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"Gegen das verdrängen" - Der Historiker Ilan Pappé über die Nakba

Zwischen Februar und Dezember des Jahres 1948 besetzte die israelische Armee systematisch palästinensische Dörfer und Städte, vertrieb die Bevölkerung gewaltsam und zerstörte in den meisten Fälle ihre Häuser, plünderte ihren Besitz und übernahmen ihren materiellen und kulturellen Besitz. Dies war die ethnische Säuberung Palästinas.

Wo immer es während dieser ethnischen Säuberung Widerstand gab, war das Ergebnis ein Massaker. Wir haben mehr als 30 Fälle solcher Massaker, wo einige tausend Palästinenser durch israelische Truppen während der Operation der ethnischen Säuberung massakriert wurden.

Die israelische Armee wurde gegen Ende der Operation etwas müde und die palästinensischen Dörfer waren sich eher bewusst, was sie erwartete. Deshalb schaffte es die israelische Armee im oberen Galiliäa nicht alle Dörfer zusäubern. Deshalb haben wir heute sog. arabische Israelis oder israelische Araber.

Dabei handelt es sich um 50 bis 60 Dörfer, die innerhalb des Staates Israel verblieben und deren Bevölkerung standhaft war, sodass sie nicht auf die andere Seite der Grenze – in den Libanon oder Syrien – vertrieben wurde.

Die internationale Gemeinschaft war sich der ethnischen Säuberung bewusst, aber besonders im Westen entschied man sich dazu die Führer der jüdischen Gemeinschaft in Palästina nach dem Holocaust nicht zukonfrontieren.

Somit gab es eine Art Verschwörung des Schweigens und wieder reagierte die internationale Gemeinschaft nicht und verharrte in Apathie. Dies war von großer Bedeutung für die Israelis, denn es zeigte ihnen, dass sie ethnische Säuberungen und Reinheit als Staatsideologie übernehmen können.

Auslöschen der Geschichte

Teil jeder ethnischen Säuberung ist es, nicht nur die Bevölkerung auszulöschen und von der Erde zu vertreiben. Ein sehr typischer Teil ethnischer Säuberung ist auch das Auslöschen der Geschichte.

Damit ethnische Säuberung effektive und erfolgreiche Operationen sein können, muss man die Menschen auch aus der Erinnerung löschen und darin sind die Israelis sehr gut. Sie taten dies auf zwei Weisen:

Sie bauten jüdische Siedlungen über den gesäuberten palästinensischen Dörfern und gaben ihnen recht oft Namen, der den palästinensischen widerspiegelte, als eine Art Zeugnis für die Palästinenser, dass sich dies nun vollkommen in den Händen Israels befinde und, dass es keine Möglichkeit auf der Welt gibt, die Uhren zurück zudrehen.

Der andere Weg war, Bäume– für gewöhnlich europäische Pinienbäume – auf den Ruinen der Dörfer zu pflanzen und das Dorf in ein Erholungsgebiet zu verwandeln, wo man genau das Gegenteil von Erinnerung betreibt – man lebt für den Tag, geniest sein Leben, alles dreht sich um Muße und Freude.

Dies ist ein sehr mächtiges Werkzeug für „Erinnerungsmord“ (org.: memorycide). Eigentlich hätte sich ein Großteil palästinensischer Anstrengung darauf richten müssen, diesen „Erinnerungsmord“ zu bekämpfen, um zumindest die Erinnerung an das, was geschehen war zurück zubringen – doch leider gab es diese Anstrengungen nie, oder sie haben erst kürzlich ihren Anfang gefunden.

Ich denke, dass es auf der Welt keinen Grund geben sollte, warum es zwei Völkern – den Palästinensern und den Juden – trotz allem, was in der Vergangenheit passierte, nicht möglich sein sollte, erfolgreich und in einem Staat zusammen zu leben.

Drei Dinge müssen dazu passieren. Die Geschichte von 1948 muss beendet werden – d.h. es bedarf einer israelischen Anerkennung der Verbrechen, die es am palästinensischen Volk verübt hat.

Zweitens muss Israel dafür verantwortlich gemacht werden und der einzige Weg dazu ist, dass zumindest prinzipiell das Rückkehrrecht der palästinensischen Flüchtlinge anerkannt wird.

Und drittens muss sich die palästinensische und arabische Position hinsichtlich der Idee einer jüdischen Präsenz in Palästina dahin gehend ändern, dass diese etwas Legitimes und Natürliches und keine fremde kolonialistische Kraft ist.

Ich denke diese Prinzipien müssen sich herausbilden, aber bisher sind politische Eliten auf beiden Seite nicht bereit diese anzuerkennen.

Der englische Originalkommentar “Israel committing memorycid” wurde am 17. Mai auf der Website von Al-Jazeera veröffentlicht.

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