Sie sind hier: Startseite / Nachrichten / Friedhofslesung am Grab von Erich Mühsam - Schwarze Katze Interview mit Blackbox, 26.03.08

Friedhofslesung am Grab von Erich Mühsam - Schwarze Katze Interview mit Blackbox, 26.03.08

Fotos und Interview: Schwarze Katze, März 08

Schwarze Katze: Ich spreche jetzt mit Michael Halfbrodt und Ralf Burnicki. Ihr beteiligt euch ja beide am Projekt Blackbox. Was ist das?

Blackbox: Blackbox ist ein Literaturprojekt mit dem Ziel libertäre Literatur herauszubringen. Früher haben wir das als Edition Blackbox betrieben - so kleine Broschüren herausgebracht. Andererseits sind wir ein Autorenprojekt mit gemeinsamen Lesungen. Und uns gibt es seit 1994 in Bielefeld. Wir haben eine Zeitlang an der libertären Literaturbewegung Fraktal teilgenommen, machen anarchistische Literatur und Poesie oder was Michael angeht Übersetzungen oder anarchistische Lyrik.

Schwarze Katze: Wie kann ich mir so eine klassische Blackbox-Lesung vorstellen?

Blackbox: Im Grunde nicht viel anders als andere Lesungen auch. Das heisst es sind Individuen an einem hervorgehobenen Platz, vorzugsweise an einem Tisch mit oder ohne Mikrofon, mit oder ohne Beleuchtung, normalerweise mit Manuskript oder ähnlichem. Und die geben irgendwelche Lautäusserungen von sich. Es gibt ein mehr oder weniger interessiertes Publikum, das dem mit mehr oder weniger grosser Begeisterung folgt.

Schwarze Katze: Und die dann mehr oder weniger häufig eure Bücher kaufen, oder?

Blackbox: Wenn's mehr wären, wär's schön, aber es hält sich noch in Grenzen. Muss man fairerweise dazusagen.

Schwarze Katze: Also es ist leicht ausbaufähig?

Blackbox: Es ist ausbaufähig. Es ist nach oben quasi grenzenlos. Ich hätte nichts dagegen, wenn Bücher von uns auch beim Aldi oder sonstwo verkauft würden. Oder an einer Tankstelle oder beim Bahnhofskiosk.

Schwarze Katze: Es gab aber nicht nur klassisch-spiessige Lesungen, sondern auch etwas besonderes wie Friedhofslesungen.

Blackbox: Naja, spiessige Lesungen sind Blackbox-Lesungen wahrscheinlich nie so ganz - da wir in Jugendzentren, Autonomen Zentren und schon an ungewöhnlichen Orten lesen. Nur es ist tatsächlich schon so, dass auch bei Anarcho-Poetry Lesungen jemand vorne sitzt, jemand erzählt und die anderen hören zu. Was vielleicht anders ist, dass auch über die Texte diskutiert werden kann und das Publikum schnell eingreifen wird, kann und auch soll. Aber ansonsten haben wir auch andere Formen. Ich erinnere mich da an eine Lesung in Berlin auf dem Friedhof, wo Erich Mühsam begraben ist. Da fand einmal im Jahr eine Erich-Mühsam Lesung statt, die ging 24 Stunden. Da waren ich und andere Leute von Fraktal dabei, vom Netzwerk libertärer Autoren. Wir lasen da bis zum nächsten Morgen. Das Publikum lag schon zwischen den Gräbern am Schlafen und wir lasen am Grab von Erich Mühsam konstant unsere Texte. Und nicht nur wir, sondern aus der ganzen Bundesrepublik Autoren zu Ehren von Erich Mühsam. Ich erinnere mich an eine andere Lesung, organisiert vom Unrast-Verlag aus Münster. Da war eine Lesung, die mitten im Hauptportal auf einer Bühne im Hauptbahnhof Münster stattfand. Diese Lesung wurde damals von der Leitung des Bahnhofs abgebrochen unter Androhung von Polizeieinsatz, weil denen die Texte nicht gefielen. Das waren anarchistische und autonome Texte. Ausserdem lief parallel ein Video von den Chaostagen in Hannover. Das passte ganz gut zu den Texten. Von daher wurden wir geschasst und mussten den Bahnhof verlassen. Draussen stellten wir fest, dass eine ganze Reihe von Wannen dort aufgebaut war, also eine Hundertschaft Polizei. Wer hätte gedacht, dass anarchistische Poesie zu solchen Wirkungen imstande ist.

Schwarze Katze: Dieter Kunzelmann sollte einmal auch auftreten...

Blackbox: Bei der Friedhofslesung sollte er zu Mitternacht direkt am Grab von Erich Mühsam auftreten. Was mir bis zu dem Zeitpunkt nicht aufgefallen war, dass sich Zivilpolizei an allen Kreuzungspunkten, die die Grabanlage säumten, am Friedhof versammelt hat. Als Dieter Kunzelmann auftreten sollte - er wurde zu diesem Zeitpunkt von der Polizei gesucht - stürzten diese dann auf den Busch neben dem Kunzelmann dann stand. Aber er floh ganz schnell. Es stellte sich im Nachhinein heraus, das war ein Schauspieler aus Berlin, der nur Dieter Kunzelmann gespielt hatte. Für uns wurde in dem Moment - und das ist anarchistische Kunst - ein Theaterstück aufgeführt, dessen Protagonisten die Zivilpolisten waren, die in dem Moment glaubten, Dieter Kunzelmann verhaften zu können. Und wir konnten uns über die Polizei amüsieren.

Schwarze Katze: Blackbox publiziert im Verlag AV.

Blackbox: Ja, wir haben seit etlichen Jahren eine Kooperation mit dem Verlag Edition AV in Lich, vormals Frankfurt/Main. Wir haben mehrere Bücher in Kooperation mit dem Verlag AV herausgegeben und die älteren Titel der Edition Blackbox, die wir in der Anfangszeit gemacht haben, wurden von AV vertrieben.

Schwarze Katze: Im Verlag Edition AV ist das Buch "Gedächtnis der Besiegten" herausgekommen.

Blackbox: Ja, ein grosser Roman von Michel Ragon über die Geschichte des Anarchismus im 20. Jahrhundert - aufgezogen an der Lebensgeschichte einer bestimmten Person, die in Frankreich aufgewachsen ist. Anhand dieser Person erleben wir das 20. Jahrhundert aus libertärer Sicht, da sie am Spanischen Bürgerkrieg und an der Russischen Revolution teilnimmt, bis zum Mai 68 und so weiter.

Schwarze Katze: Wie findest du den Roman?

Blackbox: Ich finde den Klasse, ich hatte mal eine Rezi dazugeschrieben. Mich hat der Roman absolut begeistert, weil er uns so nah an an die revolutionären Ereignisse des 20. Jahrhunderts heranführt. Zum Beispiel an die Russische Revolution. Und auch an die Fehler, die man als AnarchistIn machen kann. Es ist ein durchaus interessantes und gewinnbringendes Stück Literatur. Was Michael übersetzt hat, er hat dafür übrigens vom Deutschen Übersetzerfonds eine Auszeichnung bekommen. Weil es nunmal von der Übersetzung aus dem Französischischen ins Deutsche auch ein hervorragendes Stück war. Diese Übersetzung gab es früher noch nicht.

Schwarze Katze: Was sind für anarchistische Fehler gemeint?

Blackbox: Das Buch stellt keine Glorifizierung das Anarchismus dar, sondern stellt auch fragwürdigen Aspekte und Fehler vor. Um nur eines zu nennen, was in dem Buch ein zentrales Thema darstellt, ist die lange unkritische Zeit der Anarchisten in Russland wie auch darüber hinaus, gegenüber der Russischen Revolution bzw. der bolschewistischen Politik. Man hat sich also viel zu lange der Hoffnung hingeben das es wirklich eine revolutionärer Prozess wäre, der entgegen der autoritären Politik der Bolschewiki zum Erfolg geführt werden könnte. So dass man viel zu lange mit den Bolschewiki zusammengearbeitet hat, obwohl deren Poltik fragwürdige und diktatorische Züge annahm, diese unterstützt oder sich mit Kritik zurückgehalten hat.

Schwarze Katze: Erzähl uns noch etwas über die Bücher, die ihr herausgegeben habt.

Blackbox: Bei denjenigen, die bei Edition AV erschienen sind, hat Michael Halfbrodt zum Beispiel den Gedichtband "Von diesem Brot esse ich nicht" von Benjamin Péret übersetzt. Das ist ein Gedichtband, der sehr heftige Schmähgedichte auf die Bourgeoisie und auf den Klerus in Frankreich enthält. Von Michael erschienen ist da auch "Drinnen und Draußen", ein Poem über die Frage, ob es Sinn macht, die politischen Begebenheiten zu ändern, indem man sich in die Instutionen wählen lässt, wie es die Grünen gemacht haben. Von uns gemeinsam ist der Band "Die Wirklichkeit zerreißen wie einen misslungen Schnapschuss" erschienen, ein Sampler von Anarcho-Poetry aus den 90er Jahren. Ich hab dann noch im Verlag AV die "Straßenreiniger von Teheran" herausgebracht, das ist ein Gedichtband über Reisetexte aus dem Iran, aus einer Zeit als der Irak-Krieg unmittelbar vor der Haustür stand und der Iran auf der sogenannten "Achse des Bösen" angesiedelt war. Ich wollte einfach Texte über die Bevölkerung "wie du und ich" schreiben von der anderen Seite der Propaganda - sowohl aus amerikanischer wie auch von iranischer Regierungsseite - und eben aufzeigen, das eine Bevölkerung nicht auf ihre Regierung reduzierbar ist. Und zuletzt ist dann "Zahnweiß. Kaufhaus Poetry" erschienen. Ein Gedichtband, der sich mit Konsum und Induvidualität auf poetische Weise auseinandersetzt.

Schwarze Katze: Da wäre es doch nett einen kleinen Auszug aus Zahnweiß zu hören.

Blackbox: Bei der Recherche zu diesem Prosa- bzw. Lyrik-Band bin ich durch Kaufhäuser gegangen und habe mal versucht herauszufinden, wie das Verhältniss von Konsum, Individualität und Kapitalismus sich verhält. Das Ergebniss dieser Recherche ist schon klar - das Konsum und Kapitalimus auf Kosten der Individualität gehen. Schnack und Gesterkamp, das heißt "Hauptsache Arbeit" und ich zitiere daraus:

"Die Konsumgesellschaft, die zur Erlebnisgesellschaft geworden ist, verabreicht ihren vernügungshungrigen Mitgliedern immer stärkere Dosen. Mitten im Überfluss entsteht so aufs neue das Gefühl von Knappheit. Die meisten Menschen reagieren darauf mit Hilfe der Ideologie, die sie im Laufe deer letzten 150 Jahre tief verinnerlicht haben: Arbeit, Arbeit, Arbeit."

Und solche Herschaftsverhältnisse auf sprachlicher Ebene anzugehen ist für mich der Sinn von Anarcho Poetry. Ich lese aus Kaufkraft, ein Text in Zahnweiß:

"All diese vorhersagbaren tickenden Städte mit ihren ampelgetackteten Idee, gelichteten Straßengeheimnissen und aufgemotzten Lebensläufen bei abgenutztem Reifenprofilm tickende Einkaufspassagen, von der aufpolierten Karosserie der Altstädte mit Tuningsatz aus Kaufhausfassaden und Sparkassen bis zum nördlichen tiefergelegten Superdiscount. Check in, ein Kolbenhub vom Bankautomaten zum Maxistore, Scheck out. Non stop eingeschwenkt zwischen Geldkarte und Sonderangebot, tickende Blicke, startende Motoren.

Kaufen. Kaufen. Von Berlin, Frankfurt bis New York gehorter Dumpingpreis, steigen die Tachometer schaufensterweise auf Lohnkilling von Casablanca bis Taiwan, bis zum Anschlag durchgetreten das Gaspedal, immer Stoff geben im digitalen Bilderablauf, gestochen scharf die Bilder, Drehzahlmesser, die Armaturen westlicher Metropolen aus Mengenrabatt und Lifestyle-Idyll, Sonderaustattung oder Kunstenstoff-Classic, Sichtweisen wie Serienmodelle, gezeugt aus der Paarung von Neonlicht und verkaufsoffenem Samstag. Die Abende, vormals eine Perfomance des Sommers, sind wie aus Automagazinen geschnitten.

Kurzum: die Städte finden in Kaufhäusern statt, wo die Freiheit als Plastikbeutel zu haben ist und sich die Aufreißwaren ansammeln im Kopf, in einem Hohlraum für kleinlaute Erwartungen. Der allwöchentliche Starterkit eiliger Erfahrungen. Ja Drehzahlen. Drehzahlen! Die Tachometer zeugen von Hoffnung auf Sehnsucht auf Kaufsucht. Kaufen ist zahlen. Zahlen ist Showtime. Die Werbung verwandelt sich im Kopf zur Begriffsleere, zur Inhaltslosigkeit bei Ereignisfülle und wiederkehrende Slogans, die große Sprachkippung.

Vielleicht also der Blick. Hier und dort ein Exemplar unverhoffter Begegnung und tatsächlich: Verlangsamung, innehalten, stillstehen, bisweilen ein diskreter Tausch von Zärtlichkeiten unter der Hand, & plötzlich scheint es, als zöge die Welt die Jacke aus, risse ihr T-Shirt herunter & stünde da mit einem leib aus wolkenfreien Himmel und ihrer alternden Haut aus Licht wie die trotzweise Leibhaftige. Kein Werbetrick, keine Verkehrsmeldung, sondern der Zufall des Augenblicks, das nackte JETZT in aller Öffentlichkeit. Ein heikler Fall, kleiner Planungsfehler im durschstartenden Kundenstrom. Doch der Alltag ist schon auf Posten, der den Umherstehenden sagt: Hier gibt es nichts zu kaufen, bitte weitergehen."

Artikelaktionen

Navigation
Anmelden


Passwort vergessen?
« Juni 2017 »
Juni
MoDiMiDoFrSaSo
1234
567891011
12131415161718
19202122232425
2627282930