugendlichen und der IDF.

Diese wiederum attackierte u.a. die Begräbniszüge von Ahmed und Yusef, was
die Emotionen noch zusätzlich hoch kochen ließ. Auch in Tel Aviv
demonstrierten AktivistInnen von Gush Shalom und AATW aufgrund der
tragischen Ereignisse in Ni'lin vor den Häusern von Verteidigungsminister
Ehud Barak und Oberst Aviv Reshef, was zu über 20 Verhaftungen führte.

In einem Statement der AATW war zu lesen: "An einem Ort, wo es sich eine
Armee erlauben kann, unbewaffnete DemonstrantInnen Tag für Tag zu töten,
überrascht es uns nicht, dass DemonstrantInnen, die gegen solche Taten
protestieren, verprügelt und verhaftet werden."

All die ermutigenden und erschreckenden Erfahrungen von Ni'lin
veranschaulichen einmal mehr, wie gefährlich bzw. lebensbedrohlich es für
AktivistInnen in Israel/Palästina ist, gewaltfrei Widerstand zu leisten.

Ermutigend ist vor allem, dass die Basisbewegung in Ni'lin und ihre
UnterstützerInnen aus Israel und dem Ausland, trotz der tragischen
Todesfälle, zahlreichen Verhaftungen und hunderten teils schweren
Verletzungen, den gewaltfreien Basiswiderstand am Leben erhalten und
weiterhin gegen die Besatzung und den völkerrechtswidrigen Barrierebau
ankämpfen.

Sebastian U. Kalicha



Weitere Infos

Informationen zu laufenden Aktionen und Kampagnen:

International Solidarity Movement (ISM)
www.palsolidarity.org

Anarchists Against the Wall (AATW) www.awalls.org

Gush Shalom
www.gush-shalom.org

B'tselem
www.btselem.org

International Middle East Media Center (IMEMC)
www.imemc.org

Indymedia Israel
israel.indymedia.org

Alternative Information Center (AIC)
www.alternativenews.org

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