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Direkte Aktion 203: Ein Job wie jeder andere auch?

In den frühen 80er Jahren wurde Hydra e.V. mit dem Ziel ins Leben gerufen, für die Rechte von SexarbeiterInnen einzutreten. Direkte Aktion sprach mit Marion Detlefs.

Was als autonomer Zusammenschluss engagierter Frauen begann, wird heute mit öffentlichen Geldern finanziert. Zentrale Bereiche der Tätigkeit von Hydra e.V. sind Gesundheitsprävention, psychosoziale Betreuung und Rechtsberatung. Die Frauen von Hydra waren u.a. an der Ausarbeitung der Prostitutionsgesetze beteiligt, die 2002 in Kraft traten und Prostitution als Dienstleistung regeln. Seitdem ist z.B. die Schaffung eines angemessenen Arbeitsumfelds für sexuelle Dienstleistungen möglich.


Direkte Aktion: Ihr habt damals die Diskussion über Prostitution als Erwerbsarbeit mit angestoßen.

Marion Detlefs: Ja, zu Beginn haben die Gründerinnen propagiert, Prostitution sei ein Job wie jeder andere. Aus heutiger Sicht muss diese Aussage differenzierter betrachtet werden. Als Sozialarbeiterin und Psychoanalytikerin begegne ich in meiner Arbeit Frauen, denen gegenüber ich eine solche Aussage als zynisch empfinden würde. Diese Frauen sind so verletzt und enttäuscht. Die im Verein aktiven Frauen sind natürlich sehr engagiert und haben ein sehr großes Selbstwertgefühl, auch in Bezug auf ihre Tätigkeit als Prostituierte. Das sind Widersprüche, mit denen wir umgehen müssen. Die Möglichkeit, hier genauer hinzuschauen, haben wir uns durch die frühere Diskussion erkämpft. Heute kann ich über die Schattenseiten der Prostitution sprechen, ohne zu riskieren, dass Prostitution im Allgemeinen gleich abgelehnt wird. Ich bin nicht pro Prostitution, ich bin aber pro Prostituierte.

Die seit 2002 geltenden Prostitutionsgesetze sind auch ein Verdienst der Aktivitäten der Frauen von Hydra. Was hat sich dadurch konkret verändert?

Ein zentraler Punkt ist der Wegfall des Paragrafen Zuhälterei aus dem Strafgesetzbuch. Prostitution wurde bis dahin geduldet. Verboten war es, Gelder aus Dienstleistungen Dritter zu ziehen. So funktionieren aber die Bordelle. Das sind häufig von einzelnen angemietete Wohnungen, die für die Prostituierten einen praktikablen Arbeitsort darstellen. Die BetreiberInnen kümmern sich um Miete, Telefon etc. Sie schalten vor allem auch die Werbung – und tragen damit einen Teil des finanziellen Risikos. Dafür zahlen die Frauen dann ein Drittel bis zur Hälfte der Einnahmen. Die Schaffung eines solchen Arbeitsumfeldes war früher ein Straftatbestand.

Es gibt Stimmen, die das Prostitutionsgesetz vor allem als Möglichkeit für den Staat sehen, auch etwas von diesem Umsatz abzubekommen.

Ja, aber das ist ein Irrglaube, der auch im Gewerbe irgendwie wabert. Die Frauen verkennen, dass sie auch vor Inkrafttreten der Prostitutionsgesetze steuerpflichtig waren. Die Tätigkeit galt als sittenwidrig, die Frauen hatten überhaupt keine Rechte, aber sie waren steuerpflichtig.

Durch den Wegfall des Paragrafen Zuhälterei können prinzipiell sozialversicherungspflichtige Angestelltenverhältnisse eingegangen werden.

Mir ist keine einzige Frau bekannt, die als Prostituierte einen solchen Arbeitsvertrag hat. Es gab Versuche, Beispielverträge zu formulieren, dabei fehlt es aber an Ausführungsvorschriften. Wie kann ich als Betreiberin der Prostituierten vorschreiben, welche Praktiken sie anbieten muss, welche Männer sie bedienen muss? Da gibt es eine relativ starke Unsicherheit, was so ein Arbeitsvertrag enthalten soll. Hier zeigt sich, dass Prostitution eben kein Job wie jeder andere ist.

Die Prostituierten arbeiten also selbständig?

Ja. Sie zahlen Steuern und versichern sich selbst. Problematisch ist der Umstand, dass für die Steuererklärung der Name an die Bordellbetreiberin herausgegeben werden muss. Das macht die Frauen erpressbar. Dem kommt gut drei Jahren das Düsseldorfer Verfahren entgegen. Hier wird eine Vorabpauschale abgeführt. Durch ein Pseudonym im Dokumentationssystem bleiben die Frauen anonym.

Das Problem ist hier die Höhe der Vorabpauschale von 30 Euro pro Schicht. Das ist ein totaler Hammer, weil davon ausgegangen wird, dass die Frauen am Tag Nettoeinnahmen in Höhe von 120 Euro erzielen. Derzeitig liegt der Durchschnitt, nach Abzügen, aber bei 30 Euro pro Tag und Schicht.

Das ist extrem prekär.

Dass die Menschen immer weniger Geld zur Verfügung haben, wirkt sich sehr empfindlich auf das Prostitutionsgewerbe aus. So drehen die Freier jeden Cent zweimal um, andererseits steigen immer mehr Frauen in die Prostitution ein. Der immer kleiner werdende Kuchen muss auf immer mehr Frauen verteilt werden. Und das macht natürlich immens erpressbar. Zum einen in Bezug auf den Preis für die sexuelle Dienstleistung, hier entstehen dann solche menschenentwertende Angebote wie Happy Hour, 100% Leistung, 50% Preis, Quickie für 5 Euro. Ein enormes Problem wird hier zunehmend auch die Durchsetzbarkeit von Kondomen.

Aktion zum Internationalen Tag gegen die Gewalt gegen SexarbeiterInnen am 17. Dezember 2010 in San Francisco

Aktion zum Internationalen Tag gegen die Gewalt gegen SexarbeiterInnen am 17. Dezember 2010 in San Francisco
Gibt es Möglichkeiten, diesen Entwicklungen entgegenzuwirken?

Gerade in Bezug auf die Lohnspirale haben wir wenig Wirkmacht. Zum Thema Durchsetzen von Kondomen haben wir eine Gesundheitsmappe entwickelt, leisten Aufklärungsarbeit, gehen mit Kondomen ausgestattet in die Bordelle.

Eine Prostituierte aus Sydney hat uns einmal sehr plastisch beschrieben, wie dort die Sexarbeiterinnen die Männer, bevor es zur sexuellen Dienstleistung kommt, untersuchen. Wir fanden das hier überhaupt nicht adaptierbar, viele Krankheiten und Infektionen sind äußerlich gar nicht sichtbar. Es erschien uns aber dennoch als ein respektvoller Umgang und ist ein Vorgang des Bewusstwerdens: Was lass ich da in mich eindringen?

Richtet sich die Aufklärungsarbeit ausschließlich an die Frauen?

Wir haben uns lange nur an Frauen gewendet. Dabei haben wir festgestellt, dass sie Kondome benutzen wollen, es aber nicht durchsetzen können. Es wurde die AG Gesunder Kunde ins Leben gerufen. Die Frauen gehen teilweise sehr öffentlichkeitswirksam mit Ganzkörperkondomen bekleidet zu Veranstaltungen, wo viele männliche Besucher erwartet werden. Die sind sehr interessiert und nehmen gerne das Informationsmaterial, natürlich nicht für sich selbst, sondern für Freunde und Bekannte.

Bei Ver.di arbeitet Emilija Mitrovic seit einigen Jahren zum „Arbeitsplatz Prostitution“. Andere Initiativen, wie z.B. der Hurenverband S.E.X., haben nur kurze Zeit existiert. Was ist der Grund dafür, dass sich gerade autonome Strukturen so schnell wieder auflösen?

Mangelnde Kapazitäten – gerade in der Prostitution gibt es noch viel weniger Menschen, die sich aktiv zusammenschließen. Ein wichtiger Grund ist hier vermutlich ein sehr wirkmächtiger Spaltungsmechanismus von Job und Privatleben. Im Job passieren keine Gefühle und im Privatleben liebt man den Partner. Und auch die engagierten Frauen kommen da an ihre Grenzen. Die müssen ja nebenher auch noch Geld verdienen.

Häufig wird der Kampf gegen Zwangsprostitution und Menschenhandel ins Feld geführt, wenn es darum geht, Gesetze wieder zu verschärfen. In diese Richtung geht auch eine Stellungnahme der Innenministerkonferenz.

Insgesamt erleben wir derzeitig eine rückläufige Bewegung. Immer wieder geht es darum, dem Thema Menschenhandel mehr Rechnung tragen, was ja auch sehr wichtig ist. Nur mündet das dann häufig im Ruf nach stärkeren Sanktionen und Strafen.

Interview: Linde Müller

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