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Filippinische Textilarbeiterinnen in Rumänien

“Wir sollen arbeiten wie Pferde!” Philippinische Textilarbeiterinnen in Sibiu, Rumänien
Wie viele andere Firmen in der Textilbranche und im Baugewerbe Rumäniens hat auch die Firma Mondostar in Sibiu seit einigen Jahren mit anhaltendem Arbeitskräftemangel zu kämpfen. Unter den einheimischen Arbeiterinnen und Arbeitern ist kaum noch jemand bereit, in der Textilindustrie zu den niedrigen Löhnen zu arbeiten. Um dem Schwund der Arbeitskräfte entgegenzuwirken, beschäftigt Mondostar seit drei Monaten fünfundneunzig Frauen von den Philippinen.
In der Hoffnung auf einen guten Job in Europa haben die Philippinas in ihrem Heimatland Kredite aufgenommen, um die hohen Gebühren der Arbeitsagentur in Manila zu zahlen, die ihnen die Arbeit bei Mondostar vermittelt hat. Der mit der Vermittlungsagentur geschlossene Vertrag sichert den Frauen einen Grundlohn von 400 US-Dollar sowie 100 Prozent Überstundenzuschläge zu. Doch diesen Lohn haben die Frauen nie bekommen.
Der folgende Bericht entstand nach Gesprächen mit einigen der philippinischen Arbeiterinnen.

Der Arbeitskräftemangel spitzt sich zu

Noch vor drei Jahren nähten etwa 1 500 einheimische Arbeiterinnen und Arbeiter in dem rumänischen Betrieb Herren-Anzüge für den Export nach Deutschland und in die Schweiz. Aktuell sind bei Mondostar nur noch knapp 400 einheimische Arbeiterinnen beschäftigt. In der Mehrheit sind es ältere Frauen, die mit ihrem Lohn zum Familieneinkommen beitragen. Sonst ist kaum jemand bereit, für einen Lohn von etwa 250 US-Dollar1 monatlich in der Fabrik zu schuften. Die jungen Leute gehen ins Ausland arbeiten oder wandern in andere Bereiche ab. Zahlreiche ehemalige Beschäftigte von Mondostar sind zum Autozulieferer Takata, Produzent von Airbags, gegangen. Die neu eröffnete Fabrik auf der grünen Wiese im Westen der Stadt bietet höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen.2 Nach Angaben einer Gewerkschaftsvertreterin von Mondostar, hat die Textilfirma in letzter Zeit versucht, mehr Arbeitskräfte vom Land zu rekrutieren. Doch der Versuch scheiterte. Leute vom Land, die Subsistenzwirtschaft betreiben, sind kaum an den Fabrikjob gebunden. Ihre unmotivierte Arbeitshaltung, ein hoher Krankenstand, Absentismus und die anhaltende Fluktuation unter den Neueingestellten würden der Firma zu schaffen machen.

Die Auftragsbücher von Mondostar sind immer noch voll, die Maschinen einsatzbereit – doch die Leute fehlen. Auf der Suche nach produktiven Arbeitskräften und einem Ausweg aus der Krise schloss die Firmenleitung schließlich einen Vertrag mit einer privaten Agentur in Manila, die ihnen qualifizierte Textilarbeiterinnen vermittelte.

Namibia, Taiwan, Brunei ... Rumänien

Ende Mai 2008 kamen die philippinischen Frauen nach Sibiu. Voraussetzung für ihre Einstellung war der Nachweis von Arbeitserfahrung als Näherin. Für die Vermittlung und den Flug nach Osteuropa mussten sie an die Agentur in Manila jeweils 120 000 Philippinische Pesos (etwa 2 500 US-Dollar) zahlen. Um dieses Geld aufzubringen, haben die Frauen einen Bankkredit oder Hypotheken auf Wohneigentum von Verwandten aufgenommen. In ihrem Arbeitsvertrag, den sie auf den Philippinen unterschrieben, wurde ihnen ein Grundlohn von 400 US-Dollar zugesichert und 100 Prozent Zuschläge für Überstunden. Viele der Frauen, die im Alter zwischen 26 und 52 Jahren sind, haben bereits im Ausland als Näherinnen in Textilfabriken gearbeitet, zum Beispiel in Namibia, Taiwan und Brunei. Die Frauen erzählen, dass es in der Branche üblich ist, Überstunden zu leisten und diese mit den entsprechenden Zuschlägen bezahlt zu bekommen. Nach ihrer eigenen Rechnung müssten sie mit ihrer Arbeit bei Mondostar nach Abzügen für Essen und Unterkunft und unter Einbezug der Überstunden auf etwa 600 bis 700 US-Dollar kommen.

Doch schon nach kurzer Zeit wurde den philippinischen Arbeiterinnen klar, dass die rumänische Firma sich nicht an die Vereinbarungen halten will und stattdessen versucht, das Maximum an Leistung aus ihnen herauszupressen und die Kosten so niedrig wie möglich zu halten.

Nachdem die Frauen in Sibiu angekommen waren, mussten sie einen zweiten Vertrag unterschreiben, der in Rumänisch verfasst war und offenbar die Lohnabzüge und andere Details regelte. In den ersten zwei Monaten haben die Frauen täglich von 6.30 bis 18.00 Uhr, einschließlich Samstag, gearbeitet. Auf dem Lohnzettel am Monatsende war ein Lohn von 570 RON (etwa 235 US-Dollar) ausgewiesen. Auch für den zweiten Monat erhielten sie nur diesen Betrag. Von den 400 US-Dollar vereinbartem Grundgehalt wurden ihnen monatlich 165 US-Dollar für Essen und Unterkunft abgezogen. Für die geleisteten Überstunden – bei einer 60-Stunden-Woche wären das weitere 400 US-Dollar! – bekamen sie überhaupt keinen Lohn.

In ihrer Unterkunft, einem Wohnheim direkt auf dem Fabrikgelände, leben die Frauen zu acht in einem Zimmer. Frühstück und Mittagessen wird ihnen gestellt, für das Abendessen müssen sie selber sorgen. Das Essen aus der Kantine ist miserabel. “Manchmal ist es so schlecht, dass wir mittags gar nichts essen.” Im Betrieb arbeiten die philippinischen Frauen in der Regel getrennt von den einheimischen Arbeiterinnen. Ihre Vorarbeiterinnen sind Rumäninnen. “Sie treiben uns ständig an, schneller zu arbeiten. Wir sollen arbeiten wie Pferde!”

Überstundenboykott

Die Frauen sind enttäuscht von der Behandlung durch die Firmenleitung und sauer, dass sie so wenig Geld verdienen. Sie können nicht mal die Kredite in der Heimat bedienen geschweige denn ihre Familien unterstützen. Sie beschlossen, sich zu wehren und verweigerten im dritten Monat die Überstunden. Der Firmenleitung stellten sie ein Ultimatum bis Mitte August: Bis dahin sollte sie den vollen Lohn und 100 Prozent Zuschläge für Überstunden zahlen. Anfang August legten sie eine offizielle Beschwerde bei der philippinischen Botschaft in Bukarest ein. Daraufhin hat die Botschaft ein weiteres Anwerben von Näherinnen für Mondostar gestoppt. Ein Rückschlag für die Firmenleitung, die weitere 180 philippinische Arbeiterinnen einstellen wollte.
Auch das Inspectorat Teritorial de Munca (ITM) – eine staatliche Institution in Rumänien, die die Einhaltung arbeitsrechtlicher Bestimmungen überwacht – wurde eingeschaltet. Die Ergebnisse der Überprüfung und deren weitere Maßnahmen sind den Arbeiterinnen noch nicht bekannt.

Die Philippinas stecken in einer Zwangssituation. Ihr Aufenthaltsrecht in Rumänien ist an den 1-jährigen Arbeitsvertrag mit der Firma Mondostar gekoppelt. Steigen sie vorzeitig aus dem Vertrag aus, fehlt ihnen das Geld für einen Rückflug und in Manila erwartet sie ein Berg von Schulden. Das Geld von der Agentur wegen falscher Versprechungen einzuklagen, würde sehr lange dauern. Wenn sie unter den gegebenen Bedingungen in Sibiu weiter arbeiten, bleibt ihnen nichts von dem Lohn übrig. Unterm Strich verdienen sie weniger, als wenn sie in Manila geblieben wären.

Die Firmenleitung demonstriert derweil, wie sie mit aufmüpfigen Arbeiterinnen umgehen will. Als Reaktion auf den Protest der Philippinas wurde den vier Sprecherinnen, die die Arbeiterinnen aus ihren Reihen bestimmt hatten, und zwei weiteren Frauen gekündigt. Damit verloren die Frauen ihr Aufenthaltsrecht in Rumänien und mussten nach Manila zurückfliegen. Die philippinische Botschaft in Bukarest organisierte diese “Abschiebung”. Im Betrieb haben die verbleibenden Arbeiterinnen bereits vier neue Sprecherinnen bestimmt.

Die Firmenleitung will nun nach Leistung entlohnen. Die Quoten sind aber absurd hoch. Etwa fünfzig Arbeiterinnen sollen in einer 8-Stunden-Schicht 500 Anzughosen nähen. Sie schaffen gerade 280 bis 300 Stück, auch nachdem ihnen sieben rumänische Arbeiterinnen zugeteilt wurden. In anderen Fabriken, in denen die Frauen vorher gearbeitet haben, lag die entsprechende Quote bei 250 Stück.

Den Frauen gefällt es in Sibiu und sie würden gerne in der Stadt bleiben. Die Leute sind freundlich ihnen gegenüber. “Allein die Situation bei Mondostar ist unerträglich für uns.” Sie haben oft erlebt, dass Einheimische die Nase rümpfen, wenn sie erfahren, dass die Philippinas bei Mondostar arbeiten. Die Firma ist in der Region unbeliebt und bekannt für ihre schlechten Löhne.

Experimentierphase

Noch sind es nicht viele Unternehmen in Rumänien, die ausländische Arbeitskräfte beschäftigen. Und die wenigen Versuche sind oft von Konflikten und Widerstandsaktionen der migrantischen Arbeiterinnen und Arbeiter begleitet. (Siehe auch den Beitrag “Ein offener Brief – indische Arbeiter in Marsa bei Sibiu”).

Die Beschäftigung ausländischer Arbeitskräfte ist für Unternehmen in Rumänien mit zusätzlichem bürokratischen Aufwand und höheren Kosten verbunden. Im Gegenzug versprechen sie sich motivierte Arbeitskräfte, die jederzeit verfügbar und leichter kontrollierbar sind. Da das Aufenthaltsrecht an den Arbeitsvertrag gekoppelt ist, haben die Arbeitgeber ein wichtiges Druckmittel in der Hand, mit dem sie versuchen, Überstunden abzupressen, ohne diese zu entlohnen und zu mehr Leistung anzutreiben. Hinzu kommt, dass die tatsächlichen Ausgaben für Essen und Unterkunft so niedrig wie möglich gehalten werden, den Arbeiterinnen und Arbeitern aber ein beträchtlicher Teil des Lohnes dafür abgezogen wird.

Doch den “fleißigen und genügsamen” Arbeitskräften aus Asien kann man nicht einfach eine Nummer geben, sie unter Kontrolle halten und wie Pferde zum Arbeiten antreiben. Auch sie werden sich nicht alles gefallen lassen. Die Einschüchterung durch die Arbeitgeber gelingt nur bedingt. Viele der philippinischen Frauen bei Mondostar haben langjährige Arbeitserfahrungen im Ausland, sie können die Bedingungen vergleichen, wissen sich zu organisieren und versuchen nun ihre Interessen durchzusetzen.

Ana Cosel, 27. August 2008

Kontakt: ana.cosel[at]web.de


Ein offener Brief
Die indischen Arbeiter in Marsa bei Sibiu

Vor einem halben Jahr gab es einen ähnlichen Konflikt wie derzeit bei Mondostar in einem metallverarbeitenden Industriebetrieb in Marsa, einer Ortschaft bei Sibiu. 43 Arbeiter aus Indien arbeiteten dort seit Mai vergangenen Jahres für einen Brutto-Lohn von 568 US-Dollar. Der Chef von Grande Mecanica Marsa hatte den indischen Arbeitern Nummern gegeben, da er ihre Namen nicht aussprechen konnte und wollte. Er nannte die Männer einfach Sorin 1, Sorin 2, ... Sorin 24.
Anfang Januar 2008 wurde 30 indischen Arbeitern der Vertrag gekündigt, laut Zeitungsberichten angeblich weil sie seit dem 20. Dezember 2007 nicht mehr zur Arbeit erschienen waren. An anderer Stelle wird aber erwähnt, dass die Firma zu diesem Zeitpunkt Betriebsferien hatte. Die Arbeiter hatten sich beschwert, dass sie Überstunden arbeiten mussten, für die sie keinen Lohn erhielten. “Wir haben einen Vertrag, in dem steht, dass wir für 10 Stunden am Tag, sechs Tage die Woche, eingestellt worden sind. Die Firma hat den Vertrag nicht eingehalten und lässt uns 115 bis 130 Stunden pro Woche arbeiten.”3
Bereits im Oktober 2007 hatten sich die indischen Arbeiter in einem offenen Brief an die Presse gewandt und erklärt, dass die Firmenleitung sie wie Sklaven behandeln würde:
“Jeden Tag werden wir psychisch gefoltert, eine Reaktion auf unsere Beschwerde bei der indischen Botschaft. Die Firmenleitung scheint sich rächen zu wollen. Wenn wir zum Beispiel vor Arbeitsbeginn unsere Sicherheitskleidung anziehen wollen, kommt einer der Aufpasser, treibt uns an und sagt, es sei jetzt zu spät, die noch anzuziehen. Ständig kommt die Firmenleitung an unseren Arbeitsplatz und sagt: 'Schneller, schneller! Und denkt daran, dass eine Überwachungskamera euch ständig filmt.'”4


Fußnoten:

1) Der gesetzlich festgelegte Mindestlohn in Rumänien liegt derzeit bei 150 Euro bzw. 220 US-Dollar im Monat. In der Textilindustrie liegen die Löhne meist nur kanpp über dem Mindestlohn (220 – 280 US-Dollar).

2) Unternehmen in der Autozuliefererindustrie zahlen in der Regel etwas höhere Löhne, um angesichts der Arbeitskräfteknappheit die qualifizierten ArbeiterInnen anzulocken.

3) Infos aus: Realitatea.net vom 23.01.2008, Sibiu Standard vom 15.01.2008, Ziarul de Sibiul vom 8.10.2007 und Ziarul de Sibiu vom 25.05.2007

4) Aus dem offenen Brief der indischen Arbeiter in Marsa veröffentlicht in einen Zeitungsartikel am 8.10.2007 unter www.ziaruldesibiu.ro
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