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Bye, bye, Mondostar!

Die philippinischen Arbeiterinnen in Sibiu kündigen ihren Arbeitsvertrag mit der rumänischen Textilfirma und kehren nach Manila zurück

Die Entscheidung ist ihnen nicht leicht gefallen. Die ursprünglich 95 philippinischen Textilarbeiterinnen, die im Mai 2008 nach Rumänien gekommen waren, um bei der Firma Mondostar als Näherinnen zu arbeiten, haben einiges versucht, um ihrem Arbeitgeber den vertraglich ausgehandelten Lohn abzutrotzen, doch vergebens. Schließlich bleibt ihnen nur noch die Möglichkeit, aus dem Arbeitsverhältnis auszusteigen und nach Manila zurück zu kehren, wo sie ein Berg Schulden und eine ungewisse Zukunft erwartet.*

“Wir haben kein Vertrauen mehr, dass sich hier wirklich noch etwas ändert.” erzählt Joanne**, als sie Anfang September den Entschluss fasst, zusammen mit weiteren 77 Kolleginnen die Kündigung zu unterschreiben. “Das wird nicht einfach für uns, zurück zu gehen. Viele von uns haben große Hoffnungen darauf gesetzt, in einem europäischen Land arbeiten zu können.” Doch wenn sie unter den gegebenen Bedingungen bei Mondostar bleiben, wären sie auch nach einem Jahr nicht in der Lage, von ihrem Lohn die Kredite (und Zinsen) abzuzahlen, die sie wegen der hohen Vermittlungsgebühren in Manila aufgenommen hatten. Das Geld reicht nicht mal, um ihre Angehörigen zu Hause zu unterstützen. “Wir verlieren nur Zeit hier”, fügt Joanne enttäuscht hinzu.

Zwei unterschiedliche Arbeitsverträge

Wir sitzen auf der Piata Mare im Zentrum von Sibiu. Im Wohnheim, wo sie sich zu acht auf engstem Raum ein Zimmer teilen müssen, halten es die Frauen nicht lange aus. Sie müssen raus, gehen spazieren oder ins Internetcafe. Seitdem sie sich weigern, Überstunden zu machen, haben sie mehr Zeit dazu.

Miranda, eine Kollegin von Joanne, hat ihre beiden Arbeitsverträge mitgebracht. Wir wollen sie gemeinsam, Paragraph für Paragraph, durchgehen und vergleichen. Wir suchen einen abgeschiedenen Platz, wo uns niemand leicht beobachten kann. Die Frauen sind in dieser Hinsicht vorsichtig geworden, denn die Firmenleitung hat mehrmals versucht, ihnen außerhalb der Fabrik nachzuspionieren. Erst vor ein paar Wochen hatte sich eine Verwaltungsangestellte von Mondostar in einem Cafe an den Nachbartisch gesetzt, als sich Miranda mit zwei Touristen unterhielt. “Sie wollen die Kontrolle über uns behalten. Sie wollen wissen, mit wem wir uns in unserer Freizeit treffen und worüber wir reden. Sie haben Angst, dass wir etwas über die Firma und unsere Arbeitsbedingungen erzählen.”

Der erste Vertrag, den die Arbeiterinnen mit der Vermittlungsagentur Eastwind International in Manila unterzeichneten, ist in Englisch verfasst. Er sichert ihnen einen Basislohn von 400 US-Dollar, den doppelten Stundenlohn für Überstunden und freie Verpflegung und Unterkunft zu. Nur unter diesen Bedingungen und in Erwartung eines monatlichen Einkommens von insgesamt 600 bis 800 US-Dollar haben die Frauen das Risiko auf sich genommen und sich für die anfallenden Vermittlungsgebühren und Reisekosten – pro Arbeiterin 2 500 US-Dollar – verschuldet.

In Sibiu angekommen, wurde ihnen ein zweiter Vertrag vorgelegt. Dieser ist in Englisch und Rumänisch verfasst. Miranda, deren Muttersprache Tagalog ist, hat bis heute nicht alle Klauseln des Vertrages verstanden. “Wir wurden gedrängt, möglichst schnell zu unterschreiben. Wir durften keine Fragen stellen.” Dieser mit Mondostar direkt abgeschlossene Vertrag beinhaltet ebenfalls alle oben genannten Lohnvereinbarungen. Doch er hat etliche Zusatzklauseln, die der Firmenleitung schließlich ermöglichten, den Lohn zu drücken und den Arbeiterinnen ein Maximum an Leistung abzupressen: Laut Vertrag ist eine 30-tägige unbezahlte Probezeit vorgesehen, obwohl die philippinischen Frauen qualifizierte Näherinnen sind. Die Abzüge für Kost und Logie sind auf monatlich 70 US-Dollar festgelegt. Außerdem wird dem Arbeitgeber eingeräumt, die Produktionsnorm betriebsintern zu bestimmen. Wenn nicht nach Stunden (sondern nach Leistung) gezahlt wird, soll der Lohn nicht unter 250 US-Dollar liegen.

Miranda zeigt noch ein weiteres Dokument. Es ist das Beschwerdeschreiben, dass einige von ihnen verfasst hatten, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen. In den ersten beiden Monaten arbeiteten sie jeweils 80 Stunden über die reguläre Arbeitszeit hinaus, bekamen für diese Überstunden aber kein Geld. Stattdessen lag ihr monatlicher Lohn bei 235 US-Dollar. Die Firmenleitung hatte eine absurd hohe Produktionsnorm festgelegt, um die Arbeiterinnen zu mehr Leistung anzutreiben. Als eine Arbeiterin wegen Überarbeitung einen Kreislaufzusammenbruch hatte, sagte die Firmeninhaberin nur: “Das geht mich nichts an.” Wegen des schlechten Essens, das fade und oft nicht richtig durchgekocht war, hatten die meisten Arbeiterinnen massive Gewichtsverluste und zu wenig Kraft. In Auseinandersetzungen mit der Firmenleitung kamen die Frauen nicht zu Wort. “Uns wird häufig gedroht und wir werden wie Sklaven behandelt, für 'dumm' erklärt und gedemütigt. Wir leben hier unter permanenten Stress und unsere Würde wird verletzt.”

Unerreichbare Quoten und noch weniger Lohn

Die Arbeiterinnen brachten mit ihrer Beschwerde, dem Überstundenboykott und dem Ultimatum, dass sie der Firmenleitung bis Mitte August stellten, einiges ins Rollen. Zunächst verhängte die philippinische Botschaft in Bukarest ein Einstellungsstopp für Mondostar. Ein harter Rückschlag für die Firma, die mit weiteren 180 philippinischen Arbeiterinnen gerechnet hatte. Auch das Inspectorat Teritorial de Munca, kurz ITM genannt, eine staatliche Behörde in Rumänien, die für die Überwachung arbeitsrechtlicher Bestimmungen zuständig ist, wurde in den Fall eingeschaltet. Doch diese fand nach eigener Stellungnahme bei den daraufhin durchgeführten Kontrollen keine Verstöße gegen das Arbeitsgesetz. In einer Pressekonferenz des ITM Sibiu Anfang Oktober erklärt Chefinspektor Francisc Torok, er könne keinen ernsthaften Grund für die Kündigung durch die Philippinas erkennen. Mondostar hätte ihnen gute Arbeitsbedingungen geboten. “Wir haben insgesamt vier Kontrollen durchgeführt. Die einzige Beschwerde, die von seiten der Philippinas aufkam, war die gegen die Nicht-Bezahlung der Überstunden. Dieser Punkt wurde aber geklärt.”

Bis heute haben die Arbeiterinnen keinen Lohn für ihre Überstunden erhalten.

Die Firmenleitung wurde noch unverschämter. Sie kündigte sechs Frauen umgehend wegen “mangelnder Disziplin”, darunter den vier von den Arbeiterinnen ernannten Sprecherinnen, die in dem Konflikt mit der Firma besonders aktiv waren. Als Begründung für die niedrigen Löhne wurde den Frauen erklärt, sie würden die Produktionsnorm nicht erfüllen und müssten deshalb “nachsitzen”. Auch die für die rumänischen Beschäftigten von Mondostar zuständige Gewerkschaftsführerin stellte sich auf die Seite der Firmenleitung: “Die Philippinas sind nicht so schnell wie wir. Sie wollen gerne Überstunden arbeiten und diese bezahlt bekommen, aber das geht nur, wenn sie die entsprechende Leistung dafür erbringen. Soviel ich weiß, schaffen sie die Produktionsnorm innerhalb der acht Stunden nicht, deshalb müssen sie länger arbeiten.” Die von Mondostar festgelegte tägliche Produktionsnorm ist unmöglich in acht Stunden zu erreichen. Sie wurde von anfänglich 400 auf 500 Anzug-Hosen (für eine Gruppe von 42 Frauen) und von 200 auf 300 Sakkos (für eine Gruppe von 53 Frauen) angehoben. Die Frauen berichten von vergleichbaren Arbeiten in anderen Textilbetrieben. Dort lag die Norm nie höher als 250 bis 300 Anzug-Hosen für eine Gruppe von etwa 50 Frauen. “Wir schaffen hier 330 Hosen in acht Stunden und sind damit schon hochproduktiv! Wir würden niemals 500 Hosen schaffen. Sie wollen uns auf diese Weise zu unbezahlten Überstunden erpressen.”, sagt Miranda wütend.

Als Reaktion auf die Verweigerung der Überstunden kürzte Mondostar den Näherinnen den Lohn noch weiter. Mit der Begründung, sie hätten die Norm nicht erfüllt, erhielten die Frauen, die die Hosen nähten, im August nur noch 141 US-Dollar, diejenigen, die die Sakkos nähten, nur 130 US-Dollar.

Mondostar – ein absteigender Stern

Die Massenkündigung der philippinischen Frauen könnte Mondostar an den Rand des Konkurses führen. Auf einem Teil des Geländes des ehemaligen Staatsbetriebes “Steaua Rosie” (Roter Stern), in dem Armeekleidung hergestellt wurde und das eines der größten Textilwerke im staatsozialistischen Rumänien war, stellt die seit 1993 vollständig privatisierte Firma Herren-Anzüge für die Marken Digel und Strellson her. 90 Prozent der Ware wird nach Westeuropa exportiert.

Seit einigen Jahren hat Mondostar mit einem extremen Arbeitskräfteschwund zu kämpfen. Von 1200 einheimischen Beschäftigten in der Produktion sind heute nur noch weniger als 350 übriggeblieben. Von den rumänischen ArbeiterInnen ist kaum sind noch jemand bereit, zu den schlechten Bedingungen und extrem niedrigen Löhnen in einer Textilfabrik zu schuften – ein Problem, das momentan landesweit die meisten Firmen in der Leichtindustrie in die Krise stürzen lässt. Mondostar ist auf die philippinischen Arbeiterinnen angewiesen. Mit wiederholten Einschüchterungsversuchen wollten sie die Kündigungen der Frauen verhindern bzw. hinauszögern, ohne aber auf deren Forderungen einzugehen.

Mit der Auflösung des Arbeitsverhältnisses verloren die Frauen auch ihr Aufenthaltsrecht für Rumänien. Sie wurden nach Bukarest in die philippinische Botschaft gebracht, wo sie zwei Wochen auf den Rückflug nach Manila warten mussten. Die Kosten für den Rückflug hatte die philippinische Wohlfahrtsorganisation OWWA (Overseas Workers Welfare Admisnistration) übernommen.

Die Massenkündigung der 78 Philippinas Ende September sorgte in den rumänischen Medien für Wirbel. Mit Hilfe der philippinischen Botschaft wird der Fall Mondostar nun vor Gericht gebracht. Trotz vertraglicher Sonderklauseln verstößt die Nicht-Entlohnung geleisteter Überstunden gegen das rumänische Arbeitsgesetz. Die Arbeiterinnen hoffen, auf diese Weise doch noch die ihnen zustehenden Löhne zu erhalten.

Ein Leben lang unterwegs

“Das Leben ist so schwer.” Diesen Satz höre ich Joanne oft sagen. Vor allem, wenn wir auf ihre ungewisse Zukunft zu sprechen kommen. Zurück in Manila will sie keine Zeit verlieren und wird sich für den nächsten Job im Ausland bewerben. Das ist ihr Leben.

Sie wuchs im Dorf bei ihren Großeltern auf. Mit 17 Jahren ging sie nach Manila arbeiten und fing als Näherin in einer Textilfabrik an. Ein paar Jahre später war sie zum erstenmal im Ausland, in Taiwan, mit einem dreijährigen Arbeitsvertrag. “Ich hätte damals auch heiraten können und eine Familie gründen. Aber ich war dazu nicht bereit. Ich wollte meinen Lebensunterhalt selbst verdienen, unabhängig sein.” Mit ihren 34 Jahren hat Joanne inzwischen in verschiedenen Weltmarktfabriken der Textilbranche gearbeitet, in Ländern wie Brunei und Namibia. Mit dem verdienten Geld konnte sie ihrer jüngeren Schwester ein Informatikstudium in Manila finanzieren.

Joanne ist eine der insgesamt 8 Millionen OFWs (Overseas Filippino Workers), wie die im Ausland arbeitenden Landsleute von den Philippinen genannt werden. Das sind zehn Prozent der Bevölkerung. Mehr als die Hälfte sind Frauen, die in Übersee als Hausangestellte, Fabrikarbeiterinnen oder Krankenschwestern Arbeit finden. Philippinische Männer werden international vor allem als Seeleute beschäftigt. Mit einem Teil ihres Einkommens unterstützen die OFWs regelmäßig ihre auf den Philippinen verbliebenen Angehörigen. Die Überweisungen machen mehr als ein Zehntel des Bruttoinlandproduktes des Landes aus und bewahren viele Menschen vor bitterster Armut. Die Migration der OFWs wird über staatliche Behörden geregelt und kontrolliert, mit hohen Verwaltungs- und Vermittlungsgebühren, für die die ArbeiterInnen selbst aufkommen müssen.

Auch in Manila wird der Fall der philippinischen Textilarbeiterinnen bei Mondostar im rumänischen Sibiu eingehend untersucht. Die Vermittlungsagentur Eastwind International soll wegen Nichterfüllung vertraglicher Vereinbarungen verklagt werden. Die Chancen stehen derzeit gut, dass die Frauen sich vor Gericht durchsetzen können und die Agentur dazu veranlasst wird, die hohen Vermittlungsgebühren, die jede Arbeiterin zahlen musste, zurück zu erstatten.

“Mein Leben wird erstmal so weitergehen.” sagt Joanne. Eine Freundin von ihr arbeitet in einer großen Textilfabrik in Swasiland, im südlichen Afrika. “Sie hat mir geschrieben, dass sie dort Leute für die Qualitätskontrolle suchen, über direktes Anwerben. Ich muss keine Agentur bezahlen.”

Für Miranda ist es schwieriger, einen neuen Job zu finden. Mit ihren 48 Jahren ist sie für viele Arbeitgeber schon zu alt. In Hongkong, wo sie zuvor sechs Jahre lang als Hausangestellte für einen Jungen mit Behinderung gesorgt hat, liegt die obere Altersgrenze für Neueinstellungen bei 38 Jahren. “Ich werde wohl wieder Männerarbeit hier auf den Philippinen machen. Luft von Autoreifen auffüllen in einer Autowerkstatt zum Beispiel. Diesen Job habe ich schon einmal zehn Jahre lang gemacht.”

Einige der zurückgekehrten Frauen haben sich bereits für einen neuen Job als Näherinnen in Estland beworben. Die Firma würde ihnen einen Nettolohn von 850 US-Dollar bieten. Joanne ist skeptisch. “Ich habe meine Bewerbung noch nicht abgegeben. Ich will erstmal herausfinden, was das für eine Firma ist, damit es nicht wieder so ein Reinfall wird wie mit Mondostar!”

Joanne sitzt gerne im Internetcafe und chattet dort regelmäßig mit Freundinnen, die sie durch ihre Jobs kennengelernt hat und die weit über den Globus verstreut leben und arbeiten. Sie pflegt diese Kontakte, auch wenn sie die meisten über Jahre hinweg nicht mehr gesehen hat.

Und wer weiß, aus welcher Ecke dieser Welt sich Joanne als nächstes melden wird.


* Siehe dazu auch den Artikel “Wir sollen arbeiten wie Pferde” (27. August 2008) von Ana Cosel auf www.labournet.de

** Namen der Arbeiterinnen geändert

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