Sie sind hier: Startseite / Nachrichten / Bei den streikenden Sans papiers

Bei den streikenden Sans papiers

Am Samstag Abend erhalte ich von einem Freund, der Mitglied bei der anarcho-syndikalistischen CNT-AIT ist, einen Anruf: „Halte Dich bereit: Überraschungsparty in Neuilly-sur-Seine! Und bring Deine Turnschuhe mit.“ Es ist klar, was das bedeutet: Eine neue Besetzung steht an, und es könnte unter Umständen sportlich zugehen. Eine halbe Stunde später sitze ich mit zwei Freunden im Auto und wir überqueren den Seinebogen nördlich von Paris, in Richtung Nobelvorort. Neuilly-sur-Seine ist die französische Kommune mit dem höchsten Pro-Kopf-Vermögen und dem höchsten Millionärsanteil.

Angekommen bei der Adresse, die wir von Unterstützern der Sans papiers-Bewegung erhalten hatten, öffnen wir erst einmal weit die Augen. Das Etablissement ist das ‚Café de la Jatte ', ein angesagtes Restaurant auf der Seineinsel von Neuilly, der Ile de la Jatte. Es liegt in der Nummer 60 jener Straße, deren Nummer 41 ein gewisser Nicolas Sarkozy bewohnte, bevor er vor einem Jahr Staatspräsident wurde und seine Privatwohnung aufgab.

Heute hängen im Fenster des Restaurants, das mit seinen imposanten Fernstern entfernt einem Kirchenschiff ähnelt, Fahnen der CGT und Transparente mit der Aufschrift „Streik“. Ein bourgeoises Ehepaar setzt beim Vorbeigehen ein pikiertes Gesicht auf. Ein Blick auf die Karte belegt: Hier isst man vielleicht gut, auf jeden Fall aber teuer. Die Vorspeisen gehen von 6,5 bis 25 Euro, die Hauptgerichte von 20 bis 35 Euro. Ja klar, Sarkozy hat hier auch gegessen, meinen die Streikenden, „hier war seine Kantine, er war oft hier“. Persönlich hätten sie ihn auch gesehen, meinen die zehn Küchenbeschäftigten, die alle aus derselben im westafrikanischen Mali stammen – Kayes, der Hauptauswanderungsregion Malis, da dieser Landstrich in der Sahelzone zu den ärmsten gehört. „So ein Politiker, der kommt schon mal in die Küche, um dem Koch zu gratulieren, wenn es ihm geschmeckt hat.“ Einer meint, ein Kollege habe erzählt, der Besitzer habe bei einem seiner Besucher zu Sarkozy - damals noch Innenminister - gesagt: „Gell, aber meine Sans papiers, die schiebst Du mir nicht ab?“ Worauf dieser geantwortet habe: „Nein nein, mache Dir keine Sorgen.“ Auch Brice Hortefeux, der jetzige Einwanderungsminister, der seine politische Karriere ebenfalls in Neuilly begann, habe hier gegessen. Und am Vormittag, bevor der Streik ausbrach, sei die Information umgelaufen, heute komme „Cécilia“ – die Ex-Gattin Sarkozy – „mit ihren Kindern“. Gerüchte oder überprüfbare Informationen? Es scheint schwer auseinander zu halten.

Sicher ist, dass Viele – Politiker und andere Leute - wussten, dass hier wie anderswo Sans papiers in den Küchen arbeiten, auf Baustellen malochen oder den Boden putzen. Vor allem diese drei Gewerbezweige würden ohne sie längst zusammenbrechen, da kaum Einheimische diese Arbeit zu den angebotenen Bedingungen verrichten mögen. Dass es wirklich um eine Frage der Arbeitsbedingungen geht, zeigt übrigens ein Blick auf die Entwicklung des Straßenkehrerberufs. Vor 15 Jahren sah man fast ausschließlich Malier und Senegalesen die Straßen der französischen Hauptstadt fegen. Inzwischen wurde der Beruf jedoch „aufgewertet“ (revalorisé), statt mit Besen sind die Angestellten mit fahrbaren Maschinen unterwegs, ihnen wurde eine Qualifikation zuerkannt und ihre Löhne wurden angehoben. Heute sieht man mehrheitlich „Weiße“ verrichten, und in den Rathäusern stehen viele Kandidaten auf den Wartelisten für eine Einstellung: Lieber Straßenfeger als arbeitslos!

A propos Arbeitsbedingungen: Wir fragen, wie es denn hier um Löhne und Arbeitszeiten bestellt ist. 1.150 Euro netto im Monat erhält eine Küchenkraft im ‚Café de la Jatte ', das sind etwa zehn Prozent mehr als der gesetzliche Mindestlohn – aber für Arbeitszeiten, die keinerlei Raum für Privatleben lassen und gesetzlich vorgesehenen 35 Stunden weit übersteigen: „Wir fangen je nachdem um 8 Uhr oder um 8.30 Uhr an, da man alles für den Rush um Mittag vorbereiten muss. Wenn es dann um Punkt zwölf Uhr losgeht, dann bleibt keine Minute, um auch nur auf die Toilette zu gehen, dann geht es zack-zack.Um 15.15 Uhr ist die erste Hälfte des Tages vorbei, dann sind ungefähr drei Stunden Pause.“ Aber keiner der Küchenangestellte wohnt in Neuilly, wie auch? Mamadou (Vorname durch die Redaktion geändert) etwa wohnt in Montreuil, das liegt auf der entgegengesetzten Seite von Paris, mindestens 45 Minuten Fahrzeit. „Doch doch, wir fahren zwischendurch in unser Wohnheim. Dann haben wir dort ungefähr eine Stunde, um zu essen, bevor wir an die Arbeit zurück müssen.“ Gegessen wird fast ausschließlich im Wohnheim, wo kollektiv gekocht ist. Denn dies ist billiger als alle anderen Alternativen: „Wir haben 20 Euro an Budget in der Woche, um zu essen. Der Rest unseres Einkommens ist für die Miete und Nebenkosten, und wir schicken Geld in unsere Heimat, wo Schulen und Krankenstationen oder Brunnen mit den Überweisungen der Auswanderer errichtet werden. 20 Euro pro Woche für Essen ist OK. Bei 30 Euro bist Du tot“ meint Ouattara (Vorname durch die Redaktion geändert). Ein durchschnittliches Essen im ‚Café de la Jatte ' kostet, mit Getränken ungefähr 80 Euro...

Um 18 oder 18.30 Uhr geht so ein Arbeitstag in der Küche dann wieder los – und endet gegen 23 Uhr, die Gäste gehen dann bis gegen Mitternacht. Wer sein Wohnheim am frühen Morgen gegen 7 Uhr verließ, ist um 24 Uhr definitiv zurück. Und das an fünf Tagen in der Woche. Ich fragen einen der angestellten Sans papiers noch, ob er mir die Küche zeigen kann, und er kommt meiner Bitte nach. Zugegeben: Ich habe schon schlimmere Küchen gesehen, diese hier ist wenigstens sauber. Aber sie liegt im Kellergeschoss, und hat kein einziges Fenster. „Nun stell Dir vor, wie es ist, wenn alle Öfen und Gasherde an sind. Egal ob im Sommer oder im Winter, es ist das Treibhaus. Neulich meinte einer der Saalangestellten, die die Gäste servieren – das sind fast alles Weiße hier -, wir würden zu langsam arbeiten. Wir haben ihm angeboten, sich mal bei uns in der Küche aufzuhalten, und haben den Ofen vor ihm angestellt. Er hat es keine fünf Minuten ausgehalten...“ Ob es nicht vorkomme, dass in der Hektik mal was anbrennt und es deswegen länger dauert, frage ich. „Doch doch, es brennt schon mal was an“ meint einer der Malier und zeigt seinen Unterarm, an dem zwei dickere Brandblasen zu sehen sind. „Das war gestern, als ich den Ofen berührte. Unfälle kommen schon mal vor, unter dem Druck.“

Die nächste Überraschung: Mitten unter den Streikunterstützern, Gewerkschaftern unter der CGT und ihr Restaurant besetzenden Sans papiers findet sich auch der Besitzer. Erst am späteren Abend fällt mir auf, dass er ebenfalls dabei saß, als er sich zum Schlafen in seine Gemächer zurückzieht. Ein vornehmer älterer Herr mit grauwei ßen Haaren. „Er war in Afrika unterwegs und kennt das System bei uns, er weiß, dass wir Respekt vor dem Alter haben. Er nennt uns des öfteren ‚meine Kinder'...“ meint ein junger Koch mit Kinnbärtchen, ebenfalls ein Malier. Nein nein, Anstalten, die Polizei zu rufen, habe er keine gemacht, als der Streik begann – er wolle doch auch, dass es seinen Kindern gut gehe. Anders als bei der Pizzeria vom Opernplatz, die von einer relativ anonymen Kapitalstruktur und einem fernen Besitzer verwaltet wird, haben wir es mit einem „altmodisch“ paternalistischen Betrieb zu tun, dessen Geschicke vom Besitzer persönlich gelenkt werden.

Überrascht habe er sich gegeben, als er erfuhr, dass seine Angestellten keine Aufenthaltstitel haben. Früher habe er sich die Papiere ab und an mal zeigen lassen - aber er habe beide Augen zugedrückt, als ihm klar sein musste, dass die Angestellte nicht ihre eigenen vorzeigten, sondern die anderer Personen. „Offen gesagt, nein, wir konnten nicht glauben, dass ihm nicht das auffällt. Am Anfang kann man vielleicht noch denken: Für ihn sehen alle Schwarzen gleich aus. Ehrlich, uns geht es ja mit den Chinesen auch so: Wenn Du keinen persönlich kennst, ähneln sie sich alle. Aber nachdem er jahrelang mit uns gearbeitet hat... Nein, er musste doch sehen, dass diese Fotos nicht uns gehörten“ kommentieren mehrere der Köche, durcheinander redend.

Brutal habe er nicht reagiert auf den Streik. Nur um eine Sache habe er gebeten: „Holt nur keine Gewerkschaft, die bringen uns nur Scheiße ins Haus. Untereinander können wir die Dinge doch viel besser regeln.“ Klassisch paternalistische Konfliktregelung eben. Mit diesem Anliegen ist er nun gescheitert, denn aufgrund des Streiks und seiner gewerkschaftlichen Unterstützung hat er nun die CGT im Haus. Nicht überall allerdings ging das Konfliktmanagement zwischen Patron und streikenden Sans papiers in „ihrem Haus“ so lautlos von sich. In Pavillons-sous-Bois, nördlich von Paris, etwa holte der Besitzer eines von bisher für ihn arbeitenden Sans papiers besetzten Kleinbetriebs eine Schlägertruppe herbei, um die Ausständischen von den Arbeitsplätzen zu vertreiben. Ihr wurde allerdings durch die CGT „heimgeleuchtet“. Im Département Essonne, im südlichen Pariser Umland, soll der Chef einer bestreikten Baufirma gar ausgetickt und mit einem Gewehr unter dem Arm aufgetaucht sein.

Artikel von Bernhard Schmid vom 22.4.08

Artikelaktionen

Navigation
Anmelden


Passwort vergessen?
« Oktober 2017 »
Oktober
MoDiMiDoFrSaSo
1
2345678
9101112131415
16171819202122
23242526272829
3031