Sie sind hier: Startseite / Nachrichten / FGM - Die Verstümmelung der Töchter

FGM - Die Verstümmelung der Töchter

Gestern, am 06.02.2007, war der 4. Welttag gegen weibliche Genitalverstümmelung. Alle zehn Sekunden wird irgendwo auf der Welt ein Mädchen oder eine Frau dem grausamen Ritual der Klitorisbeschneidung unterworfen. Immer häufiger auch in europäischen Staaten, die einen hohen Anteil an Einwanderern aus Ländern aufweisen, in denen dieses Ritual praktiziert wird. Weltweit leiden 160 Millionen Mädchen und Frauen unter den Folgen grausamer Genitalverstümmelung, jährlich kommen nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation drei Millionen Mädchen hinzu.


Die Tatsachen


Weltweit leiden 160 Millionen Mädchen und Frauen unter den Folgen grausamer Genitalverstümmelung, jährlich kommen nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation drei Millionen Mädchen hinzu.


© ZDF / © Valentin Thurn  Typ I (Klitoridektomie oder modifizierte Sunna)  Typ II (Exzision) Typ III: (Infibulation/ pharaonische Beschneidung)
  Immer mehr Frauen entscheiden sich zu einer operativen Rekonstruktion der Klitoris
Fadumo Korn wurde als Achtjährige beschnitten und infibuliert. Heute kämpft sie gegen die Beschneidung.





























Häufigste Form der Entfernen eines Teiles oder der ganzen äußeren Klitoris.
Bei der sogenannten „milde Sunna“ wird nur das Klitoris-Häubchen eingeritzt oder entfernt. Einzig diese seltene Form ist der Beschneidung der männlichen Vorhaut vergleichbar.


























Teilweise oder vollständige Amputation der Klitoris einschließlich der häufig vollständigen Entfernung der inneren Schamlippen.



























Entfernung der Klitoris, der inneren und äußeren Schamlippen. Die beiden Seiten der Vagina werden anschließend zumeist mit Dornen so zusammengenäht, dass sich bei der Heilung eine Brücke aus Narbengewebe über der Vagina bildet. Durch das Einlegen eines Holzstückchens oder Strohhalms wird gewährleistet, dass eine winzige Öffnung für den Austritt von Urin und Menstruationsblut bestehen bleibt.
Dr. Pierre Foldes erläutert die überraschend einfache Operationstechnik






























Die einen nennen es Beschneidung, die anderen zu Recht Verstümmelung. Fadumo Korn aus München kann davon berichten, dass die Beschneidung von Frauen und Mädchen meistens etwas anderes ist als die der Männer, bei denen die Vorhaut am Penis entfernt wird. In ihrem Heimatland Somalia werden heute noch 98 % der Frauen nicht nur auf grausame Weise ihrer äußeren Genitalien beraubt, sondern auch bis auf eine winzige Öffnung zugenäht: "Der erste Schnitt sind Explosionen im Kopf , es gibt kein Wort für diesen Schmerz. Ich war so geschockt, dass die Welt aufgehört hat sich zu drehen. Ich kann hören wie sie die Rasierklinge in zwei Teile geteilt hat ich kann hören wie sie das Stöckchen vorbereitet hat. Die Stacheln die man zum Nähen braucht... "

Zur Verdeutlichung der Schwere des Eingriffs hat die WHO den Begriff FGM geprägt ("female genital mutilation", weibliche Genitalverstümmelung). Die FGM ist in 28 afrikanischen Ländern, im Jemen, im Irak, Indonesien und Malaysia verbreitet. Religiöse, ästhetische oder medizinische Mythen dienen häufig als Rechtfertigung – tief verankerte Traditionen und starke Tabus machen einen Ausstieg schwer. Eltern und Verwandten ist es häufig kaum möglich, ihre Mädchen vor der Verstümmelung zu bewahren, ohne sozial ausgegrenzt zu werden. Unbeschnittene Frauen gelten als unrein und abstoßend,  riskieren unverheiratet zu bleiben.

Die Praktiken sind von Land zu Land verschieden, unterschieden werden drei Haupttypen (siehe Kasten). 80 % aller genitalverstümmelten Frauen erleiden eine der ersten beiden Formen der Verstümmelung, die mit der Amputation der Klitoris und der teilweisen oder vollständigen Entfernung der Schamlippen einhergeht. In einigen Ländern (z.B. Eritrea, Dschibuti und Somalia) werden jedoch alle Mädchen der extremsten und gefährlichsten Form der FGM unterzogen - der sogenannten pharaonischen Beschneidung, die mit der vollständigen Entfernung aller äußeren Genitalien einhergeht. Neben diesen Hauptformen existieren zudem verschiedenste Formen von schmerzhaften Eingriffen, die die weiblichen Genitalien betreffen, wie das Einritzen, Durchbohren, Einschneiden, Ausbrennen, Dehnen von Klitoris, Schamlippen oder der Vagina.  
 
Die Beschneidung ist häufig Teil eines Initiationsrituals und wird als Fest zelebriert. Die meisten Mädchen werden zwischen ihrem vierten und zwölften Lebensjahr beschnitten – viele Mütter lassen ihre Töchter schon im Säuglingsalter beschneiden, da sie glauben, dass diese sich so später an nichts erinnern. Nicht alle überleben den schweren Eingriff, der in den meisten Fällen ohne Betäubung und mit unsterilen Werkzeugen wie Rasierklingen, Glasscherben oder Fingernägeln durchgeführt wird. Jedes zehnte Mädchen stirbt an dem hohen Blutverlust oder einer Folgeinfektion.
 
© Annette Weber
Nach der Beschneidung soll ein strammes Bandagieren der Beine von der Hüfte bis zu den Knöcheln die langwierige Wundheilung beschleunigen. Eine weitere Tortur, denn dadurch stauen sich Urin und Blut im Unterleib, Infektionen können die Folge sein. Manche Wunden entzünden sich immer wieder. Zu den häufig chronischen Schmerzen beim Laufen kommen vor allem bei der Infibulation große Probleme beim Wasserlassen und der Menstruation. Madina berichtet über ihre Erfahrungen: "Das Wasserlassen dauert eine Stunde, zwei Stunden. Und wenn ein Mädchen ihre Menstruation bekommt, muss sie versuchen, mit einem Stöckchen den Weg in die Scheide frei zu machen. Sie hocken sich hin, pressen, werfen sich auf den Boden…"
 
Vor dem ersten Geschlechtsverkehr ist bei infibulierten Frauen eine Öffnung der Vagina notwendig. Gelingt dem (Ehe)mann die Penetration nicht, muss gewaltsam  "defibuliert" werden – häufig mit weiteren fatalen Folgen. Zur Entbindung ist eine zusätzliche Erweiterung der Vaginalöffnung notwendig, um einen normalen Geburtsverlauf zu ermöglichen. Djenaba Kamara wurde in Paris geboren. Ihre Eltern ließen sie während eines Heimaturlaubes in Mali beschneiden, ihre Erinnerung daran ist traumatisch. Auch die mit hohem Blutverlust verbundenen Geburten ihrer beiden Kinder waren für sie ein einziger Alptraum. Die 34-jährige hat das Gefühl, dass das Leben als Frau an ihr vorbei gegangen ist : "Ich verstehe nicht, wie man Freude empfinden kann an einer Stelle, an der ich so gelitten habe." Nach einer Geburt beginnt die Tortur von Neuem: Denn Frauen, deren Vagina für die Entbindung geöffnet wurde, werden bis auf eine winzige Öffnung erneut verschlossen (reinfibuliert). Nach mehreren Wiederholungen kann es sein, dass kein Gewebe mehr für eine erneute Reinfibulation vorhanden ist. 80 % der Müttersterblichkeit in Folge einer Geburt sei auf die Exzision zurückzuführen, heißt es bei Terre des Femmes.

Dr. Foldes erläutert seine Operationstechnik
Ein kleiner ärztlicher Eingriff kann die schlimmsten Folgen rückgängig machen und chronische Schmerzen verhindern. Sogar eine Wiederherstellung der Klitoris ist heute möglich. Mit einer überraschend einfachen Technik betrat der französische Urologe und Chirurg Pierre Foldès, der in Afrika für die Hilfsorganisation "Ärzte der Welt" im Einsatz war, einsames Terrain : "In den Chirurgie-Büchern findet man nichts zur Klitoris, während es hunderte von OP-Techniken für den Penis gibt. Die Klitoris ist mit elf Zentimetern Länge fast genauso groß wie der Penis, nur dass sie versteckt im Inneren des weiblichen Körpers liegt. Deshalb wird bei einer Genitalverstümmelung nur die äußerste Spitze der Klitoris verletzt und wir müssen nur die Bänder abtrennen und die Klitoris etwas herausziehen. Es gelingt eigentlich in jedem Fall, die Klitoris in ihrer vollen Länge wieder herzustellen." Immer mehr Frauen entscheiden sich zur Operation, Dr. Foldes hat bereits fast 2000 Frauen operiert. Die Kosten eines solchen Eingriffs zahlt mittlerweile, auch in Deutschland, die Krankenkasse. Selbst bezahlen müssen die Frauen eine Rekonstruktion der Schamlippen, da dies nur als kosmetischer Eingriff gilt.

Ganz unumstritten sind derartige Rekonstruktionen allerdings auch bei Gegnerinnen der Genitalverstümmelung nicht, denn das lebenslange Trauma, das der Akt der Beschneidung bei vielen Frauen auslöst, vermag auch eine wiederhergestellte Klitoris nicht  auszulöschen. Psychiatrische Störungen, Angstzustände, Depressionen, falsche Vorstellungen in Bezug  auf die Sexualität, fehlendes Lustempfinden sind häufige Folgen, die nicht direkt von der Schwere, sondern auch von den Umständen der Verstümmelung abhängen. Wie die Deutsch-Somalierin Fadumo Korn befürchtet auch Gynäkologin Dr. Sabine Müller bei Klitoris-Operationen eine erneute Traumatisierung der Frauen. Sie plädiert für einfache Lösungen, in erster Linie das Öffnen der Scheide, und einen äußerst sensiblen Umgang mit dem Thema, das auch bei betroffenen Frauen in Europa häufig noch mit einem hohen Tabu belegt ist.



Mitten in Europa


Dort, wo Beschneidung Tradition ist kommt man mit Argumenten nur schwer dagegen an. Sogar und gerade im Exil wird die Tradition weitergeführt. Deshalb sind auch junge afrikanische Mädchen in Europa vor der Beschneidung nicht sicher. Aufklärung oder strenge Überwachung durch den Staat : Nicht alle Länder gehen den selben Weg.


Infolge von Zuwanderung aus Gebieten, in denen weibliche Beschneidung praktiziert wird, tritt Genitalverstümmelung vermehrt auch in europäischen Ländern auf. Familien lassen Beschneiderinnen einfliegen oder schicken ihre Tochter zur Verstümmelung in Heimaturlaub. In allen EU-Staaten fällt FGM unter den Tatbestand der Körperverletzung, einige wenige europäische Staaten stellen sie explizit unter Strafe  (Belgien, Dänemark, Großbritannien, Italien, Norwegen, Österreich, Schweden und Spanien) Bei einer Verurteilung drohen Geld – und zum Teil auch Gefängnisstrafen.
 
Großbritannien
Layla Mohamed, 21 Jahre alt, wurde in Liverpool geboren. Weil Genital-Verstümmelung von Frauen in England verboten ist, ließen ihre Eltern sie im Alter von sechs Jahren während eines Sommerurlaubs in Afrika beschneiden. Jetzt könnte sie ihre eigenen Eltern anzeigen, denn ein spezielles Gesetz gegen die Genital-Verstümmelung, das 2004 sogar noch verschärft wurde, verbietet heute die Beschneidung jeder britischen Einwohnerin auch außerhalb der Landesgrenzen, aber so weit gehen nur die wenigsten. In Großbritannien ist das Hilfsnetzwerk gut ausgebaut, es gibt sogar Kliniken, die auf afrikanische Patientinnen spezialisiert sind, aber polizeiliche Ermittlungen bleiben am Ende meist folgenlos. Die britische Toleranz gegenüber anderen Kulturen ist groß und im Kampf gegen Beschneidungen nicht sehr hilfreich Die größte Hilfsorganisation Forward weiß nicht einmal, ob die Zahl heimlicher Beschneidungen in England wesentlich abgenommen hat. Forward-Direktor Adwoa Kluvitse muss immer wieder fest stellen, wie wenig das Gesetz überhaupt bekannt ist : "Aller Wahrscheinlichkeit nach weiß man in den afrikanischen Gemeinschaften, die nicht so gut integriert sind, überhaupt nichts über das Verbot. Wir wissen, dass viele Mädchen trotz des Verbots nach Afrika geschickt und dort beschnitten werden."
 
 
Frankreich
Frankreich ist Vorreiter in Europa: ein enges Netz der Überwachung wie hierzulande gibt es sonst nirgendwo. Obwohl hier Beschneidungen bereits seit 1979 verboten sind, beobachteten  Hilfsorganisationen in den letzten Jahren unter den Einwanderern einen besorgniserregenden Anstieg vor allem der Infibulationen, der schwersten Art der weiblichen Beschneidung. Isabelle Gilette-Faye, Direktorin der Hilfsorganisation GAMS, erklärt sich diese Tatsache mit einem erstarkten afrikanischen Selbstbewusstsein, "aber auch mit dem Aufstieg des Islamismus, denn viele Leute glauben, dass die Beschneidung eine fromme Tat ist. "
Seit 2006 machen sich auch in Frankreich alle Personen strafbar, die ihre Töchter beschneiden lassen, egal ob in Frankreich oder im Ausland. Im Gegensatz zu Großbritannien wird das Gesetz konsequent angewendet : Bei insgesamt 35 Prozessen wurden bisher über 100 Eltern angeklagt, mehere Väter bekamen bis zu einem Jahr Gefängnis. 1999 wurde in einem spektakulären Prozess eine 60-jährige Beschneiderin aus Mali zu 8 Jahren Haft verurteilt. Hawa Gréou verstümmelte Hunderte, wenn nicht Tausende von Babys. Sie versteht sich nach wie vor als "gute Beschneiderin", sie habe sich den Bitten der Familien nicht verweigern können. In den langen Jahren im Gefängnis hat sie ihren Beruf aber auch hinterfragt, gemeinsam mit der damaligen Anklägerin Linda Weil-Curiel möchte sie jetzt ein Buch herausbringen.
Eine strenges Überwachungssystem stellt in Frankreich zudem sicher, dass Beschneidungen nicht heimlich weiter durchgeführt werden. Um die betroffenen Frauen zu erreichen, werden städtische Gesundheits-Profis von Mitarbeitern der GAMS trainiert – einer privaten Hilfsorganisation, in der auch Afrikanerinnen mitarbeiten. Ärzte, Krankenschwestern und Hebammen unterliegen einer Meldepflicht, wenn sie eine Genitalverstümmelung feststellen. Nach einem Heimaturlaub kann im Zweifelsfall eine Untersuchung des Kindes angeordnet werden, im schlimmsten Fall kann der  Familie das Recht zur Ausreise entzogen werden. Oft sind es auch die Eltern selbst, die um Hilfe bitten, weil sie sich dem Druck der Familie in der Heimat nicht verwehren können. Mitarbeiter können in solchen Fällen zum Beispiel Zertifikate ausstellen, die auf das Risiko einer Gefängnisstrafe für die Mutter hinweisen Beschneidung ist heute in Frankreich zwar nicht ganz ausgemerzt, aber doch stark zurückgegangen.
 
Deutschland
In Deutschland gelten nur die allgemeinen Gesetze gegen Körperverletzung, wenn Eltern ihre Tochter im Ausland beschneiden lassen, können sie bisher juristisch nicht belangt werden. Die Hilfsorganisation Terre des Femmes schätzt die Zahl der betroffenen Frauen in Deutschland auf rund 20 000 und fordert, dass die Beschneidung als eigener Straftatbestand eingeführt wird. In einem einzigen Fall wurde bisher den afrikanischen Eltern die Ausreise mit ihrer Tochter verboten, um deren Beschneidung zu verhindern.
Wichtiger als Strafverfolgung, glauben die Frauen der Berliner Initiative "Mama Afrika", ist Aufklärung und  Überzeugungsarbeit. Denn nach wie vor stoßen Mitarbeiter bei bei Vorträgen in Schulen auf viel Unwissen.
Einen großen Erfolg haben die Frauenorganisationen in allen drei Ländern erkämpft : In Frankreich ebenso wie in Deutschland und England gilt eine drohende Beschneidung als Asylgrund.



Mauer des Schweigens


Unbeschnittene Frauen sind unrein und hässlich, heißt es, ihr Giftstachel tötet die männlichen Nachkommen, so ein verbreiteter Mythos. Sie sind wilder, gehen nicht als Jungfrau in die Ehe und werden später untreu. In vielen afrikanischen Ländern tritt das Mädchen erst durch das Ritual der Beschneidung in den schützenden Schoß der Gemeinschaft ein, ein Reden über "die Sache" verhindern wirkungsvolle Tabus. Mit Logik und Mitleid ist solchen Argumenten nur schwer zu begegnen..


Älteste Hinweise auf weibliche Genitalverstümmelung führen um 1900 vor Christus ins Alte Ägypten. Überlieferungen zufolge sollen die Menschen geglaubt haben, dass Mann und Frau doppelgeschlechtliche Wesen seien, solange nicht der zum anderen Geschlecht gehörende Teil entfernt werde – die Vorhaut des Mannes galt als Rest von Schamlippen, die Klitoris als Relikt eines Penis. Der am weitesten gehende Eingriff in den weiblichen Genitalbereich hat sich begrifflich als "pharaonische Beschneidung" erhalten. Im alten Testament wird den Juden in der Tora befohlen, die männlichen Nachkommen kurz nach der Geburt zu beschneiden, die Beschneidung der Mädchen wird aber verboten. Im römischen Imperium war die an Sklavenmädchen praktizierte Beschneidung ein Zeichen für Versklavung und Unterwerfung, die zugenähte "Jungfrau" erzielte deutlich höhere Marktpreise. Aber auch in der jüngeren Zeit Europas und den USA, vom Ende des 19. bis Mitte des 20. Jahrhunderts, war das Entfernen der Klitoris und der inneren Schamlippen in großem Stil üblich – unter anderem als Abhilfe gegen Masturbation, Hysterie oder weibliche Homosexualität.
 
© TARGET - Rüdiger Neherg
Heute wird weibliche Genitalbeschneidung vor allem in 28 islamisch geprägten afrikanischen Ländern praktiziert, obwohl der Koran sie nicht als religiöse Pflicht festschreibt. In der Regel wird die Praxis unter Berufung auf verschiedene dem Propheten Mohammed zugesprochene "Hadithe" legitimiert. Einzig die unter anderem in Somalia geltende schafiitische Rechtsschule stuft sie als verpflichtend ein. Diese Tatsache brachte Rüdiger Nehberg auf die Idee, über die Religion etwas bewegen zu können. Mit seiner Menschenrechtsorganisation TARGET e.V. gelang es ihm, die geistlichen Führer Mauretaniens und die des Afar-Volkes in Djibuti davon zu  überzeugen, die weibliche Genitalverstümmelung als unvereinbar mit dem Islam zu erklären. Im November 2006 lud "Target" hohe Rechtsgelehrte und Religionsführer aus 20 islamischen Ländern in die Azhar-Universität nach Kairo ein. Unter der Schirmherrschaft des ägyptischen Großmufti Ali Goma'a wurde eine "Fatwa" verabschiedet, in dem die weibliche Genitalverstümmelung als "strafbare Aggression" gegenüber den Frauen zu sehen und die Gesetzgeber islamischer Länder zu entsprechenden Gesetzen aufgefordert werden.  
 
Ob und wann sich diese Fatwas wirklich und auch in ländlichen Gebieten durchsetzen, ist jedoch zweifelhaft, denn die traditionellen Strukturen sind hartnäckig. In vielen Ländern hängt die Praxis der Beschneidung primär nicht mit der Religionsausübung zusammen. Neben schlechten ökonomischen Bedingungen ermöglichen tief verwurzelte gesellschaftliche Vorraussetzungen wie Geschlechterrollen, Denk- und Sozialstrukturen die Beibehaltung dieser Tradition, für die sich nicht selten sogar die Frauen selbst einsetzen. Sie verstehen sich in erster Linie als beschnittene Frauen, die Durchführung der Beschneidung ist für sie ein Bekenntnis zur Tradition und zu ihrer kulturellen Identität. Ihrem Kind das schmerzhafte Ritual zu ersparen, bedeutet in vielen Kulturen, es um seine Zukunft zu betrügen. Denn eine nicht beschnittene Frau wird dort schnell zur Außenseiterin abgestempelt. Es geht nicht nur darum, Jungfräulichkeit bis zur Ehe zu bewahren, auch ästhetische Überzeugungen spielen eine Rolle. Eine beschnittene Frau gilt als schöner, "sauberer". Afrikanische Gegnerinnen müssen sich nicht selten dem Vorwurf stellen, verwestlicht zu sein, werden als Verräter gebrandmarkt.
 
© Annette Weber
Dort, wo es um derart tiefverwurzelte Traditionen geht, müssen westliche Hilfsangebote sensibel vorgehen – denn sie können leicht ins Gegenteil umschlagen, wenn gutgemeintes Engagement als postkoloniales Einmischen interpretiert wird und Fundamentalisten  Beschneidung wieder zu einer urislamischen Tradition stilisieren. Bereits der von der WHO zu Recht geprägte Begriff der "Genitalverstümmelung" wird von vielen betroffenen Frauen als abwertend und verletzend empfunden. Sie erleben den ‘westlichen Blick’ nicht nur als Hilfe, sondern auch als aggressiven exotischen Voyeurismus, wehren sich gegen den Vorwurf der Barbarei und hartnäckige Klischees.
 
Auch wenn es für Europäerinnen unmöglich ist, Verständnis für diese grausame Folter aufzubringen - wenn Hilfe erfolgreich sein soll, muss der Dialog auf Augenhöhe erfolgen. Die meisten afrikanischen GegnerInnen und zahlreiche europäische Menschenrechtsorganisationen plädieren daher für lokale Ansätze, die auf der genauen Kenntnis soziokultureller Rahmenbedingungen basieren und dadurch langfristig wirksam sein können. Bereits seit 1940 haben im Sudan und in Ägypten Frauen aus dem Gesundheitswesen die Tradition der Infibulation als unnötig und gesundheitsgefährdend angeprangert, viele afrikanische Regierungen erließen daraufhin Anti-Beschneidungsgesetze. Dort, wo die Genitalverstümmelung Teil eines Initiationsrituals war, konnten vereinzelt erfolgreich Ersatzrituale eingeführt werden. Einige Ethnologen fordern, abgeschwächte Exzisionen in Krankenhäusern anzubieten oder den Beschneiderinnen weniger grausame Formen zu zeigen und ihnen steriles Material zur Verfügung zu stellen - Ansinnen, die etwa die WHO strikt zurückweist.
 
Auch wenn es mittlerweile zahlreiche Gesetze und großangelegte Medienkampagnen gegen die weibliche Verstümmelung gibt - auf sehr lange Sicht bleibt das wichtigste Instrument im Kampf gegen "die Sache" die Aufklärungsarbeit. Nach wie vor sind  Unwissenheit und unreflektierte Übernahme der wichtigste Grund für die Hartnäckigkeit dieser gefährlichen Tradition. Ihre Einbindung in Initiationsrituale und Geheimbünde und das starke und vielerorts ungebrochene Tabu verhindert sogar unter Frauen einen offenen Austausch. Die Mauer des Schweigens brechen – darauf setzt daher auch die Frauenrechtsorganisation "Terre des femmes". Sie bildet in verschiedenen afrikanischen Ländern Fraun und ehemalige Beschneiderinnen zu Gesundheitsberaterinnen aus, die über die gesundheitlichen Folgen informieren und in kleinsten Dorfverbänden stetigere Fortschritte erzielen als unbeachtete Gesetze.

Artikelaktionen

abgelegt unter:
Navigation
Anmelden


Passwort vergessen?
« Dezember 2018 »
Dezember
MoDiMiDoFrSaSo
12
3456789
10111213141516
17181920212223
24252627282930
31