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Dokumentation: »Gewerkschaft mit Bauchschmerzen«

Über die ersten dreißig Jahre des Bestehens der anarchosyndikalistischen Organisation FAU und was ihr die Zukunft bringen soll. Ein Gespräch mit Roger
Dokumentation: »Gewerkschaft mit Bauchschmerzen«

FAU (Hg.): Die ersten 30 Jahre - 1977–2007. Syndikat A Medienvertrieb/Verlag - Edition AV, Moers 2008, 256 Seiten, 14,50 Euro * zirka 300 Abbildungen

Sie haben ein Buch über die 30jährige Geschichte Ihrer Organisation herausgegeben. Gibt es einen Aufschwung syndikalistischer Verbindungen in Deutschland?

Die Freie ArbeiterInnen Union (FAU) ist immer noch keine Massenorganisation, aber sie wächst kontinuierlich. Ich selbst bin seit Anfang der 90er dabei, als ich nach meiner autonomen Anarchophase etwas gesucht habe, das besser zu meinen Vorstellungen von Verbindlichkeit und zu meiner Lebenssituation als Lohnsklave paßte. Damals waren wir gerade mal 80 bis 100 Leute. Heute sind wir ein Mehrfaches davon. Also zwar immer noch jämmerlich wenig, aber immerhin so viele, daß wir mittlerweile in der Lage sind, Dinge wie das »Strike-Bike« anzuschieben und den einen oder anderen Arbeitskampf zu gewinnen. Der Angriff auf die gesamte Klasse durch die Hartz-Gesetze und die globale Krise, in die das Kapital gerade rauscht, hat vielen klargemacht, daß sie sich zwecks Selbstverteidigung organisieren müssen und daß wir verschärft darüber nachdenken sollten, wie eine andere Art von Gesellschaft auf den Trümmern des Kapitalismus aussehen könnte. Also genau die Themen der FAU. Wir spüren das seit drei Jahren deutlich, gerade haben wir erst neue Syndikate in Solingen, Nürnberg und Schwerin aufgenommen, und an anderen Orten gibt es weitere Gründungsinitiativen.

Es ist aber nicht alles eitel Sonnenschein. Wir kämpfen damit, daß gerade bei vielen Jüngeren eine Konsummentalität herrscht. Für einen Zusammenhang, der wesentlich darauf basiert, daß die Mitglieder sich selbst organisieren und Verantwortung übernehmen, ist das ein Problem.Wir verzichten ganz bewußt auf einen Apparat. Das geht aber nur, wenn wir das Wissen auf viele Schultern verteilen und uns gegenseitig helfen können.

Wie ist das Verhältnis zu den offiziellen Gewerkschaften?

Viele in der FAU haben ihre ersten Erfahrungen in den DGB-Gewerkschaften gemacht, manche als Vertrauensleute oder im Betriebsrat. Die wissen ganz genau, warum sie dort weg und zur FAU gekommen sind. Manche von uns sind auch noch in einer DGB-Gewerkschaft. Mit KollegInnen von der Basis kooperieren wir an manchen Orten und stellen dabei bisweilen verblüfft fest, daß wir mehr aktive Leute haben als manches DGB-Ortskartell. Da die meisten von uns aber in kleineren oder mittleren Betrieben arbeiten, bekommen wir von den DGB-Gewerkschaften häufig wenig mit, weil die dort kaum mehr vertreten sind.

Offiziell existieren wir für die DGB-Gewerkschaften gar nicht, auch wenn ver.di in diesem Jahr z.B. in München dafür gesorgt, daß die Polizei FAU-Mitglieder aus einer Demonstration entfernt. Hinter den Kulissen schauen sie sich aber sehr genau an, was wir tun und was sie von unseren Aktionsformen für sich selbst nutzbar machen können. Manchmal sind das kleine formale Geschichten, wie die schwarz-rote Plakatästhetik, die ver.di seit einiger Zeit bevorzugt. Sie beobachten unsere Kampagnen und Nestbeschmutzungs-Aktionen (Plus, Starbucks etc.) sehr genau und versuchen, daraus Schmiermittel für ihren verrosteten und verkrusteten Apparat zu destillieren. Sachen wie das Lidl-Schwarzbuch oder die jüngste Aktion bei Kaisers in Berlin wären vor einigen Jahren bei ver.di nicht denkbar gewesen. Daß sich Teile der Berliner Politszene in letzter Zeit zum nützlichen Idioten machen lassen, um der Gewerkschaftsbürokratie zu einem bewegungsaktiven Feigenblatt zu verhelfen, finde ich übrigens ziemlich traurig.

Ist die FAU wirklich Syndikat im Sinne Rockers usw. oder eher Organisationsplattform für eher subkulturell-jugendliche Anarchos?

Weder das eine noch das andere. Wir sind noch so wenige, daß es häufig sehr schwierig ist, in betriebliche Kämpfe einzugreifen, zumal wir das ja nicht stellvertretend tun, sondern dort, wo Leute von uns kollektive Hilfe brauchen. Das läuft zwar alles schon deutlich besser als vor einigen Jahren, aber angesichts der Krise würden wir gerne ganz anders agieren können. Wichtig ist für uns, daß die FAU heute mehr als Klassenkampforganisation auf libertärer Grundlage und weniger als Ersatz für eine anarchistische Föderation gesehen wird. Dazu trägt auch bei, daß wir in diesem Jahr unsere interne Struktur umgekrempelt und mehr »gewerkschaftlich« ausgerichtet haben. Wobei wir das Wort »Gewerkschaft« häufig mit Bauchschmerzen verwenden, weil Anarchosyndikalismus so viel mehr beinhaltet, als der gewerkschaftliche Trade-Unionismus, wir aber keine passenden Worte für solch eine »Gewerkschaft neuen Typs« haben. So gesehen ist die FAU durchaus ihre eigene Kultur, und sie klebt nicht nur am Betrieb. Sie ist aber sicherlich keine Subkultur junger AnarchInnen. Schon alleine deshalb nicht, weil es neben den vielen jungen Leuten, die in letzter Zeit zur FAU gekommen sind, auch viele jenseits der 30 gibt. Wir sind keine Jugendbewegung und auch nicht alle Anarchos. Unser Ziel ist eine gewerkschaftliche Kampforganisation und Schule auf libertärer Grundlage, durch die wir uns selbst verteidigen können und die letztlich dazu beiträgt, dem Kapitalverhältnis den Garaus zu machen.


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