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Paris 19.08.1944 - Die Division Leclerc – Oder: Wie spanische Anarchosyndikalisten Paris befreiten

Am 19. August 1944 begann der bewaffnete Aufstand gegen die Nazi-Besatzung in Paris. Aus diesem Anlaß veröffentlichen wir den folgenden Artikel über die Rolle der spanischen Anarchosyndikalisten bei der Befreiung der französischen Hauptstadt. Wir danken dem Verfasser J.S. für die freundliche Zurverfügungstellung dieses erhellenden Beitrages.

Spanische Soldaten der Kompanie »Nueve« auf dem»Guadaljara« kurz nach der Befreiung von Paris.

Algerische Südostfront, nördliche Kampfgruppe, Nr.93 D/31 M’Dilla, 12. April 1943. Auszug aus dem Befehl Nr.38

Oberst Dumay de Garenne, Kommandeur der nördlichen Gruppe der südöstlichen algerischen Front, erklärt:

Abenza, Jesus, Legionär der 3. R. I. Elite Minenräum-Pioniere, hat sich am 7. April 1943 hervorragend beim Vormarsch auf Foum-el-Asker ausgezeichnet, indem er den Kampfpanzern eine Schneise durch zahlreiche Minenfelder bahnte und dabei großen Mut und völlige Mißachtung der Gefahr bewies. (…)“

Am Ende des spanischen Bürgerkrieges befand sich Jesus Abenza an der Madrid-Front und konnte erst 1941 Frankreich erreichen. Er wurde in Perpignan verhaftet und erhielt einen Monat Haft wegen illegalem Grenzübertritt. Er saß in Argeles und wurde von dort nach Algerien deportiert.

M3-Halbkettenfahrzeug »Guadaljara«am 25. August 1944 vor dem Hótel de Ville, Paris.

„Dort entschied ich mich, in das französische Afrika-Korps einzutreten, in dem ich die gesamten Tunesischen Feldzug mitmachte. Dann ging ich zur »Tschad-Marsch-Brigade« [Brigade du Marche du Tchad], die später zum »Tschad-Marsch-Regiment« [Régiment du Marche du Tchad] wurde, und die in allen Schlachten gegen Rommels Truppen in Afrika Ruhm erlangte. Nach dem Ende des afrikanischen Krieges blieb ich bei den Truppen des »Freien Frankreich«. Wir verließen Casablanca am 4. April 1944 und landeten am 22. in Swansea. Nach einem Aufenthalt in mehreren militärischen Ausbildungslagern bestiegen wir am 31. Juli ein »Liberty-Schiff« Richtung Normandie. Nachdem ich von General [Philippe] Leclerc zum Unteroffizier ernannt worden war, kämpfte ich mit Auszeichnungen (die mir nichts bedeuteten) in Frankreich und Deutschland. Vor der Besetzung von Paris ließ General Leclerc die 9. Kompanie, praktisch alles Spanier und CNT-Mitglieder, antreten und hielt folgende Rede:

Soldaten des »Freien Frankreich« und ausländische Kämpfer für die Freiheit Frankreichs! Unsere Division, die sich in tausenden von Gefechten mit Ruhm bedeckt hat, wird die erste sein, die Paris betritt. Weil ich weiß, daß Ihr nicht zurückweichen werdet und die Ehre der Division und der Armee des »Freien Frankreich« hochhaltet, gebe ich Euch (der 9. Kompanie der Ausländischen Freiwilligen) den Befehl, an der Spitze der Streitkräfte zu marschieren und die ersten zu sein, die Paris befreien.’

Wappen der 2. gepanzerten Division.

So geschah es. Wir waren die ersten, die Paris betraten. Für die erste Kanone, die auf dem Place de l’Hotel de Ville aufgestellt wurde, war ich verantwortlich. Wir nannten sie »El Abuelo« (Großvater). Die Panzer und Panzerwagen hießen »Ascaso«, »Durruti«, »Casas Viejas« und »Teruel« … und vorneweg ließen wir, mit Genehmigung des Kommandanten, die Fahnen der spanischen Republik flattern.“ (Aussage von Jesus Abenza)

In der 2. gepanzerten Division Leclerc (2e DB) bildeten die Spanier ganze Kompanien, die zusammengerechnet ein ganzes Bataillon ergaben, das »3. Tschad-Marschregiment«. Bemerkenswert war die 9. Kompanie, »La Nueve«, wie die Genossen sie nannten, die fast vollständig aus Mitgliedern der CNT-FAI bestand.

„Der spanische Anteil in der Einheit Leclerc war so bedeutend, daß General Leclerc … die Fahne der Spanischen Republik grüßte, die sie trugen. Dies geschah im August 1943 in der Nähe von Djidjelli. Diese Kompanie bestand gänzlich aus Spaniern, einschließlich der Offiziere. In anderen Kompanien gab es rund 60% Spanier. (…) Wir landeten in Frankreich vom 1. bis 3. August 1944 in der Normandie. Dort fielen viele von uns, besonders bei der berüchtigten Einkesselung in der ‘Falaise-Tasche’. (…) Beim Echouche-Friedhof (Normandie) fiel eine große Anzahl spanischer Flüchtlinge bei heftigen Kämpfen. (…) Die ersten Panzer, die [in Paris] eintrafen, trugen spanische Namen. Die Soldaten des »Freien Frankreich« hielten uns für Amerikaner, weil wir so schlecht französisch sprachen. Wir sagten: ‘Wir sind keine Amerikaner, wir sind keine Engländer, wir sind Spanier und Flüchtlinge‘. (…)“ (Aussage von V. Echegaray)

Die Odyssee der »2eme DB« endete nicht in Paris, sondern setzte sich in den Feldzügen im Elsaß und in Lothringen fort. Die 9. zeichnete sich im Departement Moselle aus, bei der Befreiung Straßburgs am 23 September, und dann in den Schlachten in Deutschland, wobei sie das (von den Amerikanern befreite) Konzentrationslager Dachau passierte; die Einnahme von Hitlers »Adlerhorst« in Berchtesgaden, den die Spanier als erste besetzten, war schließlich die Endstation.

Die massive Präsenz libertärer Kämpfer in der »2eme DB« und besonders in der 9. Kompanie läßt sich leicht erklären, wenn man in Rechnung stellt, daß für viele von ihnen klar war, daß nach der Befreiung Frankreichs natürlich Spanien dran käme.

Genosse Manuel Lozano, der von Leclerc das Militär-Kreuz erhalten hatte, erklärt: „Wir traten in Leclercs Division ein, weil wir dachten, daß wir nach Frankreich Spanien befreien könnten. In meiner Kompanie, »La Nueve«, waren wir alle bereit, mit der gesamten Ausrüstung zu desertieren. Campos, der Kommandeur der 3. Abteilung, stand in Kontakt mit den Guerrilleros der »Union Nationale«, die in den Pyrenäen kämpften. Aber die »Union Nationale« war mit Kommunisten durchsetzt, und wir mußten sie ablehnen. (…)

Waren die Kommunisten nicht vorherrschend gewesen, hätte sich die Kompanie ihnen angeschlossen, und nicht nur die Kompanie, sondern alle anderen Batallione mit spanischen Flüchtlingen. Wir hatten alles schon ausgearbeitet. Die Lastwagen voller Ausrüstung, Benzin – damit wären wir bis Barcelona gekommen. Und dann, wer weiß, ob die Geschichte Spaniens nicht anders verlaufen wäre … Die Fortsetzung des Kampfes in Spanien immer vor Augen organisierten die Genossen von »La Nueve« auf den Schlachtfeldern systematisch Waffen. Zwei Halbkettenfahrzeuge wurden zu diesem Zweck benutzt, und die ergatterten Waffen wurden teilweise in einer kleinen Werkstatt gelagert, die Manuel Fernandez, ein älterer Aktivist der Waldarbeiter-Gewerkschaft, in der Nähe von Montpellier aufgemacht hatte; damit wurden Kampfgruppen ausgerüstet, die zu dieser Zeit nach Spanien einsickerten.“

Abschließend muß noch festgehalten werden, daß die offizielle Geschichtsschreibung über die Rolle der Spanier in der Resistance im allgemeinen und Leclercs Armee im besonderen merkwürdig schweigsam ist. 1946 leugnete Adrien Dansette die Anwesenheit der Spanier und behauptete, sie seien Marokkaner! In den Werken von Lapierre, Collins oder Michel gibt es durchweg keine Hinweise auf die Spanier. Und selbst Capitain [Hauptmann] Raymond Dronne, einst Kommandant der 9. Kompanie, erwähnt sie kaum in seinem Buch über das befreite Paris – während er in seinem Feldzugstagebuch (wiedergegeben auf spanisch, aber unseres Wissens nicht auf französisch veröffentlicht) sich regelmäßig, und oft voller Emotionen, der Kämpfer erinnert, die hauptsächlich aus der CNT-FAI kamen. Ist dieses Schweigen gewollt, oder ist es Zufall? Auf jeden Fall ist die Teilnahme von Ausländern – seien es spanische oder deutsche Antifaschisten, polnische Flüchtlinge, jüdische Kämpfer, algerische, kanakische oder senegalesische Infanterie – am Kampf für die Befreiung [Frankreichs von den Nazis] systematisch verkleinert worden, wenn sie nicht schlicht und einfach getilgt wurde, um ein Bild der Franzosen zu schaffen, die sich selbst befreit haben – eine Theorie, die sehr leicht die Etablierung eines außerordentlich breiten nationalen Konsenses erlaubt und das Ausmaß der Kollaboration mit den erobernden Nazis übertüncht.

[Leicht gekürzt aus: »Black Flag«, London, No. 198, Mai 1990. Übersetzung: M.B. & J.S.; der Text dürfte ursprünglich in einer französischen Zeitschrift erschienen sein, es fehlt leider eine Quellenangabe]

weitere Informationen (auf Englisch) finden sich bei

»Mémorial de Coudehard – Montormel«

http://www.memorial-montormel.org/?id=172

Erläuterungen

Ascaso, Francisco (1901 – 1936): Kellner; seinerzeit sehr bekannter CNT-FAI-Aktivist; fiel am 19. Juli 1936 in Barcelona bei der Erstürmung der Atarazanas-Kaserne.

Casas Viejas: kleiner Ort in Andalusien; im Januar 1933 schlugen dort Regierungstruppen eine unblutige Revolte anarchistischer Landarbeiter barbarisch nieder. 30 Menschen verbrannten bei lebendigem Leibe in ihren Häusern. Der staatlich veranlaßte Mord führte zum Sturz der Regierung Manuel Azaña.

CNT: Confederación Nacional del Trabajo; anarchosyndikalistischer spanischer Gewerkschaftsbund, gegründet 1910.

Durruti, Buenaventura, (1896 – 1936): Schlosser und Monteur; schon zu Lebzeiten legendärer CNT-FAI-Aktivist; starb am 20. November 1936 bei der Verteidigung von Madrid unter nicht ganz geklärten Umständen – wahrscheinlich ein Unfall. Siehe: Hans Magnus Enzensberger, Der kurze Sommer der Anarchie. Buenaventura Durrutis Leben und Tod [1972], Frankfurt/M 1977 (suhrkamp-tb 395) – Nachtrag 2011: Abel Paz, Durrutti. Leben und Tod des Anarchisten [1978], Hamburg 1994 [Edition Nautilus]

FAI: Federación Anarquista Ibèrica, Iberische Anarchistische Föderation; gegründet 1927, sehr eng mit der CNT verbunden.

Teruel: spanische Stadt; 1936 von den Putsch-Generälen erobert; an der Teruel-Front kämpfte während des spanischen Bürgerkrieges die »Eiserne Kolonne«, neben der »Columna Durruti« die berühmteste Milizeinheit der CNT-FAI.

[J.S.zuerst erschienen in: »direkte aktion«. Anarchosyndikalistische Zeitung, Nr. 82 (Juli/August 1990), S. 12 (stilistisch etwas überarbeitet)

im Text erwähnte Literatur:

Michael Collins/Dominique Lapierre, Brennt Paris? [1965] München 2002 (Ullstein TB 25506)

Adrien Dansette, Histoire de la libération de Paris. Préface de Henri Amouroux, Paris 1994 (Perrin)

Raymond Dronne, La Libération de Paris, Paris 1970, (éd. Presses de la cité)

Raymond Dronne, Carnets de route d’un croisé de la France Libre, Paris 1984 (éd. France Empire)

Raymond Dronne, Carnets de route, tome II – L’hallali: de Paris à Berchtesgaden, août 1944 – mai 1945, Paris 1985 (éd. France Empire)

Henri Michel, La liberation de Paris: 1944, Brüssel 1990 (éd. Complexe)



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