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Dokumentation: Teure Schnäppchen

Textilangebote deutscher Discounter nicht selten unter miserablen Bedingungen produziert. Organisationen planen »ALDI-Aktionstag« am 8. März

Aldi verbinden die meisten Konsumenten in erster Linie mit billigen Lebensmitteln und Getränken. Doch der Megadiscounter der Albrecht-Brüder (geschätzter Jahresumsatz: 35 Milliarden Euro) belegt inzwischen den achten Rang unter den Spitzenreitern des textilen Einzelhandels in Deutschland. Immer stärker dominieren »textilfremde Anbieter« wie Tchibo, Plus und Lidl den Bekleidungsmarkt. Mit immer neuen Aktionen und Superschnäppchen machen sie sich gegenseitig die Kunden streitig.

Mittlerweile kauft jeder zweite hierzulande Kleidung bei den Billig­anbietern. Grund genug, finden die deutschen Trägerorganisationen der Kampagne für saubere Kleidung (CCC), mit einem Aktionstag am 8.März bundesweit auf die schlechten Arbeitsbedingungen in der Textilproduktion, von denen vor allem Frauen betroffen sind, aufmerksam zu machen. »Aldi steht hier aber keineswegs alleine da«, erläutert Martina Schaub, Geschäftsführerin des Südwind-Instituts in Siegburg, »auch bei den Zulieferern der anderen Discounter sieht es meist nicht anders aus.« Die Nichtregierungsorganisation Südwind hatte mit mehreren Studien zu den Produktionsbedingungen in Zulieferfirmen deutscher Discounter für öffentliche Diskussionen und Unbehagen bei den Konzernen gesorgt. Untersuchungen vor Ort hatten eklatante Mißstände in den Lebens- und Arbeitsbedingungen für die meist weiblichen Angestellten in Indonesien, China und Bangladesch aufgedeckt.

Auch bei Aldi wurde das Institut fündig, obwohl der publicityscheue Konzern alles daransetzt, seine Lieferstrukturen unter Verschluß zu halten. Im indonesischen Jakarta wie auch in der chinesischen Provinz Jiangsu fand man indirekte und direkte Zulieferer des Familienunternehmens ? und stieß auf unhaltbare Zustände: Massive Verletzungen von Gesundheitsstandards, Arbeitszeiten von elf und mehr Stunden bei einer »Bezahlung« von nicht einmal 50 Prozent des Mindestlohns, »Verbot« von Kündigung ? die Liste der Verstöße gegen das ohnehin wenig entwickelte chinesische Arbeitsrecht ließe sich noch um einiges fortsetzen.

Auch in den indonesischen Zulieferfabriken kam Südwind zu keinem besseren Ergebnis: 90 Prozent der Arbeiterinnen erhalten Löhne unterhalb des Existenzminimums, schriftliche Arbeitsverträge fehlen ebenso wie Sicherheitsvorkehrungen am Arbeitsplatz oder gar die Möglichkeit, sich in einer Gewerkschaft zu organisieren.

Nach Veröffentlichung der Studie im Sommer 2007 hatte Aldi zunächst Interesse an einem Dialog mit der Kampagne für saubere Kleidung bekundet. Die freundliche Ankündigung des Konzerns, sich wegen eines Gespräches wieder zu melden, blieb allerdings folgenlos. »Deshalb starten wir jetzt unsere Discounter-Aktionen am 8. März mit dem Schwerpunkt Nord­rhein-Westfalen. Denn hier sitzen die Zentralen sowohl von Aldi Süd wie auch von Aldi Nord«, kommentiert Dominic Kloos vom Südwind-Institut.

Durchgeführt werden die Aktionen u.a. von gewerkschaftlichen Gruppen aus Katholischer Arbeitnehmerbewegung (KAB) und ver.di. Aber auch engagierte Kirchenkreise, Schüler und Eine-Welt-Gruppen erarbeiten zur Zeit Aktionspläne, um am Internationalen Frauentag gegen die Bedingungen bei den Textillieferanten vor den Filialen des Discounter zu protestieren. Dabei ist es den Initiatoren der Aldi-Kampagne besonders wichtig, neben dem Konzern auch die Politik anzusprechen. »Wir wollen eine politische Regulierung«, so Kloos, »denn die Erfahrungen haben gezeigt, daß freiwillige Selbstverpflichtungen nicht ausreichen.« Deshalb richtet sich die Kampagne auch an Bundesregierung und Bundestag. Sie fordert eine Nachbesserung des Verbraucherinformationsgesetzes, so daß jeder Konsument unabhängige, geprüfte Informationen über Produktionsbedingungen von Zulieferern im In- und Ausland erhält.

Infos: saubere-kleidung.de und suedwind-institut.de

Bei Südwind kostenloser Download der Studie: Ingeborg Wick, All die Textilschnäppchen ? nur recht und billig? Arbeitsbedingungen bei Aldi-Zulieferern in China und Indonesien, 2007

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