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Aus dem Stegreif – Erfahrungen bei der Produktion des Strike Bike

Das Interview der Wildcat mit einem Aktivisten von "Bike Systems" in Nordhausen, wirft ein Schlaglicht auf die ganze Geschichte aus der Perspektive der ArbeiterInnen selbst. Mit diesem Beitrag hört die Analyse des Kampfes und eer Aktion "Strike Bike" nicht auf - im Gegenteil: sie hat gerade erst begonnen.




Vollständige Fassung des Interviews in Wildcat 80 / Winter 2007/2008



Aus dem Stegreif – Erfahrungen bei der Produktion des Strike Bike

Interview mit einem Aktivisten aus Nordhausen



Unterstützergruppen

Euer Kampf hat ein sehr breites Echo gefunden. Welche Unterstützergruppen kamen zu Euch?

L: Vom ersten Tag an waren die Linkspartei und die IG Metall da. Die haben uns unheimlich unterstützt (z.B. mit uns Flugblätter und Pressemitteilungen entworfen und bei sich gedruckt) und bis zum Schluss begleitet bis zum bitteren Ende, beim Abgesang waren sie auch zugegen. Zugegen waren auch ziemlich früh schon Leute von der Vierten Internationale Leipzig, vom RSB, die waren auch zum Schluss nochmal da und haben einen Dokumentarfilm gedreht, den wir irgendwann noch zu sehen bekommen. Die ersten, die da waren, waren die JourFixeGewerkschaftslinken aus Hamburg, die uns viele wertvolle Tipps gegeben und unsere Solikontonummer im Internet veröffentlicht haben, ganz praktische Sachen, z.B. eigene T-Shirts machen lassen, wenn wir irgendwo auftreten. Das haben wir dann erst sehr viel später umgesetzt, da kam dann das StrikeBikeT-Shirt in den Handel. Die JourFixeGL hat auch die ganze Sache übers Internet verbreitet, speziell über Labournet, dann gab es einen Bericht im Express. Dann waren Leute von Attac Leipzig bei uns, die haben diesen Film über die Werksbesetzung in Argentinien gezeigt. Dann waren Leute von der MLPD da, haben sich vorgestellt, Infomaterial verteilt und natürlich 1,2 Berichte in ihrer Zeitung über uns gebracht. Genauso wie der Rest. Es waren so ziemlich alle linken Gruppierungen da, die es gibt. Das Café Libertad aus Hamburg hat uns anfangs ein Grußschreiben und eine Kiste Kaffee geschickt mit der Aufforderung, wenn sie uns mit Kaffee unterstützen können, sollen wir uns melden. Das haben wir dann auch gemacht. Später sind auch mal zwei so vorbei gekommen, und dann gab es auch persönliche Kontakte. Aus Nordhausen haben sich sämtliche Parteien bei uns die Klinke in die Hand gegeben: die SPD mit der Oberbürgermeisterin, CDU, Grüne und FDP; die FDP hat von vornherein gesagt »Wir können für euch parteilich nichts tun, aber unterstützen euch praktisch mit einem Frühstück für die Belegschaft.« Viele gemeinnützige Vereine haben uns unterstützt. Essen gab es z. B. vom Horizontund vom LiftVerein und von der Nordhäuser Tafel. Das sind gemeinnützige Vereine, die eigentlich Arbeitslose und Hartz IVEmpfänger unterstützen. Es gab auch ein paar Begegnungen abends und nachts, da sind ein paar sehr links angehauchte Jugendliche vorbei gekommen und haben gesagt »Wenn Ihr hier fertig seid mit der Besetzung und müsst hier raus, dann besetzen wir das Ding, aber dann richtig!« Wie sprechen von linken Autonomen solche Leute haben uns natürlich auch besucht, allerdings nicht am Tag (lacht). Da war meistens die Nachtschicht zuständig. Die haben sich auch gut unterhalten, da gab es auch keinen Zoff, gar nichts. Das sind mir auch im Prinzip die Liebsten. Von den Rechten haben wir nichts gehört, die sind auch nicht auf den Hof gekommen. Die haben immer mal versucht sich reinzuhängen, auch am Schluss mit den Strike Bike Sachen, aber denen ist es nicht gelungen, Fuß zu fassen. Auf solche Hilfe haben wir verzichtet. Natürlich waren auch die Grünen da, die ein persönliches Interesse an den Fahrrädern hatten ist ja auch umweltbewusst. Wir hatten auch Katrin GöringEckart, die Bundestagsvizepräsidentin der Grünen zu Besuch... Letztendlich muss man sich aber eingestehen: die haben sich zwar die Klinke in die Hand gegeben, aber bewegen konnten sie auch nichts. In der ersten Zeit gab es einen großen Konflikt. Nachdem die Stadt und die Oberbürgermeisterin und sämtliche anderen Parteien sich haben sehen lassen, gab es ein Treffen in Erfurt, wo wir zum Landtag eingeladen wurden. Anschließend gab es ein Gespräch mit dem thüringischen Wirtschaftsminister Herrn Reinholz und anderen Leuten von der CDU und der SPD. Da fühlten sich die Leute in Nordhausen, die uns da von der SPD Unterstützung zugesagt hatten, zurückgepfiffen. Weil sie sich gesagt haben »Wenn das jetzt schon auf Landesebene geht, dann müssen wir uns zurückhalten, um zu sehen, was sich da tut.« Und dann hat man sich da erstmal rausgehalten, und das wurde von denen erstmal nicht weiter verfolgt, bis wir die Leute dann wieder ins Boot geholt haben. Wir haben die dann eingeladen und Gespräche geführt. Da gab es schon gewisse Irritationen.

Was jetzt aber nicht schlimm gewesen wäre...?

L: Nein, überhaupt nicht. Letztendlich konnten uns die einen nicht helfen und die anderen auch nicht. Oder wollten nicht. Wo wir beim Café Libertad waren, von denen auch etliche Leute Mitglieder der FAU sind: Die FAU als Organisation ist erst relativ spät in Erscheinung getreten. Das Café Libertad hat sich uns als Kollektiv in Selbstverwaltung vorgestellt, die Kaffeehandel machen, über das Thema FAU wurde im Prinzip nichts gesagt. Die FAU als solche trat in Erscheinung, als wir den Plan gemacht haben für das Strike Bike. Das wurde im September dann richtig konkret, dann bekamen wir auch Besuch von Leuten aus Framkfurt, Hannover, auch aus der Radspannerei in Berlin Kreuzberg und vom Café Libertad. Danach hat sich dann ein ganz reger Austausch entwickelt. Vorab kam deren Zeitschrift, die DA, die haben sie uns zugeschickt, bzw. dann auch mitgebracht. Die haben ja auch darüber berichtet damals. Das ging ja um die Welt. Wir hatten gewerkschaftliche Unterstützung außerdem von der Gruppe Z.O.R.N., wo ein Chor aus Göttingen dahinter steckt, ein organisierter Chor aus ver.diMitgliedern. Die haben ja auch schon Etliches durch mit ihrer Uniklinik. Die haben uns zwei Mal besucht und sogar ein eigenes Lied für und über uns geschrieben. Und auch viele andere Gewerkschaften und Betriebsräte aus ganz Deutschland hatten wir zu Besuch. Leute von BoschSiemens waren da, die damals auch diesen Streik gemacht haben. Bzw. nicht aus der Belegschaft, sondern der eine, der damals die Streikzeitung gemacht hat. Die war ja so kritisch, dass er von der IG Metall einen Rüffel gekriegt hat. Man kann sich gar nicht mehr alles merken, wer da alles kam. das war schon fast zuviel. Fast jeden
Tag kam da irgendwer. Es ist schon erstaunlich, wie viel man davon behalten kann. Am Anfang waren wir uns ja gar nicht bewusst, was da jetzt alles auf uns zu kommt. Wir hatten sogar ausländische Presse auf dem Hof, z.B. von einer führenden norwegischen Wirtschaftszeitung, oder von der Nachrichtenagentur Reuters, die einen weltweiten Artikel reingesetzt hat. Das war ja alles gigantomanisch, und als wir mit dem Strike Bike angefangen haben, wurde das noch schlimmer... Der IG Metall haben wir auch ganz viel zu verdanken. Die war vom ersten Tag an präsent. Ihre Kontakte zu den Medien und der Presse waren sehr wichtig, um die Sache überhaupt ins Laufen zu kriegen. Ohne die Strukturen der IG Metall wäre die ganze Sache so aus dem Stegreif nicht denkbar
gewesen. Die hat das ganze angeschoben, über die haben wir die ersten Pressemitteilungen gemacht, die haben auch Rundfunk und Fernsehen benachrichtigt. So was ist ja eigentlich auch ihre Aufgabe, und nichts anderes haben sie gemacht. Wenn man keine Erfahrung hat mit so einem Arbeitskampf, kann man das nicht von null auf hundert perfekt machen. Und die ersten Tage waren chaotisch, weil keiner so richtig wusste, wo geht's hin, wo soll's hingehen und wie zieht man so was auf?

Du hast erzählt, dass die ganzen Gruppen, die euch besucht haben, euch auch ihre Zeitungen etc.

zukommen ließen. Hat euch das denn was gebracht?

L: Ich muss ehrlich sagen: mir hat es Etliches gebracht. Zum einen habe ich sehr viel gelesen. Zum anderen hat man einen ganz schönen Tunnelblick, wenn man in Arbeit ist, bzw. interessiert sich nicht so viel für andere Sachen, wie es eigentlich notwendig wäre. Wenn man dann selber betroffen ist oder sich schlagartig was ändert, ist man plötzlich offen für viele andere Sachen. Deshalb sind
solche Zeitschriften sehr wichtig, damit man seinen Horizont erweitern kann – »Da ist das auch schon mal passiert« oder »Denen ging's auch so« – man ist dann viel offener geworden für die Probleme anderer. Die anderen Kollegen haben mehr oder weniger viel davon gelesen. Viele haben sich die Sachen auch mitgenommen und daheim archiviert, zum Nachlesen was war eigentlich los bzw. wie geht's anderen. Es lag auch mal was rum und wurde vergessen. Im großen und ganzen wurde das aber gelesen.

Was habt ihr mit den Gruppen, die da waren, diskutiert? Habt ihr nur erzählt, was gerade los ist,

oder auch darüber geredet, was man alles machen könnte und wie?

L: Es war ja jeder willkommen und das Tor bzw. die Tür stand offen – die Leute sind angekommen und haben nachgefragt wie es uns geht und was hier passiert ist. Dann hat man sich zusammen gesetzt und hat erzählt, es fand ein reger Austausch statt. Wenn jemand zu uns kommt, gehe ich erstmal davon aus, dass er daran interessiert ist, was wir machen. Das ist erstmal die Grundvoraussetzung: warum fährt man da hin. Als du zu uns gekommen bist, du warst ja auch neugierig.

Richtig, aber wir hatten auch darüber geredet, was man jetzt machen könnte und hatten den Vorschlag

z.B. zu MIFA zu fahren, was anfänglich gut gefunden wurde, dann aber doch keiner gemacht hat. Hat euch so was denn was gebracht in eurem Vorgehen mal abgesehen von der Strike BikeIdee von der FAU?

L: Etlichen Leuten hat es was gegeben, weil man gesehen hat, dass die Anschauung, die man vertritt, noch andere Gruppen auch vertreten. Dass man mit seinen Ideen, Gefühlen und anderen Sachen nicht allein ist. Natürlich muss man dabei auch sehen, inwieweit die Leute auch bereit waren, darauf einzugehen. Für viele war es einfach eine fortlaufende Betriebsversammlung, in erster Linie wollten wir den Betrieb retten mit dieser Aktion und die Produktion weiter führen. Inwiefern da jetzt jeder ein politisches oder ideologisches Ziel gesehen hat, mag ich nicht beurteilen. Es war schon wichtig, von den Leuten zu hören, wie es gehen könnte, was man erreichen könnte und was noch viel wichtiger war: wenn man solche Aktionen macht, führt das in vielen Beispielen auch zu einem glücklichen Ende, und man kann Arbeitsplätze retten, wenn man sich wehrt. Das war eine Sache, die wir z.B. von BSH mitgenommen haben.

Das war aber nun kein gutes Ende...

L: Immerhin konnten ein paar Arbeitsplätze gerettet werden.

Für drei Jahre!

L: Bei uns sind es nicht mal drei Jahre, aber gut. Es gab auch das Beispiel Argentinien mit einer schönen Selbstverwaltung, das ist aber auch ins Taumeln gekommen, weil sie irgendwelche Auflagen bekommen haben. Bei manchen Sachen haben wir auch gelernt, wie man es nicht macht. BoschSiemens. Wir haben unsere Lehre zwar später erst ziehen können, aber mit dem Querverweis auf BoschSiemens. Dieser innerbetriebliche Konflikt [in Nordhausen] zwischen der IG Metall, die ihre Position innerhalb des Betriebes gestärkt haben und dann auf einmal einen riesigen Mitgliederzulauf hatten, und der Zersplitterung des Betriebsrates durch die IG Metall. Bei uns hat die IG Metall ja kein Streikgeld bezahlt es war ja auch kein Streik. Sie hat aus einem anderen Grund viele Mitglieder erhalten. Es ging um die Vorfinanzierung des Insolvenzausfallgeldes durch den Insolvenzverwalter, der konnte kein schlüssiges Konzept vorlegen und somit wurde die Vorfinanzierung abgelehnt. Dann hat man sich relativ weit aus dem Fenster gelehnt, indem man gesagt hat, es gibt noch einen IGMetallFonds, wo eventuell Gelder fließen könnten. *Könnten*. Dieser IGMetallFonds besteht aus ehemaligen FDGBGeldern, die irgendwie umgewandelt wurden durch die Treuhand und sich jetzt irgendwo sonst befinden. Dann wurde gesagt, es könnte ein zinsloses Darlehen geben, um die Zeit zu überbrücken, weil sich die meisten Leute ja arbeitslos melden mussten, weil sie kein Geld hatten. Und da hat man mit dieser »Motivationshilfe« Mitglieder geworben, indem man gesagt hat, wenn es Gelder aus dem Fonds gibt, dann natürlich nur für IGMetallMitglieder. Und plötzlich hatten wir einen Organisationsgrad bei der IG Metall von um die 90 Prozent. Weil die Leute praktische Hilfe brauchten. Und die hat die IG Metall angboten, indem sie gesagt hat, sie versucht aus dem Fonds was locker zu machen. Da gab es die Aussage, die Sache sei jetzt zu 95 Prozent durch und es gäbe nur noch Rechtliches zu klären, man hat uns hingehalten. Und dann hieß es plötzlich, der Fonds ist tot, bzw. man versuche, auf ner anderen Schiene Kohle locker zu machen. Man hätte eigentlich wissen müssen, dass aus dem Fonds keine Gelder fließen können, weil der sich in der Umwandlung in eine Stiftung befindet. Mit solchen falschen Tatsachen hätte man gar nicht hausieren gehen dürfen. Deshalb ist es so, dass die IGMetall oder die Personen, die ihr vorstehen, in Misskredit geraten sind, das hat ihrem Ansehen in der Belegschaft geschadet. Das hat einen kleinen Bruch ausgemacht.

Und welche Lehre habt ihr aus dem BSHStreik gezogen?

L: Damals war es ja so, dass es diese Sternfahrt gegeben hat und die Busse waren schon unterwegs zur Zentrale, aber dann hat man so einen faulen Kompromiss ausgehandelt und daraufhin alle zurückgepfiffen; daraufhin haben sich viele abgewandt von der IG Metall. Ich möchte nicht sagen, bei uns war es das gleiche, aber man hat unter der Vortäuschung falscher Tatsachen versucht, die Position innerhalb des Betriebes und innerhalb des Kreisverbandes zu festigen. Und ist hinten runter gefallen. Das war nicht hilfreich. Und auch die Grabenkämpfe, dass man innerhalb des Betriebsrates eine Spaltung hervorgerufen hat, indem man mit etlichen Leuten vom Betriebsrat, die sehr, sehr IGMetallfreundlich waren, geredet hat und Sachen mit denen abgekaspert hat, und der Rest war außen vor. Das war auch nicht sehr hilfreich. Wenn sich nicht etliche Leute zurückgenommen hätten, hätten sie gesagt, normalerweise müsste man da jetzt austreten, aber das ist der Sache nicht dienlich, denn gerade bei einer Werksbesetzung muss eine klare Linie mitvorhanden sein bzw. eine Führungsebene, was der Betriebsrat ja war – wenn da vier oder fünf Leute ausgetreten wären, dann wäre es ein luftleerer Raum geworden, man hätte keine Beschlüsse mehr fassen und keine Verhandlungen mehr führen können. Da haben sich viele Leute zurückgehalten und gesagt »Wir machen weiter und stecken was ein«. Da gab es viele Konflikte zwischen der IG Metall und Mitgliedern des Betriebsrates.

Habt ihr euch dadurch, dass ihr die BSHGeschichte kanntet, von vornherein weniger auf die IGMetall verlassen?

L: Nein. Wir haben uns insgesamt sehr auf die IG Metall verlassen. Wie ich schon erwähnt habe: Am Anfang wären wir ohne die IG Metall gar nicht so weit gekommen. Deshalb kann man auch im Nachhinein nicht sagen, weil wir die BSHGeschichte dann kannten, haben wir uns ablehnend verhalten. Wir haben uns keineswegs ablehnend verhalten! Sondern die IG Metall hat das im Nachhinein selber herausgefordert oder sagen wir begünstigt, dass viele Leute sich dann gefragt haben »Warum bin ich hier überhaupt eingetreten und warum haben die eigentlich so mit uns gespielt?« Damit müssen die selber klarkommen und das aufzuarbeiten ist nicht mein Problem. Aber ihre Unterstützung in anderen Betrieben ist ja an sich hoch lobenswert, und bei denen klappt das ja vielleicht. Nur bei uns hat es nicht so richtig geklappt deswegen haben sie ja aber trotzdem durchaus ihre Berechtigung. Die möchte ich den Leuten nicht absprechen. Aber das, was sie an Ansprüchen stellen, und das, was wir an Ansprüchen an sie hatten, ist sehr weit auseinander gegangen. Dann gab es noch das leichte Geplänkel zwischen IG Metall und der FAU. Wobei man sagen muss, dass unsere Geschäftsstelle hier in Nordhausen bis zu dem Zeitpunkt, an dem wir Kontakt zur FAU aufgenommen haben wegen der Strike Bike Produktion, von dieser »kleinen Gewerkschaft« nichts gehört hatten. Erst als wir darüber gesprochen haben, haben sie sich so langsam damit beschäftigt. Da gab es dann natürlich heftige Kritik, wie wir mit solchen Leuten sympathisieren und paktieren könnten, weil sie erkannt haben, dass die doch anders sind als die anderen. Und je mehr die IG Metall über sich selbst gestolpert ist, desto mehr Spitzen haben sie dann von unseren Sympathisanten und auch der FAU über Internet zu spüren bekommen. Das haben die sich dann aber so zu Herzen genommen... Das war im Prinzip so einer großen Gewerkschaft unwürdig, dass man sich so aufgeilt an irgendwelchen Meldungen einer FAU. Normalerweise müsste man da drüber stehen. Und je mehr die sich da reingesteigert und darauf reagiert haben, je mehr hat man natürlich von Seiten der FAU gegen die IG Metall geschossen, sodass man letztendlich vereinbart hat, dass man auf solche Sachen gar nicht mehr reagiert, um nicht noch mehr Plattform zu schaffen.

Gab es denn Gruppen, deren Auftreten euch zu dominant war? Ich denke da z.B. an den einen Aufruf, die Fabrik zu besetzen und in Selbstverwaltung weiter zu produzieren...

L: Viele Gruppen haben uns angetragen »Warum macht ihr euch nicht selbständig? Könnt ihr euch nicht vorstellen, sowas wie in Argentinien auch zu machen?« Diese Anfragen waren vom ersten Tag an da. Erstmal konnten wir uns das gar nicht vorstellen und können es eigentlich auch immer noch nicht. Die Idee z.B. mit dem Café LibertadKollektiv Hamburg das sind acht Mitarbeiter, die den
Laden in Selbstverwaltung machen, acht! Und die ganzen besetzten Betriebe in Argentinien die haben ihren Betrieb besetzt, weil den Leuten gar nichts weiter übrig blieb, denen ging es ums nackte Überleben! Innerhalb Deutschlands so eine Selbstverwaltung mit 130 Mitarbeitern zu machen, ist illusorisch, deshalb konnten wir uns mit dieser Sache nicht anfreunden. Dann gab es gegensätzliche Meinungen, gibt es auch immer noch. Wie das Flugblatt vom RSB zum Beispiel »Enteignet LoneStar«: da ging es wirklich um die Aufforderung an unseren Staat »Enteignet LoneStar, gebt das Geld dem Betrieb, jagt die Leute zum Teufel, solche Leute raus aus
Deutschland!« ist nicht schlecht, aber ist leider nicht durchführbar. Wir waren und sind aber eigentlich für alles offen und haben uns alles angehört, nicht nur das, was die von uns hören wollten, sondern auch das, was diese Gruppen politisch verbreiten wollten. Deshalb hatten wir auch immer sehr viel Infomaterial, und ich kann nicht sagen, dass da was dabei war, was uns abgeschreckt hätte,
oder wo ich sagen würde, mit den Leuten will ich nichts mehr zu tun haben. Wir sind auch nicht überrannt worden. Für die meisten war nur wichtig, dass wir das Werk besetzt halten, dass es einen sinnvollen Ausweg aus der Situation gibt und dass es irgendwie weitergeht. Da ist auch zum Teil kein großartiges politisches Interesse vorhanden gewesen.

Die Strike Bike Produktion

Kannst du beschreiben, wie es zu diesem Stimmungswandel bezüglich des Strike Bikes kam?

L: Die ganze Sache geht darauf zurück, dass damals zwei Leute vom Café Libertad Richtung Ilmenau unterwegs waren, bei uns gehalten und sich mit zwei, drei Leuten von uns unterhalten haben. Da haben die beiden gesagt »Wenn ihr vielleicht mal wieder produziert, dann würden wir euch ein paar Räder abnehmen.« So ca. 2000 waren da im Gespräch. Die sind dann wieder gefahren
und die Sache wurde erstmal wieder vergessen, bis sich unsere Betriebsratsvorsitzende, die damals dabei war, mal wieder dran erinnert hat und die hat dann unseren Anwalt angerufen und meinte, die würden uns Räder abnehmen. Aus den 2000 hat sie dann 20.000 gemacht und da meinte unser Anwalt: »Das ist genau das, was wir brauchen. Das ist ne klasse Idee, so eine Produktion aus dem besetzten Betrieb, so ein Strike Bike, das ist genau der Aufhänger, das bräuchten wir!« Er hat sich dann wiederum mit dem Café in Verbindung gesetzt und dann war doch schnell klar, dass es keine 20.000 sind, sondern 2000. Aus den 2000 wurde dann auch nicht »wir würden 2000 Räder abnehmen «, sondern »wir organisieren den Vertrieb«. Der Grundgedanke war aber zunächst »wir nehmen euch Räder ab, wenn ihr wieder produziert«. Und so ist das ins Rollen gekommen und dann ging es relativ schnell. Dann hat sich die Radspannerei in Kreuzberg eingeschaltet, das ist ja auch ein Laden in Selbstverwaltung mit ein paar Hanseln. Dann war das Café noch dabei und darüber auch viele Leute, die Mitglieder der FAU sind. Aber erst im September ist die FAU als Organisation aufgetreten. Im September fand eine erste Zusammenkunft statt, nachdem man sich im Vorfeld schon telefonisch und über Internet mit den Leuten von der Radspannerei unterhalten hat. Die hatten schon gewisse Vorstellungen, wie das Rad aussehen könnte, und da ging es dann schon um Vermarktungsstrategien. Dann fand ein Treffen statt bei uns, da waren auch zwei von denen zugegen, und da wurde die grobe Terminplanung durchgesprochen, die hatten schon ein konkretes Konzept, wie man was machen könnte. Die Aufgabenverteilung wurde abgesprochen, welchen Part wir haben und welcher Part den anderen Leuten zufällt. Die FAU Hamburg hat z.B. eine Website für uns erstellt, wo dann die ganzen Bestellungen drauf gegangen sind. Mit der Radspannerei sind die ganzen technischen Sachen abgeklärt worden: Welche Materialien verwendet werden, welche Teile dran kommen, wie das ganze Ding aussehen soll, und und und. Über die ganzen unabhängigen Fahrradläden und über die Zeitschriften ist dann Werbung betrieben worden, dann haben wir noch einen eigenen Flyer erstellt, der an Gewerkschaftler und gewerkschaftsnahe Leute gegangen ist, die vielleicht doch nicht so richtig was mit der FAU und dem ganzen Umfeld anfangen können, dass man diese Leute auch einbinden konnte. So sind dann die Kontakte zur FAU gewachsen. Im Vorfeld der Produktion gab es auch schon ein Treffen in Hamburg, in der Schwarzen Katze, dort waren Leute vom Café und der FAU zugegen und von den JourFixeGewerkschaftslinken. Da haben wir unser erstes Muster, das wir gebaut hatten und ein paar neutrale Bestellzettel vorgestellt. Da das Zeitfenster relativ eng gesteckt war mit Werbung und Produktionsanfang, und das Geld vorher schon auf dem Konto sein musste, um die Teile kaufen zu können, haben wir damals noch nicht gewusst, ob wir es schaffen. Als wir da oben waren, waren wir bei 300 eingegangenen Bestellungen, als wir wieder gefahren sind, hatten wir schon 850. Was uns geholfen hat, war ein Artikel bei Spiegel Online, viele Zeitungen haben für uns Werbung gemacht, natürlich über Labournet, die Junge Welt, die Jungle World. Über die FAU wurden sämtliche unabhängigen Fahrradläden mobilisiert, und die haben ihre internationalen Beziehungen nach Holland, Frankreich und Spanien spielen lassen. Und Italien, wo man ja auch viele kollektive Betriebe und Genossenschaften hat. In der Richtung ist viel passiert, und durch Mundpropaganda. Hätten wir die Kontakte zur FAU nicht gehabt... Dadurch, dass das so eine kleine Gewerkschaft ist, hat man auch keine langen Entscheidungswege, sondern kann alles schnell und problemlos lösen. Mit einer größeren Gewerkschaft hätten wir das nicht geschafft. Mit der IG Metall wäre das z.B. unvorstellbar gewesen, weil man sich von der Planung bis zur Fertigung durch die Etagen hätte durchfragen können, ob wir das machen können, dann würde irgendwo eine Entscheidung getroffen und die käme ein, zwei Monate zu spät. Deshalb ist das bloß mit der FAU möglich. Wir haben sonst unsere Teile immer so drei Monate im Voraus bestellen müssen. Da haben wir jetzt sämtliche alten Verbindungen, die wir haben, abgeklopft. Unsere ehemaligen Zulieferer haben wir abgeklopft, was für Teile in Deutschland vorhanden sind, die wir gebrauchen können. Das wurde schrittweise abgeglichen mit der Radspannerei. Die haben dann immer gesagt »So könnten wir's machen oder so könnten wir's machen« und wir haben gesagt »Das haben wir da«. Und dann hieß es »Gut, so machen wir's«. Bis wir letztendlich alle Teile zusammen hatten und die Bestellung machen
konnten. Den Verein haben wir auch schon Ende September gegründet, um dem Ganzen eine rechtliche Form zu geben. Da geht es ja auch um die Gewährleistung von zwei Jahren, dafür müssen wir Rücklagen haben, für die Bestellung müssen wir ein eigenes Konto haben, und die Mitglieder müssen über den Verein bezahlt werden, das Finanzamt und und und. Dafür musste der Verein gegründet werden. Das haben wir natürlich zusammen mit unserem Rechtsanwalt gemacht, um uns abzusichern, dass da finanziell und materiell nichts in die Hose geht. Nicht dass wir sonst irgendwann da stehen und haften für irgendwas und wissen gar nicht, warum. Wir haben dann bei unseren ehemaligen Zulieferern über den Verein die Teile für ein komplettes Musterrad bestellt, die wurden uns dann kostenlos zur Verfügung gestellt. Dann haben wir das Muster gebaut. Zuerst haben wir ein Herrenrad zusammengebaut, fotografiert, und das Foto ins Internet gestellt. Dann haben wir alles wieder auseinander gebaut, wir hatten ja nur ein Muster, haben die Teile an einen Damenrahmen gebaut, haben das fotografiert und das auch wieder reingestellt, und so haben wir ein Herrenund ein Damenrad auf den Flyern einpflegen können.

Kannst du den Verein kurz beschreiben? Ihr seid ja z.B. gar nicht alle Mitglieder... ?

L: Wir haben einen Vorsitzenden, der hat vorher in der Montage gearbeitet. Im Betriebsrat war er nicht, aber er war so in Anspruch genommen von der Aktion, dass er freiwillig auf seinen Urlaub verzichtet hat. Er war unabkömmlich und es musste vorwärts gehen. Dann haben wir eine stellvertretende Vorsitzende, die hat eine ganz wichtige Funktion gehabt, und zwar war die für den Einkauf zuständig. Auch bei der Aktion lief der Einkauf und das Ordern sämtlicher Teile über sie. Dann haben wir noch einen Kassenwart und noch einen Stellvertreter. Unser Kassenwart war früher jahrelang im Callcenter und hat sich da um Rückmeldungen, Fehler melden, wer angerufen hat und Probleme hatte, gekümmert und kennt sich auch mit Kalkulation aus, weil er aus dem Kaufmännischen kommt. Es war schon eine relativ gute Konstellation. Der Verein hatte eine Gründungssitzung mit allen Mitgliedern, danach hat sich nur noch der Vorstand getroffen. Das nächste Treffen mit allen Mitgliedern findet im ersten Quartal 2008 statt. Ich bin nur Mitglied, das reicht, ich muss da nicht unbedingt eine Position haben. Ich habe mich von Anfang an ein bisschen mit gekümmert, das mit der Produktion war eine Herzensangelegenheit von mir. Deshalb bin ich auch zweimal mitgefahren nach Hamburg und kenne die ganzen Leute, die bei uns auf dem Hof gewesen sind. Der Verein agierte unabhängig vom Betriebsrat. Letzterer bestand aus sieben Mitgliedern und hat sich dann stückweise geöffnet, sodass auch einige Nichtmitglieder an den Sitzungen teilgenommen haben. Es gab auch etliche ArbeitnehmerInnen, die nicht Mitglied des Betriebsrates waren und trotzdem an den Sitzungen teilgenommen haben, um eine breitere Basis zu finden. Es durften aber nicht alle zu den Sitzungen, man brauchte auch Leute als Ansprechpartner, die ständig draußen sind. Es gab unter den ArbeitnehmerInnen Leute, die das eine oder andere besser können oder mehr in der Materie stecken als andere, und da hat man die auch mit eingebunden. Warum soll man die Leute versauern lassen auf dem Hof? Man muss auf ner breiten Basis die Leute einbinden, sofern das geht. Wir haben über 100 im Verein »Bikes in Nordhausen. e.V.«. Wir haben eine Satzung, die hat einen Teil, wo die Ziele niedergeschrieben sind, z.B. Treffen, geselliges Beisammensein, Unterstützung anderer Organistionen und Vereine... Es ist nicht verboten, dass man Fahrräder zusammen baut; eine der Grundvoraussetzungen war, dass man über den Verein gewerblich tätig sein darf, das war ja die Voraussetzung dafür, dass wir überhaupt Fahrräder bauen können. Die Pflege und auch Erhaltung unseres Anliegens der BikeSystems, dass man sich wiederum unter dem Dachverband trifft, gemeinsame Veranstaltungen macht, damit man auch eine Anlaufstelle hat, um sich nochmal im Verein zu sehen und zu treffen, wer das möchte. Jetzt im Nachhinein, wo die Produktion abgeschlossen ist, dass man noch einen Aufhänger hat, wo man sich treffen kann und auch weiterhin irgendwas gemeinsam machen kann. Wenn man das will.

Ihr habt euch den Namen Strike Bike schützen lassen. Wollt ihr nochmal Strike Bikes bauen?

L: Ich weiß, dass wir den Antrag stellen wollten, das haben wir aber noch nicht gemacht. Es wird das Strike Bike in der Form nicht nochmal geben. Aber wir wollten uns den Namen schützen lassen, um eventuell nochmal irgendwas machen zu können. Durch die Aufmerksamkeit, die wir jetzt national und international erfahren haben, hat das Strike Bike eine Wirkung, sodass man Beachtung findet, wenn man wieder mal unter dem Namen was macht. Ich könnte mir auch vorstellen, dass man irgendwann auch wieder in der Richtung was machen kann, aber nicht mit der Mitgliederzahl, die wir zur Zeit haben. Für 101 Leute wird es sicherlich nie genug Arbeit geben, da hätten wir auch gleich den Betrieb übernehmen können. Es wäre vorstellbar, dass man was nach dem Vorbild des Café Libertad Kollektivs Hamburg macht, vielleicht mit 10, 15 Leuten, das wäre das Maximum. Ich glaube nicht, dass das mit mehr geht. Aber das ist erstmal noch gar nicht spruchreif. Es gibt unter einigen Leuten Überlegungen, aber das ist nicht so ausgereift, dass man sagen könnte, das machen wir. Man bräuchte einen Absatz, konkrete Zulieferer, einen ganz neuen Raum. Spritzerei, das Einspeichen, Zentrieren, die ganze Radproduktion und die Montagebänder, das hat man nicht mehr zur Verfügung.

Ihr habt als Verein einen Vertrag mit der BIRIA abgeschlossen, dass ihr die Produktionshallen

benutzen könnt. War das schwierig? Euer Verhältnis war ja nicht ganz unvorbelastet...

L: Nein, überhaupt nicht, das ging absolut problemlos. Der Herr Biria ist der Eigentümer der Produktionshallen. Der hatte nach wie vor ein Interesse daran, dass sie nicht verwarlosen. Deshalb war es relativ problemlos, die Genehmigung zu kriegen, seine Produktionsmittel nutzen zu können. Mit LoneStar hat er nichts zu tun. Er besitzt die Halle, die Spritzerei und ein Hochregallager. Die Einspeicherei und die Montagebänder sind Eigentum von BikeSystems. Seit die Insolvenz angemeldet war, war LoneStar eigentlich außen vor. BikeSystems hat die Insolvenz angemeldet, nicht LoneStar. Die waren ja offiziell gar nicht mehr drin. LoneStar hat uns, als wir damals in Frankfurt waren, klipp und klar gesagt: »Das geht uns nichts an, wir sind außen vor«. Das einzige was wir gemacht haben: Wir mussten mit unserem Insolvenzverwalter ein Abkommen schließen für die eine Woche. Da ging es um die Energiekosten, Gas, Wasser etc. und dafür gibt es eine Abrechnung. Da mussten wir mit 10 000 Euro vom Vereinskonto in Vorkasse gehen. Das wollte er als Kaution haben nicht der Herr Biria, sondern der Insolvenzverwalter um eventuellen Schäden an den Anlagen vorzubeugen.

In dem Verein gab es eine Art Entscheidungsgremium, das die Schichten eingeteilt hat und die

Arbeitsplätze festgelegt. Wie kam man da rein und wer war das?

L: Wir haben das individuell gemacht. Da haben die ehemaligen Vorarbeiter, die ja auch relativ normale Arbeiter waren, die waren ja nichts Besseres, die kennen ihre Leute am besten. Selbst wir als normale Arbeiter haben gesagt, wir machen das genau so, wie wir damals gearbeitet haben, weil wir ja bestens zurecht gekommen sind. Aus der Sicht haben wir unsere Produktion selber aufgestellt.

Die alten Vorarbeiter waren weiterhin Vorarbeiter?

L: Jein. Aber irgendwohin muss man sie ja stellen, nicht? Du brauchst selbst bei einer Woche Selbstverwaltung Leute, die Teile ranholen und sich um die Organisation kümmern.

Die Frage ist, ob bei der Selbstverwaltung auch was qualitativ Neues entstanden ist, oder ob ihr eure Strukturen beibehalten habt und genauso weiter gemacht habt wie vorher – nur eben »freiwillig«.

L: Wir haben im Prinzip genauso weiter gearbeitet, wie wir damals gearbeitet haben, bloß dass wir zum ersten Mal wussten, wofür. Es gab einen guten Stundenlohn und es hat auch viel mehr Spaß gemacht. Und warum soll man Kollektive, die zum Teil jahrzehntelang zusammen gearbeitet haben, auseinanderreißen? Die kennen sich doch am besten, wie z.B. wir am Montageband. Wir sind ein gutes Team, die meisten sind Mitglieder des Vereins. Warum sollen wir jetzt Strukturen auseinander reißen, wo wir doch wissen, dass wir uns hier aufeinander verlassen können?

Es geht nicht um Strukturen auseinanderreißen, sondern die Entscheidungswege zu verändern.

L: Wir hatten keine Entscheidungswege. Die Leute, die früher im Büro gesessen haben, haben wir ersetzt. Unser Vereinsvorsitzender hat Interviews gegeben, hat sich ums Internet gekümmert, der war sonst in der Produktion und ist jetzt Vereinsvorsitzender. Die einzige, die damals Bürotätigkeit gemacht hat, war jetzt unsere Chefin beim Einkauf. Das ist auch sehr wichtig gewesen, kein anderer hätte den Posten so ausfüllen und das so organisieren können wie sie. Aber letztendlich war es führungsmäßig nicht so, dass die, die früher den Posten hatten, ihn immer noch haben. Die Leute aus dem Büro waren zum Teil unten im Versand dafür zuständig, dass die Aufträge da hin kommen, wo sie hin sollen und die haben sich drum gekümmert, was auf den LKW muss, haben alles zusammengestellt. Einige waren auch gar nicht Mitglied des Vereins. Die haben sich gesagt »Nö, das machen wir nicht. Oder wir sind gerade nicht da, haben Urlaub.« Viele waren auch ArbeitnehmerInnen, die keine Lust hatten oder irgendwas anderes machen wollten.

Selbstverwaltung hieße aber schon, dass Leute zusammen sitzen und gemeinsam beraten, welche

Wege eingeschlagen werden... Das habt ihr nicht so richtig gemacht...

L: Nee, aber da muss man zu sagen, das war aus der Not heraus, dass wir nicht soviel Zeit gehabt haben, um viele Sachen auszudiskutieren, bzw. um erstmal unseren Weg zu finden, bzw. unsere eigenen genossenschaftlichen Gremien zu organisieren oder zu integrieren. Dafür gab es keine Zeit, denn es lief darauf hinaus, dass wir eine Woche produzieren. Wir haben ganz einfach keine Zeit gehabt. Es ist ein wunderschöner Ansatz, die Selbstverwaltung, aber manchmal wie in unserem Fall muss man Kompromisse machen, indem man alte Strukturen belassen hat, weil die haben sich bewährt. Das Ganze läuft jetzt nur nicht mehr unter der Knute des Erfolgsdrucks, sondern es geht, ein völlig normales Tempo und ein anderes Miteinander einzuschlagen.

Ihr werdet aber überall als die besetzte Fabrik gesehen, die in Selbstverwaltung weiter produziert hat. Das ist ja nicht ganz falsch, aber eben auch nicht ganz richtig.

L: Nee, es ist nicht falsch und es ist auch nicht richtig. Was wir gemacht haben ist, wir haben uns selbst verwaltet. Wir haben eine Produktion aufgezogen ohne Geld und aus dem Stegreif. Das ist uns gelungen.

Aber ihr habt ziemlich ähnliche Sachen gemacht wie vor der Selbstverwaltung.

L: Ja, genau. Und wir haben zum Teil mehr gemacht, als wir vorher gemacht haben. Und das alles freiwillig.

Hat die Finanzierung allein aus dem Verkauf der Räder geklappt?

L: Ja, das hat sehr gut geklappt.

Und wie kam es zu den 8 bis 10 Mio. Euro, die ihr laut einer Rechnung für eine Wiederaufnahme

der Produktion brauchen würdet?

L: Wir haben damals zugrunde gelegt, dass wir mit 124 Leuten ein Jahr lang produzieren. Und da haben wir hochgerechnet, was für Material und Löhne an Mitteln fließen müssten, um ein Jahr zu produzieren. Da muss man ja auch immer ein gewisse Vorfinanzierung beachten. Wenn ich Teile in Fernost bestelle, warte ich drei Monate drauf, dann kriege ich sie und muss sie auch gleich bezahlen. Man muss immer wieder was bezahlen, ohne dass man was von hat. Der Rest ist Strom, Wasser, Gas, Löhne, Materialien...

Was hat euch das Strike Bike rückblickend gebracht?

L: Mit dieser Strike Bike Sache haben wir nochmal auf uns aufmerksam gemacht, national und international. Wir haben viele Solidaritätsschreiben bekommen, viele Bestellungen auch aus dem Ausland und und und. Die Woche war so ein Austesten, wie es hätte werden können, wenn es geklappt hätte. Die Produktion in »Selbstverwaltung« hat auch vielen von uns gezeigt, wie es eigentlich gehen könnte, wenn man das leisten könnte...

Meinst du nicht, dass das nur so funktioniert hat, weil von vornherein klar war, es geht nur eine

Woche? Meinst du es wäre überhaupt eine Möglichkeit gewesen für länger?

L: Nein. Wie vorhin schon gesagt: in diesem großen Rahmen von 120 Mitarbeitern hätte ich mir nicht vorstellen können, dass man das auf Dauer hinkriegen würde. Aber um für die ganze Sache ein Gefühl zu kriegen und um sie auszuprobieren, war es schon sehr gut. Als Erfahrung für uns, wie man so was machen könnte. Dadurch, dass jeder den gleichen Lohn gekriegt hat, gab's keine Unterschiede zwischen Gehaltsempfängern und Lohnarbeitern. Hätten wir die Sache nicht angefangen am 10. Juli, dann wären die ersten jetzt schon in der Arbeitslosigkeit. Die Leute, die nur einen sehr geringen Kündigungsschutz hatten, die wären schon abgewickelt. Wir verabschieden uns jetzt auch fast in die Arbeitslosigkeit, aber es dauert halt länger. Das haben wir erstmal erreicht. Dadurch dass wir angefangen haben, haben wir auch erreicht, dass man auf uns aufmerksam geworden ist, und dadurch dass wir das Ganze als Betriebsversammlung haben laufen lassen das war glaube ich die längste in Deutschland haben wir auch gezeigt, dass es diese Gesetzeslücke immer noch gibt und dass man damit ganz schön lange durchhalten kann. Inwiefern die mal geschlossen wird, das kann ich nicht beurteilen. Wenn das mal Schule macht kann ich mir vorstellen, dass das irgendwann auch zu Ende ist. Was wir mit der Aktion erreicht haben – man ist auf uns aufmerksam geworden, und diese Leute, auch wenn wir denen nicht weh getan haben, haben gemerkt, dass wir uns nicht so einfach ins Bockshorn jagen lassen, sondern wir versuchen uns zu wehren im Rahmen unserer Möglichkeiten. Dass wir letztendlich nicht das erreicht haben, was wir erreichen wollten, nämlich den Erhalt der Arbeitsplätze, damit müssen wir halt leben und ich muss sagen: letztendlich haben wir da nichts erreicht.

Was bleibt

Was lief gut, was lief schlecht? Was würdet ihr wieder so machen und was, würdest du sagen, müsste man anders machen?

L: Wenn ich nochmal in eine ähnlich Situation kommen sollte, würde ich das, was wir gemacht haben, sofort wieder machen. Nicht alles. Ich würde auf alle Fälle mit der ganzen Sache früher anfangen, um wem weh zu tun. Wir haben schlicht und ergreifend zu spät mit angefangen und haben letztendlich keinem weh getan. Wir hätten wem weh tun können, wenn wir aus der laufenden Produktion heraus angefangen hätten, als wir noch Material gehabt und noch produziert haben. Dann wäre es um MIFA Aufträge gegangen und richtig um Kohle! Wir haben die ganze Lage im Prinzip von Anfang an verkannt, weil wir zu gutgläubig waren und uns von unserem letzten und vorletzten Geschäftsführer haben einlullen lassen, obwohl die Stilllegung des Unternehmens im August schon lange beschlossene Sache war. Das wussten wir bloß noch nicht. Der Stilllegungsbeschluss ist schon im April, ich glaube am 16., gefasst worden, und uns wurde das von Herrn Müller erst am 20. Juni mitgeteilt. Hätten wir schon gewusst, was wir jetzt wissen, hätten wir die Sache anders aufgezogen und uns evtl. zu ganz anderen Schritten entschlossen. Ebenfalls ein gravierender Fehler war, dass wir sämtliche Materialien, die die MIFA erworben hatte, haben abtransportieren lassen, ohne was dagegen zu machen. Euer Konzept war ja Öffentlichkeit. Ihr meintet damals, das sei das, was ihr jetzt braucht, um eure

Forderungen durchzukriegen. Öffentlichkeit habt ihr ja jetzt gehabt, gebracht hat sie euch aber wenig...

L: Die Stilllegung des Betriebes war ja schon im Vorfeld beschlossene Sache. Wir haben zwar öffentlichkeitswirksame Aktionen gehabt und waren im Fernsehen und in der Presse, aber letztendlich haben wir keinerlei Unterstützung von der Landes- und der Bundespolitik gehabt. Wir sind nur ein kleiner mittelständischer Betrieb, der sich zwar im Rahmen seiner Möglichkeiten gewehrt, aber von Seiten der Politik nie eine Chance gekriegt hat. Keine finanzielle Unterstützung, obwohl das relativ leicht gewesen wäre. Aber selbst unser Wirtschaftsminister Herr Reinholz hat uns damals gesagt, er könne da überhaupt nichts tun. »Es gibt zu viele Betriebe, die Fahrräder produzieren, das ist jetzt ganz normal, dass ein Betrieb auf der Strecke bleibt, das rentiert sich halt nicht und er kann da auch nichts machen«. Aber im Gegensatz dazu hat der Herr Reinholz in den letzten Wochen und Monaten genug Landesgelder bei neu gegründeten Betrieben oder Modernisierungen verheizt, nur für uns hat es halt nicht gereicht. Ein Redakteur vom Neuen Deutschland, Herr Öttinger, hat mal ausgerechnet was der Staat jetzt bei uns zuschießen muss, wenn wir abgewickelt und arbeitslos werden...

Würdet ihr euch nochmal an die Politik wenden? Würdet ihr das den nächsten die dran sind mitgeben

wollen?

L: Wenn wir jetzt ein Betrieb gewesen wären von 500 oder 1000 Leuten, dann glaube ich schon wäre die Politik hellhörig geworden. Aber bei einer Belegschaft von 124 Leuten, das ist ein Fliegenschiss. Keinen Politiker interessiert so was.

Deswegen waren die einfach die falschen, oder?

L: Ja. Total. Wenn man was in diesem Staat bewegen will, kann man das nur über linke Kräfte und die sind momentan nicht in der Lage etwas zu verändern, weil sie nicht in dieser Position sind.

Wart ihr euch denn immer einig über die Strategie, dass ihr niemandem weh tun wolltet, oder gab es Leute, die mehr machen wollten, und andere, die klare Grenzen gesetzt haben.

L: Es gab viele, die klipp und klar gesagt haben, was wir hier machen ist Kinderkram. Wir tun doch gar niemandem weh.

Einer von Euch hatte bei unserem ersten Treffen Lust gehabt, zur MIFA zu fahren. Du ja auch. Aber er meinte, es gäbe hier Entscheidungsstrukturen und man könne so was zwar vorschlagen, aber es

wird deswegen noch lange nicht gemacht und er bekäme Ärger, wenn er das einfach so macht. Als

wir später vorgeschlagen haben, zusammen mit dem Auto hinzufahren, wollte keiner mehr. Gab es

da offene Konflikte oder war das eher ein Unterordnen unter die Leute, die das entscheiden?

L: Was ein Fehler war: Man hätte die Entscheidungsstrukturen früher aufbrechen und sich mehr öffnen müssen und nicht nur im kleinen Gremium des Betriebsrates viele Sachen regeln sollen. Das ist ein Fehler, den man nicht machen sollte. Es wurde zu viel im kleinen Kreis geredet und da sind etliche Sachen, Vorschläge auf der Strecke geblieben. Das ist unumwunden ein großer Fehler gewesen. Man hätte mehr Potenzial gehabt bzw. mehr Vorschläge aufnehmen müssen, was wir nicht gemacht haben. Da war die innere Zerstrittenheit des Betriebsrates natürlich nicht gerade förderlich. Der eine Teil hat irgendwo gesessen und getüftelt, und die anderen waren auf dem Hof. Ein paar aus der Belegschaft haben das natürlich mitgekriegt, dass es da innerhalb des Betriebsrates Unstimmigkeiten gibt, und das ist auch nicht gerade gut gewesen für die Entscheidungsfindung und die Moral der Leute, weil die sich ja all die Jahre, wo wir einen funktionierenden Betriebsrat hatten, auf die Leute verlassen haben. Man hat sich während der ganzen »Werksbesetzung« immer drauf verlassen – irgendwie werden die das schon regeln. Dass man dann irgendwann in seinen Entscheidungen und dem, was man sagen und nicht sagen kann, eingegrenzt ist durch irgendwelche Zwänge oder Missstände innerhalb des Betriebsrates, war natürlich nicht förderlich. Und dass viele Vorschläge von Seiten der Belegschaft kein Gehör gefunden haben... gut... würde man nicht wieder so machen. Aber das war natürlich auch für jeden bequem, der da draußen gesessen hat! Der hat sich ganz einfach gesagt »Na, die kümmern sich schon«. Man hat sich ganz einfach drauf verlassen, dass das funktioniert. Genau wie die eine Frage von dir, als hier Insolvenz angemeldet war »Warum sitzt ihr dann hier?« » na, weil's der Rechtsanwalt gesagt hat.« Das war ein ganz typisches Beispiel. Irgendwer wird schon was sagen, wir haben das immer so gemacht und dann machen wir das auch. Hinter vielen Sachen in diesen 115 Tagen steht bei vielen überhaupt kein politischer Wille. Für viele war es der alte Trott und wenn jemand sagt »setz dich da hin!«, dann setz ich mich hin. Wenn einer sagt »Ab morgen brauchst du nicht mehr kommen«, dann wären sie zum Teil heimgegangen. Eine Struktur oder so was wie politisches Bewusstsein ist bei etlichen Leuten nicht vorhanden gewesen. Ich glaube, einige sind sich gar nicht dessen bewusst, was in diesen 115 Tagen und vor Allem während der Strike BikeProduktion abgelaufen ist, und was wir eigentlich erreicht haben. Die haben sich einfach drauf gefreut, wieder Räder zu produzieren. Dass die Produktion auf absolute Solidarität aufgebaut ist und wir uns mit der ganzen Aktion einen Haufen Sympathie erworben haben, ist bei vielen gar nicht angekommen.

Und was war gut? Was habt ihr gelernt?

L: Gut war: wir haben innerhalb dieser relativ langen Zeit uns unwahrscheinlich viel besser kennen gelernt. Den Zusammenhalt hat das unheimlich gefördert und wir haben voneinander viel gelernt bzw. Stärken und Schwächen kennen gelernt, die wir vorher nicht gewusst haben. Da hat jeder seine Arbeit gemacht, zum Teil in verschiedenen Abteilungen, und dann Schluss gemacht und ist nach Hause gegangen und das war's. Dadurch, dass das jetzt so eine lange Zeit war, hat man sich selbst und die anderen viel besser kennen gelernt.

Was würdet ihr den nächsten Streikenden mitgeben können?

L: Dass wir's ganz einfach gemacht haben. Dass wir trotz vieler Rückschläge, die wir hatten, trotzdem über all die Zeit immer noch einen sehr guten Zusammenhalt hatten. Die nächsten sollen es einfach auch versuchen und besser machen als wir... Was kann man von uns lernen? Ich würde sagen, die nächsten sollen aus unseren Fehlern lernen und es besser machen.

Wart ihr denn seitdem bei anderen streikenden Belegschaften?

L: Nein, waren wir nicht. Aber das hat nichts damit zu tun, dass wir das nicht gerne machen würden, sondern damit, dass viele von uns jetzt erstmal einen Schnitt machen wollen. Für viele findet jetzt eine Phase der völligen Neuorientiernung statt, ein Leben nach BikeSytems, und das verarbeitet jeder anders. Es gibt natürlich Überlegungen und auch Anfragen von etlichen Gruppen, wo wir jetzt schon Termine gehabt hätten, die wir aber erstmal nicht wahrnehmen. Wir werden die ganze Sache, sofern es in der nächsten Zeit möglich ist, machen. Einen Termin haben wir im Februar, manche sind auch ortsnah wie Hannover oder Göttingen, Braunschweig. Karlsruhe haben wir schon verpasst. Da sind wir überall zu Infoveranstaltungen eingeladen.

Ich meine eher Vernetzung zwischen Streikenden...?

L: Nein, da sind wir nicht unterwegs.

Was hast du dir unter der Transfergesellschaft vorgestellt?

L: Dass man in erster Linie begleitet wird, um in ein neues Arbeitsverhältnis zu kommen, dass man keine Nummer wie auf dem Arbeitsamt ist, sondern aktiv an die Sache ran geführt oder erstmal geschult wird. Dass man, wenn man schon Jahre in einem Beruf arbeitet, erstmal das Wissen aufgefrischt kriegt, um heute wieder besser Fuß zu fassen. Wenn ich mich dann bewerbe, dass mir bei den Bewerbungen geholfen wird und ich bei der Stellenfindung ein klein wenig unterstützt werde.

Ist es auch so?

L: Nein, nicht so richtig. Wir machen jetzt erstmal drei Wochen lang Bewerbungstraining (Bewerbung, Lebenslauf, Vorstellungsgespräch). Man hätte für uns auch ein paar Stellen, die aber so lukrativ auch nicht sind. Jedenfalls ist es nicht das, was man sich darunter vorgestellt hätte. Was wichtig ist, wenn man sich seit Jahren nicht mehr beworben hat, und manche haben sich ja noch nie beworben, ist, wenn man so ein bisschen am Computer klimpert. Ich z.B. habe noch nie an einem gesessen, ist aber gar nicht schlecht. Internet macht viel Spaß. Das ist gar nicht sooo verkehrt, aber es ist für viele ein Parken, dass man nicht gleich in die Arbeitslosigkeit geht. Die ersten haben sich schon bei einer Firma beworben und für die geht bald eine spezielle Schulung los. Das trifft vielleicht für 15 zu. Das ist auch nicht jedermanns Sache, denn zum Teil hat man da mit Substanzen zu tun, die nicht gerade hautfreundlich sind. Das wäre nichts für mich. Der andere Teil macht dann Computerkurse: Excel usw. Für den Rest geht es ganz normal weiter und irgendwann ist dann Schluss. Wir werden jetzt langsam ausgedünnt...

15. November 2007
Wildcat 80 – Winter 2007/2008 14

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