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Dokumentation: Repression gegen französische Aktivist_innen

In Frankreich haben in den vergangenen Monaten die Kämpfe der Menschen ohne Papiere in zahlreichen Streiks und Gefängnisrevolten Ausdruck gefunden. Die Revolten im Abschiebegefängnis von Vincennes (bei Paris) wurden im Winter von einer breiteren sozialen Bewegung mit zahlreichen Demos begleitet. Im Januar wurden dabei mehrere Aktivisten festgenommen und sitzen seither in Untersuchungshaft, weil dem französischen Staat am Bedrohungsszenario von "Anarcho-Terroristen, die den bewaffneten Kampf vorbereiten" gelegen ist. So wird versucht, die soziale Bewegung zu spalten. Zwei der Inhaftierten haben im Vorfeld einer internationalen Woche der Solidarität, die vom 9. bis 16. Juni stattfinden soll, diesen Brief geschrieben:

Brief von Ivan und Bruno
erschienen auf Indymedia Paris, 21 April 2008

Wir schreiben heute an alle Freunde, an alle, die sich nicht von den Verhältnissen unterkriegen lassen: Polizeisperren in den Straßen, Razzien gegen Menschen ohne Papiere, Abschiebungen, alltägliche Schwierigkeiten und die Fremdbestimmtheit des Lebens; der Zwang, einen immer größeren Teil unseres Lebens allen möglichen Chefs zu überlassen, denen, die über uns entscheiden und Macht ausüben. Unser Widerstand setzt dort an: es geht um die Freiheit zu leben.

Wir wurden am 19.Januar festgenommen. Wir beide befinden uns seitdem in Untersuchungshaft, der dritte von uns ist unter richterlicher Aufsicht. (Er machte sich des Umstandes schuldig, im Moment unserer Festnahme zufällig vorbeizukommen und uns zu kennen.). Wir hatten eine Rauchbombe dabei, die wir aus einer Mischung von Natronchlorat, Zucker und Mehl hergestellt hatten. Einmal angezündet, qualmt diese Mischung stark. Wir hatten vor, sie während der Demonstration einzusetzen, die an diesem Tag wieder zum Abschiebegefängnis in Vincennes führen sollte. Unser Vorhaben: für die eingesperrten Sans-Papiers sichtbar zu sein, und dies trotz der Polizei, die uns sicherlich in Entfernung des Knastes halten würde. Wir hatten auch Knallkörper und verbogene Nägel dabei, die auf der Straße ausgelegt werden können, um Autos am Wegfahren zu hindern.

Für die Polizei und die Justiz stellt das ein gefundenes Fressen dar: es muss sich um die Bauelemente einer Nagelbombe handeln. So lauten unsere Anklagen folgendermaßen:
Besitz und Transport von brandstiftenden oder explosiven Substanzen und Produkten zur Herstellung eines brandstiftenden oder explosiven Gegenstandes, um eine Zerstörung, eine Sachbeschädigung oder eine Gefährdung von Menschleben hervorzurufen
Gründung einer kriminellen Vereinigung, mit dem Ziel, eine Zerstörung durch Brandstiftung, explosive Substanzen oder andere Mittel durchzuführen, die eine Gefahr für Menschenleben darstellen
Verweigerung der polizeidienstlichen Erkennungsmaßnahmen (Fingerabdrücke, Fotos)
Verweigerung der Abgabe einer DNA-Probe

Es läuft einem kalt den Rücken runter. Soweit zu den Anklagen, wir werden uns nun an einer Analyse der Ereignisse versuchen.

Die Art, in der wir behandelt werden, kann nicht mit den Dingen erklärt werden, die wir dabei oder geplant hatten. Dem Staat geht es vielmehr darum, Widerstand zu kriminalisieren und Dissidenz zu unterdrücken. Es geht um unsere Ideen und unsere Art zu kämpfen: außerhalb der Parteien, Gewerkschaften und anderen Organisationen. Weil sich diese Wut nicht kontrollieren oder vereinnahmen lässt, versucht der Staat, sie zu isolieren und einen „Feind im Inneren“ auszumachen. Polizei und Verfassungsschutz legen Dateien mit 'Täterprofilen' an. In unserem Fall ist es das der „Anarcho-Autonomen“. Von dort zieht der Staat eine direkte Verbindungslinie zum Terrorismus und schafft so ein Bedrohungsszenario, um einen gesellschaftlichen Konsens zur Verstärkung der Kontrolle und Legitimation der Repression zu schaffen.

Deshalb sind wir heute im Gefängnis. Dies ist der Umgang, den sich der Staat bei jeglichen illegalen Handlungen und mit sogenannten 'Risikobevölkerungen' vorbehält. Es geht darum, immer mehr Menschen immer länger wegzusperren. Immer effizientere Kontrollen und Sanktionen, die Angst machen, sorgen im Interesse derer, denen die herrschende Ordnung nutzt, dafür, dass alle an ihren Plätzen bleiben, wissend, dass es nicht möglich ist, die vorgesehenen Wege zu verlassen ohne den hohen Preis zu bezahlen. Wir kämpfen mit den Menschen ohne Papiere, weil wir wissen, dass es die gleiche Polizei ist, die kontrolliert, der gleiche Chef, der ausbeutet und die gleichen Mauern, die einsperren. Wir waren auf dem Weg zur Demonstration, um mit den Gefangenen zusammen 'Freiheit' zu rufen, um zu zeigen, dass wir viele sind, die ihre monatelange Revolte im Gefängnis wahrnehmen. Eine Rauchbombe anzuzünden, so nah wie möglich an die Gitter des Gefängnis zu kommen, 'Abschiebeknäste zu Baulücken' zu rufen, mit der Überzeugung, frei leben zu wollen. Der gemeinsame Kampf schafft einen Raum um Solidaritäten zu knüpfen und unserer Revolte Ausdruck zu verleihen.

Wir verstehen uns nicht als 'Opfer der Repression'. Es gibt keine gerechte Repression, keinen gerechten Knast. Es gibt die Repression und ihre Funktion, ihre Rolle der Aufrechterhaltung der Ordnung: die Macht der Besitzenden über die Besitzlosen.

Wenn alle in der Reihe laufen, ist es einfach, die zu bestrafen, die ausscheren.

Wir hoffen, dass wir viele sind, unsere Leben in die Hand zu nehmen und diese Wut im Herzen zu tragen, um die Solidarität aufzubauen, aus der der Widerstand ist.

Bruno und Ivan aus den Gefängnissen von Fresnes und Villepinte, April 2008

Originaltext auf französisch:  http://paris.indymedia.org/article.php3?id_article=98400

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