Sie sind hier: Startseite / Nachrichten / Erich Mühsam zum Gedenken - In der Nacht vom 9. auf den 10. Juli 1934 wurde Erich Mühsam von den Faschisten erschlagen

Erich Mühsam zum Gedenken - In der Nacht vom 9. auf den 10. Juli 1934 wurde Erich Mühsam von den Faschisten erschlagen

Eine kleine Presseschau

Quelle: http://www.shz.de/schleswig-holstein/artikeldetail/article/111/der-anarchist-aus-luebeck.html

Der Anarchist aus Lübeck

10. Juli 2009 | Von Yvonne Jennerjahn

Als Kämpfer für die Unterdrückten beschreiben die Zeitgenossen von Erich Mühsam den Schriftsteller.

Ein Kämpfer gegen den Faschismus: der Lübecker Erich Mühsam.

Als "Selbstmord" wurde sein Tod im nationalsozialistischen Deutschland ausgegeben und von den Nazis gefeiert: Doch ermordet wurde der Schriftsteller Erich Mühsam in der Nacht zum 10. Juli 1934 im KZ Oranienburg von der SS. Der gewaltsame Tod des Anarchisten, der für die Lebensprinzipien Verantwortung, Verständigung und Herrschaftslosigkeit einstand, erregte vor 75 Jahren international großes Aufsehen und lenkte ebenso früh wie folgenlos den Blick auf den Terror der Nazis.

Furchtbar zugerichtet, zu Tode geprügelt und dann aufgehängt, so beschreibt ein Mithäftling in seinen Erinnerungen den Leichnam des 56-jährigen Dichters. Der Schutzverband Deutscher Schriftsteller rief im französischen Exil zu einer Gedenkfeier auf. Anna Seghers, Egon Erwin Kisch und Augustin Souchy waren unter den Rednern, Proteste deutscher und ausländischer Schriftsteller wurden verlesen. Der Künstler George Grosz setzte Mühsam mit Aquarellen ein Denkmal, die er unter dem Eindruck der Todesnachricht geschaffen hat.

Erich Mühsam, prominentestes Todesopfer des Konzentrationslagers Oranienburg, gehörte nicht zufällig zu den ersten Opfern des Hitler-Regimes. Als Gegner des Ersten Weltkriegs und Mitbegründer der Münchner Räterepublik von der extremen Rechten als "Novemberverbrecher" gebrandmarkt, war er seit langem als entschiedener Gegner des Nationalsozialismus bekannt und rief bis zuletzt zum Kampf gegen den Faschismus auf. "Er verkörpert in allem dessen Gegenteil", schreibt Kurt Kreiler dazu in einer Kurzbiografie.

Als Kämpfer für die "Unterdrückten, Leidenden, Enterbten" wird er von seinen Mitstreitern beschrieben, als "der typische fortschrittliche jüdische Intellektuelle", als "Repräsentant des modernen Kulturmenschen", als "Feind allen Philistertums" mit Humor von schneidender Schärfe und als Anwalt der Menschlichkeit. "Sich fügen heißt lügen", lautet eine seiner bekanntesten Gedichtzeilen. "Anarchie ist die Gesellschaft brüderlicher Menschen, deren Wirtschaftsbund Sozialismus heißt", hat er seine Ideen einmal kurz zusammengefasst. Und: "Anarchie bedeutet Herrschaftslosigkeit."

Der Auseinandersetzung mit Autoritäten hatte sich Erich Mühsam bereits als Schüler verschrieben. Am 6. April 1878 wird er als Sohn eines jüdischen Apothekerehepaares in Berlin geboren, noch vor Ende des ersten Lebensjahres zieht die Familie nach Lübeck. Dort wird er 1896 nach Veröffentlichung einer Glosse über den Schuldirektor "wegen sozialistischer Umtriebe" vom humanistischen Gymnasium Katharineum verwiesen. Im mecklenburgischen Parchim setzt er die Schule fort und beginnt wenig später eine Apothekerlehre.

Mit 22 Jahren geht er nach Berlin zurück und wird dort bald als Redakteur der Zeitschrift "Der arme Teufel" unter Polizeikontrolle gestellt. 1910 wird er in München wegen "Geheimbündelei" angeklagt. Im Ersten Weltkrieg steht Mühsam auf Seiten der Pazifisten und wird von der Polizei überwacht. Für seine Beteiligung an der Münchner Räterepublik wird er im Juli 1919 zu 15 Jahren Festungshaft verurteilt, von denen er ein Drittel abbüßen muss.

Als "Herrn der Heerscharen alias Herrn der Haarscheren" verspottet er Hitler noch nach der Machtübernahme 1933. In der Nacht des Reichstagsbrandes wird er Ende Februar verhaftet. Es folgen fast 17 Monate schwere Misshandlungen in verschiedenen Gefängnissen und Konzentrationslagern.

Die Folterer im KZ Oranienburg forderten Mühsam sogar mehrfach auf, sich selbst zu erhängen. Er hat sich geweigert. Daraufhin brachte ihn schließlich eine bayerische SS-Einheit um. "Dass ein Mann mit solch glänzenden Qualitäten dem Ungeist des sogenannten Dritten Reiches zum Opfer fallen musste, ist eine der großen Tragödien unserer Zeit", schreibt daraufhin sein Freund und politischer Weggefährte Rudolf Rocker.

Beigesetzt wird Mühsam auf dem Waldfriedhof in Berlin-Dahlem, seine Witwe schafft es ins Prager Exil. 1936 wird sie in die Sowjetunion eingeladen, dort aber verhaftet und muss mit Unterbrechungen fast 20 Jahre in Straf- und Internierungslagern zubringen. 1962 stirbt sie in der DDR in Berlin-Pankow. "Wollt ihr denen Gutes tun, die der Tod getroffen", hat Erich Mühsam in einem seiner Gedichte über das Ende des Lebens geschrieben, "Menschen, lasst die Toten ruhn und erfüllt ihr Hoffen!"


Quelle: http://www.hagalil.com/archiv/2009/07/09/muehsam/

Zum 75. Todestag von Erich Mühsam

Vor 75 Jahren, in der Nacht vom 9. auf den 10. Juli 1934, wurde Erich Mühsam im KZ Oranienburg ermordet. Der Schriftsteller und Anarchist, Sohn jüdischer Eltern und Anführer der Münchner Räterepublik war bereits kurz nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten verhaftet worden. Aus Anlass seines Todestages geben wir neben einigen seiner Gedichte seine Selbstbiographie wider…

muehsamSelbstbiographie

I: Auszug aus einem Manuskript vom Jahr 1919:

Nicht die äußeren Daten eines Lebenslaufs geben das Bild eines Schicksals, sondern die inneren Wandlungen eines Menschen bezeichnen seine Bedeutung für die Mitwelt. Nur im Zusammenhang mit dem Weltgeschehen haben die Begebenheiten im Leben des einzelnen Interesse für die Gesamtheit. Wessen Privatleben niemals die Zentren des Gesellschaftslebens berührt, dessen Biographie kann für Seelenforscher höchst wichtig sein, die Allgemeinheit geht sie nichts an.

Wäre meine Lyrik als Ausdruck meiner Gesamtpersönlichkeit alles, was ich den Volksgenossen zu bieten hätte, dann hätte ich der Aufforderung, eine Selbstbiographie zu schreiben, in der Weise entsprochen, daß ich den Literaturhistorikern Gelegenheit gegeben hätte, mich zu klassifizieren: Geboren 6. April 1878 in Berlin; Kindheit, Jugend, Gymnasialbesuch in Lübeck; unverständige Lehrer, niemand, der die Besonderheit des Kindes erkannt hätte, infolgedessen: Widerspenstigkeit, Faulheit, Beschäftigung mit fremden Dingen. Frühzeitige Dichtversuche, die weder in der Schule noch im Elternhause Förderung finden, im Gegenteil als Ablenkung von der Pflicht betrachtet werden und deshalb im geheimen geübt werden müssen. Dummejungenstreiche, zuletzt – als Untersekundaner – geheime Berichte über Schulinterna an die sozialdemokratische Zeitung; daher wegen »sozialistischer Umtriebe« Relegation. Ein Jahr Obersekunda in Parchim (Mecklenburg), dann Apothekerlehrling in Lübeck; 1900 Apothekergehilfe an verschiedenen Orten, zuletzt in Berlin. Als freier Schriftsteller Teilnahme an der Neuen Gemeinschaft der Brüder Hart; Bekanntschaft mit vielen öffentlich sichtbaren Persönlichkeiten. Freundschaft mit Gustav Landauer, Peter Hille, Paul Scheerbart und anderen. Bohemeleben; Reisen in der Schweiz, in Italien, Österreich, Frankreich; schließlich 1909 dauernder Wohnsitz in München; Kabarettätigkeit, Theaterkritik, schriftstellerische Tätigkeit, meist polemisch-essayistisch. Freundschaftlicher Verkehr mit Frank Wedekind und vielen andern Dichtern und Künstlern. Drei Gedichtbände, vier Theaterstücke; 1911–14 Herausgeber der literarisch-revolutionären Monatsschrift »Kain. Zeitschrift für Menschlichkeit«, die vom November 1918 bis April 1919 als reines Revolutionsorgan in neuer Folge erschien. Seitdem in den Händen der konterrevolutionären bayerischen Staatsgewalt.

Mit diesen Mitteilungen wäre meine Biographie erschöpft, wenn ich mein Leben allein in meinen literarischen Leistungen charakterisiert sähe. Aber ich betrachte meine schriftstellerische Arbeit, vor allem meine dichterischen Erzeugnisse, nur als das Archiv meiner seelischen Erlebnisse, als Teilausdruck meines Temperaments. Das Temperament eines Menschen ist die Summe der Stimmungen, die Hirn und Herz von den Ausströmungen der Umwelt empfangen. Das meinige ist revolutionär. Mein Werdegang und meine Lebenstätigkeit wurden bestimmt von dem Widerstand, den ich von Kindheit an den Einflüssen entgegensetzte, die sich mir in Erziehung und Entwicklung im privaten und gesellschaftlichen Leben aufzudrängen suchten. Die Abwehr dieser Einflüsse war von jeher der Inhalt meiner Arbeit und meiner Bestrebungen.

Im Staat erkannte ich früh das Instrument zur Konservierung all der Kräfte, aus denen die Unbilligkeit der gesellschaftlichen Einrichtungen erwachsen ist. Die Bekämpfung des Staates in seinen wesentlichen Erscheinungsformen, [167] Kapitalismus, Imperialismus, Militarismus, Klassenherrschaft, Zweckjustiz und Unterdrückung in jeder Gestalt, war und ist der Impuls meines öffentlichen Wirkens. Ich war Anarchist, ehe ich wußte, was Anarchismus ist; ich war Sozialist und Kommunist, als ich anfing, die Ursprünge der Ungerechtigkeit im sozialen Betriebe zu begreifen. Die Klärung meiner Ansichten verdanke ich meinem Freunde Gustav Landauer; er war mein Lehrer, bis ihn die weißen Garden ermordeten, die eine sozialdemokratische Regierung zur Niederzwingung der Revolution nach Bayern gerufen hatte.

Meine revolutionäre Tätigkeit hat mich oft mit den Staatsgewalten in Konflikt gebracht. So stand ich 1910 vor Gericht wegen des Versuches, das sogenannte Lumpenproletariat zu sozialistischem Bewußtsein heranzuziehen … Während des Krieges stand ich in den Reihen der Opposition gegen die Lenker der deutschen Schicksale … Wegen der Weigerung, eine Arbeit im vaterländischen Hilfsdienst anzunehmen, wurde ich Anfang 1918 nach Traunstein in Zwangsaufenthalt geschickt, wo ich bis zur Auflösung der »Großen Zeit« in Niederlage und Zerfall blieb.

Selbstverständlich fand mich die Revolution von der ersten Stunde aktiv auf dem Posten … Mitglied des Revolutionären Arbeiterrats … Kampf gegen die Konzessionspolitik Kurt Eisners … Teilnahme an der Ausrufung der bayerischen Räterepublik … Standgericht: fünfzehn Jahre Festung …

II: Nachtrag vom Dezember 1920
(Festung Niederschönenfeld)

Diese Sätze schrieb ich vor einem Jahre in der Festungsanstalt Ansbach. Inzwischen hat sich in mir nichts, außer mir viel geändert …

Als Ertrag des letzten Jahres sind meinem Lebenslauf nur ein paar Daten hinzuzufügen. Vom März bis zum Mai mußte ich zwei Monate im Ansbacher Landgerichtsgefängnis zubringen, weil ich einen bayerischen Minister beleidigt hatte. Ich benutzte die Abwechslung, um zwei Bücher zu schreiben: Eine Streitschrift »Die Einigung des revolutionären Proletariats« und das Bühnenwerk »Judas. Ein Arbeiterdrama«. Im ersten habe ich mich um den Nachweis bemüht, daß … sämtlichen Parteiprogrammen die Parole zur kommunistischen Föderation aller wahrhaft revolutionären Korporationen und Individuen gegenüberzustellen sei. Das Drama unternimmt es, »Proletkult« unter dem Gesichtspunkt zu schaffen, der die Schaubühne als revolutionär-agitatorische Anstalt betrachtet wissen will. Der Proletarier soll im Theater keine Symbolik enträtseln und keine Kunstsprache in seine Prosa übersetzen. Der Arbeiterdichter hat weder die Aufgabe, das Proletariat zu sich hinaufzuziehen, noch sich zu ihm herabzulassen. Er ist kein Dichter des Proletariats, sofern er sich nicht selbst als Angehöriger des Proletariats von Natur wegen erkennt. Der Hirnarbeiter ist nichts Besseres als der Handarbeiter. Wer sich selbst den Charakter eines »Intellektuellen« gibt, versucht, sich über das Proletariat zu erhöhen. Ist mir mit »Judas« ein Zeitstück gelungen, das Wissen und Gefühl des Proletariats in seiner Sprache und in seinem Gedankenkreis bewegt und von proletarischen Herzen erfaßt wird, so ist das Stück gut, auch wenn alle literarische Kritik es verdammen sollte. Mit gesprochenen Opern, mit Mosaikszenerie, mit expressionistischem Gelall dient das Theater allenfalls dem Modernitätsbedürfnis der Bourgeoisie, aber nicht dem Drang des Proletariats, aus Kunst erhöhtes Erleben zu ziehen. Dieser Drang wird befriedigt durch Verständlichkeit im Wort, durch Abwandlung revolutionärer Probleme in bewegter lebendiger Handlung, durch Antönen an Saiten, die in der Arbeiterseele revolutionär schwingen.

Im Sommer 1920 erschien mein Gedichtbuch »Brennende Erde. Verse eines Kämpfers«. Auch diese Gedichte sollen Zeugnis des Geistes sein, der die Kunst nicht aus dem Leben herausheben, sondern dem Leben und seinem besten Teil, der Revolution, dienstbar machen will. Der Zweck heiligt die Kunst! Zweck meiner Kunst ist der gleiche, dem mein Leben gilt: Kampf! Revolution! Gleichheit! Freiheit!

III: Dezember 1927

In die Zeit, seit ich im Kerker Rechenschaft ablegte über mein Schaffen und Wollen, fällt das Kaspar-Hauser-Erlebnis meiner Rückkehr unter die Menschen, Weihnachten 1924. Ich bemühe mich, in der von der Zäsur des Weltkriegs tief aufgewühlten Welt durch Rede, Schrift und Beispiel auf die revolutionären Ziele hinzuwirken, die aus den vor sieben und acht Jahren geschriebenen Notizen zu erkennen sind. Die Dichtkunst ist nichts als eine meiner Waffen im Kampf.

Erschienen sind seit der Veröffentlichung der »Brennenden Erde« unter dem Titel »Alarm, Manifeste aus zwanzig Jahren« eine kleine Sammlung politischer Gedichte, Aufsätze und Aufrufe; unter dem Titel »Revolution« die »Kampf-, Marsch- und Spottlieder«, ferner als Appell gegen die vergiftete Kampf weise der Klassenjustiz die Schrift »Gerechtigkeit für Max Holz!« Seit 1926 gebe ich die anarchistische Monatsschrift »Fanal« heraus. Dort sind die grundsätzlichen Bekenntnisse zu suchen, die meine Stellung zu den öffentlichen Problemen der Gegenwart klarlegen.

Die private Gelegenheit des fünfzigsten Geburtstags gibt Anlaß, das Lebenswerk, soweit es ausgesprochen literarischen Charakter angenommen hat, im Überblick vorzulegen.

Aus: Erich Mühsam: Ausgewählte Werke, Bd.1: Gedichte. Prosa. Stücke, Berlin 1978.
Foto: Erich Mühsam 1928, Deutsches Bundesarchiv


http://www.taz.de/regional/nord/nord-aktuell/artikel/1/der-ernsthafte-bohemien/

Vor 75 Jahren ermordet

Der ernsthafte Bohemien

Erich Mühsam war Dichter und Zeitschriftenherausgeber, Anarchist und ein engagierter Gegner der Nationalsozialisten. Die ermordeten den in Lübeck Aufgewachsenen. VON MICHAEL QUASTHOFF

Steckte jede noch so große Enttäuschung weg: Erich Mühsam um 1922.    Foto: Erich-Mühsam-Gesellschaft

Erich Mühsam verkörpert den Idealtypus jener Künstlergeneration, die Anfang des 20. Jahrhunderts aufbrach, um gegen den Autoritätskult, die Bigotterie und Verlogenheit der wilhelminischen Gesellschaft zu rebellieren. Die Parole hatte der schwedische Dichter August Strindberg ausgegeben: "Verwildern / und eine neue Welt erschaffen." Mühsam hat in dieser Hinsicht wenig ausgelassen und es damit vom Kaffeehausliteraten zur moralischen Instanz der Weimarer Republik gebracht. In der Nacht vom 9. zum 10. Juli 1934 - heute vor 75 Jahren - wurde er im KZ Oranienburg ermordet.

Stets umwittert von einer filouhaften Unbehaustheit fand Mühsam seine geistige Heimat in der Boheme. Assoziationen an das pittoreske Kreativenbiotop der gleichnamigen Puccini-Oper sind allerdings Fehl am Platz: Nüchtern definierte Mühsam selbst das Milieu als "gesellschaftliche Absonderung künstlerischer Naturen, denen die Bindung an Konventionen und die Einfügung in allgemeine Normen der Moral und öffentlichen Ordnung nicht entspricht".

Für ihn war der Boheme-Begriff mithin eine ernste Sache, befeuert und gedüngt von einem Gefühlsanarchismus, der ein bis heute einmaliges Kabinettstück darstellt: die Anarchisten Bakunin, Kropotkin und Landauer, verschmolzen mit dem Radikalindividualismus Stirners - und einer guten Portion Outlaw-Romantik.

Erste Hilfe beim Versuch, sich dem kleinbürgerlichen Patronat des jüdischen Apothekerhaushaltes zu entziehen, leisten Kleist, Goethe und Jean Paul, die der junge Mühsam heimlich aus dem Bücherschrank klaubt. Mit elf beginnt er Tierfabeln und Gedichte zu schreiben, mit 16 ist er Profi und poliert die Couplets eines lokalen Varieté-Komikers (Wochenlohn: drei Mark).

Seine nächste Veröffentlichung macht mehr Furore: Als der Gymnasiast Berichte über schulinterne Vorgänge im sozialdemokratischen Lübecker Volksboten lanciert, relegiert man ihn "wegen sozialistischer Umtriebe" von der Schule. Nach dem Abitur, das er im mecklenburgischen Parchim ablegt, geht Mühsam nach Berlin, das gerade seine "imperial-byzanthinische Spätblüte" (Walter Delabar) erlebt. Ein typisches Produkt dieser Zeit ist die Künstlerkolonie "Neue Gemeinschaft": Man liest Nietzsche und Stirner, schwebt durch den Tag und hasst die spießige SPD. Die Kluft zwischen Künstler und Proletariat soll überwunden werden durch "Lebensgemeinschaften, die eine allbeglückende Kultur in sozialer, ethischer und ästhetischer Beziehung ermöglichen". Hier erfährt Mühsam, so beglückt wie benebelt von der "gonghaft schallenden Prosa" seine künstlerische Sozialisation.

Aber die Wirkung hält nicht lange an. Als ihm aufgeht, dass die Kommunarden abends vom "kosmischen ,Welt-Ich' faseln", während der Zirkel "der Auserwählten" tagsüber in einen florierenden Pensionsbetrieb verwandelt wird, packt er die Koffer. Denn, so schreibt er: "Weihe in Permanenz schafft Narren, Zeloten und Spekulanten." Was er mitnimmt, ist das Programm einer naturalistischen, sozial engagierten Literatur und den Kontakt zu Autoren wie Max Reinhardt, Bruno Wille, Else Lasker-Schüler, Paul Scheerbart, Peter Hille und dem Pazifisten und anarchistischen Theoretiker Gustav Landauer, mit dem ihn eine tiefe Freundschaft verbindet.

Landauers programmatische Schrift "Durch Absonderung zur Gemeinschaft" die den Siedlungsgedanken der Neuen Gemeinschaft aufnimmt, liest Mühsam "fünf-, sechsmal hintereinander" und ist "überwältigt und mit Klarheit erfüllt". So gerüstet reist er 1904 erstmals an den Lago Maggiore, wo eine lebensreformerische Kolonie den Monte Verità besetzt hält. Mühsam "spielt den Naturmensch", stelzt "barfüßig herum" und lebt nur von Salat, weil er glaubt, hier "sei der geeignete Ort, um eine kommunistische Siedlungsgenossenschaft in großem Maßstab zu versuchen", schreibt er in der Broschüre "Ascona".

Dann aber hat er ein Déjà-vu: Damen, die die geistigen Höhenflüge "im Kochtopf und Waschfass" ersäuften, "ethische Wegelagerer mit ihren spiritistischen, theosophischen, okkultistischen und potenziert vegetarischen Sparren" und pure Geschäftemacherei - diesmal ein Sanatorium für bessere Kreise. "Zuletzt wurde der Vegetarismus zu einer menschheitsbefreienden Idee aufgepustet, und als die Beteiligten aus dieser recht irrelevanten Weltanschauung heraus ihre sozialen Träume nicht verwirklichen konnten, versuchte man es mit der ganz unmöglichen Verquickung eines ethischen Prinzips mit einem kapitalistischen Spekulationsunternehmen. Wie in solchen Fällen immer, mußte die Ethik den kürzeren ziehen."

Wem das bekannt vorkommt, der darf die prophetischen Gaben Mühsams rühmen und sich wundern über den "grenzenlosen Enthusiasmus", der ihn jede noch so große Enttäuschung wegstecken lässt. Nach dem Schweizer Reinfall schreibt er den "Gesang der Vegetarier" - Refrain: "Wir hassen das Fleisch, ja, wir hassen das Fleisch / und die Milch und Eier und lieben keusch" -, dann bestellt er ein Kotelett und geht zurück nach München, um den mythischen Rebellen Kain zu reanimieren. Er gründet die Zeitschrift gleichen Namens und versucht mit der Aura des alttestamentarischen Outlaws das Lumpenproletariat zu missionieren. Es wird genauso ein Desaster wie sein Engagement in der Räterepublik, als er vergeblich versucht, die selbstzerstörerischen Lagerkämpfe der Revolutionäre zu beenden. Auch die projektierte Karriere als ernsthafter Lyriker bleibt auf halbem Wege stecken. Es nietzscht und trakelt eher epigonal, wenn dem "Pilger", gern auch dem "einsamen Wanderer", das "Grauen aus blutigen Seen" entgegensteigt oder "ein alter kalter Leichnam (…) an einem Telegrafenmast / Nach seinen Schlenkerbeinen fasst". Seine Agitationsgedichte hat Mühsam selbst " gereimte Leitartikel" genannt.

Aber er kann auch anders. Zum Beispiel schöne Knittelverse ("Mit einem starken Schweden ringen / Ist nicht so leicht wie Reden schwingen"), maliziöse Abhandlungen ("Zur Naturgeschichte des Wählers") und funkelnde Couplets, ein "alkoholisches Trinklied gewidmet den Sozialdemokraten". Oder erstklassige Balladen wie den "Kleinen Roman": "Sie lernte Stenographin. / Er war Engros-Kommis. / Im Speisewagen traf ihn / ein Blick. Er liebte sie. / Auf einer Haltestelle / brach man die Reise ab, / wo selbst er im Hotelle / sie als sein Weib ausgab. / Nicht viel, das man sich fragte. / Doch küßten sie genug. / Und als der Morgen tagte, / ging schon der nächste Zug. / Nach einer kurzen Stunde fand ihre Fahrt den Schluß. Er nahm von ihrem Munde noch einen heißen Kuß. / Er sah sie schnupftuchwinkend / noch stehn zum letztenmal, / und in sein Auge blinkend/ sich eine Träne stahl. / Er soll sie heut noch lieben. / Sie war so drall und jung. / Ihr ist ein Kind geblieben / und die Erinnerung."

Einlagen dieser Art machen ihn in Etablissements wie dem Münchner "Simplizissimus" neben Ringelnatz, Wedekind und Ludwig Scharf zum Brettl-Star. Ausdruck der kollegialen Wertschätzung ist der Spott: "Was ist der Unterschied zwischen Mühsam und Scharf?" - "Scharf dichtet mühsam und Mühsam dichtet scharf". Dem ist nichts hinzuzufügen.


http://www.syndikalismusforschung.info/helerich.htm

Helge Döhring:

Syndikalist aus Überzeugung

Erich Mühsams Entscheidung erfolgte nach gründlicher Abwägung zugunsten der FAUD

Fragt man heute historisch versierte Gelehrte, wie LehrerInnen, ProfessorInnen oder Archivare nach den Begriffen Syndikalismus oder auch Anarcho-Syndikalismus, erhält man für gewöhnlich ein Achselzucken als Ausdruck der Unkenntnis. In Geschichtsbüchern werden als Organisationen der Arbeiterbewegung in Deutschland KPD, SPD und USPD genannt; bei etwas differenzierteren Darstellungen auch schon mal die KAPD oder die Allgemeine Arbeiter Union (AAU) – nur Organisationen, welche sich aus marxistischer Ideengebung herleiten lassen. Daneben existierte aber noch ein eigenständiger Strang an Bewegung innerhalb der Arbeiterschaft, der sich aus anderen Ideen, wie denen Gustav Landauers oder Peter Kropotkins, speiste: Der Syndikalismus. Das es sich hierbei um eine allgemein bekannte Ideenbewegung und, auch kurzfristige Massenbewegung handelte, geht nicht nur aus Mitgliederzahlen hervor (alles in allem Anfang der zwanziger Jahre über 150.000 Mitglieder in Deutschland), sondern ist auch anhand zahlreicher Zeugnisse bedeutender, wie unterschiedlicher Persönlichkeiten aus dieser Zeit zu belegen, wie beispielsweise von Max Weber, Anita Augspurg, Helene Stöcker, Theodor Plievier, Oskar Maria Graf, Albert Einstein oder gar Rudolf Steiner. Auch die gewerkschaftlichen Zentralverbände sahen die Syndikalisten als Konkurrenz an, berichteten in ihrer Presse über deren Entwicklung und befassten sich von Grund auf mit der Thematik. Bei der heutigen Vergessenheit nimmt es nicht weiter Wunder, dass Erich Mühsam allgemein als reiner Anarchist dargestellt wird, und zusätzlich mit „KPD- Nah“ oder „Er haßte die Gewalt“ (Jürgen Serke) versehen wird. Wenn also in der Geschichtsschreibung in West und Ost Erich Mühsam schon nicht ganz verschwiegen werden konnte (wie es beispielsweise dem unten angeführten Syndikalisten Rudolf Rocker erging), wurde er entweder sozialdemokratisch entwaffnet oder kommunistisch entanarchisiert.  Es liegt also an uns SyndikalistInnen, Geschichte selber zu schreiben, wozu dieser Artikel einen (einführenden) Beitrag leisten soll. Den besten Beitrag zu den Beziehungen von Erich Mühsam zur Freien Arbeiter Union Deutschlands (FAUD) fand ich bisher beim Rudolf Rocker (!) Biographen Peter Wienand, wenngleich dieser, wie ich aufzeigen werde, falsch liegt, wenn er behauptet, dass „Mühsam selbst der syndikalistischen Gewerkschaftsorganisation nicht beitrat“. (1) Verbindungen Mühsams zur syndikalistischen Bewegung zeigt auch Wolfgang Haug auf, wogegen die Mühsam- Biographie des Anarcho-Syndikalisten Augustin Souchy in dieser Hinsicht enttäuscht.

Linke Einheit?

Ein Hinweis darauf, dass Erich Mühsam während der Bayerischen Räterevolution auf von „Syndikalisten" besuchten Versammlungen der „Gruppe Tat“ sprach, findet sich bereits bei Oskar Maria Graf in seinen Erinnerungen. (2) Für wenige Monate trat er 1919 in einer Art Revolutionsenthusiasmus in die KPD ein, jedoch unter starker Kritik wieder aus. Während seines Gefängnisaufenthaltes pflegte er Briefkontakt mit dem späteren anarcho-syndikalistischen Theoretiker Arthur Müller-Lehning. (3)

Sein Bemühen um eine Einheit der Arbeiterbewegung sollte auch nach seinem Gefängnisaufenthalt noch einige Jahre fortdauern und zu Spannungen gleichermaßen mit Kommunisten wie Syndikalisten führen.

Im Anschluß an seine Haftzeit machte sich Mühsam sogleich ans Werk, in zahlreichen Versammlungen und Schriften zugunsten der etwa 7.000 politischen Gefangenen in den Knästen der („demokratischen“) Weimarer Republik zu sprechen. Wohl erkannte er die diktatorische Politik des bolschewistischen Rußlands und stand der KPD „genauso negativ gegenüber, wie früher der SPD“, (4) doch wollte er daran eine von ihm angestrebte Einigung der gesamten Arbeiterschaft in Deutschland nicht scheitern lassen und forderte eine „Rote Front von KPD, KAPD, AAUE, kommunistischen Anarchisten und FAUD. (5) Er sprach sowohl auf kommunistischen, als auch auf anarchistischen/ syndikalistischen Versammlungen. Schnell geriet er dabei in die Kritik der Syndikalisten der FAUD, da er die KPD- Vorfeldorganisation „Rote Hilfe“ unterstützte oder die Symbole Hammer und Sichel rechtfertigte. Seine Antwort zeigt den unbedingten Willen, über ideologische Fragen hinaus, in aller erster Linie organisationsübergreifend Gefangenenhilfe zu leisten: „Verhalte dich so, daß du nie eingesperrt wirst, dann brauchst du derartige Einrichtungen (Rote Hilfe) nicht zu wünschen.“ (6) Tolerant zeigte er sich auch gegenüber dem „Roten Frontkämpferbund“ und der Jugendorganisation der KPD. Mühsams naive Kooperation mit den Kommunisten aufgrund seiner Zerrissenheit zwischen unbedingter Gefangenenhilfe einerseits und der Ablehnung des kommunistischem Autoritarismus andererseits sah beispielsweise so aus: Er sprach in den letzten Jahren der Weimarer Republik auf vielen Veranstaltungen, u.a. der sich Ende der zwanziger Jahre verstärkt gründenden örtlichen gegen den aufkommenden Nationalsozialismus gerichteten „Linkskartelle“ – so auch in Stuttgart im Frühjahr 1927 vor mehr als tausend ZuhörerInnen zum Thema „Deutsche Justizreaktion“ und führte laut Polizeibericht aus: „(...) Die Bourgeoisie und Klassenrichter seien sich vollständig einig, wenn es gelte, das Proletariat zu unterdrücken (...) Die Justiz sei lediglich ein Mittel des Klassenkampfes gegen die Arbeiterklasse und nur dazu da, die Ausbeutungsmethoden der Kapitalisten zu schützen.“ Ganz im Sinne der Hauptveranstalter von der Internationalen Arbeiter Hilfe (IAH), sowie der maßgeblich Einfluß nehmenden KPD, die für das Auftreten Mühsams „intern eine lebhafte Propaganda gemacht“ hatte, sich nach außen jedoch zurückhielt, „damit die Versammlung nicht als eine kommunistische, sondern als eine von den ‚Linksparteien’ veranstaltete erscheine“ gab Mühsam Ratschläge zum Verhalten gegenüber Polizei und Justiz, wie z.B. generell keine Aussagen bei der Polizei zu machen. Die Frauen der Festgenommenen würden von der Polizei mittels verschiedener Verfahrensweisen stark unter Druck gesetzt, um Aussagen aus ihnen herauszubekommen. Mühsams Abneigung galt darüber hinaus der Sozialdemokratie, wofür er starken Beifall erntete. Die Rote Hilfe nutzte diese Veranstaltung für Mitgliederwerbung. Auf einer Generalversammlung der Mitveranstaltenden und dem „Linkskartell angehörenden „Deutschen Friedensgesellschaft“ wurde die Stuttgarter Veranstaltung als eine „rein kommunistische“ kritisiert, woraufhin eine teilnehmende Frau entgegnete, bei Mühsam handele es sich nicht um einen Kommunisten, sondern um einen Anarcho-Syndikalisten. (7)

Annäherung

Im Dezember 1924 machte Erich Mühsam für seine allmähliche Hinwendung zum Syndikalismus die wohl entscheidende Bekanntschaft mit Rudolf Rocker, dem ideologischen Kopf der Syndikalisten, mit welchem ihn in den Folgejahren (spätestens seit 1927) eine intensive Freundschaft verband. (8) Rocker dürfte generell als Integrationsfigur zwischen Mühsam und dessen Kritikern in der FAUD gewirkt haben. Beide einte die zunehmende Gegnerschaft zu den Führern der rein anarchistischen „Föderation kommunistischer Anarchisten Deutschlands“ (FKAD), aus welcher Erich Mühsam ausgeschlossen wurde. Verstärkt wurde die Abneigung durch einen im „Freien Arbeiter“ (Organ der FKAD) erschienenen antisemitischen Artikel. (9) Im Januar 1929 entschied sich auch Mühsam dazu, was die FAUD bereits vier Jahre vorher als Kongressbeschluß angenommen hatte, nämlich an den „parteikommunistischen Machwerken keinen Anteil zu nehmen“. (10) Er trat aus der Roten Hilfe aus mit den Worten: „Entscheidend für diesen Entschluß, der mir nicht leicht fällt, ist die in der ‚Roten Fahne’ mitgeteilte Tatsache, daß die Rote Hilfe eine eigene Werbeaktion für das Zentralorgan der Kommunistischen Partei vornehmen wolle (...) Auch die Parteinahme der Roten Hilfe Deutschlands gegen die linksrevolutionären Gefangenen und Verfolgten in Rußland hat mich nur dazu veranlaßt, meine Tätigkeit in der Organisation auf die Arbeit zu beschränken, die innerhalb der deutschen Angelegenheiten zur Abwehr der Klassenjustiz zu leisten ist. Immer hielt mich die Rücksicht auf die gefangenen Genossen zurück, mit einer Organisation zu brechen, die bei ihnen bis jetzt als überparteiliche Klassenorganisation galt (...) Mein weiteres Verbleiben in der R(oten) H(ilfe) müßte mich neuen Mißdeutungen meiner Gesinnung aussetzen, denen ich kein wirksames Argument mehr entgegenzusetzen hätte (...) Doch ist für mich als Mitglied kein Raum mehr in einer Organisation, in der ich genötigt werde, eine Parteipolitik zu fördern, die ich für falsch und der revolutionären Arbeiterbewegung  abträglich halte.“ (11) Dies waren sinngemäß die selben Worte, mit denen Mühsam die vorherigen Jahre noch aus den Reihen der FAUD heftig kritisiert worden war.

Wiederum dürfte es Rudolf Rocker gewesen sein, welcher für die Versöhnung dieser Kritiker mit dem Kritisierten maßgeblich verantwortlich gewesen ist.

Zusammenarbeit

Des weiteren organisierte Mühsam im Herbst 1928 zusammen mit Rudolf Rocker und Augustin Souchy  die Fluchthilfe für Francisco Ascaso und Buenaventura Durruti in Berlin. Sie kontaktierten über Erich Mühsam den Schriftsteller Alexander Granach, welcher sogleich Reisegelder spendete, damit die Spanischen Revolutionäre über Belgien nach Mexiko exilieren konnten. (12) Schon in den Jahren zuvor traten sowohl Aktive der FAUD als auch Erich Mühsam unermüdlich zugunsten der in den USA zum Tode verurteilten Anarcho-Syndikalisten Nicola Sacco und Bartolomeo Vanzetti ein. In seiner Solidartiätsaktivität verband sich Mühsam zunehmend mit anarcho-syndikalistischer Aktion. An solche Solidaritätsaktionen schlossen sich schwere Auseinandersetzungen der FAUD mit dem Österreichischen Anarchisten Rudolf Großmann (Pierre Ramus) an, in welchen Erich Mühsam, als mit viel Applaus bedachter Gastredner „außerhalb der Tagesordnung“ auf dem 18. FAUD- Kongress 1930 in Berlin, rigoros aufopfernd die FAUD unterstützte: „Ich stelle hier positiv die Behauptung auf: Rudolf Großmann in Klosterneuburg hat während des Krieges aus geschäftlichen Gründen die deutsch-österreichische Kriegführung unterstützt.“ (13) In dieser Angelegenheit und darüber hinaus unterhielt er u.a. rege Kontakte zu dem Göppinger Anarcho-Syndikalisten (und einem seiner Portraitfotographen) Karl Dingler. (14)  Ein beeindruckendes Dokument der Zusammenarbeit von Rocker und Mühsam als hervorragende Redner liefert Peter Wienand in seiner Rocker- Biographie. Als Vertreter für die Anarchistischen Vereinigung Berlin wurden beide im Jahre 1930 von dem Nationalsozialisten Otto Strasser zu einer öffentlichen Diskussion eingeladen: „Die Diskussion zwischen den beiden (Rocker und Strasser) vor überfülltem Saal kam trotzdem einer Sensation gleich, und mit dem Ergebnis der ersten Versammlung waren wohl beide Seiten nicht unzufrieden; denn wenn auch Rocker in einer ‚meisterhaften Rede’ den nationalistischen und rassistischen Standpunkt zerpflückte und Strasser auf die Argumente die Antwort schuldig bleiben musste, so wurde auch für die Nationalsozialisten der Zweck der Kontaktaufnahme voll erreicht. Wie es im ‚Fanal’ hieß, sei der ‚Versuch, einander durch sachliche Auseinandersetzung kennen und verstehen zu lernen ... als gelungen zu betrachten’. Die Taktik der ‚linken Rechten’ zeigt sich klar bei der zweiten Diskussionsrunde; denn einerseits wollte man die Anarchisten weiter halten, andererseits aber keine deutliche Niederlage im Argumentabtausch einstecken, so daß Strasser ein Streitgespräch in Wechselrede vorschlug, bei dem nicht Rocker, sondern ‚wegen der Abwechselung’ ein anderer Redner gegen ihn antreten sollte. Aber auch Erich Mühsam hielt sich tapfer , obwohl durch die Form der Auseinandersetzung der rote Faden den Zuhörern sehr oft verloren ging und daher von beiden Seiten jeweils noch ein zusammenfassendes Schlusswort durch Rocker von der anarchistischen, durch Eick von der nationalsozialistischen Seite gebracht wurde. Ob nun auf Grund der rednerischen Überlegenheit, oder – was wahrscheinlicher ist – der Einsicht, daß die Anarchisten sowohl von ihrer Zahl wie von ihrer Weltanschauung her als Bundesgenossen kaum benötigt werden konnten, jedenfalls wurden die Kontakte nicht mehr weitergepflegt.“ (15)

Ideologische Verbundenheit

Mit ihm und den anderen Anarcho-Syndikalisten verband ihn ab 1929 die gemeinsame Tätigkeit in der FAUD- Kulturorganisation „Gilde freiheitlicher Bücherfreunde“ (GfB), für welche er in vielerlei Veranstaltungen als Redner auftrat. Mühsam konnte sich der gesamten FAUD Presse bedienen, u.a. „Der Syndikalist“, „Die Internationale“ oder als fester Autor auch der GfB- Zeitschrift „Besinnung und Aufbruch“. Mühsams Schrift zum Kommunistischen Anarchismus „Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat“ erschien 1932 in mehreren Teilen im Theorieorgan „Die Internationale“, ein Anzeichen für die weitere Annäherung Mühsams an die FAUD, gerade auch in inhaltlich-programmatischer Hinsicht. Beiderseitig wurden Werbeanzeigen ausgetauscht und Anarcho-Syndikalisten kamen im „Fanal“ zu Wort.

Rocker und Mühsam vertrauten einander so sehr, dass Rocker im Herbst 1929 für ein paar Ausgaben der Mühsam- Zeitschrift „Fanal“ in dessen Abwesenheit die Redaktion vollständig übernahm, was Mühsam mit folgenden Worten an Rocker bekräftigte: „Es ist selbstverständlich, dass Du (Rocker) völlig nach eigenem Ermessen entscheiden sollst, ob Du meine (in Mühsams eigener Zeitung!) Beiträge noch irgendwie unterbringen willst oder nicht.“ (16) Die Positionen kamen einander so nahe, dass sogar über eine Zusammenlegung von „Fanal“ und „Die Internationale“ debattiert wurde. Gerne nahm die „Gilde freiheitlicher Bücherfreunde“ (FAUD) den Band „Sammlung 1898-1928“, sowie das Stück „Staatsräson“ in ihren Bestand auf. In der leidlichen „Gewaltfrage“ deckte sich Mühsams Ansicht mit der der FAUD, wenn er gegen KPD wie Friedensapostel gleichermaßen ausführte: „... die seit einer Reihe von Jahren  die anarchistische Bewegung bei der gesamten revolutionären Arbeiterschaft heillos kompromittierende Agitation der Gewaltlosigkeit zwingt den Revolutionär dazu, die Selbstverständlichkeit, daß eine Revolution nicht mit nur wirtschaftlichen Mitteln durchgeführt werden kann, sondern in Angriff und Abwehr seine Mittel den jeweiligen Kampfbedürfnissen anpassen muß, in den Vordergrund seiner Auseinandersetzungen zu stellen. Kropotkin, Bakunin, Most von Reinsdorf nicht zu reden, würden sich an den Kopf fassen, wenn sie es hätten erleben müssen, daß man sich unter Anarchisten über die Frage streitet, ob man in einer Revolution Gewalt üben darf.“ (17)

Beitritt zur FAUD

Im Jahre 1932 erklärte Mühsam, dass „ihn von der Einstellung der FAUD nichts mehr trenne“. Rudolf Rocker bestimmte er zum Verwalter seines literarischen Nachlasses. (18) Zu Beginn des Jahres 1933 trat Mühsam schließlich der FAUD bei. Als Delegierter der Arbeiterbörse Berlin- Brandenburg der FAUD nahm er am 19. Februar desselben Jahres an einem antifaschistischen Künstlerkongress in Berlin „im großen Festsaal bei Kroll“ mit 1.500 Teilnehmern (darunter auch Rudolf Rocker und Fritz Linow als Vertreter der FAUD- Geschäftskommission) teil. (19) Über einen Mitgefangenen Mühsams im Konzentrationslager Brandenburg erfahren wir etwas über die Gründe seines Beitrittes: „Es stimmt nicht, dass Mühsam niemals dem ‚syndikalistischen Verein von Rocker angehört’ hat. Wie er in Brandenburg selbst erzählte, trat er nach Hitlers Machtergreifung der Freien Arbeiterunion bei, weil er in ihr die repräsentativste Vertretung der Arbeiterschaft erblickte und nicht zu den Kommunisten gehen wollte.“ (20) Dieser Mitgefangene, Fritz Benner, führte Mühsam zitierend weiter aus: „(...) ‚Ich (Erich Mühsam) gehe zu den Arbeitern und kämpfe mit diesen gegen Hitler.’ Du willst zu den Bolschewisten’, war die Verdächtigung. ‚Nein, ich gehe niemals zu den Bolschewisten, ich gehe zu den Arbeitern!’ Erich ließ sich am selben Tag in die FAUD einschreiben.“ (21)

Fußnoten:

(1) Wienand, S. 352

(2) Vgl.: Graf, S. 65 f./ siehe auch: Heinz Hug, S. 26, zit. N.: Haug, S. 34

(3) Vgl.: Jungblut, S. 498 ff.

(4) Ebd. S. 553

(5) Ebd. S. 549

(6) Ebd. S. 541 f.

(7) Vgl.: StAB  4,65/ 1756

(8) Vgl.: Rocker, S. 352

(9) Vgl.: Wienand, S. 345

(10) Protokoll über die Verhandlungen vom 15. Kongress der Freien Arbeiter- Union Deutschlands (A.S.), 1925 in Dresden, S. 75

(11) Jungblut, S. 619 f.

(12) Vgl.: Rocker, S. 341 ff.

(13) Protokoll über die Verhandlungen des 18. Kongresses der Freien Arbeiter- Union Deutschlands   (A.S.), 1930 in Berlin, S. 40

(14) Vgl.: Jungblut, S. 662. Mühsam: „Er (Dingler) ist einer der zuverlässigsten und intelligentesten Arbeiter, die wir in der ganzen deutschen Bewegung haben...“

(15) Wienand, S. 357 f.

(16) Jungblut, S. 654

(17) Ebd., S. 548

(18) Bartsch, S. 118

(19) Vgl.: „Besinnung und Aufbruch“ (Febr. 1933), S. 1

(20) Bartsch, S. 119

(21) Klan/Nelles, S. 265

Literatur:

Protokoll über die Verhandlungen vom 15. Kongress der Freien Arbeiter- Union Deutschlands (A.S.), 1925 in Dresden

Protokoll über die Verhandlungen des 18. Kongresses der Freien Arbeiter- Union Deutschlands (A.S.), 1930 in Berlin

"Besinnung und Aufbruch“, diverse Ausgaben

„Fanal“, diverse Ausgaben

„Die Internationale“, diverse Ausgaben

„Der Syndikalist“, diverse Ausgaben

Bartsch, Günter: Anarchismus in Deutschland, Bd. 1, 1945-1965, Hannover 1972

Graf, Oskar Maria: Wir sind Gefangene, Frankfurt 1982

Haug, Wolfgang: Erich Mühsam. Schriftsteller der Revolution, Tübingen 1984

Jungblut, Gerd W. (Hrsg.): Erich Mühsam: In meiner Posaune muß ein Sandkorn sein. Briefe 1900 – 1934, Vaduz 1984

Klan, Ulrich/Nelles, Dieter: „Es lebt noch eine Flamme...“, Grafenau 1990

Rocker, Rudolf: Aus den Memoiren eines deutschen Anarchisten, Frankfurt 1974

Wienand, Peter: Der ‚geborene’ Rebell. Rudolf Rocker Leben und Werk, Berlin 1981

Aus: FAU-Bremen (Hrsg.): Syndikalismus – Geschichte und Perspektiven, Bremen 2006

Link: http://www.cafe-libertad.de/mat2/50334395ef0e0f99d/50334398f30f17245.html

Artikelaktionen

Navigation
Anmelden


Passwort vergessen?
« November 2017 »
November
MoDiMiDoFrSaSo
12345
6789101112
13141516171819
20212223242526
27282930