Sie sind hier: Startseite / Nachrichten / Ein edler, libertärer Geist

Ein edler, libertärer Geist

Zum 50. Todestag des Anarchisten Rudolf Rocker
Ein edler, libertärer Geist

Rudolf Rocker

Am 19. November 1958 starb im US-amerikanischen Exil ein Mann, dem es einst gelungen war, deutschlandweit rund 150 000 Menschen zu organisieren und darüber hinaus viele, die mit seinen politischen Ideen wenig anzufangen wussten, jedoch zumindest von seiner Persönlichkeit zu überzeugen waren. Der Grandseigneurs des deutschen Anarchismus, Rudolf Rocker, ist wohl nur noch wenigen bekannt, obwohl: Es gibt sie noch, die Freie Arbeiterunion Deutschland (FAUD), die er 1919 in Berlin ins Leben gerufen hatte. Doch während die anarchosyndikalistische Partei in der ersten Hälfte der 20er Jahre insbesondere im Ruhrgebiet und in Berlin über eine breite Anhängerschaft verfügte, handelt es sich bei der heutigen FAUD um eine politische Randerscheinung.

Die Spezifik der deutschen Geschichte hat fast jede Erinnerung an den deutschen Anarchismus getilgt. Das restaurative BRD-System hatte kein Interesse daran, an die antikapitalistischen Libertären zu erinnern. Der DDR-Historik galten sie als kleinbürgerliche Feinde. Erst 2002 wagte sich die Rosa Luxemburg-Stiftung auch an Rudolf Rocker heran, indem sie seinen Sohn Fermin Rocker, der hochbetagt in London lebte und malte, mit einer Ausstellung und Veranstaltung ehrte.

Der Mann, der gegen Marx argumentierte und Lenin attackierte, der die jüdischen Einwanderer in Großbritannien gewerkschaftlich organisierte und den Syndikalismus nach Deutschland brachte, war 1873 in Mainz geboren worden und in einem Waisenhaus aufgewachsen. Rocker wurde Buchbinder und musste aufgrund seiner sozialistischen Betätigung bereits als 19-Jähriger aus Deutschland fliehen. Er fand sich, wie er in seinen Memoiren schreibt, im Londoner Eastend wieder, in den »Stätten der tiefsten Armut um Limehouse und Shadwell, die trostlose Gegend, die sich um die Dockanlagen von London gruppiert, und auf der anderen Seite der Themse die unheimlichen Distrikte von Lambeth, Deptfort usw.« Rocker beschreibt Menschen, die noch nie in einem Bett geschlafen hatten und sich nachts – immer auf der Hut vor der Polizei – in irgendeinem Winkel verkrochen; zerlumpte Gestalten, die gierig in den halbverfaulten Überresten der Märkte wühlten; Hungerdistrikte, deren Bevölkerung gar von Sozialisten als unrettbares Lumpenproletariat abgetan wurden.

In diesem Milieu wirkte Rocker, hier lernte er seine Lebensgefährtin Milly Witkop kennen, eine jüdische Einwanderin aus einem Schtetl, das damals in Russland lag und heute zur Ukraine gehört. Und hier begann er mit großem Erfolg für den Anarchosyndikalismus zu werben. Er gab die Zeitung »Arbeter Fraynd« sowie die Monatszeitschrift »Germinal« heraus und umgab sich mit der Crème de la Crème des internationalen Anarchismus wie Kropotkin, Louise Michel und Errico Malatesta. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs aber spaltete die Bewegung: Während die Mehrheit der Anarchisten und Anarchosyndikalisten den »imperialistischen Krieg« ablehnten, plädierte Kropotkin dafür, die Entente im Kampf gegen Deutschland, dem Gegner jeglicher Freiheit, zu unterstützen. Jahrzehnte später, nach der Erfahrung des Zweiten Weltkriegs und des Holocausts konstatierte Rocker, dass Kropotkin Recht gehabt habe. Vorerst jedoch wurde er als feindlicher Ausländer interniert und nach dem Krieg des Landes verwiesen.

Familie Rocker ließ sich in Berlin-Neukölln nieder. Er war nicht nur an der Gründung der FAUD beteiligt, sondern gehörte um die Jahreswende 1922/23 auch zu den Begründern der anarchistischen Internationalen Arbeiterassoziation. In Rockers Wohnung in Neukölln kamen und gingen der legendäre Nestor Machno ein und aus, die Witwe des 1921 verstorbenen Kropotkin, Sofia, die berühmten US-amerikanischen Anarchisten Emma Goldman und Alexander Berkman. 1928 dann kamen Buenaventura Durruti und Francisco Ascaso vorbei. Und ganz in der Nähe lebte Erich Mühsam, der seit 1926 die Zeitschrift »Fanal« herausgab, mit Frau Kreszentia.

Dann kam die Nacht des Reichstagsbrandes. Die Rockers verließen Deutschland und flüchteten in die USA. Mühsam schaffte es nicht. Er wurde im KZ Oranienburg gefoltert und dann ermordet. Seine Frau beging den Fehler, in der UdSSR Zuflucht zu suchen. Zwei Mal, 1936 und 1938, wurde sie dort verhaftet. Bis 1946 musste sie in einem Lager Zwangsarbeit leisten. Als sie sich daraufhin darum bemühte, in die DDR ausreisen zu können, war das offenbar der Anlass, sie 1949 noch einmal zu verhaften und zu verbannen. Rocker versuchte, sich von den USA aus für sie einzusetzen, indem er die Broschüre »Der Leidensweg von Zensl Mühsam« veröffentlichte und zur Solidarität aufrief. Kurz vor seinem Tod rief Rocker die Genossen, die den Nationalsozialismus überlebt hatten, dazu auf, ihre Kräfte dem Aufbau einer Zivilgesellschaft zur Verfügung zu stellen.


Artikelaktionen

Navigation
Anmelden


Passwort vergessen?
« April 2017 »
April
MoDiMiDoFrSaSo
12
3456789
10111213141516
17181920212223
24252627282930