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ArbeiterInnen Syndikat Wissens Industrie: Warum eine anarchosyndikalistische Gewerkschaft in Bildung und Wissenschaft?

Unter dem Titel "Warum eine anarchosyndikalistische Gewerkschaft in Bildung und Wisschenschaft?" melden sich die GenossInnen des Wiener "ArbeiterInnen Syndikats. Wissens Industrie" zu Wort. Anlaß sind die Proteste gegen die etablierte Bildungspolitik- und Praxis in zahlreichen europäischen Ländern. Mit ihrem Text, geben sie eine konkrete Antwort und Perspektive auf die konkrete Situation im Bildungsbereich.
ArbeiterInnen Syndikat Wissens Industrie: Warum eine anarchosyndikalistische Gewerkschaft in Bildung und Wissenschaft?

Logo der Föderation der Bildungssyndikate der FAU-IAA

Wir fassen die „Bildung“ und „Wissenschaft“, also alle staatlichen und kommerziellen Einrichtungen zur Generierung – Produktion und Reproduktion – von Wissen, im Sinne der Wobblies (IWW) als „Industrie“ auf. Also als einen bestimmten weit gefassten Zweig der Wirtschaft, wie es die Metallindustrie, das Transportwesen oder das Sozial- und Gesundheitswesen auch sind.

Wir sind ArbeiterInnen in dieser Industrie, die sich basis-gewerkschaftlich organisieren wollen, weil wir uns nicht durch andere vertreten lassen wollen, sondern wir für uns selbst sprechen und kämpfen wollen. ArbeiterInnen? Die Selbstbeschreibung der Education Workers International, einer international organisierten IWW-Gewerkschaft, lässt sich auch für uns anwenden: „Wir unterrichten. Wir reparieren Ausrüstung. Wir kochen. Wir bestellen und legen Bücher beiseite. Wir reinigen. Wir erforschen. Wir unterstützen beim Lernen. Wir lernen. Wir ordnen ein und schreiben. Wir halten Computer am laufen. Wir tun, was notwendig ist, um Bildung, Aus- oder Weiterbildung, zu ermöglichen.“

Es geht uns auch darum, dass sich StudentInnen und SchülerInnen in dieser Basisgewerkschaft organisieren, doch wollen wir ausdrücklich keine weitere StudentInnenorganisation werden. Es geht vielmehr um die Selbstorganisierung jener, die ökonomisch vom Bildungssystem abhängig sind. Das sind wohl auch StudentInnen, das sind aber – die oft noch wesentlich existenzieller abhängigen – Arbeiterinnen und Arbeiter, die das Bildungssystem aufrechterhalten, oft unter schwierigen Bedingungen und mit geringen Gehältern. Als TutorInnen, AssistentInnen, PutzarbeiterInnen, SekretärInnen, FoschungsarbeiterInnen, BibliothekarInnen, als Vortragende, als technische ArbeiterInnen, LektorInnen (temp-job teacher), Studyjobber (StudentInnen, die Jobs auf der Uni, Forschung bzw. innerhalb des Bildungssystems machen)… Und das nicht nur auf Universitäten. Ebenso in Schulen, in der Erwachsenenbildung, in sozialer Arbeit (z.B. Bildung mit MigrantInnen) usw.

Die Übergänge was den „beruflichen Werdegang“ innerhalb des Bildungssystems betrifft sind oft fließend. Früher gab es auch strenge Hierarchien, allerdings mit einer gewissen Aufstiegsmöglichkeit. Beispiel Universität: StudentIn – TutorIn – AssistentIn – LektorIn – ProfessorIn. Du bekommst ein Büro und früher oder später eine Daueranstellung. Auch wenn es schon immer sehr wenigen (Männern eher als Frauen) vorbehalten war, diese Leiter nach oben zu klettern, so wird es heute immer mehr zur Normalität, dass Arbeitsverhältnisse im Bildungssystem auf Zeitverträge, Werkverträge, Dauer-Praktikum… beschränkt bleiben. Heute müssen wir uns ernsthaft fragen, ob die Aussicht auf eine „Karriere in der Bildung“ angesichts der zunehmenden Prekarisierung der Arbeitsverhältnisse im Bildungswesen nicht eher mit der Hoffnung vergleichbar ist, in einem Pyramidenspiel zu gewinnen.

Wenn wir historische Vergleiche anstellen und überlegen, wie in der jüngeren Vergangenheit oder aber auch heute in anderen Ländern sich tatsächlich etwas an der Situation der Beschäftigten im Bildungswesen verbessert hat, dann kommen wir zu dem Schluss: Du bekommst nichts, wofür du nicht kämpfst!

Und zwar nicht als Ego-Shooter sondern zusammen mit den KollegInnen der gleichen Industrie – egal welchen Beruf bzw. Tätigkeit sie darin ausüben. Freilich taucht auch manchmal die Frage auf, ob es denn sinnvoll sei, ArbeiterInnen in der Art unterschiedlichen Verhältnissen in einer Gewerkschaft zusammenfassen zu wollen. Und wir meinen genau das ist eine der Stärken des industriellen Ansatzes (also der der Aufbau einer Gewerkschaft für alle Beschäftigten in einer Industrie)! Es geht dabei nicht nur um die Bekämpfung von Betriebs- oder Berufsegoismus. Von hierarchischen Spaltungen innerhalb der ArbeiterInnenschaft im Bildungsbereich. Es geht ganz wesentlich um die praktische Solidarität.

AktivistInnen eines Syndikats können einander gerade auch dann unterstützen, wenn sie in unterschiedlichen Betrieben (z.B. Universitäten, Schulen etc.) und unterschiedlichen Betriebsbereichen (z.B. Instituten) tätig sind. Die unmittelbare Betriebsarbeit (in der einzelnen Bildungseinrichtung, am Institut), den Kontakt mit den unmittelbaren KollegInnen, beispielwiese der Aufbau einer aktiven Betriebsgruppe, müssen natürlich in erster Linie die Betroffenen selbst erledigen. Doch ist dies leichter, wenn mensch andere hinter sich weiß.

Neben der unmittelbar im Bildungssystem Beschäftigten geht es aber auch darum, das Problem der StudentInnenjobs allgemein anzusprechen. Gerade StudentInnen sind heute im zunehmenden Maße vom Jobben abhängig, werden auch deshalb gerne und leicht als LohndrückerInnen eingesetzt. Dabei könnten viele Arbeitskämpfe gerade durch werktätige StudentInnen getragen werden, da diese oft im geringeren Maße existenziell auf die einzelnen Jobs angewiesen sind, wie z.B. die in der selben Firma arbeitenden unausgebildete 55-Jährige. Leider ist sehr oft der gegenteilige Effekt zu beobachten: Von Überidentifikation mit der ausgeübten (Hilfs-)Tätigkeit ohne soziale Absicherung bis hin zur Wurschtigkeit gegenüber Bezahlung und Arbeitsbedingungen („Es ist eh nur ein Übergangsjob“) reichen die verschiedenen Haltungen. Hier geht es uns auch wesentlich darum, das ungeliebte Klassenbewußtsein unter den Betroffenen im Bildungswesen fördern: Auch wenn du dich für einen (zukünftigen) Intellektuellen oder „Bildungsbürger“ haltest, bist du (zumeist) ArbeiterIn (und bleibst es meist auch)!

Im Bildungssystem heißt das für uns, Ausbeutungssituationen zu verdeutlichen, aber auch zu polarisieren: Denn sehr oft wird im Bildungswesen (ähnlich dem Kultur – oder Sozialwesen) „Kollegialität“, FreiberuflerInnentum/ Selbstständigkeit, Werkvertragswesen, und vor allem der Identifikation mit der Aufgabe… eingesetzt, um konkrete Ausbeutungsverhältnisse zu verschleiern.

Da es fließende Übergänge von Bildungs/Wissensindustrie zu anderen Branchen gibt, aber auch Arbeitslosigkeit ein ständig präsentes Thema ist, aber natürlich auch wegen unserer gemeinsamen anarchosyndikalistischen Zielsetzung, liegt die Föderierung mit der Föderation der ArbeiterInnen Syndikate (FAS) auf der Hand. ArbeiterInnen des Bildungswesens wechseln häufig von einem Beschäftigungsverhältnis (mit dazwischen liegender oder „teilweiser“ Arbeitslosigkeit) in ein anderes.

Forschung und Bildung werden heute immer stärker an die ganz unmittelbaren Bedürfnisse einzelner Firmen gekoppelt: Sei es in Form von Auftragsforschung, Sponsoring von Bildungseinrichtungen (was unweigerlich auch Einflussnahme durch die Sponsoren bedeutet), Auslagerung von betrieblicher Aus- und Weiterbildung in öffentlich finanzierte Fachhochschulen uvm. Manche Bildungseinrichtungen wie z.B. Fachhochschulen oder Wirtschaftsuniversitäten, sind „naturgemäß“ besonders anfällig auf Einflussnahme durch die „Wirtschaft“. Ein plakatives Beispiel: So galt es in den letzten Jahren als sicherer Karrieretipp, Investmentbanker zu werden. Einschlägige Fachzeitschriften kolportieren, dass nun, nach der Finanzkrise, für die nächsten 10 Jahre keine neuen Investmentbanker gebraucht werden. Ein Beispiel von vielen, wo sich ein all zu branchen- bzw. firmenspezifische Ausbildung trotz aller anfänglichen Versprechungen als grober Nachteil für den/die Auszubildende erweisen kann.

Nicht nur da wird deutlich, wie wenig es bei Bildung, oder dem was heute darunter verstanden wird, um Wissensakkumulation oder Weiterentwicklung für die zu Bildenden geht, sondern um das Vermitteln von spezifischen Kenntnissen die gerade in Teilen der Produktion benötigt werden. Oder bei geisteswissenschaftlichen Studien: Um die Vermittlung von „Markt-“ und Herrschaftsideologien. Um Disziplinierung und Unterordnung unter die Bedürfnisse des Staates bzw. der Wirtschaft. Dazu kommt, dass die bestehenden sozialen Hierarchien im Bildungssystem festgeschrieben werden. Was durch Zugangsbeschränkungen und finanzielle Eintrittshürden (Privatunis, Studiengebühren) noch weiter verstärkt wird. Sogenannte „bildungsferne Schichten“ werden noch vehementer davon abgehalten, durch Bildung einen sozialen Aufstieg oder einfach nur Verbesserungen der eigenen Lage zu erlangen.

Die Hierarchie der Bildung – Schlagworte: Bildung/Ausbildung/Einschulung – wie sie uns bislang bekannt war, erfährt eine tiefgreifende Anpassung an die aktuellen ökonomischen Verwertungsprozesse. Um Arbeitskräfte besser für die Bedürfnisse der AusbeuterInnen nutzbar zu machen, andererseits auch um jene, denen nicht das „Glück“ widerfährt, einer geregelten Lohnarbeit nachzugehen, zu disziplinieren, findet eine gewisse Verschiebung von „education“ zu „training“ statt. Mittels AMS und der wachsenden privatisierten Arbeitslosigkeitsverwaltung bekommt Bildung in Form von „Umschulung“ und „Weiterbildung“ einen etwas schalen Beigeschmack. Dieses System erhält aber auch die „Hierarchie der Bildung“ bis in die Arbeitslosigkeit weiter aufrecht. Aus einem potentiell zu „Trainierenden“ (einem potentiell arbeitslosen Akademiker z.B.) kann ein Arbeitslosen – Trainer werden. Zumeist identifizieren sich die vormals oder beinahe arbeitslosen Trainer mit ihrem „Bildungsauftrag“, sprich dem Häkeln von arbeitslosen Vorstadt-Jugendlichen oder eben anderen arbeitslosen AkademikerInnen.

Auch wenn die (Allgemein)Bildung im Sinne einer Bildung mit verschiedenen Wahlmöglichkeiten, sowohl was konkrete Lerninhalte als auch die „Berufswahl“ betrifft, in ihrer Bedeutung für die Berufsqualifikation zurückgedrängt wird, dient sie aber auch nach wie vor als Reservoir für aktuell unbrauchbare Arbeitskräfte, ebenso wie besonders die „Umschulung“ bzw. diverse Alibi-Schulungsmaßnahmen vom AMS.

Der einzelne Mensch bedeutet also auch in der Wissensindustrie – wie in jeder andern Industrie auch – nicht mehr als ihr/sein ökonomischer Nutzen für das kapitalistische System. Wir wollen innerhalb dieses System unsere Rechte erkämpfen und verteidigen, aber ebenso einen Ausweg aus diesem System entwickeln. Wir verlassen uns dabei nicht auf die Einsicht oder das Mitleid von PolitikerInnen und vorgesetzten Stellen, noch wollen wir unsere Ansprüche nach „realpolitischen“ und „ökonomischen“ Argumenten ausrichten. Die „Realpolitik“ hat ebenso versagt wie die kapitalistische Form der Ökonomie, das ist heute offenkundig. Mensch muss sich nur trauen, Konsequenzen aus dieser Einsicht zu ziehen. Wir wollen die Probleme da angreifen, wo sie uns im realen Leben begegnen. D.h. auch vor allem in der Arbeit bzw. in der Ausbildung.

Allen Leute, die diese Ansichten teilen, sei auch noch eines gesagt: Dies ist eine Initiative, die gerade erst ins Leben gerufen worden ist. Es ist also auch viel von Deinem eigenen Engagement abhängig ob sich das entwickeln wird. Als Basisgewerkschaft können wir dann in Teilbereichen selbstständig handlungsfähig werden, wenn neue aktive Mitglieder hin zu stoßen. Viele meinen auch, sie würden mitmachen „wenn ihr einmal genug Leute seid um eine große Gewerkschaft zu sein“. Zum einen kann eine kleine aktive Minderheit gleichberechtigt und selbst- organisiert meist mehr bewirken als tausende Karteileichen in einer bürokratischen „Gewerkschaft“.

Und: „Wenn Du nicht ins Syndikat kommst, tut es keinE andereR für dich!“

ArbeiterInnen Syndikat Wissens Industrie (AS:WI)

Treffen jeden 2.Samstag 18 Uhr, Amerlinghaus, Stiftgasse 8, 1070 Wien (Termine werden auf der Homepage angekündigt), Post: AS:WI, Stiftgasse 8, 1070 Wien Mail: aswi@lnxnt.org Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! Sie müssen JavaScript aktivieren, damit Sie sie sehen können.

www.syndikate.at/aswi

Bildungssyndikate der FAU: FAU – Bildungsyndikate

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