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Disko: Give the Anarchist a theory - Renaissance des libertären Kommunismus

Vielleicht ist es ja ein subjektiver Eindruck ? aber scheinbar sind in den letzten anderthalb Jahren so viele Bücher über den Anarchismus erschienen wie in kürzerer Vergangenheit selten zuvor. Teilweise lässt sich das mit dem 70jährigen Jubiläum der Spanischen Revolution erklären, teilweise, wie im Falle des Anarchismus-Bandes in der Reihe theorie.org von Hans-Jürgen Degen und Jochen Knoblauch, ist es auch einfach nur Zufall, war das Buch doch bereits seit zwei Jahren angekündigt. Allerdings geht der Band dieser Tage auch schon in die zweite, überarbeitete Auflage, das heißt, es verkauft sich scheinbar für einen kleinen, linken Verlag sehr gut. Und vor einigen Wochen ist mit Horst Stowassers ?Anarchie!? im Nautilus-Verlag quasi die Mega-Version dieser Einführung erschienen. Und behält recht: Stowassers ?Anarchie!? schaffte es direkt auf Platz 1 der Buchtipps von NDR und Süddeutscher Zeitung im Juni 2007. Darüber hinaus erschienen 2006 mit Gerhard Senfts ?Essenz der Anarchie? (Promedia) und kürzlich mit Achim von Borries? und Ingeborg Weber-Brandies? ?Anarchismus ? Theorie, Kritik, Utopie? (Verlag Graswurzelrevolution) zwei Bände mit historischen Beiträgen von AnarchistInnen. Während Senft anhand des Oberthemas ?Parlamentarismus? eine neue Sammlung von Texten herausgab, ist die Textsammlung von Borries und Weber-Brandies die Neuauflage eines bereits 1968 erschienen Sammelbandes.




In Folge dessen enthält letztgenanntes Buch ?Klassiker?, die
anarchistischen ZeitgenossInnen der letzten dreißig Jahre zum Großteil
bekannt sein dürften: Es kursiert ja immer noch der alte Witz, dass
drei AnarchistInnen, wenn sie sich treffen, erst mal eine Zeitung
gründen. Und ebenso gerne geben sie Broschüren mit Texten des
traditionellen Anarchismus heraus. Horst Stowasser hat ganz recht,
wenn er in der Einleitung seines Buches betont, dass es eigentlich
verwunderlich ist, wie unbekannt die philosophischen Ideen des
Anarchismus sind ? angesichts der sehr guten Literaturlage. Dazu hat
er selber einiges beigetragen: Wer bereits Stowassers ?Freiheit pur?,
?Leben ohne Chef und Staat? oder auch seine jüngste Publikation
?Anti-Aging für die Anarchie? (Edition AV) gelesen hat, dem wird an
?Anarchie!? einiges bekannt vorkommen, denn dieser Band ist quasi die
konsequente Fortführung der früheren Einführungsbände. Senfts Band
dagegen bietet einige interessante, weniger bekannte Beiträge, etwa
des Dichters Robert Bodanski oder des Sozialdemokraten Raphael
Friedberg.

Ja, richtig gehört: Des Sozialdemokraten. Der Text Friedbergs nämlich,
den Senft ausgesucht hat, entstammt seiner Zeit bei der SPD. Damit
sollte schon mal mit einem ersten, weit verbreiteten Vorurteil
aufgeräumt sein: Die vermeintlichen Gräben zwischen
SozialdemokratInnen, MarxistInnen und AnarchistInnen sind bei weitem
nicht so tief, wie gemeinhin angenommen wird. Selbstverständlich gibt
es sie, unter anderem deswegen, weil sich historisch die
VordenkerInnen des Anarchismus vorrangig aus DissidentInnen der
parlamentarischen ArbeiterInnenbewegung zusammengesetzt haben. Auch
beispielsweise Rudolf Rocker, Vordenker des Anarchosyndikalismus in
Deutschland, entstammte den Reihen der sozialdemokratischen ?Jungen?
im ausgehenden 19. Jahrhundert. Das Verhältnis der ?Jungen? zur SPD in
den 1870er Jahren ist teilweise vergleichbar mit jenem des SDS zur SPD
nach 1968. So war es denn auch die SPD, die in der Weimarer Republik
Anarcho-SyndikalistInnen ausschloss, weil sie nicht auf Linie waren ?
ein Prozess, der sich mehrfach wiederholte, etwa in der
Ausschlusswelle von DissidentInnen aus dem DGB Anfang der 1970er Jahre
oder jüngst mit der Gründung der WASG.

Die verschiedenen Strömungen der Arbeiterbewegung ? demokratischer
Sozialismus/Reformismus (Sozialdemokratie), autoritärer Sozialismus
und libertärer Kommunismus (Anarchismus) ? miteinander zu vergleichen,
darf nicht nur eine Auseinanderdifferenzierung der Entwicklungen
dieser Strömungen beinhalten, sondern muss ebenso die gemeinsamen
Wurzeln reflektieren. Unbestreitbar hat ein sich an Stalin
orientierender ?Marxismus?-Leninismus mit dem libertären Kommunismus
gar nichts mehr gemein. Dennoch sind die gemeinsamen Wurzeln von
Marxismus und Anarchismus bis heute spürbar. Westlicher Marxismus à la
Adorno/Horkheimer, der sogenannte ?Revisionismus? von Karl Korsch oder
Georg Lukács wie auch der italienische Operaismus oder die
wertkritische Schule ? wenn diese auch vom Anarchismus massiv
divergiert, weil sie die Subjekte der Revolution theoretisch
entmündigt ? sind Aspekte sozialistischer Theorien, mit denen sich
AnarchistInnen bei weitem zu wenig auseinandersetzen. Ich würde sogar
so weit gehen zu behaupten, dass sich post-1989er
Sozialismus-Theorien, die sich mit Hilfe poststrukturalistischer
Ansätze vom autoritären Staatssozialismus abgrenzen, unter dem Begriff
Anarchismen subsumieren lassen.

Die Niederschlagung des Aufstands von Kronstadt, der gemeinsame Kampf
der Roten Armee und der ?weißen? Armeen der deutschstämmigen Adeligen
gegen die libertäre Machnotschina in der Ukraine, der stalinistische
Verrat an der Spanischen Revolution, die Einkerkerung von
AnarchistInnen im post-?revolutionären? Kuba und viele andere
Ereignisse, ebenso wie polemische Propagandaschriften1 führten dazu,
dass AnarchistInnen sich von allem, was sich ?Marxismus? nannte, zu
Recht distanzierten. Victor Serge, einer der wenigen AnarchistInnen,
die in der KPdSU verblieben, diagnostiziert: ?Die Affäre von
Kronstadt, diese letzten Tragödien [...] sollten von da an einen
unüberschreitbaren Graben zwischen Marxisten und Anarchisten ziehen.
Und diese Trennung sollte später in der Geschichte eine
verhängnisvolle Rolle spielen: sie war eine der Ursachen der
intellektuellen Verwirrung und des Scheiterns der spanischen
Revolution? (in: Borries/Weber-Brandies, Seite 168). Solche
politisch-marxistischen Brutalitäten gegen Libertäre haben sich tief
in die Erinnerungskultur des Anarchismus eingegraben. Hinzu kam der
historische Konflikt zwischen Karl Marx und Mikhail Bakunin in der
Ersten Internationalen, auf den sich AnarchistInnen gerne bis heute
berufen, um eine unüberwindliche Spaltung zu betonen. Dabei standen
sich die Egomanen Marx und Bakunin in Sachen Intriganz kaum nach. Paul
Pop hat an dieser Stelle kürzlich den lohnenswerten Versuch
unternommen, die Grenzen zwischen autoritärem und antiautoritärem
Sozialismus neu zu begutachten und zu bewerten und fand eine
nachvollziehbare Linie von Bakunin zu Lenin einerseits und von Marx zu
Kropotkin andererseits.2

Die Überbetonung der Differenz führt sowohl zu Fehlinterpretationen
der Theorien der politischen MarxistInnen wie aber auch zu falschen
Gewichtungen in den Anarchismen. Genau diese Vereinfachung des
ambivalenten Verhältnisses zwischen den Strömungen der
ArbeiterInnenbewegung führt Gerhard Senft zu der Behauptung, die
?Parlamentarismuskritik? wäre die ?Essenz der Anarchie?, wie auch
Graswurzelrevolution-Koordinationsredakteur Bernd Drücke in seiner
Rezension des Buches betont hat: ?Der ?Hauptfeind? des Anarchismus war
und ist nicht der Parlamentarismus [...]?.3 Das belegt nicht nur der
Text Friedbergs, sondern auch Texte von AnarchistInnen, die niemals
Mitglied einer parlamentarischen Partei waren. Pjotr Kropotkin, Erich
Mühsam (der allerdings zeitweise Mitglied der KPD war) und auch Helmut
Rüdiger (der sich nach dem Zweiten Weltkrieg der sozialistischen
Partei Schwedens anschloss, nichtsdestotrotz aber aufrechter
Syndikalist blieb) kritisieren in den Texten, die Senft ausgewählt
hat, zwar durchaus den Parlamentarismus, sie sind aber in ihrer Kritik
bei weitem nicht so radikal, dass sie ihn nicht als Fortschritt
gegenüber autokratischen Systemen betrachten und ihm positive Aspekte
abgewinnen können.

Insbesondere bei dem Band Borries? und Weber-Brandies? erhält sich der
Eindruck, die Texte wären danach ausgewählt, dass sie eine möglichst
vehemente Kritik am Marxismus äußern. Kein Thema nimmt mehr Platz und
mehr Aufsätze ein als die Kritik des bolschewistischen Russlands.
1968, als dieses Buch zum ersten Mal erschien, mag diese
Herangehensweise notwendig gewesen sein, nach dem Zusammenbruch des
realen Staatskapitalismus sollte man sich aber auf Gemeinsamkeiten in
der Theorie und den Forderungen besinnen ? ohne deshalb die Verbrechen
eines Leninismus, Stalinismus und Maoismus zu verschweigen. Das
scheint auch den AutorInnen bewusst zu sein: Einer der
interessantesten Texte des Sammelbandes ist Borries? Kommentar zu
Bakunin. Ausführlich zitiert Borries aus Bakunins Schreiben an die
?Allianz der Sozialen Demokratie? in Spanien, in dem Bakunin Marx?
theoretische Errungenschaften sehr deutlich würdigt. Ebenso
aufschlussreich an diesem Kommentar ist die Beschreibung von Bakunins
Utopie: Die Revolution und die postrevolutionäre Ordnung sind für ihn
Sache einer ?unsichtbaren? Diktatur ?eines revolutionären Ordens?
(Seite 345). Gegen Bakunins unsichtbare Diktatur ist die Marx?sche
?Diktatur des Proletariats? (ein Begriff übrigens, der bei Marx selber
kaum eine Rolle spielt), die nichts weiter meint, als die
(wahrscheinlich nicht gewaltfreie) Aneignung der Produktionsmittel
durch die mittellosen ArbeiterInnen, das gerechtere und
demokratischere Mittel.
Desiderata des Anarchismus

Horst Stowasser betont nachdrücklich, dass der Anarchismus jenseits
seines Minimalkonsenses ?Herrschaftsfreiheit? beliebig sei.
AnarchistInnen, so Stowasser weiter, würde das auch nicht weiter
stören, im Gegenteil sei dies sein großer Vorteil (Seite 16).
AtheistInnen seien hier ebenso zu finden wie Religiöse,
MaterialistInnen wie EsoterikerInnen. Nun sollte sich erst einmal
schon jedeR, der/dem es denn um ?Herrschaftsfreiheit? geht, die Frage
stellen, ob sie/er denn mit ?Religiösen? oder gar ?EsoterikerInnen?
wirklich mehr gemein hat als mit Partei- oder StaatssozialistInnen ?
zumal wenn sich letztere gar nicht auf den historischen ?real
existierenden Sozialismus?, sondern nur auf dessen TheoretikerInnen
beziehen. Wenn ein autoritärer Materialist die Welt erklärt, so ist
dies auch für AnarchistInnen allemal gewinnbringender, als wenn die
Welt aus dem höheren Willen eines Gottes, eines Dämons, eines
Spaghettimonsters oder einer mythischen Pyramide zusammenphantasiert
wird. Der Anarchismus tendiert oft zu einer repressiven Toleranz
gegenüber ungaren Welt- und Gesellschaftserklärungen, die ein
Erkenntnis- und Veränderungsinteresse nicht nur massiv behindern,
sondern teilweise bedrohlich sind. Diese repressive Toleranz offenbart
sich in einer offenen Flanke zu Antisemitismus, Verschwörungstheorien
und einem ökonomischen Hasadeurtum, das stark an die halbgaren
Konzepte des Neoliberalismus erinnert. Nicht zuletzt besteht diese
offene Flanke auch gegenüber einem Nationalismus. Letzterer ist gerade
in dem Sammelband aus dem Graswurzelverlag deutlich zu spüren: In den
Beiträgen Godwins, Proudhons, Bakunins, Kropotkins und selbst
Landauers wimmelt es von Lobeshymnen auf die Nation. Erst der Beitrag
Emma Goldmans ?Patriotismus ? eine Bedrohung der Freiheit? (Seite
145?152) findet deutliche Worte gegen den Nationalismus. Goldmans
Vortrag, publiziert 1911, richtete sich an die amerikanischen
ArbeiterInnen und wendete sich gegen einen US-amerikanischen,
militaristischen Patriotismus. Ihr Beitrag wäre heute wahrscheinlich
als ?antiamerikanisch? verpönt ? und ist dennoch so aktuell wie
seinerzeit (keineswegs nur die USA betreffend).

Weil der Anarchismus sich bisher so beliebig generiert, bietet er eben
auch allen Verrücktheiten Platz. Gerhard Senft etwa ist der
Extremegoist Max Stirner ein ?Vordenker des Anarchismus?. Horst
Stowasser dagegen hat in seinem Buch die einfache Formel ?Anarchismus
gleich Freiheit plus Sozialismus? betont. Bei Max Stirner irgendwo
einen Sozialismus zu finden ? das ist eine Kunst für sich. Hans Jürgen
Degen und Jochen Knoblauch betonen daher auch, dass Max Stirner kein
Anarchist war, rezipieren ihn aber dennoch stark in ihrer
Anarchismus-Einführung und auch nicht ganz zu Unrecht, denn sein
(unheilvoller) Einfluss auf das Denken Bakunins ist unabstreitbar. Die
ökonomischen Konzepte Proudhons und Bakunins zu Ende gedacht, finden
wir uns in einem Neoliberalismus wieder, der an sozialer
Ungerechtigkeit den aktuellen ökonomischen Zustand bei weitem
übertreffen würde. Beide wollen nichts weiter als die gleichen Chancen
auf dem Markt. Der staatsfeindliche Neoliberalismus in extremer Form
will dasselbe: Die gleichen Einstiegschancen in den freien Markt für
alle. Es gäbe ein Hauen und Stechen, das dem bürgerlichen Verständnis
von ?Anarchie? sehr nahe kommt, wenn es dieses nicht gar übertrifft.
Die eine von drei Grundprämissen des Anarchismus ? soziale Gleichheit
neben sozialer Gerechtigkeit und Freiheit ? wird hier nur als gleiches
?Startkapital? eingeplant.

Es mangelt bei Proudhon, Stirner und Bakunin an einer marxistischen
Grundprämisse, die Kropotkin dann endlich benannt hat: die Abschaffung
des Privateigentums, insbesondere des Eigentums an Produktionsmitteln.
Proudhon und Bakunin haben die Gewaltförmigkeit des Marktes bei weitem
unterschätzt. Unter anderem lag dies sicherlich an ihrem
Erfahrungshintergrund. Zu Proudhons Lebzeiten war der moderne
Kapitalismus gerade erst im Entstehen, Bakunin entstammte einem Land ?
Russland ?, das noch zu Zeiten der Oktoberrevolution agrarisch geprägt
war. In dem Beitrag ?Die russische Revolution und das autoritäre
Prinzip? von 1924 (in: Borries/Weber-Brandies, Seite 194) kritisiert
Emma Goldman an der Marx?schen Theorie, dass eine Gesellschaft ihr
zufolge einen gewissen Entwicklungsstand erreicht haben müsse, um eine
soziale Revolution durchzuführen, und argumentiert mit der ?slawischen
Psyche?. Schließlich hätte in den entwickelten Staaten Deutschland
oder USA im Gegensatz zu Russland keine Revolution stattgefunden. Emma
Goldman behält kultürlich insofern recht, als dass keine Revolution
stattfindet, ohne dass potentiell revolutionäre Subjekte diese wollen.
Bei aller anarchistischen Weitsicht gegenüber dem sozialdemokratischen
Projekt (auch die russischen Bolschewiki waren nichts anderes als
?sozialdemokratische Maximalisten?, so Kropotkin) konnte sie aber auch
die weitere Entwicklung des Sowjetunionismus nicht abschätzen. Wie
Karl Marx die strukturellen Prämissen einer Revolution überschätzt
haben mag, bzw. seine ApologetInnen die Struktur später
überbewerteten, so unterschätzt Goldman diese: Aus dem agrarischen und
zaristischen Russland konnte aus strukturellen Gründen kein
freiheitlicher Sozialismus werden, so wenig wie aus der DDR nach der
Erfahrung des Nationalsozialismus. Ein bereites ?Volk? reicht nicht
aus für die soziale Revolution, sondern höchstens für eine politische
oder institutionelle. ?Gewohnheiten? aus der alten Gesellschaft legt
man nicht von heute auf morgen ab, Diskurse sind beständig und
unberechenbar. Das Missverständnis der anarchistischen Denkschulen
liegt darin, den Wunsch und das Begehren nach einer Revolution mit
ihrer Möglichkeit zu verwechseln. Der Marx?sche Fehler auf der anderen
Seite liegt darin, aus der Struktur (in diesem Falle des Kapitalismus)
abzuleiten, dass eine Revolution notwendigerweise zum Sozialismus und
Kommunismus führt. Traditioneller Anarchismus und Marxismus haben
nicht nur ethische und politische Grundwerte gemeinsam, sondern auch
ein lineares Geschichtsbild, nach dem die Geschichte unweigerlich in
einem Kommunismus ?enden? müsse. Die Möglichkeit des Kommunismus
bedeutet aber noch lange nicht, dass eine Revolution notwendig zu
einer bestimmten Form der Gesellschaftsorganisation führen muss ? in
diesem Punkt war Marx nicht unutopischer als die anarchistischen
DenkerInnen.4

Es ist, da stimmen auch gestandene MarxistInnen zu, der Vorteil des
Anarchismus gegenüber dem politischen Marxismus, die repressiven
Mechanismen des Staates intensiver herausgearbeitet zu haben. Wenn es
eine ?Essenz der Anarchie? auf emotionaler Ebene gibt, dann ist es die
prinzipielle Staatsfeindlichkeit. Allein: Selbst dieser fehlt jeder
theoretische Hintergrund und im Laufe des 20. Jahrhunderts wurde die
Staatsanalyse der AnarchistInnen vom wissenschaftlichen Marxismus
überholt. Die Staatsfeindlichkeit des Anarchismus beruht allein auf
individueller Erfahrung der gewalttätigen Repression, und dies bis
heute. Auch für Horst Stowasser ist der Staat nichts weiter als ein
Instrument der Repression. Wie Bakunin und zahlreiche andere
AnarchistInnen bis hin zu ?Autonomen?5 und
GlobalisierungskritikerInnen und -gegnerInnen bei G8-Gipfeln in Genua
oder Heiligendamm hat auch der Autor Stowasser den Staat von seiner
repressiven Seite erlebt. Die anarchistische Staatsfeindlichkeit hat
immer nur von der Erfahrung erlebt, wie Horst Stowasser es ausdrückt:
vom ?Zorn?.

AnarchistInnen können damit nicht erklären, warum der Staat bis heute
global akzeptiert wird. Sie gehen, wie auch die meisten politischen
MarxistInnen, von der ?Repressionshypothese? aus, sprich: Sie
schließen von der Repression, die sie erlebt haben, auf ein
allgemeines System, das nur durch Repression überlebensfähig ist.
Sicherlich sind es polizeiliche Repression, mit Gewalt und Waffen
ausgestattete Staaten, die sich ihre Machtmenge erhalten und diese
erweitern. Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Wäre das der ganze
Staat, so hätte Horst Stowasser recht, wenn er glaubt, dass die
Mehrheit der Menschen aus ?natürlichen? AnarchistInnen bestände. Und
es ist auch nicht so einfach, wie Degen und Knoblauch diesen Umstand
beschreiben: Der Staat hätte typisch nicht-staatliche Funktionen
übernommen ? nämlich soziale ? und daher gäbe es keine Sehnsucht mehr
nach der antistaatlichen Revolution. Diese Sichtweise verkennt
vollkommen, dass der Staat schon immer eine linke und eine rechte Hand
hatte (Pierre Bourdieu) ? dass es z. B. eine Bismarcksche
Sozialgesetzgebung gab ? und diese dem Staat auch immanent ist. Des
weiteren ist es blanker Hohn, in Zeiten von Hartz IV das Desinteresse
am Anarchismus mit der Zufriedenheit des Proletariats zu erklären.
Dass es bis heute keine fundierte anarchistische Staatskritik gibt,
ist umso verwunderlicher, als dass das Schlagwort der freiwilligen
Knechtschaft von Gustav Landauer durchaus benannt wurde ? und von
Michel Foucault dankenswerterweise wieder aufgenommen wurde.

Der Staat ist nicht nur repressiv, er hat auch eine andere Seite. Er
organisiert und kontrolliert. Viele Menschen sind bereit, um dieser
Organisation wegen und ihrer individuellen Sicherheit die Repression
in Kauf zu nehmen. AnarchistInnen müssen sich bewusst sein, dass ihre
Systemalternativen nicht weniger, sondern mehr Arbeit bedeuten, denn
anarchistische Utopien verlagern die zentralen staatlichen Aufgaben
auf eine Gemeinschaftsebene. Möglich, dass die produktive Arbeit im
Sinne des heutigen Kapitalismus auf fünf oder sogar drei Stunden am
Tag reduziert werden kann ? die soziale Arbeit wird allerdings einen
weit höheren Aufwand nötig machen. Und ? das ist den meisten
AnarchistInnen heutzutage unbequem ? das gilt auch für die
Themenbereiche Sicherheit und Kontrolle. Eine nicht-staatliche
Gemeinschaft muss diese bisher staatlichen Aufgaben vergesellschaften,
um ihrem Anspruch gerecht zu werden. Sie kann das individuelle wie
allgemeine Bedürfnis nach Sicherheit zumindest nicht ignorieren. Um
dieses Thema drücken sich AnarchistInnen ? verständlicherweise ?
gerne, denn hier tritt eine unangenehme Wahrheit zu Tage: Konsequenter
Anarchismus bedeutet durchaus eine Rücknahme des Individuums zugunsten
der Gemeinschaft.

Give the Anarchist a Theory... (frei nach Chumbawamba)

Eine Essenz des Anarchismus ist somit eine Ethik, die der Volksmund
kennt unter dem Sprichwort ?Was du nicht willst, was man dir tu, das
füg auch keinem anderen zu?. Ethik, die immer problematisch ist, weil
sie ohne eine Letztbegründung (wie z. B. Religion) niemals
universalistisch sein kann, sondern immer emotionale und damit
subjektive Argumentation ist, zeichnet den Anarchismus gegenüber dem
Marxismus aus. Dass Anarchismus immer mehr ?Gefühl? ist als der
Materialismus, ist seine große Stärke und seine große Schwäche. Die
(voluntaristische) Besinnung auf das Gefühl ? ?ich finde etwas falsch?
? macht den Anarchismus in Umsturzsituationen attraktiver als den
verkopften Marxismus. Moral ist eine mächtige Waffe. Es kommt darauf
an, eine ausgewogene Position zwischen menschlicher Emotionalität und
vulkanischer Rationalität zu entwickeln. Der Anarchismus hat durchaus
das Potential dazu.

Sammelbände historischer anarchistischer Aufsätze sind freilich nicht
dazu da, Kritik und Alternativen zu formulieren, sondern sie
dokumentieren einen historischen Stand. Die Aufgabe der Kritik und
Weiterentwicklung liegt bei den LeserInnen ? in diesem Sinne ist
gerade die Auswahl von Borries und Weber-Brandies gelungen, denn sie
macht die Leerstellen des anarchistischen Gedankenguts deutlich, auch
dank der kenntnisreichen Kommentare der HerausgeberInnen. Dass Senfts
Auswahl hier etwas magerer daherkommt, liegt zum einen an der
beschränkten Seitenzahl (174 Seiten vs. 424 Seiten), aber auch an dem
viel zu eng gefassten Titelthema ?Antiparlamentarismus?.

Mehr erwarten können hätte man dagegen von der theorie.org-Einführung.
Hans Jürgen Degen und Jochen Knoblauch resümieren zwar über den
aktuellen Status des Anarchismus, diagnostizieren den
Anarchosyndikalismus und den Graswurzel-Anarchismus als die (in
Deutschland) noch bestehenden Spielarten und beharren ein weiteres Mal
auf der prinzipiellen Marxismus-Kritik. Zukunftsweisend können die
Ausführungen Degens und Knoblauchs zum einen nicht sein, weil ihre
Theoriegeschichte des Anarchismus mit der Entwicklung eines
?Neo-Anarchismus? rund um die 1968er-Generation endet und weil sie
zweitens, dabei diesem Lifestyle-Anarchismus aufsitzend, ihren Band
mit einer komplett falschen Bestandsaufnahme beenden, nämlich jener,
dass der antikapitalistische Kampf nicht der Kampf der
ArbeiterInnenklasse sein könne, ?weil sie inexistent ist? (Seite 197).
Mit einer solchen Position erübrigt sich jegliches antikapitalistische
Engagement und damit auch jegliches anarchistische.

Bleibt noch der ?Ziegelstein? Horst Stowassers. Und in der Tat besitzt
?Anarchie!? ein Abschlusskapitel ?Die Zukunft?. Horst Stowassers
praktisches Rezept ist die Kombination von Tradition und modernem
Anarchismus: der Anarchosyndikalismus als praktische, engagierte
Bewegung einerseits und der aus dem 1968er Neoanarchismus erwachsene
und von Stowasser selbst stark geförderte Projektanarchismus
andererseits. Beides ist mehr als plausibel, denn diese beiden
Methoden bieten eine praktische Perspektive über eine Jugendrebellion
hinaus. Stowasser ist aber auch der einzige in unserem kleinen
Rezensionskarussell, der auf aktuellere Theorien des Anarchismus (oder
mit diesem verbundenen) eingeht, indem er die Ansätze des
Postanarchismus und des Zapatismus mit einbezieht. In der ersten
Auflage der Einführung Degens und Knoblauchs war der Zapatismus (oder
Neo-Zapatismus, gemeint ist der Aufstand der EZLN seit 1994 in
Chiapas/Mexiko) noch kein Anarchismus, weil er als bewaffnete
Guerilla-Bewegung erschien: ?Die neue zapatistische Bewegung ist
genuin basisdemokratisch und libertär, ohne dezidiert anarchistisch zu
sein. Dazu ist sie z. B. zu sehr auf ihren ?Führer? Marcos zentriert
und militaristisch? (Seite 143).

Es lässt sich in der Tat trefflich darüber streiten, ob die Zapatist@s
anarchistisch seien oder nicht. In der Neuauflage des
theorie.org-Bandes soll dankenswerterweise ein von Jens Kastner
verfasstes Kapitel ?Ist der Zapatismus ein Anarchismus?? eingefügt
werden. Auch Kastner kommt zu dem Ergebnis, dass der Zapatismus kein
Anarchismus sei, da er sich selber eben nicht als solchen benenne. Das
angesprochene Problem ist das der Vereinnahmung durch die, wie
Stowasser sie nennt, ?wirklichen AnarchistInnen?. ?Natürliche
AnarchistInnen? im Sinne Stowassers wären die Zapatist@s in jedem
Fall, wie vermeintlich ?militaristisch? sie sich auch immer verhalten.
Allerdings sind Degen und Knoblauch auch damit einem Irrtum verfallen,
denn anders, als sie betonen, schwebt der Bundesstaat Chiapas/Mexiko
keineswegs ?zwischen der Repression der Armee und den
EZLN-Guerilla-Aktionen? (ebd.). Der erste Teil der Aussage ist noch
korrekt, das zapatistische Engagement aber besteht keineswegs in einem
bewaffneten Kampf, sondern im Aufbau kollektiver Gegenstrukturen weit
über die Grenzen des Bundesstaates hinaus.

Es ist andererseits müßig, darüber zu debattieren, ob der Zapatismus
ein Anarchismus ist oder nicht. Wichtig am Aufstand der EZLN in
Chiapas ist vielmehr, dass es sich um einen bisher erfolgreichen
Aufstand mit der Etablierung kollektiver Gegenstrukturen handelt. Der
bisherige Erfolg der EZLN stellt die Spanische Revolution insofern in
den Schatten, als dass er auf eine mittlerweile 13jährige
basisdemokratische Selbstverwaltung verweisen kann. Wenn der
Anarchismus jemals einen theoretischen Vorteil gegenüber dem
politischen Marxismus hatte, dann den, dass er sich aus der
praktischen Bewegung entwickelte. Relevant ist nicht, wie die
Zapatist@s sich nennen, sondern relevant ist, was die AnarchistInnen
von ihnen lernen können. Und das ist einiges, etwa das Prinzip, sich
nach den Langsamsten zu richten, die ?vielen Welten? (nennen wir es
Toleranz oder, mit den Worten eines Genossen, ?eingeschränkten
Pluralismus?) und, vor allen Dingen: das Prinzip des fragenden
Voranschreitens. Es gibt keine fertigen Antworten bei Bakunin,
Kropotkin oder sonst jemandem, sondern die neue Welt muss täglich neu
erfunden werden.

Zugegeben: Das alles ist den anarchistischen Ideen eigentlich nicht
neu, aber teilweise durch Dogmatismus in Vergessenheit geraten,
teilweise seit langem nicht praktisch ausprobiert worden. Und dass die
Theorieproduktion aus der Praxis heraus gewinnbringend ist, zeigt das
Beispiel der EZLN selbst: Diese ist 1984 als stramm
maoistisch-guevaristische Guerilla in den Lakandonischen Urwald
gezogen, um 1994 als Guerilla ganz neuen Typus aufzutreten.6 Neben
Subcomandante Marcos ist einer der interessantesten Theoretiker des
Zapatismus der aus dem offenen Marxismus kommende John Holloway. Breit
rezipiert wurde auch hierzulande sein Buch ?Die Welt verändern ohne
die Macht zu übernehmen? (Münster 2004), das schon durch seinen Titel
die Nähe zum Anarchismus beweist.7 Holloways theoretische
Interventionen sind der beste Beweis dafür, wie man durch praktische
Bewegungen zu einer Theorie kommen kann ? und nur so kann
anarchistische Theoriebildung funktionieren. Auch wenn diesbezüglich
der Praxis (und zwar nicht jener der ?wirklichen AnarchistInnen?,
sondern jener der Widerständigen im allgemeinen, die oftmals
keineswegs auch nur ?natürliche AnarchistInnen? sind) ganz im Sinne
Horst Stowassers der Vorrang gebührt, ist allgemein doch eine
Theorieabstinenz oder sogar -feindlichkeit in anarchistischen Kreisen
zu kritisieren, und diese basiert häufig auf Vorurteilen und Dogmen,
die ich in dieser ?Rezension? bereits benannt habe.

Die relevanten Desiderata des Anarchismus sind Ökonomie und
Staatskritik, auch die Gründe dafür habe ich benannt. Ein
ernstzunehmender Anarchismus heute muss sich, um die ökonomischen
Desiderata zu überwinden, mit der Kritik der politischen Ökonomie
beschäftigen, mit Marx also und mit jenen offenen MarxistInnen
verschiedener Schulen, die die Kritik der politischen Ökonomie anhand
des veränderten Kapitalismus weiter entwickelt haben. Als Anarchist
muss mensch unumwunden zugeben, dass die MarxistInnen immer die
bessere Wirtschaftsanalyse hatten.8

Die Staatskritik des Anarchismus ? seine vermeintliche Stärke ? ist,
wie erwähnt, eigentlich sogar noch desolater als die Kritik der
politischen Ökonomie. Hier sind es in der Tat die TheoretikerInnen der
so genannten Postmoderne, auf die zu rekurrieren wäre. Das Problem
anarchistischer Staatskritik ist, dass sie für die meisten Menschen
abstrakt bleibt, sie erscheint als eine Sammlung von Extrembeispielen,
die die ?Zivilgesellschaft? so nicht erfahren hat (die meisten
BürgerInnen und auch die meisten ProletarierInnen werden heutzutage
eher selten von Polizisten verprügelt ...). Die postmodernen
TheoretikerInnen dagegen greifen in ihren Studien Themen der Regierung
und des Staates auf, die im Alltag erfassbar sind ? wobei nicht zu
unterschätzen ist, dass diese Mechanismen zu einem großen Teil gar
nicht als störend empfunden werden. Diesbezüglich sind gerade die
Gouvernementalitätsstudien Michel Foucaults für anarchistische
Theorieproduktion unumgänglich, denn Foucault bietet unter anderem
einen Ansatz dafür, die neoliberalen Formen der ?Selbstregierung? zu
erklären. Poststrukturalistische TheoretikerInnen mögen nicht
unbedingt AnarchistInnen sein, aber die Fragestellungen sind sich sehr
ähnlich: Warum, um Himmels willen, lassen Menschen sich freiwillig
regieren? Auch der offene Marxismus hat hier Antworten parat, die den
Theorien des Poststrukturalismus entsprechen: Der Staat ist nicht
(nur) ein institutioneller ?Überbau?, sondern er ist ? ähnlich wie das
Klassenverhältnis ? ein Verhältnis, dass durch unsere Köpfe und Herzen
geht.

Als letztes ist unbedingt auf den Operaismus hinzuweisen: Der
?Arbeiterismus?, wie er frei übersetzt heißen würde, ist eigentlich
nahezu identisch mit den Ideen des Anarchosyndikalismus, nur dass er
längerfristige und größere Organisationen als Bedrohung einer
ArbeiterInnenautonomie empfindet (was teilweise verständlich ist,
teilweise aber auch zu einer bedrohlichen Organisationsfeindlichkeit
geführt hat) und zweitens der anarchistischen Ideologie nicht bedarf ?
wie es etwa auch bei der syndikalistischen Gewerkschaft IWW
(Industrial Workers of the World) der Fall war und ist. Die
Klassenfragmentierung, die die Autoren Degen/Knoblauch so sichtbar
irritiert, dass sie die ArbeiterInnenklasse für nicht mehr existent
halten, erklärt der Operaismus mit dem Begriff der
Klassenzusammensetzung, die eben wandelbar ist oder in Marx? Worten,
die Gesellschaft (das heißt die Klassenzusammensetzung) ist eben kein
fester Kristall (MEW 23). Der Operaismus ist fähig, durch einen
Erfahrungsansatz gesellschaftsverändernde Prozesse zu analysieren,
indem er im wahrsten Sinne des Wortes ?fragend voranschreitet?, durch
radikale ArbeiterInnenbefragungen. Für einen Anarchismus, der sowohl
revolutionär als auch reformistisch ist (da er die Veränderungen nicht
in irgendeine utopische Zukunft verlegt10), ist ein solcher
Erfahrungsaustausch unerlässlich.

Allerdings nicht in der Form, wie er von Martin Birkner und Robert
Foltin beschrieben wird11 und nicht in der Form des aus dem Ruder
gelaufenen Postoperaismus von Hardt und Negri. Birkner und Foltin
beschreiben den Operaismus so, als sei er die intellektuelle Idee
einiger revolutionärer Studierender und Parteiintellektueller gewesen,
die in die Fabriken gegangen sind ? das war er auch, aber er hätte
keine Bedeutung, wenn er nicht eine Bewegung in den Fabriken gewesen
wäre. Nur mit dieser intellektuellen Einstellung kann man zu der
Position gelangen, der so genannte ?Postoperaismus? sei die
konsequente Weiterentwicklung des operaistischen Denkens.

Negri und Hardt sind das beste Beispiel für einen linken
Theoretizismus, der den Kontakt zur Basis eigentlich verloren hat.
Daran ändern auch die aktivistischen Tute Bianche (?Weiße
Arbeitsanzüge/Overalls?) oder Disobbedienti (die Ungehorsamen) nichts,
denn sie haben ihre (lobenswerte) Praxis einer am Schreibtisch
entstandenen Theorie untergeordnet, die dem Linksradikalismus genehm
war, anstatt aus der alltäglichen Praxis eine adäquate Theorie zu
entwickeln. Das Problem Negris ist, immer noch nach dem kollektiven
revolutionären Subjekt zu suchen und zwar in dem überkommenen Sinne
eines bewussten Subjekts, das die Revolution machen will. Da er es in
der Arbeiterklasse nicht (mehr) finden konnte, fand er es erst in den
?gesellschaftlichen ArbeiterInnen? und später gemeinsam mit Michael
Hardt in der ?Multitude? ? auch wenn dies die ?Vielheit der
Widerstände? ist. Hardt und Negri geben sich postmodern und versuchen
dennoch etwas, was mit postmoderner Theorie eigentlich nicht möglich
ist: Eine große Erzählung mit einem revolutionären Subjekt, das zwar
hybrid ist, aber ein gemeinsames Ziel haben soll. Wie einige linke
Gruppen sich als neues Subjekt das ?Prekariat? erfunden haben, so die
beiden Theoretiker die heterogene ?Multitude?. Das Konzept fand
Anklang, weil es so einfach war, sich damit zu identifizieren: Jeder,
der dagegen ist, gehört dazu und ist damit revolutionäres Subjekt.12
Der Begriff der Multitude hat nur einen Vorteil. Er ist ein
Gegenbegriff zum nationalistischen ?Volk?, der besagt: Wir sind alle
verschieden.

Über das voluntaristische ?Wir gegen die? (oder ?Multitude gegen
Empire?) sollten die Anarchismen aber längst hinaus sein. Zwar ist der
Voluntarismus nach wie vor wichtig und notwendig für den Anarchismus
(?Es wird keine Revolution geben, bevor die Menschen nicht
einverstanden sind?), aber die eigentliche Frage ist nicht mehr ?Wer
will?? sondern ?Wer kann denn überhaupt?? Der Zweck heiligt weder die
Mittel, noch geht es um eine Übereinstimmung von Mittel und Zweck,
sondern ?der Weg ist das Ziel? ? die Mittel erst bestimmen den Zweck,
die Art, Fragen zu stellen, impliziert die Antworten.

Der Haken am ?Postoperaismus? ist die Unterschätzung der ökonomischen
und strukturellen ArbeiterInnenmacht: Auch die ?Multitude? ? die als
Ziel erstrebenswert ist ? hat nur dann die Möglichkeit zur sozialen
Revolution, wenn sie in ihrer Rolle als Proletariat agiert, denn nur
in dieser Rolle hat sie produktive Macht (und das ?Prekariat? ist
entsprechend höchstens als der Teil des Proletariats zu verstehen, der
wenig von dieser strukturellen Macht hat). Als ?Multitude? sind sie
nur die berühmte ?Zivilgesellschaft?, die in einen ?fordernden und
fördernden?, aber keinesfalls radikal gesellschaftsverändernden,
Dialog mit den Herrschenden treten kann. Die Konsequenz Negris und
Hardts passt dazu: Ihre politischen Forderungen nach einer
WeltbürgerInnenschaft und einem garantierten Grundeinkommen, die beide
sinnvoll sind, lassen sich nur im politischen Dialog erreichen, nicht
aber durch direkte eigene Aktionen einfach machen (was die
Hollowaysche kreative Macht [power-to-do] wäre). Systemimmanent sind
diese Forderungen durchaus sinnvoll, aber sie bleiben halt
Forderungen, die an Herrschende gestellt werden müssen. Dem Operaismus
? wie auch dem Anarchosyndikalismus ? entspricht diese Strategie nicht.

Abgesehen von Horst Stowasser, der den Blick in die Zukunft wagt, ist
dieser aktuelle Wandel anarchistischer Theorien (im wesentlichen kein
Wandel, sondern eine Pluralisierung) in den neusten Bänden zum Thema
?Anarchismus? nicht thematisiert. Es wird höchste Zeit, dass die
heutigen AnarchistInnen die entsprechenden Fragen stellen und eine
entsprechende Theorieproduktion betreiben. Ansonsten befördert er sich
selbst dahin, wo Lenin in einst hinwünschte: auf den Müllhaufen der
Geschichte.13 Die relevanten Stichworte kommen aus dem Marxismus, der
sich dankenswerterweise, zumindest soweit er noch irgendeine Relevanz
hat, geöffnet hat: Jeder sinnige Marxismus hat heutzutage
Grundgedanken des Anarchismus aufgenommen. Es ist an der Zeit, dass
der Anarchismus das seinige tut und einen ?open anarchism? (er)findet,
der in einen konstruktiven Dialog mündet. Mit John Holloway sollten
wir den Parteimarxismus belächeln und die historisch konstruierte
Barriere zwischen Anarchismus und Marxismus zukünftig ignorieren.
Tendenziell unterscheiden sich die (begrenzt) pluralistischen
Anarchismen und Marxismen dann nicht mehr.

Was der Papierproduktion des Anarchismus momentan gelingt, ist dem
offenen Marxismus nur zu wünschen. Denn letztendlich sind wir in der
historischen Situation, in der Marx und Bakunin endlich ihren Frieden
finden könnten. Die Zwistigkeiten zwischen den verfeindeten
Zwillingsbrüdern Anarchismus und Marxismus sind ? auch Dank dem Ende
des vermeintlich ?real existierenden Sozialismus? ? obsolet. Das
angebliche ?Ende der Geschichte? bietet die ? zeitverzögerte ? Chance
eines gemeinsamen Neuanfangs. In einem Punkt haben Michael Hardt und
Antonio Negri recht: Zum ersten Mal besteht die Möglichkeit des
Kommunismus (aber eben nur die Möglichkeit); nicht nur, weil der
globalisierte Kapitalismus an seine Grenzen stößt, sondern auch, weil
die ApologetInnen des Kommunismus auf einen Nenner kommen können. Das
ist kein Glück, sondern harte Arbeit. Aber das war der Kommunismus
schon immer.

E-Mail: torsten.bewernitz@uni-muenster.de

?Rezensierte? Literatur:

Borries, Achim von und Ingeborg Weber-Brandies (Hrsg.): Anarchismus.
Theorie, Kritik, Utopie. Verlag Graswurzelrevolution, Nettersheim
2007. 22,80 Euro.

Degen, Hans-Jürgen und Jochen Knoblauch: Anarchismus. Eine Einführung,
Schmetterling Verlag, Stuttgart 2006, 10 Euro.

Senft Gerhard (Hrsg.): Essenz der Anarchie. Die Parlamentarismuskritik
des libertären Sozialismus. Promedia, Wien 2006. 12,90 Euro.

Stowasser, Horst: Anarchie! Idee - Geschichte - Perspektiven, Edition
Nautilus, Hamburg 2007. 39,80 Euro.

1 z.B. Stalin, Josef: Anarchismus oder Sozialismus. Berlin 1951.

2 Pop, Paul: Rot-schwarze Flitterwochen, Marx und Kropotkin für das
21. Jahrhundert. Moers 2006.

3 Drücke, Bernd: Libertäre Parlamentarismuskritik. Essenz der
Anarchie? In: Graswurzelrevolution 312, Oktober 2006 (Beilage
?Libertäre Buchseiten?).

4 Vgl. dazu meinen Beitrag ?Klasse[n] von Gewicht. Probleme des
Klassenkampfes in der Postmoderne.? In Mümken, Jürgen: Anarchismus in
der Postmoderne. Beiträge zur anarchistischen Theorie und Praxis. Lich
2005. S. 63?92.

5 Ich verwende den Begriff der ?Autonomen? in Anführungsstrichen, weil
insbesondere im deutschsprachigen Bereich damit schwarz vermummte
Lifestyle-Linke assoziiert werden. Der Begriff entstammt der
italienischen ?Autonomia Operaia?, deren VertreterInnen heute als
?OperaistInnen? bekannt sind. Die Autonomen der 1980er Jahre hatten
damit schlichtweg nichts mehr zu tun. Im Gegenteil wurden die
ArbeiterInnen, die das Potential gehabt haben könnten, sich selbst zu
verwalten, zum prinzipiellen Gegner, da ihr Lifestyle als ?spießig?
empfunden wurde.

6 Subcomandante Marcos erzählt diesen Prozess gleichnishaft (und
kurzweilig) in den ?Geschichten vom alten Antonio?, die der Verlag
Assoziation A 2006 neu aufgelegt hat.

7 Als kürzere Einführung empfiehlt sich: Holloway, John: Die zwei
Zeiten der Revolution. Würde, Macht und die Politik der Zapatistas.
Übersetzt u. eingeleitet von Jens Kastner. Wien 2006.

8 Wobei das in der Praxis nur eingeschränkt gilt: Interessanterweise
waren durch ihre Staatsablehnung die AnarchistInnen immer diejenigen,
die konsequent einen ökonomischen Kampf einforderten anstatt eines
politischen ? die Praxis der Anarchismen (insbesondere des
Anarchosyndikalismus) ist viel näher an Marx als die Praxis der
politischen MarxistInnen. Für das Verständnis von Klasse ? abgesehen
von den OperaistInnen ? gilt ähnliches. Die Ablehnung Marx?scher
Theorie ist ein modernes Phänomen des ?Neo-Anarchismus?. Die
historische Ablehnung eines Marxismus durch AnarchistInnen betraf den
politischen Marxismus, den auch Karl Marx selber bekanntlich
kommentierte mit: ?Wenn das Marxismus ist, bin ich kein Marxist?. Die
Re-Lektüre der anarchistischen ?Klassiker?, die gerade mit dem Band
des Graswurzelverlags schön nachzuvollziehen ist, verdeutlicht das.

10 Rosa Luxemburg hat als erste darauf hingewiesen, dass der
vermeintliche Widerspruch Reformismus ? Revolution so bei Marx nicht
zu finden ist. Eine Bewegung für soziale Gerechtigkeit muss immer
beide Funktionen erfüllen, was sie zwar einerseits in Widersprüche
verstrickt, aber andererseits wäre sie ohne beide Aspekte
unglaubwürdig. In den Worten der FAU-Ortsgruppe Hamburg: ?Egal ob
soziale Revolution oder fünf Minuten Pause ? der Kampf ist derselbe!?

11 Vgl. Birkner, Martin und Robert Foltin: (Post)Operaismus. Von der
Arbeiterautonomie zur Multitude. Geschichte und Gegenwart, Theorie und
Praxis. Stuttgart 2006. (Reihe theorie.org).

12 In der Debatte um Karl Heinz Roths Text ?Die Wiederkehr der
Proletarität? wurde eine ähnliche Kritik laut. Roth hätte einfach alle
?Linken? ins Proletariat vereinnahmt und sie so wieder zum
?revolutionären Subjekt? gemacht. Vgl. Roth (Hrsg.): Die Wiederkehr
der Proletarität. Dokumentation einer Debatte. Stuttgart 1994. Diesen
zugestandenen Fehler vermeiden Hardt und Negri. Während Roth den
Linken (jenen, die ?wollen?), eine Rückkehr zu jenen, die ?können?
(dem Proletariat), zubilligt, definieren Hardt und Negri nur
diejenigen, die ?wollen?, ohne ökonomische Grundlage, als heterogenes
revolutionäres Subjekt. Vgl. zu dem Unterschied zwischen einem
Möglichkeits-, Notwendigkeits- und einem Verelendungskriterium Fußnote
4.

13 Klugscheißerfußnote: Lenin sagte erstens nicht Anarchismus, sondern
Linksradikalismus; und zweitens wünschte er ihn nicht dahin, sondern
meinte, er sei schon da.

Quelle: grundrisse , zeitschrift für linke theorie &depatte, wien

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