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Die Revolution ist jetzt - Der israelische Aktivist Uri Gordon über die Gegenwart des Anarchismus

Vor einem Jahr publizierte die Jerusalem Post eine Kritik an der israelischen Gruppe Anarchists against the Wall (AATW), die gemeinsam mit PalästinenserInnen gegen den Bau des Trennungsmauer kämpft: Via Unterstützung des "palästinensischen Kriegs gegen Israel" beförderten AATW ein faschistisches "Hamastan". Dem hielt der AATW-Aktivist Uri Gordon entgegen, es gehe der Gruppe um eine "Praxis des Desertierens, Verweigerns, der Sabotage und des Angriffs gegen jede gewalttätige Autorität, jede Machtausübung durch Zwang und jeden Staat". Anarchie eben, und dazu hat Gordon nun ein Buch publiziert: "Anarchy Alive! Anti-Authoritarian Politics from Practice to Theory".

Er selbst engagierte sich in den letzten Jahren u.a. bei Dissent! in
Großbritannien sowie bei Peoples' Global Action und eben AATW. Seine
Fragen zu einer zeitgemäßen anarchistischen Theoriebildung leitet er aus
seiner politischen Praxis ab, wobei ihn vor allem Probleme und
ideologische Dilemmata innerhalb der Bewegung interessieren. Er greift das
Phänomen des "neuen Anarchismus" auf, dessen breites ideologisches
Spektrum jüngst von Gabriel Kuhn in ",Neuer Anarchismus` in den USA.
Seattle und die Folgen" dokumentiert wurde. Gordon geht jedoch noch einen
Schritt weiter: Er will Anarchismus als "politische Kultur" der Gegenwart
verstanden wissen.

Damit meint er nicht nur Gruppen mit explizit anarchistischer Ideologie,
sondern einen Großteil der globalisierungskritischen Bewegung. Deren
unorthodoxe Ideologie und heterogene Praxis bezeichnet er als "neue
Schule" des Anarchismus, die sich weitgehend vom traditionellen
Anarchismus gelöst habe. Vielmehr sei sie von radikalen sozialen
Bewegungen seit den 1960er Jahren und einer postkolonialen Gegenwart
geprägt. Gordon hält es für gerechtfertigt, von einer "anarchistischen
Bewegung" zu sprechen, denn die gegenwärtige antiautoritäre Linke zeichne
sich durch genuin anarchistische Elemente aus.

So betont er mit Blick auf Organisationsformen und Mobilisierung, dass man
sich zwar in kooperierenden Netzwerken mit gemeinsamen Zielen koordiniere,
die jeweiligen Inhalte jedoch autonom und dezentral umsetze. Gemäß dem
anarchistischen Paradigma von einer "Propaganda der Tat" habe dabei die
Praxis einen hohen Stellenwert - als "direkte Aktion" nach außen und mit
der Schaffung von egalitären Strukturen nach innen. Durch selbst erkämpfte
Freiräume und kreative Gegenkulturen setze man Kapitalismus und Herrschaft
nicht nur Symbole entgegen, sondern auch eine konstruktive "präfigurative
Politik" - die Revolution im Hier und Jetzt.

In vier Kapiteln diskutiert Gordon Probleme anarchistischer Praxis:
Bestehende Machtstrukturen und mangelnde Transparenz innerhalb der eigenen
Strukturen, die Gewaltfrage im politischen Kampf, anarchistische
Technologiepolitik und - am Beispiel Palästina/Israel - die paradoxe
Zusammenarbeit mit einer nationalen Befreiungsbewegung.
Der Anarchismus der GlobalisierungskritikerInnen

Interessant ist vor allem das Kapitel über Technologiepolitik. Gordon
argumentiert, dass eine konsequent anarchistische Politik, der es um eine
Dezentralisierung und Enthierarchisierung menschlicher Gesellschaften
geht, sich teilweise von gegenwärtigen Technologien verabschieden müsse.
Diese gelten ihm nicht nur als Produkt gegenwärtiger Wirtschafts- und
Gesellschaftsordnung, sondern eben auch als Mittel zu deren Reproduktion.

Hier macht sich bemerkbar, dass Gordon ursprünglich aus der Umweltbewegung
kommt. Technologiekritik und ökologisches Bewusstsein haben jedoch auch im
Anarchismus durchaus Tradition. Der russische Anarchist Pjotr Kropotkin
wies bereits Ende des 19. Jahrhunderts auf die Grenzen des Wachstums hin.
In den 1950er Jahren wurde der US-amerikanische Anarchist Murray Bookchin
zu einem der Vordenker der Ökobewegung. Gordon selbst bekennt zwar seine
Affinität zu Positionen des Anarchoprimitivismus, der eine "Rückkehr" zu
einer Jäger- und Sammlergesellschaft propagiert. Seine
Technologiediskussion jedoch löst er explizit von anarchoprimitivistischen
Diskursen, und auch sonst ist von reaktionärer Zivilisationskritik nichts
zu spüren.

Umso mehr überrascht Gordons Vision einer Lösung des Palästinakonflikts.
In seiner ansonsten informativen Analyse des gespannten Verhältnisses
zwischen israelischem Anarchismus und palästinensischem Nationalismus
schlägt er für eine postnationale Zukunft das Modell des
"Bioregionalismus" vor: Lokale Bevölkerungen leben in selbst verwalteten
Zonen zusammen, die laut Gordon "nicht ethnisch oder politisch" definiert
würden, sondern basierend auf den "natürlichen und kulturellen
Eigenschaften" einer jeweiligen Region.

Dass solche Eigenschaften keineswegs von der Natur vorgegeben sind,
sondern von Menschen festgelegt würden, die ebenfalls bestimmen würden,
wer in jeweiligen Zonen leben soll und wer nicht, bleibt dabei unbedacht.
Ein weiteres Problem ist der dem real existierenden Bioregionalismus
inhärente antihumanistische Biozentrismus. So plädieren
BioregionalistInnen in den USA aus Umweltschutzgründen für einen
Einwanderungsstopp. In Deutschland schließlich wurde der Bioregionalismus
primär von der Neuen Rechten rezepiert, die darin Ansatzpunkte für ihren
völkischen Ethnopluralismus und eine "neotribale Identitätsstiftung"
entdeckte.
Anarchistische Technologiekritik

Gegen Kapitalismus und Herrschaft zu sein ist nicht per se
emanzipatorisch. Gerade die Heterogenität und ideologische Offenheit der
globalisierungskritischen Bewegung macht sie anfällig für jegliche Art von
Querfrontverbindungen wie z.B. den "Nationalanarchismus". Ein gut
gelaunter Antiautoritarismus und der Versuch, die eigene Utopie hier und
heute zu verwirklichen sind vielleicht sympathischer als strikte
Parteilinien und theoretische Grabenkämpfe. Dennoch hätte Gordons
ansonsten lesenswertes Buch davon profitiert, wenn er auch die
reaktionären Potentiale der gegenwärtigen "anarchistischen Bewegung"
beleuchtet hätte.

Cornelia Siebeck

Gordon, Uri: Anarchy Alive! Anti-Authoritarian Politics from Practice to
Theory. Pluto Press, London 2008. 192 Seiten, 21,99 EUR.

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