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"Eilhardshof" gekauft! - eine Utopie wird aufgebaut

Vor genau einem Jahr haben wir in der GWR das Projekt "Eilhardshof" in Neustadt an der Weinstraße vorgestellt. Am 1. April wurde nun der Kaufvertrag unterschrieben. Jetzt kann mit der Umsetzung eines generationsübergreifenden Wohnprojekts begonnen werden, das menschenwürdiges, solidarisches und selbstbestimmtes Leben in gegenseitiger Hilfe für Menschen aller Altersstufen modellhaft verwirklichen will. Der Startschuss für den Umbau ist gefallen.

Noch am Tag der Schlüsselübergabe stapften die Mitglieder der Baugruppe mit unserem Architekten, Handwerkern aus dem Freundeskreis des Projektes, einem wandernden Schreinergesellen und etlichen freiwilligen Helferinnen und Helfern über das Gelände, um zu messen, zu planen, zu diskutieren. Wir haben nämlich keine Zeit zu verlieren: Der Umbau muss ohne Verzug beginnen, denn in zwei Jahren wollen wir fertig sein. Nicht nur, weil dies im Finanzkonzept so vorgesehen ist, sondern auch, weil die Eilhardshöfler es gar nicht abwarten können, endlich in ihr Wohnprojekt einzuziehen.

Solidarität versetzt Berge

Ein libertäres Großprojekt mit einem Gesamtvolumen von 2,5 Millionen Euro - als wir vor drei Jahren starteten, haben wir das für pure Utopie gehalten.

Inzwischen haben wir gelernt, dass Sätze wie "Solidarität versetzt Berge" nicht nur schöne Sprüche sind, sondern tatsächlich funktionieren. Auf der Basis des Finanzierungskonzepts des Freiburger Mietshäusersyndikats, dem wir angehören, und des fairen Engagements der Nürnberger Umweltbank haben wir einen großen Teil der Finanzierung durch sogenannte "Direktkredite" aufgebracht, die uns viele Menschen gewährt haben, die dieses Projekt unterstützen wollen.

Menschen jeden Alters, aller sozialer Schichten und unterschiedlicher weltanschaulicher Überzeugungen: Ein beeindruckendes Zeugnis für die Kraft der Solidarität, wenn nur genügend Menschen ihren kleinen Beitrag für eine große Vision bündeln.

Bei aller Euphorie ist uns klar, dass die kommenden zwei Jahre noch große Herausforderungen für uns bedeuten werden. Der Umbau eines alten, denkmalgeschützten Ensembles aus fünf Häusern zu einem barrierefreien, sozial zugeschnittenen und ökologisch vertretbaren Wohnprojekt wird noch viele Überraschungen und Probleme für uns bereithalten. Aber auch hier zeichnet sich bereits eine große Welle von Hilfsangeboten ab - Menschen, die mit Herz und Hand bei den Bauarbeiten dabei sein wollen.

Auch das Ziel, im Laufe dieses Jahres mindestens 600.000 Euro über Direktkredite zu finanzieren, scheint in greifbare Nähe gerückt. Bereits im April war hierfür etwa die Hälfte geflossen oder zugesagt.

Horst Stowasser


Ein Gespräch mit Horst Stowasser, einem der Initiatoren des Projekts

Graswurzelrevolution (GWR): Herzlichen Glückwunsch! Wie fühlt man sich denn nun so, als Villenbesitzer?

Horst Stowasser: Danke, wir sind natürlich alle total glücklich, aber Villenbesitzer ist keiner von uns und will auch keiner werden. Die Immobilie ist Kollektiveigentum und bleibt es auch. Wir werden quasi Mieter im eigenen Haus sein.

GWR: Kannst Du uns etwas zur Entstehungsgeschichte sagen?

Horst Stowasser: Für GWR-LeserInnen wäre das ja eigentlich gar nicht nötig: Schließlich fällt ein Interview, dass du 2005 mit mir geführt hast (1), so ziemlich mit dem Beginn des Projekts zusammen.

In gewissem Sinn hat die GWR das Ganze sogar ein wenig mit wachgekitzelt…

Aber die Idee ist eigentlich schon viel älter und steht sogar schon im Projekt-A-Buch von 1985. Die Motivation ist banal: Auch Libertäre werden älter und niemand will im Altenghetto leben und sterben. Und da diese Fragen von Vereinsamung, Verarmung und einem würdigen Leben im Alter Millionen von Menschen zunehmend betreffen werden, war es an der Zeit, hierauf eine libertäre Antwort zu geben. Und zwar eine praktische. Initialzündung war schließlich die Tatsache, dass uns diese Fragen langsam selbst betreffen.

GWR: Aber der Eilhardshof wird kein alternatives Altersheim?

Horst Stowasser: Eben nicht - darum heißt es ja "generationsübergreifend".

Unsere Jüngsten sind noch Hosenscheißer, unsere Ältesten gehen auf die achtzig zu. Und wir alle sind überzeugt, dass gerade dieser Generationenmix eine ganz besondere Lebensqualität bietet, die man nirgends für Geld kaufen kann. Vorausgesetzt, die Menschen helfen sich gegenseitig und tun noch mehr als bloß wohnen.

GWR: Apropos Geld: Was wird es denn kosten, im Eilhardshof zu wohnen?

Horst Stowasser: Die Grundmiete wird bei etwa 4,65 Euro pro Quadratmeter liegen, hinzu kommen dann noch Umlagen für Gemeinschaftsräume, falls wir die nicht anderweitig finanzieren können.

GWR: Und wie hoch ist die Einlage ins Projekt?

Horst Stowasser: Es gibt keine Einlage. Wir wollten kein Projekt, in das mensch sich "einkaufen" kann oder muss. Dies ist ein Affinitätsprojekt, in dem es auf Sympathie ankommt, nicht auf Geld.

Wir zahlen nur die Miete, und damit refinanziert sich das Projekt auch. Und die ist so angesetzt, dass eine alleinerziehende Mutter mit wenig Geld und Multipler Sklerose ebenso im Projekt wohnen kann wie der Angestellte bei BASF. Das sind übrigens keine Metaphern, die gibt's beide bei uns. Und falls jemand die Miete nicht aufbringen kann oder das Sozialamt nicht mitspielt, soll ein internes System der Gegenseitigen Hilfe greifen. Aber erst müssen wir mal zwei Jahre lang bauen!

GWR: Wer entscheidet, wer im Eilhardshof wohnen wird?

Horst Stowasser: Wir sind ein basisdemokratisches Projekt, bei uns werden alle Entscheidungen im Gruppenkonsens getroffen. Es kann allerdings lange dauern, in die Gruppe aufgenommen zu werden, da wir uns gut kennenlernen wollen und Vertrauen aufbauen müssen. Das braucht Zeit.

GWR: Sind dabei politische Kriterien ausschlaggebend?

Horst Stowasser: Jedenfalls keine Lippen- oder Glaubensbekenntnisse.

Es ist eine der Grundideen vom Projekt A, dass Menschen nicht nach ihren politischen Statements beurteilt werden, sondern als Menschen. Die Strukturen sind libertär, der Umgang ist es und der Geist, der hier weht. Wer so leben will, ist eigentlich libertär genug. Etiketten sind uninteressant.

GWR: Und das funktioniert?

Horst Stowasser: Sieht ganz so aus. Im Projekt gibt es in der Wolle gefärbte Anarchas genauso wie Christen und Heiden, alte Projekt-A-VeteranInnen, junge Libertäre und unpolitische Menschen.

Unser Architekt ist sogar "Anarchokatholik", und ich als alter Atheist komme prima mit ihm aus! Gut die Hälfte der Leute hat bis vor einem halben Jahr noch nie was mit Anarchismus am Hut gehabt; die finden aber toll, was wir hier machen - und wenn das 'anarchistisch' sein soll, ist das völlig okay! Viele lesen jetzt auch libertäre Bücher, aber niemand muss.

GWR: 2,5 Millionen Euro, ist das nicht ein paar Nummern zu groß?

Horst Stowasser: Kommt auf den Maßstab an. Genausoviel hat ein Verkehrskreisel gekostet, der kürzlich in Neustadt gebaut wurde. Wenn sich zehn Familien eine Doppelhaushälfte kaufen, wird das sogar teurer, und bei uns kommen doppelt so viele Leute unter.

Klar kommt das in der libertären Szene als erschreckende Summe rüber, aber auch hier reift die Zeit, um in größeren Dimensionen zu denken. Was uns angeht, so haben wir schon vor 17 Jahren auf ähnliche Weise mit der WESPE (2) den Ökohof in Neustadt finanziert. Das war auch ein Millionenprojekt, allerdings in D-Mark.

Was uns in diesem Zusammenhang total überrascht hat, ist das positive Echo auf den Aufruf, Direktkredite zu zeichnen. Ganz besonders auch aus dem Umfeld der GWR. Ich möchte hier allen, die uns unterstützt haben und noch unterstützen wollen, im Namen der Gruppe ganz herzlich danken!

Und, wenn's erlaubt ist, noch eine Bitte nachschieben: Auf unseren Soli-Listen haben sich ganz viele Leute eingetragen - für Kredite, Bauhilfe und Beratung - manche aber leider mit unleserlichen oder überholten E-Mail-Adressen. Es wäre toll, wenn alle, die seither nichts von uns gehört haben, sich noch einmal bei uns melden würden!

Interview: Bernd Drücke

Quelle: Graswurzelrevolution

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