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Bücherverbrennung - Funktion eines Rituals

Bücherverbrennung in Düsseldorf - bei diesem Schlagwort kommt einem, wie in vielen anderen Städten in Deutschland auch, die Bücherverbrennungen der Nationalsozialisten vom April und Mai 1933 in den Sinn. In Vergessenheit geraten ist jedoch ein Ereignis, dass sich am 3. Oktober 1965 auf den Rheinwiesen zutrug. Eine Gruppe Jugendlicher der Entschiedenen Christen (EC) verbrannte dort neben Groschenromanen, Kinowerbungen, Sexheftchen und diversen Jugendzeitschriften auch Werke von Grass, Kästner, Camus, Sagan und Nabokov. In seinem Artikel "Wo das Feuer ist" rief der Autor Reinhard Jirgl dieses Ereignis wieder ins Gedächtnis.

Die Bilder sind bekannt: Eine aufgebrachte Menge, ein Scheiterhaufen, Männer mit Fackeln und Uniformen, brennende Bücher - die Bücherverbrennungen vor gut 75 Jahren, wenige Wochen nachdem die Nationalsozialisten in Deutschland die Macht erlangten, war eine Demonstration ihres Vernichtungswillens. Öffentlich wurde ein Säuberungsritual vollzogen, dass den Höhepunkt der Kampagne "Aktion wider den undeutschen Geist", initiiert von StudentInnen und Professoren, bildete. Ein Ritual, dass bereits in der Bibel Erwähnung findet und als Herrschaftsinstrument in der Geschichte stetig wiederkehrte. Die Verbrennung der Bücher symbolisierte schon immer die geistige und physische Vernichtung von Ideen einhergehend mit dem Vernichtungswunsch oder der tatsächlichen Vernichtung ihrer Schöpfer. Das Buch, Verstetigungsmittel für Ideen, das verbrannt wird, symbolisiert die/den KetzerIn, die/den AbweichlerIn, die/der durch das Feuer gereinigt und erlöst wird. Das Ritual der Bücherverbrennung ist ein Zusammenspiel von Herrschaftspraxis und deren Akzeptanz.

Das mittelalterliche Ritual der Inquisition, die "Säuberung und Reinigung des Volkes" durch die Verbrennung alles Ketzerischen, das Vermögen der Machthaber, die Menge gegen die vermeintlichen Sündenböcke aufzuwiegeln, wurde von den Nazis nicht nur adaptiert, sondern auch perfektioniert. In ihrer rituellen Inszenierung dienten die "Feuersprüche" als formelhaftes Urteil über ihre Opfer. Heinrich Heines viel zitierter Satz aus der Tragödie Almansor war nie zuvor so zutreffend: "Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen."

Der wahnhaft-spirituelle Akt der rituellen Bücherverbrennung trat und tritt in verschiedenen gesellschaftlichen Konstellationen immer wieder auf. Nicht die Konsequenzen bilden hier das vergleichende Moment, sondern die Funktion und der Akt der symbolischen Reinigung und Vernichtung. Der reaktionäre und anti-aufklärerische Charakter ist allen gemein.

Die Bücherverbrennung vom 3. Oktober 1965 auf den Rheinwiesen in Düsseldorf wies eben jene zentralen Elemente auf, die diesem Ritual eigen sind. Überliefert wurde dieses Ereignis durch einen Artikel in der "Zeit" vom 15. Oktober 1965, der die Ereignisse dokumentierte. 25 Mitglieder des ECs versammelten sich mit ihren zwei Diakonissen, beobachtet von einigen PassantInnen, am Rheinufer, um ihrem Ritual zu frönen. Folgende kurze Ansprache, die zu diesem Anlass gehalten wurde, untermalte den Charakter der Veranstaltung: "Wir haben uns über Schmutz- und Schundliteratur unterhalten und sind zu der Erkenntnis gelangt, dass brutale, kriminelle, sexuelle und utopische Szenen und Bücher das Glaubensleben des Einzelnen beeinträchtigen können. Wir wollen uns von der Übermacht solcher Leitbilder befreien. Sie bringen uns von Jesus ab." Ein Lied, das zu diesem Anlass von den Versammelten gesungen wurde, passte sich ein in ihre wahnhafte Liturgie. In diesem heißt es: "Wir jungen Christen tragen ins dunkle deutsche Land ein Licht in schweren Tagen als Fackel in der Hand. Wir wollen Königsboten sein des Herren Jesu Christ, der frohen Botschaft heller Schein uns Weg und Auftrag ist."

Wie es sich für ordentliche Deutsche gehörte, meldeten sie diese Aktion zuvor beim Ordnungsamt an. Nicht das Anliegen selbst, sondern der Wunsch, diese Aktion in der Innenstadt auszuführen, erfuhr eine Ablehnung. Nicht das Ritual der Bücherverbrennung selbst, sondern die Angst vor Beschädigung von Gebäuden und Verkehrsbehinderungen führte zum Ausweichen auf die Rheinwiesen. Eine Tatsache, die die Stadt nach breiten Protesten in Erklärungsnot brachte. Auch der christliche Verein, vor allem nach deutlicher Distanzierung von Seiten der Kirchen, fühlte sich zu Unrecht diskreditiert. Man habe die Parallelen zum Nationalsozialismus nicht gesehen, sondern es habe sich um einen "Akt christlicher Jugend in Notwehr" gehandelt.

DKJ

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