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Dokumentation: Ägypter kämpfen ums tägliche Brot

Regierung verweist auf Weltmarktpreise, doch im Lande mehren sich die Proteste
Von Gisela Kremberg, Kairo
Ein angsteinflößendes Polizeiaufgebot war die Antwort der ägyptischen Führung auf Proteste gegen steigende Lebensmittelpreise und niedrige Löhne. Hunderte wurden wegen Teilnahme an den Protesten am Sonntag festgenommen.

In den letzten drei Monaten hat Ägypten erneut eine Welle von Preiserhöhungen erlebt. Nach Angaben des UN-Welternährungsprogramms sind die Lebenshaltungskosten seit Jahresbeginn um 50 Prozent gestiegen. Nicht nur Bedarfsgüter, Öl und Benzin verteuerten sich, auch der Brotpreis stieg drastisch: Sämtliche Brotsorten wurden innerhalb kürzester Zeit um 70 bis 100 Prozent teurer. Das kleine runde Fladenbrot, das früher einmal fünf Piaster kostete, ist inzwischen nur noch für 20 bis 50 Piaster – je nach Mehlsorte – zu haben. Dabei sind die Fladenbrote, von denen eine mehrköpfige Familie mindestens zehn Stück täglich benötigt, im Durchmesser auch noch kleiner geworden. Wieder trifft es vor allem die Ärmsten der Armen, und mittlerweile leben in Ägypten mehr als 50 Prozent der 78 Millionen Menschen unterhalb der Armutsgrenze, also von weniger als umgerechnet zwei Dollar pro Tag.

Taxifahrer Mohammed Ibn al Rahman meint, mit einem »guten Job« – meist sind sogar zwei davon nötig – könne man sich auf die Preissteigerung immer noch einstellen. Ursache der Teuerung sei schließlich die Globalisierung. So lässt es Ägyptens Präsident Husni Mubarak jedenfalls täglich in den Medien verbreiten. Doch Tagelöhner wie Ahmed, der durch die Kairoer Straßencafés zieht und Schuhe putzt, aber auch Bauern, Landarbeiter und die vielen Arbeitslosen sind auf bezahlbares Brot angewiesen, wenn sie überleben wollen.

Richtig ist, dass sich der Weltmarktpreis für Weizen in den letzten drei Jahren vervierfacht hat. Sicherlich ist der Preisauftrieb auch darauf zurückzuführen, dass landwirtschaftliche Rohstoffe inzwischen in wachsendem Maße zur Produktion von Biotreibstoff eingesetzt werden. Die ägyptische Regierung aber verschweigt ihre eigene Verantwortung, die in einem rücksichtslosen Liberalisierungskurs, einem Ausverkauf des Landes und einer Inflationsrate von derzeit 12,6 Prozent zum Ausdruck kommt. Nicht zu vergessen: Ägypten gehörte einst zu den bedeutendsten Weizenproduzenten der Welt.

Die Regierung weiß indes nur zu gut, welcher soziale Sprengstoff gerade in den Preiserhöhungen für Brot steckt. So wurde die Subventionierung jeweils einer Brot- und einer Weizensorte beibehalten. Wie konnte aus den alltäglichen Preiserhöhungen dennoch eine Brotkrise erwachsen? Durch organisierten Diebstahl, Willkür und Korruption von den obersten bis zu den kommunalen Behörden und Entscheidungsträgern. In vielen Städten und Dörfern trafen die vorgesehenen Mengen an subventioniertem Weizen und Brot nicht mehr ein. Säckeweise oder in ganzen Wagenladungen wurde das billige Mehl unter der Hand verkauft, so dass der Bedarf an subventioniertem Brot nicht mehr gedeckt werden konnte. Schon Stunden vor jedem Verkauf bildeten sich vor den staatlichen Bäckereien lange Schlangen und Trauben von Menschen, jede dieser Aktionen artete zum Tumult aus – zur Schlacht ums tägliche Brot im wahrsten Sinne des Wortes.

Nach offiziellen Angaben forderte die Brotkrise bereits sieben Menschenleben. Andere Quellen sprechen von zwölf Toten – Menschen, die bei der Schlacht ums tägliche Brot überrannt wurden, Prügeleien nicht überlebten oder sich vergeblich gegen den Diebstahl »ihres Weizens« wehrten.

Gegen die Preistreiberei wollten sich am vergangenen Sonntag auch die mehr als 20 000 Arbeiter der Textilfabrik Mahalla im Nildelta wehren – mit einem Streik. Die Regierung schickte zunächst Polizisten in Zivil in die Fabrik, um Streikwillige einzuschüchtern, und schließlich ließ sie ein riesiges Polizeiaufgebot aufmarschieren. Bei den folgenden Auseinandersetzungen zwischen Textilarbeitern und Ordnungskräften wurden nach Angaben der Behörden 100 Menschen verletzt, 200 wurden festgenommen. Die Polizei setzte Tränengas ein, Arbeiter wehrten sich mit Steinwürfen. In Kairo, Alexandria und anderen Städten des Landes wurden mindestens 40 weitere Personen festgenommen, weil sie »zum Aufruhr angestachelt haben«, wie das ägyptische Innenministerium am Sonntag mitteilte.

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